Die blaue Hand (DE 1967) #Filmfest 162 #EdgarWallace

Filmfest 162 A "Special Edgar Wallace" (30)

2020-08-14 Filmfest AWar die Technik im Mittelalter gar nicht so mittelalterlich?

„Da ist gleich zu Beginn ein Riesen-Schnittfehler! Erst wird Klaus Kinski als Angeklagter gezeigt, gerahmt von zwei Polizisten und dann in der ersten Zuschauerreihe, gerahmt von zwei Frauen!“ Es ging aber nicht darum, dass Kinski sich plötzlich zum Frauenschwarm entwickelt hätte.

Auch wenn Regisseur Alfred Vohrer zuweilen den Akzent mehr auf Effekte setzte als auf absolute Präzision, so schlimm ist es nicht. Es wird sich aufklären, warum ich doppelt gesehen und den ersten Satz ins Mobiltelefon gesprochen habe. Mehr dazu und zum Film mit der blauschimmernden Hand in der -> Rezension.

Handlung (1)

Dave Emerson, einer von vier Söhnen des nach Amerika entflohenen kriminellen Earl of Emerson, steht wegen Mordes an dem Gärtner Edward Amery vor Gericht. Mit einem Gutachten des Irrenarztes Dr. Albert Mangrove erreicht der Anwalt der Familie, Lionel Douglas, dass Dave wegen „völliger Unzurechnungsfähigkeit“ unbefristet in Mangroves Irrenanstalt eingeliefert wird. Ein Unbekannter hilft Dave wenig später, aus der Klinik zu entkommen. Eine Krankenschwester wird unter mysteriösen Umständen ermordet. Ein Wärter und ein Wachhund, die Dave auf seiner Flucht zum elterlichen Schloss Gentry verfolgten, werden von einer vermummten Gestalt mit einer blauen eisernen Hand getötet.

Im Schloss begegnet Dave beinahe seinem Zwillingsbruder Richard, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht und noch am gleichen Abend spurlos verschwindet. Als Inspektor Craig und Scotland-Yard-Chef Sir John auf Schloss Gentry eintreffen und alle Anwesenden verhören wollen, nimmt Dave kurzerhand die Identität seines Bruders Richard an. Das bemerken zunächst weder die Ermittler noch Daves Geschwister Robert, Charles, Myrna und deren Stiefmutter Lady Emerson. Craig durchsucht Daves Zimmer und stößt auf merkwürdige Dinge, darunter einen Hinweis auf die „blaue Hand“, ein historisches Mordinstrument. Inspektor Craig kommt dahinter, dass es sich bei Richard um Dave handelt. Da entgeht Myrna nur knapp einem Anschlag der blauen Hand. Dave kann den Inspektor und Sir John von seiner Unschuld überzeugen.

Am nächsten Tag wird Myrna von Mangroves Wärter Reynolds, der sich als Dave ausgibt, zu dem Club Petit Maxim gelockt. Robert Emerson erfährt von dem neugierigen Butler Anthony Smith, was geschehen ist, und nimmt die Verfolgung seiner Schwester auf. Im Petit Maxim kann er Myrna zwar retten, fällt aber selbst der blauen Hand zum Opfer. Mr. Snobbits, der mehrmals vorbestrafte Pächter des Clubs, weiß angeblich von nichts. Nach seinem Verhör bei Scotland Yard begegnet er Schwester Harris aus Mangroves Anstalt, die er offensichtlich kennt. Die Krankenschwester berichtet Inspektor Craig und Sir John, dass ihre ermordete Kollegin Agnes Dairen einen Bericht erstellt hatte, in dem sie Mangroves Gutachten widersprach und zu der Feststellung kam, dass Dave nicht wahnsinnig sei. Der Bericht und weitere Notizen, die sich gegen Dr. Mangrove richten, sind seit Schwester Dairens Tod verschwunden.

