Die Liebe und ihr Preis – Tatort 524 #Crimetime 675 #Tatort #Berlin #Ritter #Stark #RBB #Liebe #Preis

Crimetime 675 - Titelfoto © RBB

Vorwort 2020

Die Rezension stammt vom 30. Juli 2011, ist also fast neun Jahre alt. Inzwischen hat das Berlin-Team bekanntlich gewechselt und auch Ritter und Stark hatten vor ihrem Abgang noch gute Filme wie „Gegen den Kopf„. Das jetzige Ermittlerduo Karow / Rubin ist ebenfalls gewöhnungsbedürftig, wirkt aber moderner und ausgeglichener . Längst feiert sich in Berlin das, was wir in der Rezension als eines von vielen denkbaren Milieus angedeutet haben, die hätten mehr Farbe in die Berlin-Tatorte bringen können, mit Serien wie „4 Blocks“ selbst und findet auch mehr Eingang in die Tatorte der aktuellen Generation, zum Beispiel durch Karows Hintergrundgeschichte.

Filmwelt Berlin

Als Wahlberliner die Berliner Tatorte zu rezensieren, sollte uns eine besondere Freude sein. Die Stadt bietet mehr als jede andere in Deutschland an Glanz und Elend, um wundervolle Krimis zu drehen.

Zum Glanz gehört selbstverständlich die Filmwelt. Und als „Die Liebe und ihr Preis“ 2002 gedreht und 2003 erstmalig ausgestrahlt wurde, war Gudrun Landgrebe noch sehr präsent und sicher einer der größten Stars des deutschen Kinos.

Da kann es schon einmal zu einem Stalker kommen, der sie verfolgt und der ihren Mann ermordet haben könnte. Die Täterin könnte aber auch sie selbst gewesen sein, denn die Ehe mit ihrem Mann weist einige gefährliche Macken auf, die zur Entstehung des einen oder anderen Mordmotivs führen könnten. Eine weitere Person rückt ins Blickfeld und wir rücken hier erst einmal ab, gehen zur Handlungsbeschreibung über und machen dann weiter mit der -> Rezension.

Handlung

Die gefeierte Schauspielerin Ariane Claasen steht auf dem Höhepunkt ihrer Karriere: Sie ist schön und erfolgreich und soll demnächst mit einem Fernsehpreis ausgezeichnet werden. Doch dann beginnt der schöne Schein zu bröckeln.

Erst entdeckt Ariane, dass ihr Mann und Manager Roman sie mit der jungen hübschen Schauspielerin Pia Marshall betrügt, dann wird ihr Mann plötzlich unter mysteriösen Umständen in seiner Villa erschossen. Ariane gerät selbst in Verdacht, ihren Mann aus Eifersucht umgebracht zu haben. Wie gut, dass sie ihre Schwester Franziska an ihrer Seite hat, die ihr beisteht, aber wohl mehr weiß, als sie zugibt.

Till Ritter und Felix Stark haben es nicht leicht, in der schillernden Filmwelt zu ermitteln, zumal Ariane im Zentrum einer Medien-Schlammschlacht steht. Aber schon bald konzentrieren sich ihre Ermittlungen auf den geheimnisvollen Stalker Ricky, einen Psychopathen, der von Ariane besessen scheint.

Rezension

Ritter & Stark  lassen sich mehr ins Milieu schubsen und dann durch die Glamourwelt tragen, als dass sie handfest ermitteln. Vor allem auf Till Ritter trifft das zu und  dieses Eintauchen anstatt Polizeiarbeit machen ist übertrieben bzw. untertrieben dargestellt.

Der Plot ist nicht per se fehlerhaft, aber eine mögliche Motivation der eigentlichen Täterperson wird viel zu spät aus dem Hut gezaubert – und „Die Liebe und ihr Preis“ wirkt kalt und lässt kalt. Man schaut zu, aber selbst in der dramatischen Szene, in welcher der Stalker das Objekt seiner Obsessionen umbringen will, sich selbst gleich mit, sahen wir mit erstaunlicher Gelassenheit dem Geschehen zu.

Hingegen fanden wir nichts, was den Film herausreißen könnte. Wir suchen stets nach solchen Elementen, weil wir generell dem Format gegenüber positiv eingestellt sind, aber wir werden leider hin und wieder nicht fündig.

