Die verlorene Tochter – Polizeiruf 110 Fall 320 #Crimetime 674 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Brandenburg #Potsdam #Lenski #Krause #RBB #Tochter #verloren

Crimetime 674 - Titelfoto © RBB, Conny Klein

Sonne über dem flachen Land, doch dann

Dass aus zwei Fällen im Verlauf der Handlung einer wird, kann man als Klassiker der Plotgestaltung bezeichnen. Ganz neu hingegen ist Olga Lenski als Partnerin von Horst Krause, der in diesem Fall seinen 17. Einsatz hat. Weit gereist ist sie, nach Hause wollte sie, einen Fall kriegt sie, noch bevor Zeit für den Einstand war. Und womit kann man eine junge Kommissarin, die selbst bald ein Kind haben wird, mehr emotionalisieren – als mit einem verschwundenen Kind? Wie war der Übergang von Johanna Herz zu Olga Lenski und wie der Fall der verlorenen Tochter? Mehr in der -> Rezension.

Handlung

Polizeihauptmeister Krause bekommt eine neue Chefin. Gemeinsam mit Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski steht ihm gleich bei der ersten Zusammenarbeit ein ungewöhnlicher Fall ins Haus: Als die fünfjährige Michelle aus einem Kindergarten in der Nähe von Potsdam verschwindet, gibt es zunächst keine Anzeichen für ein Verbrechen. Die Nachricht schockiert die Mutter Anne Diest jedoch so, dass sie versucht, sich das Leben zu nehmen. Hauptkommissarin Olga Lenski macht die extreme Reaktion der Mutter misstrauisch. Sollte sie Grund haben anzunehmen, ihre Tochter nicht mehr lebend wiederzusehen?

Zur gleichen Zeit hält ein weiterer Fall die beiden Kriminalisten in Atem. Der Häftling Felix Diest, der Bruder von Anne Diest, ist von seinem Freigang nicht zurückgekehrt. Als sich herausstellt, dass Michelle gar nicht das leibliche Kind von Anne Diest ist, sondern von Felix, gibt es scheinbar einen Zusammenhang zwischen beiden Fällen. Krause ist davon überzeugt, dass Michelle bei ihrem Vater ist – Olga Lenski dagegen glaubt nicht an plötzlich erwachte Vaterliebe.

Doch der Fall zieht weitere Kreise als zunächst angenommen und führt die junge Kriminalkommissarin ins Wissenschaftsmilieu. Rätselhaft erscheint der plötzliche Tod des ehemaligen Arbeitskollegen von Diest, Werner Linsing, den er kurz vor dessen Tod noch aufgesucht hatte. Diest, der vor seiner Verurteilung als Feinmechaniker im astrophysikalischen Institut beschäftigt war, hat offensichtlich noch eine alte Rechnung zu begleichen. Olga will sich Klarheit bei dem Institutsleiter Professor Ulrich Oppmann verschaffen. Der weltweit renommierte Astrophysiker hatte Diest vor fünf Jahren entlassen. Welchen Plan verfolgt Felix Diest und hat er etwas mit dem Verschwinden des Kindes zu tun?

Für Olga Lenski ist es ihr erster Fall an der Seite des erfahrenen Polizeihauptmeisters Horst Krause in Brandenburg. Am Anfang beäugt Krause die neue, selbstbewusste junge Frau noch skeptisch. Im Laufe der Ermittlungen kann er sich aber ihrer direkten, aufgeschlossenen Art kaum verwehren, und am Ende bleibt auch eine verhalten herzliche Umarmung nicht aus.

Rezension

Brandenburg im Jahr 2010. Ein Haus neu eingedeckt mit weinrot in der Sonne glänzenden Ziegeln, auch die Fenster sind schon ausgetauscht. Teilweise. Doch das Meiste muss noch gemacht werden, damit es bezogen werden kann. Olga Lenski steht hinter dem Tür-Fensterelement, das zum Dachbalkon gehen soll – öffnet es. Die Sonne scheint. Freie Aussicht. Das Land. Die Heimat. Krause, der hinter ihr im Raum steht: „Das passt zu Ihnen“. Das halbfertige Haus. Ein Kollege bietet ihr das Haus zum Kauf an. Wird sie es nehmen? Krause erhält einen Anruf. Diest hat sich in der Nacht in der Zelle erhängt. Die Sonne verschwindet. Das Licht und Olgas Gesicht werden fahl. So endet der Film, nachdem man vorher dachte, der Fall sei schon abgeschlossen. Doch Dinge sind nie abgeschlossen, solange sich Konflikte nicht aufgelöst haben oder diejenigen, die im Konflikt stehen, eine entscheidende, finale Handlung gesetzt haben. Olga Lenski wird das Haus trotzdem beziehen. Eine Entscheidung ist eine Entscheidung und sie wollte zurück nach Brandenburg, wo sie aufgewachsen ist.