Da Mangrove eine Durchsuchung der Irrenanstalt durch Scotland Yard befürchtet, lässt er zahlreiche Zellen räumen und Patienten im Keller verstecken. Es stellt sich heraus, dass der Irrenarzt von einem geheimnisvollen „Boss“ abhängig ist, in dessen Auftrag er Myrna in der kommenden Nacht beseitigen soll. Am Abend verlassen Wärter Reynolds und ein Patient mit der unheimlichen Mordwaffe die Klinik mit einem Lieferwagen. Sie fahren zu Schloss Gentry, wo die blaue Hand ein weiteres Mitglied der Familie Emerson ermordet: Charles. Um seinen Boss zu hintergehen, entführt Mangrove Myrna in seine Anstalt. Er schreckt auch vor dem Einsatz von Betäubungsmitteln, Schlangen und Ratten nicht zurück, um zu erreichen, dass Myrna eine Verzichtserklärung unterschreibt. Aber die junge Frau weigert sich konsequent. Gegenüber dem „Boss“ behauptet Mangrove, nicht zu wissen, wo sich Myrna Emerson befindet. Schwester Harris findet die Akten ihrer ermordeten Kollegin, wird damit allerdings von Mangrove ertappt. Die anschließende Folter durch den skrupellosen Arzt treibt die Krankenschwester in den Wahnsinn.

Inspektor Craig und Sir John veranlassen eine Durchsuchung der Irrenanstalt. Die Polizeibeamten entdecken allerdings nicht das Versteck mit den Patienten und Myrna. Dave gesteht seiner Stiefmutter seine wahre Identität und beteuert erneut seine Unschuld. In der Nacht entgeht er einem Anschlag der blauen Hand. Craig gelingt es, Myrna aus der Anstalt zu befreien und Dr. Mangrove zu verhaften. Als die Ermittler Mangrove verhören, erfahren sie, dass der Earl of Emerson unschuldig war und die kriminellen Delikte seiner zweiten Ehefrau, Lady Emerson, auf sich nahm. In Amerika wurde der inzwischen verstorbene Earl sehr vermögend. In seinem Testament setzte er seine fünf Kinder als Erben ein. Damit fiele das Erbe nur nach dem Ableben der Kinder an Lady Emerson.

Inspektor Craig und Sir John konfrontieren Lady Emerson und den ebenfalls auf Schloss Gentry anwesenden Anwalt Lionel Douglas mit den Ermittlungsergebnissen. Douglas gibt zu, vom Testament und vom Ableben des Earl of Emerson gewusst zu haben. Er gesteht außerdem, der Geliebte Lady Emersons zu sein. Dennoch behaupten Douglas und Lady Emerson, nichts mit den Morden der blauen Hand zu tun zu haben. Craig und Dave untersuchen einen Geheimgang, den die blaue Hand für ihre Mordanschläge nutzte. Mehrere Geheimtüren und ein düsteres Labyrinth führen ausgerechnet in das Gärtnerhaus, in dem Dave den Gärtner Edward Amery ermordet haben soll. Dave und der Inspektor können die blaue Hand als den angeblich toten Gärtner Amery enttarnen. Craig verhaftet Mangroves Komplizen Reynolds. Nun weiß Inspektor Craig, wer wirklich hinter den Verbrechen steckt. Lionel Douglas veranlasste nach dem Tod des Earls of Emerson die Verhaftung Daves und die anschließende Flucht, damit man ihn für die von Dr. Mangrove organisierten Morde verantwortlich machte. Als eigentlicher „Boss“ aber wird der inzwischen von Butler Anthony überwältigte und gefesselte Richard Emerson enttarnt.

Rezension, Teil 1

Der typische Edgar-Wallace-Vorspann beginnt nach der Gerichtsszene. Hatte ich schon angemerkt, dass Alfred Vohrer offenbar alle Wallace-Filme der späten 1960er inszenierte und gleich nach dem Verleih-Logo und Jingle genannt wird? Der typische zweite Teil des Vorspanns enthält die Endversion dessen, was sich über Jahre herausgebildet hatte: „Hier spricht Edgar Wallace“, dann eine Maschinengewehrsalve, jeder Schuss ein Fleck, im Fleck erscheinen die Buchstaben „Edgar Wallace“ in zwei Reihen. Ansonsten gibt es noch Varianten, hier in Form von Einzelbildern, besonders markanten Szenen aus dem Film, die neugierig machen sollen.