Mondäne Pausenbrote. Es ist unprofessionell, sich beim Anschauen eines zu rezensierenden Tatortes zu entfernen, um sich in der Küche zwei Brote zu schmieren. Wir haben’s dieses Mal trotzdem getan, weil wir das Gefühl hatten, wir werden nichts Wesentliches verpassen. Dem war auch so.

Immer, wenn Berlin mondän wird, wird es auf seltsame Art flach und emotionslos. Vielleicht ist diese Welt so hohl, wie sie hier dargestellt wird, aber dann sollte man etwas entgegensetzen. Zum Beispiel Ermittler, mit denen man sich identifizieren kann. In „Die Liebe und ihr Preis“ wirken aber alle Figuren weit entfernt vom Zuschauer. Am wenigsten gilt dies noch für Felix Stark (Boris Aljinovic), der als neuer Lover von Ariane Classen (Gudrun Landgrebe) mit dieser sozusagen ein Lockvogelpaar bilden darf, was beinahe gründlich schiefgeht.

Beinahe, versteht sich. Und damit zu einem Problem. Werden Ermittler auf die Art involviert, dass sie in Lebensgefahr geraten, ist das Ende sowas von vorhersehbar. Vorhersehbarer geht’s nicht. Denn dass sie überleben, ist selbstverständlich. Bei vielen anderen Figuren ist das auch so, wenn Filme ein gutes Ende haben müssen, aber bei den Ermittlern ist es zudem unrealistisch, wenn sie sich verhalten wie Stark, Ritter und einige andere aus der ARD-Krimifabrik.

Ein Mangel an Einbindung. Bei unserer allerersten Berlin-Tatort-Rezension haben wir uns zu den Ermittlerfiguren Ritter und Stark, besonders aber zu Stark, geäußert („Oben und unten“). In „Die Liebe und ihr Preis“ ist wieder besonders deutlich  zu beobachten, was wir dort allgemein angemerkt haben. Nämlich, dass Boris Aljinovic zwar Sympathie beim Zuschauer erweckt, aber konsequent in Situationen und Rollen hineingeschrieben wird, die nicht passen.

Dass er ein großer Fan von Ariane Classen ist, mag noch angehen, seine manchmal verträumt-verschmitzte Art lässt das durchaus zu.

Aber ihn der Presse als „den Neuen“ der großen Schauspielerin anzubieten und damit den Stalker aus der Reserve locken zu wollen, ist zu viel des Unglaubwürdigen. Nicht nur, dass hier nicht einmal etwas wie eine Trauerzeit gewahrt wird, was die Classen ja nicht unverdächtiger macht.

Stark und Classen sind auch kein vorstellbares Paar. Er ist  zwanzig Jahre jünger und zwanzig Zentimeter kleiner als sie. Gerade in der Glamourwelt und bei einer so taffen Frau wie dieser Schauspielerin, die ganz in dieser Welt lebt, in der Äußerlichkeiten auch eine so wichtige Rolle spielen, kommen solche Paarungen vielleicht im Verhältnis 1:100 000 vor. Mithin: die Authentizitätsvermutung ist nicht vorhanden.

Auch Ritter wirkt nicht wesentlich realistischer ins Geschehen involviert. Wo immer er auftritt, gehen den Frauen die Blusenknöpfe auf, das wissen wir mittlerweile, so ein Großstadtcowboy, der zum Smoking Cowboystiefel trägt, der löst bei der Weiblichkeit alles Mögliche aus, was normalen Menschen selbst dann verwehrt bleibt, wenn sie besser aussehen als Till Ritter. Je kotzbrockiger, machohafter, arroganter er wirkt, und in „Die Liebe und ihr Preis“ ist das besonders ausgeprägt, desto mehr fliegen die Weiber auf ihn.

Das Weltbild, das ausgerechnet in der deutschen Frontstadt der Emanzipation von den Tatorten gepflegt wird, ist bundesweit mit das reaktionärste. Ritter braucht nicht einmal einen Ansatz von Empathie auszustrahlen, um die Schönen dieser Welt in die Horizontale zu bekommen. Dass er das dieses Mal hinbekommt oder zumindest angedeutet wird, dass er’s mal wieder hinbekommen  könnte, führt ihn zudem in eine Undercover-Ermittlerrolle, die, gelinde gesagt, wirklichkeitsfremd ist. Und dann sagt er auch noch zu Classen, die u. a. eine Fernsehkommissarin spielt, ihre Darstellung sei quasi Quark im Sinne von realitätsfern.