So dramatisch wie vermutet war der Übergang von Herz nach Lenski oder der Unterschied gar nicht. Vermutlich, weil Maria Simon anfangs noch recht zurückhaltend spielt und im Lauf des Films ein wenig hochfährt – aber noch nicht so intensiv wirkt wie in einigen späteren Filmen der Ära mit Krause. Die neueren Lenski-Raczek-Fälle sind ohnehin nochmal anders, nicht nur wegen des Ortswechsels zum deutsch-polnischen Kommissariat in Swiecko, nahe Frankfurt / Oder.

Aber der 320. Polizeiruf enthält einige berührende Momente. Überwiegend werden diese auch von Krause und Lenski gestaltet, mit dem Höhepunkt auf dem Bootssteg. Da hätte der Film zu Ende gehen sollen, das wäre perfekt gewesen. Aber wir sind in Brandenburg, da kann immer was Schlimmes nachkommen. Neu ist die Geschichte vom verkannten Wissenschaftler, der auf Rache sinnt, auch nicht gerade. Wenn es nach den Polizeirufen und Tatorten ginge, wäre Deutschland auf fast allen technologischen Gebieten führend, auch wenn auch häufig auf Kosten der genialischen Erfinder, die ihre Ideen, das Geld, den Stolz, die Würde an die Chefs mit dem größeren Renommee abgeben müssen. Diese Einzeltüftler sind heute allerdings selten geworden. Was aber stimmt: Dass ein Kollektiv, das eine Sache erarbeitet hat, am Ende unter einem oder zwei Namen bekannt wird, die vielleicht nicht einmal die größte geistige Leistung erbracht, aber schlicht den Hut auf-, die Projektleitung innehaben.

Kein Wunder, dass manche Mensche nicht mit Hierarchien können, denn in der Hierarchie zieht der Ruhm oft nach oben wie die wärmere, angenehmere Luft. Mit einem Satz: Wir können den Diest auch verstehen. Tom Schilling spielt ihn aber, wie üblich, so, dass man ihn nicht mag. Gleiches gilt aber auch für seinen Chef, sodass nur der gute alte Rüdiger Vogler als Faktotum des astrophysischen Instituts ein wenig an alte Zeiten erinnert und damit nostalgische Gefühle auslöst. Als es noch den Neuen Deutschen Film gab. Eine sehr interessante Vorstellung gibt auch Valerie Koch als Diests prekarisierte und traumatisierte Schwester.

Die Besetzung von Nora von Waldstätten hingegen hingegen ließ uns vermuten, dass sie in dem Spiel eine wichtige Rolle innehat. Dass sie nur eine taffe, aber letztlich belanglose Rezeptionistin darstellt, hat uns dann erstaunt. Vielleicht war das Engagement aber schon vor ihrem großen Erfolg als intrigante Internatsschülerin im Konstanz-Tatort „Herz aus Eis“ gebucht, der immerhin zwei Jahre vor „Die verlorene Tochter“ Premiere hatte.

Finale

Krause-Lenski beginnt mit einer Standardsitution. Sie parkt falsch, er macht sie darauf aufmerksam, sie offenbart sich als neue Kollegin (siehe Titelbild). Diese Ära dauerte nur fünf Jahre und ging 2015 zu Ende. Aber es war schön, dass es sie gab. Nie zuvor hatte ein Team die Reihe geprägt, das so unterschiedlich war, nicht nur altersmäßig, und doch kongenial. Das zeichnet sich bereits bei der ersten Zusammenarbeit ab.

Dass der Film einen sehr konventionellen Plot hat, nimmt man stellenweise deutlich wahr, aber er ist gut gespielt, das Setting und die Dramaturgie sind stimmig und Brandenburg wirkt hier einmal nicht abgehängt, sondern Top of the World, immerhin geht es fürs Astrophysikalische Institut um den Nobelpreis. Das ist die Potsdamer Seite von Brandenburg, selbstverständlich. Die gibt es in Polizeirufen mittlerweile nicht mehr, weil man alles ins deutsch-polnische Grenzland verlegt hat. Dort kann man besonders gut eine dystopische, endzeitmäßige Form von Western inszenieren. Auch darin kann sich Olga Lenski einfinden, aber für Krause wäre das kein Platz, wenngleich sein Revier riesig war – er kannte unzählige Menschen, Opfer, Zeugen und Verdächtige.

7,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Bernd Böhlich
Drehbuch Annette Hess,
Bernd Böhlich
Produktion Jost Bösenberg,
Frank Schmuck
Musik Rainer Oleak
Kamera Thomas Plenert
Schnitt Esther Weinert
Besetzung

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