Auch die blaue Hand sieht man dabei schon, was ich nicht für eine perfekte Idee halte, weil man sich dadurch viel zu früh Gedanken darüber machen kann, ob man diese neue Variante von einem offensichtlichen Mordwerkzeug nicht doch für etwas übertrieben und unpraktisch oder für ein Fake oder Artefakt, das nicht funktionieren dürfte, halten soll. Aber was wissen wir schon in den 2020ern von den Geheimnissen des Mittelalters, in dem ein böser Adeliger die Idee mit der blauen Hand hatte, lange bevor Mechanik in der Renaissance eine Wissenschaft wurde, die auf Physik basiert. Als visueller Mensch habe ich besonders diese blaue Metallic-Farbe nicht gekauft, die war in jenen Jahren, in denen der Film entstand, gerade erst von Mercedes-Benz für deren Spitzenmodelle entwickelt worden.

Das erste, was folgt, ist, dass unser verrückter Kinski einen Schlüssel unter der Tür des Zimmers in der Anstalt durchgeschoben bekommt, eine Krankenschwester umbringt und entfleucht. Aber ich kenne ja nun schon das Ende des Films – kann er das gewesen sein? Es soll wohl so wirken. Das kann ja noch ein heiterer Plot werden. Aber – oh, eine Doppelrolle spielt er auch! Als Dave und Richard Emerson. Alles klar jetzt, mit der Eingangsszene. Ein „normaler“ Erbe und ein verrückter solcher? Was bei Kinski normal ist, kommt den meisten Menschen ohnehin verrückt vor. Dabei war er eigentlich ein Avantgardist, wenn man bedenkt, wie heutzutage sich immer mehr Menschen benehmen. Ein Wärter folgt dem Entflohnen in den Adelssitz der Emerson hinein. Die blaue Hand kommt aus dem Schatten und greift zu bzw. sticht mit fünf Stahlfingern so hart in die Brust des Wärters, dass dieser umgehend verbleicht. Das kann ja noch heiter werden. Ich muss mich erstmal bei ein paar Facts erholen. Zum Glück ist die Wikipedia diesbezüglich ebenso spendabel wie im Erstellen von langen Handlungsangaben, sodass ich mich beim Auflisten der Fakten weniger anstrengen muss als beim Verfolgen der Handlung. Dieses Mal gibt es sogar Angaben zu den verschiedenen Treatments, als wenn es sich bei „Die blaue Hand“ um ein Weltkunstwerk der Filmgeschichte handeln würde, wer das ganz genau anschauen will, bitte hier.

Produktionsnotizen (1a)

Die blaue Hand ist ein deutscher Kriminalfilm, der 1967 unter der Regie von Alfred Vohrer gedreht wurde. Bei diesem 28. Beitrag der deutschen Edgar-Wallace-Filmreihe handelt es sich um eine freie Verfilmung des gleichnamigen Romans (Originaltitel: The Blue Hand) von Edgar Wallace. Die Uraufführung des Farbfilms fand am 28. April 1967 im Gloria-Palast in Berlin statt.

Mit den beiden 1966 gestarteten Farbfilmen Der Bucklige von Soho und Das Geheimnis der weißen Nonne konnte Rialto Film den Erfolg der Edgar-Wallace-Filme weiterhin fortsetzen. Entsprechend liefen in Absprache mit Constantin Film die Vorbereitungen zu weiteren Beiträgen der Reihe. Für Rialto Film war 1967 zunächst die Herstellung folgender Wallace-Filme vorgesehen:[3]

  1. Die blaue Hand
  2. Der Mann mit der Peitsche, 1967 unter dem Titel Der Mönch mit der Peitsche realisiert
  3. Der Engel des Schreckens, nicht realisiert und durch Der Hund von Blackwood Castle ersetzt.