Einfach herrlich, was man sich in Berlin alles erlaubt, wo zwei Ermittler durch die Stadt räubern, deren Realitätsferne höchstens von den Münsteranern übertroffen wird. Oder ist diese sehr offensichtliche Spiegelung gewollte Ironie? So fein sind die SFB/RBB-Tatorte, die in der großen Stadt spielen, aber generell nicht gewoben. Manchmal haben sie andere Qualitäten, manchmal müssen sie aufs flache Land verlegt werden, um Tiefe zu gewinnen, aber „Die Liebe und ihr Preis“ ist schon eine recht grobe Kiste.

Stalkers Wunderland. Eine Plotschwäche stellen die Sequenzen dar, in denen Ritter den Stalker aufgedeckt hat, mehr oder weniger aufgrund einer zufälligen Begebenheit, dieser aber schön weiter mit der Stretchlimo durch die Stadt kurvt und Stark von Ritter nicht einmal Bescheid bekommt, dass es für ihn und den Star gefährlich werden könnte, die Lockvogelrolle weiterzuspielen. Und wirklich nimmt der Stalker die beiden mit und versucht, sie und sich selbst mit Autoabgasen umzubringen. Eine hollywoodeske Szene, die aber wie eine billige Kopie wirkt.

In das Unternehmen für V.I.P.-Beförderung von Carol Campbell (Ines Krüger) lässt sich Till Ritter einschleusen, weil, eh klar, die Fahrer, die alle verdächtig sind, ihm niemals die Wahrheit sagen würden. Aber wenn er mit seinen Cowboystiefeln und dem auf Männer vielleicht gar nicht so gut wirkenden Macho-Charme ins verlängerte Auto steigt, dann fangen diese natürlich sofort an, mit ihm ihre dunkelsten Geheimnisse zu besprechen. Im echtenLeben fährt wohl solch ein Fahrer allein, und nicht mit einem anderen zusammen, wie hier gezeigt. Es gilt ja nicht, einander auf Fernfahrten abzulösen, damit die vorgeschriebene Fahrtzeitgrenzen nicht überschritten werden.

Hingegen ermittelt Stark in der Filmografie von Ariane Clasen und kommt auf „Die Liebe und ihr Preis“ und wie der Stalker Ricky die Handlung des Films fürs Leben adaptiert. Nicht unbedingt zwingend; auch dass eine ganz kleine Produktion einen Star zum Fallen bringen kann, wirkt übertrieben und wirkt inkonsistent in Relation zum Anfang des Films, der Classen auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes zeigt – wenn auch alternd. Ist diese „kleine Produktion“ der Classen ebenfalls eine unbewusste Spiegelung des Tatortes gleichen Namens, der Gudrun Landgrebes Ruhm kaum gemehrt haben dürfte?

Keine der Figuren kann in dieser Gemengelage überzeugen. Leider gilt das auch für Gudrun Landgrebe. Sie hat zwar eine merkliche Präsenz, ihre Aura kommt durchaus rüber. Es ist ja auch nicht ihr Sein als Star, das man ihr nicht abnehmen würde, es ist die glatte, von kaum einer menschlichen Tiefe berührte Mentalität – selbst den Hund, den ihr der Stalker via Schwester geschenkt hat, expediert sie, nachdem der Stalker sie bedroht hat. Ja, sie ist so, die Classen, wie die Rollen, die sie spielt, aber darauf hätte sich die Landgrebe vielleicht nicht einlassen sollen.

Der Stalker Ricky (Thomas Schmauser) hingegen leidet an einem anderem Problem, das Stark, der Eifrige unter den ermittelnden Kommissaren, selbst benennt: Stalker sind beinahe amorph. Sie haben kaum eine eigene Persönlichkeit, sondern leben ganz im Bezug zu ihrem Star. Die einen lassen von ihrer Stalkerei ab, wenn der Star eine neue, feste Bindung eingeht, die anderen handeln genau umgekehrt und werden noch lästiger. Gefühlsmäßig neigen wir dazu, letzere Gruppe für die wahrscheinlichere zuhalten, denn eine Obession wächst ja mit den Hindernissen, die sich ihr entgegenstellen. Da es aber so oder so oder auch anders sein kann und der Stalker an sich ein unauffälliger Typ ist, der nichts hergibt, kann er auch keine starke Figur in einem Tatort werden. Zumindest dann nicht, wenn man ihn nicht mit viel mehr Eigenheiten ausstattet, als man es hier bei Ricky sieht.