Die langfristige oder doch mittelfristige Planung bemerkt man daran, dass der Folgefilm am Ende von „Die blaue Hand“ bereits erwähnt wird – mit dem süffisanten Hinweis, das Gesehene sei ein lauwarmes Lüftchen gegenüber dem Kommenden (sinngemäß). Erfolg ist allerdings relativ: Die Zuschauerzahlen gingen seit ca. 1964 permanent zurück. Vielleicht sah man es auch relativ: Die Zeichen der Zeit standen auf allgemein stark rückläufigem Kinobesuch, relativ zu anderen Produktionen dürften sich die Wallace-Filme damals in der Tat noch ganz gut gehalten haben. So erreichten „Die blaue Hand“ und „Der Mönch mit der Peitsche“ mit 1,7 bzw. 1,8 Millionen Zuschauern noch recht beachtliche Werte (1962 hatte „Das Gasthaus an der Themse“ einen bis heute gültigen Wallace–Rekord von 3,6 Millionen erzielt).

Die Dreharbeiten für den in Farbe (Eastmancolor) und Breitwandformat 1:1,66 produzierten Film fanden vom 9. Februar bis 22. März 1967 in West-Berlin statt. Auf London-Aufnahmen wurde diesmal gänzlich verzichtet. Im Film sind unter anderem folgende Drehorte zu sehen:

Als Filmatelier dienten die Studios der CCC-Film in Berlin-Haselhorst. Die Filmbauten stammten von Wilhelm Vorwerg und Walter Kutz. Für die Kostüme war Irms Pauli verantwortlich. Herstellungsleiter war Fritz Klotzsch. Die Produktionsleitung übernahm Wolfgang Kühnlenz, die Regieassistenz Eva Ebner. Für die Szene mit der Spritze, die Myrna Emerson (Diana Körner) empfängt, stellte die Regieassistentin ihren Arm zur Verfügung. Die Stimme vom Boss stammte von Regisseur Alfred Vohrer.

Da Vohrers bis dahin bevorzugter Kameramann Karl Löb Anfang 1967 mit den Dreharbeiten für den Exploitationfilm Das Rasthaus der grausamen Puppen beschäftigt war, arbeitete der Regisseur hier erstmals mit Ernst W. Kalinke zusammen. Die beiden sollten noch sieben weitere Spielfilme gemeinsam realisieren. Mit Karl Löb drehte Vohrer anschließend noch seine fünf weiteren Wallace-Filme.

Ich habe mal nachgesehen: „Das Rasthaus der grausamen Puppen wurde von der deutschen Kritik so gesehen: „Triviale Billigproduktion.“ – Lexikon des internationalen Films[4] „Einer der übelsten Schundfilme der letzten Zeit. Schärfstens abzulehnen!“ – Evangelischer Filmbeobachter[5]  70 Nutzer der IMDb geben dafür derzeit 7,1/10 – kein einziger Edgar-Wallace-Film kommt über 7/10. So ändern sich die Zeiten.

Die Filmmusik stammt aus der Feder von Martin Böttcher, der für Die blaue Hand seinen vierten Soundtrack zu einem Edgar-Wallace-Film komponierte. Die Titelmusik ist bisher mehrmals auf CD erschienen.[5]

Rezension, Teil 2

Wie sie das so schön hinkriegen, den Kinski in Klamotten zu stopfen, in denen er total verbaut wirkt, mit übergroßen gestärkten Kragen, die bis zum Kinn reichen und Jacken im Hängeschulter-Schnitt, dieses Mal in Blau mit Nadelstreifen oder in Braun mit Nadelstreifen. Zum Glück hatte er später mit Regisseuren wie Werner Herzog zu arbeiten. Auch wenn es dabei viel Krach gab (Kinski eben), aus dem Typecasting, das gegen Ende der 1960er zumindest in Krimis wie diesem auf eine beängstigend logische Weise immer groteskere Züge annahm, konnte er sich damit befreien, ohne auch nur ein bisschen was von seiner expressionistischen Spielweise zu verlieren. Im Gegenteil, als Hauptdarsteller kam er z. B. vier Jahre nach „Die blaue Hand“ in „Aguirre, der Zorn Gottes“ erst richtig zur Geltung.

Um es gleich zu schreiben – lassen Sie den Film bitte einfach laufen. Das Wechselspiel zwischen den beiden Kinski-Rollenfiguren ist kaum nachvollziehbar. Deshalb enthält der Film auch sehr viele Talking-Head-Momente, die teilweise zusätzliche Verwirrung stiften. Oder vorher die obige Handlungsangabe lesen, das macht es leichter, dem Geschehen zu folgen. Lassen wir uns also lieber von unzähligen Puppen verzaubern, die auf einem Dachboden aufgehängt sind. Welcher der Brüder Emerson hat da ein Hobby? Jetzt erfahren wir immerhin, dass die Konstruktion der blauen Hand aus dem französischen (normannischen) Zweig der Adelsfamilie stammt, denn sowas Perfides, weiß Sir John vom schottischen Hof, können nur Franzosen erfinden. Man ist geneigt, ihm Recht zu geben.

Natürlicherweise denkt man nun, Richard könnte der Mörder mit der blauen Hand sein. Das Schlimme daran ist, man muss beinahe so denken, wenn Kinski schon zwei Rollen zugestanden bekommt. Wenn da nicht ein Bösewicht drunter ist, dann hat das Ganze doch gar keinen Zweck. Wir lernen weitere Familienmitglieder kennen, unter anderem die hübsche Diana Körner, die in der Nacht auch gleich Besuch von der blauen Hand kriegt, aber wegrennen kann. Was ein Gewitter aber auch, das zieht blaue Stahlhände geradezu magisch an. Oder ist es der Gärtner? Der Gärtner ist sehr verdächtig.

Jetzt wissen wir, woher Reinhard Mey den Text für einen seiner ersten Erfolgssongs hatte. Das stimmt übrigens auch, er wollte wirklich die Wallace-Filme und ähnliche Werke aufs Korn nehmen, die hinter vielen Varianten des Geschehens in jenen späten Farbfilmjahren immer mehr kenntlich wurden als Baustein-Plots, die auf beinahe identischen Grundmustern beruhten. Sogar mir fällt das nun langsam auf, in der 30. Rezension, die innerhalb des „Special Edgar Wallace“ auf dem Filmfest gezeigt wird. Nicht nur viele Mörder in diesen Wallace-Stoffen, sondern auch diejenigen, die sowas lesen und schauen, sind eben echte Serientäter*innen. Ja, es sind auch Frauen darunter.

Hoffentlich ist es am Ende nicht der Butler, dieser seltsame Kerl, der alles zu wissen scheint oder doch sehr aufmerksam lauscht und schlau guckt, aber doch auch recht sympathisch wirkt; jedenfalls sympathischer als die gesamte Adelsfamilie, von Diana Körner wiederum abgesehen. Ein Papagei wetteifert allerdings mit ihr um den Status der Identifikationsfigur, denn er sagt jedes Mal „Ohoho!“, wenn jemand umgebracht wird. Dieses Mal ist es tatsächlich der Bruder, der immerhin seine Schwester schützen wollte – aber welcher?

Währenddessen in der Anstalt. Die Polizisten bekommen verschiedene Zelleninsass*innen vorgeführt, zunächst eine Striptänzerin, die sich immer auszieht, ein typisches Opfer des Berufs, sodann eine in Relation zur Stripperin etwas kräftigere, die immer den Mord an ihrem Kind mit einer *Puppe* wiederholt. Das können noch anstregende Therapiesitzungen werden, bis die Helferperson außer Gefahr ist. In der dritten Zelle kommen wir der Sache näher. Der Typ, der da sitzt – ich möchte nicht zu viel verraten, jedenfalls sieht nach Edgar-Wallace-Maßstäben exakt so dieser Faktotum-Typ aus, der als ausführendes Werkzeug für die Mordabsichten der anderen eingesetzt wird. Das Cabinet des Dr. Caligari hat im deutschen Kino wirklich nachhaltige Spuren hinterlassen, auch wenn die willenlosen Werkzeug-Kreaturen in den 1960ern im Grunde viel diskriminierender dargestellt wurden und eher deshalb manipulierbar waren, weil sie nur das dumpfe Gefühl der Anhänglichkeit in Unterwerfung ummünzen konnten, verlange die Person, von der man abhängig war, was sie wolle, auch das Morden. Hypnose oder dergleichen war dafür nicht mehr notwendig. Habe ich schon erwähnt, dass auch die Nazizeit und der Zweite Weltkrieg tiefe Spuren …? Aber das versteht sich ja von selbst.