Berlin, kalt und glatt. Man muss auch den oberflächlichen Glanz der Hauptstadt zeigen, davon sind wir überzeugt. Er gehört zu Berlin wie viele andere seiner Seiten. Aber man muss deshalb nicht so an der Oberfläche bleiben und die wirklichen Untiefen so geflissentlich übergehen wie in „Die Liebe und ihr Preis“.

Wir vermissen nicht nur eine ausgewogene Darstellung, in dem einen oder anderen einige der wunderbaren Kiezfiguren, die Berlin erst richtig berlinerisch machen. Wir vermissen nicht nur die wenigstens  zeitweilige Einbindung der Originale, die hier an jeder Straßenecke anzutreffen sind und Stoff für wundervolle Geschichten und Verbrechen bieten würden. Wir haben auch das Gefühl, dass man sich geradezu davor scheut, mal einen Sprung in die Tiefe zu wagen. Stattdessen werden an der Oberfläche ein paar Wellen gemacht, schöne Bilder in schönen Locations, austauschbare Figuren und Plots, die nur wenige Klischees auslassen.

Möglicherweise spielt dabei etwas eine Rolle, was wir den Tatort-Machern in Berlin zugute halten müssen. Provinzstädte sind vermutlich freier in der Themenwahl. Hier kann man in überschaubaren Straßenzügen große Dramen zeigen. In Berlin hingegen wäre es auch ein politischer Balanceakt, das pralle Leben zu zeigen, wie es ist.

Irgendeine Gruppe würde sich stets angegriffen fühlen von einer realistisch-deftigen Berlindarstellung; und das Protestieren gegen die als unangemessen empfundene mediale Aufbereitung der eigenen Gruppe oder politischen Richtung nimmt in Berlin nicht selten radikale Züge an. Da bleibt man lieber politisch korrekt und macht seelenlose Tatorte über scheinbar seelenlose Milieus. Wir verstehen das, aber schade ist es eben doch, dass der Mut fehlt, die große Spannung, in der diese Stadt lebt, für spannende Tatorte zu nutzen.

Finale

Im Grunde wäre diese Mutlosigkeit aber gar nicht nötig. Es wäre durchaus möglich, mehr Thrill reinzubringen. Indem man die Milieus, die Berlin hat, miteinander interagieren lässt und sie nicht mehr oder weniger hermetisch voneinander abschottet, wie wir es in vielen aktuellen Tatorten sehen. Die Wirklichkeit ist zwar so, dass ein Filmstar selten mit einem Hartz-IV-Empfänger konfrontiert werden wird, ein internationaler Waffenschieber mit einem ABMler, der das Olympiastadion kehrt oder ein Wirtschaftsprofessor mit einem Hausbesetzer, aber es gibt unendlich viele Stufen auf der Berliner Pyramide des Lebens. Etwas mehr hinabzusteigen, wäre gegenwärtig das Gebot.

Im Film sagt ein Vertreter der Stadt auf dem Filmball sinngemäß, dass Berlin sich gerne mit Metropolen wie London und Paris vergleicht, aber noch einen Weg bis dorthin hat. Doch auch hier wieder eine seltsame Spiegelung – die Tatorte versuchen genau auf dieser Weltstadtschiene zu fahren, anstatt das unique Eigenleben der Stadt mehr zu betonen. Man muss fairerweise sagen, der vorhin angesprochene „Oben und unten“ hat genau diese Interaktion versucht – aber zu halbherzig und das Drehbuch war wirklich schwach. Doch „Die Liebe und ihr Preis“ ist nun schon acht Jahre alt. Viel Zeit ist vergangen, viele High-End-Milieu-Tatorte wurden gedreht. Auf ein Neues mit mehr von Berlin!

6/10

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Till Ritter – Dominic Raacke
Hauptkommissar Felix Stark – Boris Aljinovic
Lutz Weber – Ernst-Georg Schwill
Ariane – Gudrun Landgrebe
Franziska – Lina Wende
Ricky – Thomas Schmauser
Roman Claasen – Manfred Andrae
Pia Marschall – Beate Maes
Ines Krüger – Carol Campbell
Wiegand – Veit Stübner
Reporter Dietl – Jockel Tschiersch
Moderator SFB – Jürgen Fliege

Regie – Erhard Riedlsperger
Buch – Andreas Pflüger
Kamera – Frank Brühne
Musik – Andreas Lonardoni

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s