Der Chef dieser Anstalt hängt mit in der Sache drin, alles andere wäre eine herbe Enttäuschung, aber der Boss der Bosse ist er nicht, das kennen wir nun schon von anderen Wallace-Filmen. Da sind gemäß dem Zwiebelprinzip noch mindestens zwei Ringe zu entfernen, bis des Verbrechenwesenskern, der tränenende Augen verursacht, zum Vorschein kommt. Ich muss ein wenig korrigieren: Das Faktotum wird doch auf nachvollziehbare Weise beeinflusst: Durch die Verabreichung von Spritzen. Vielleicht liegt’s daran, dass ich nicht gut hinschauen kann, wenn Spritzen gesetzt werden, aber es geht mir langsam auf die Nerven. In wie vielen Wallace-Filmen gab es das jetzt schon? Und immer diese riesigen Teile aus Glas und Metall, die aussehen, als könne man damit einen ganzen Liter von was auch immer injizieren. Aber es geht nichts über Effekt, abgesehen von noch mehr Effekt.

Wir eilen ein wenig voran, denn die blaue Hand wuselt wieder im Schloss der Emersons herum, das wollen wir nicht verpassen. Dieses Schloss sieht übrigens ganz schön stüsselig aus, sowohl äußerlich als auch bezüglich der Dekors. Das fällt bei den Filmen, die in den CCC-Studio entstanden sind, ohnehin auf. Offenbar durften sie bei Atze Brauner nur Sets benutzen, die schon ein paar Jahre verstaubt, verblasst und wurmstichig / angeschimmelt in der Gegend heraumstanden. Achten Sie mal drauf, es ist bei den Wallace-Filmen aus der Phase fast durchgängig zu beobachten, wenn es um Adelssitze geht. Ich lasse auch nicht gelten, wenn jemand behauptet, dies sei absichtlich so gestaltet worden, damit der Charme des Ganzen morbider wirkt als in den Schwarzweißfilmen der frühen 1960er. Wie schick im Vergleich die Bauten / Innenräume der wenigen englischen Filme bzw. Coproduktionen aus jenen Jahren!

Während ich über die Sets nachgedacht habe, wurden bereits zwei weitere Mitglieder der Familie Emerson, zwei junge Brüder von Richard und Diana K., ermordet. Letztere wird überleben, irgendwie sagt mir das die Erfahrung aus mehr als 1000 Krimi-Rezensionen. Die Szene, in der Orgel gespielt wird, der Spieler umgebracht wird, der Kopf fällt auf die Tastatur und es pfeift aus allen Pfeifen, einfach ikonisch. Kein dumpfes „Plopp“, wie damals in „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, als eine junge Klavierspielerin ohnmächtig wird. Die Tontechnik ist doch besser geworden, in den 35 Jahren, die seither vergangen sind – aber die Filme auch? Nun ja. Als weiterer Verdächtiger kommt übrigens auch der Syndikusanwalt der Familie infrage, das wollte ich der Vollständigkeit halber erwähnen, denn es haben die Juristen immer Dreck am Stecken.

Aber vor diesem versteckt sich die blaue Hand geradezu, hm. Was der Anwalt nun treibt, ist auch interessant, aber: Der Butler bemerkt, dass Dave sich als Richard ausgibt. Richard ist also tot? Und der Klinikboss, ohne den wir der Lösung nicht näherkommen werden, weicht von den Anweisungen seines eigenen Bosses ab und lässt als Rückversicherung Menschen am Leben, die er eigentlich umbringen lassen wollte. Von der blauen Hand natürlich. So auch Myrna (Diana K.). Eine findige Krankenschwester durchsucht das Büro ihres Chefs, der hat natürlich die verräterischen Papiere in einem ganz normalen Schrank untergebracht. Im Safe war kein Platz mehr, denn da war eine dicke Schlange drin, die dazu vewendet wird, Menschen wie Myrna zu erschrecken.

Falls diese beschreibende Rezension ein klein wenig dadaistisch wirken sollte: So ist auch der Film, wir müssen bloß darüber entscheiden, ob das die Bewertung in der Form beeinflussen wird, dass wir uns angesichts der künstlerischen Fallhöhe verneigen … ähm, zu dem Werk, das als 28. Edgar-Wallace-Film der berühmten deutschen Nachkriegsreihe das Licht der Kinosaalprojektoren hinter sich aufflammen ließ, empor blicken. Wie viele arme Menschen wurden wohl wegen bezahlter falscher Gutachten zu Insassen dieser Katastrophe von einer Anstalt? Einen Film, in dem der Berufsstand der Psychiater*innen gut wegkommt, werden wir wohl beim Schreiben fürs „Special Edgar Wallace“ nicht mehr erleben. Aber über das Wesen und Unwesen von Therapien haben sich schon ganz andere lustig gemacht, die sich später als untherapierbar pädophil erwiesen haben, z . B. Woody Allen.

Nun durchsucht aber endlich auch die Polizei die Anstalt. Immer, wenn ein Plot nicht vorankommt, muss ein Durchsuchungsbeschluss her, auch das weiß man als Freund der Reihen Tatort und Polizeiruf. Oder: Überflüssige Passagiere werden erschossen, damit die Plotkutsche etwas leichter wird und aus dem Dreck kommt, in die des den richtigen Weg Verfolgens bzw. des Skripte Schreibens weitgehend Unkundige sie hineingesteuert haben.

Währenddessen erzählt Dave, dass er sich als Richard ausgegeben habe. Er kann also nicht die blaue Hand sein, Richard aber auch nicht, wie wir sehen, aber – auch das Faktotum kommt nicht infrage, das gibt die Verortung der Figuren gerade nicht her. Doch der Butler? Ach, nein! Nun wird Myrna (Diana) in einen Raum gesteckt, zusammen mit tausend weißen Ratten, die kreischen wie ausgewachsene Schweine. Nur in einer etwas anderen Tonlage. Damit sie endlich einen Erbverzicht unterschreibt, was sonst. Und dann kommt auch noch die dicke Schlange hinzu, das wird ein Gemetzel werden. Gibt es schon einen Film Giant Snake vs. Vampire-Rats? Hier ist die Vorlage dazu. Man soll also nicht sagen, dass nicht auch die späten Wallace-Filme noch mit inspirierenden Ideen aufwarten, selbst wenn man die blaue Hand nicht als das Gelbe aus dem Mordwerkzeuge-Eierkorb auffasst. Dieser tierische Auftrieb findet übrigens in Zelle 9 statt, dies für Freund*innen der kleineren Details.

Den Inspektor in dieser Geschichte gibt Harald Leipnitz, der nochmal ohne Durchsuchungsbefehl in der Klink nachschauen will – wie er sich dabei verstrickt, befreit und quasi in dem Moment die süße Myrna befreien kann, in dem sowieso wieder eine offizielle Razzia stattfindet, das schauen Sie sich mal bitte selbst an und bilden sich Ihre Meinung dazu.

Finale

Verflixt, der Klinikchef wollte sich umbringen, kommt aber nicht dazu. Um was geht es eigentlich? Genau, um ein Familienerbe. Und da muss es noch jemanden geben, der etwas davon hätte, wenn die Emerson das Zeitliche segnen würden. Mit Hilfe eines Pfennigstücks (!) wird ein Geheimgang entdeckt, man findet in einem Sarg den Bruder Richard und es heißt, das Ableben sei ihm widerfahren, weil man ihn für Dave hielt. Hm. Aber auch als Richard war er doch im Wege, oder? Da stimmt etwas nicht, der wird uns nochmal begegnen, denn er wird von Kinski dargestellt. Wir sind wieder in der Puppenstube, aber das ist nur Deko. Und, etwas verkürzt – ja, ER war es. ER, dem Reinhard, der sanfte Mitte-Links-Barde, ein wunderprächtiges Lied gewidmet hat, das mich so an die Zeit erinnert, in der ich laufen und sprechen lernte. Wer mit solchermaßen eingängig vorgetragener Lyrik an Zentimetern und an Erkenntnis zulegt, der endet – nicht, weil er die Sprache mittelgut verwendet. 

Nicht, dass diese Handlungsversion kohärenter ausschaut als das, was oben in Blau steht, aber das wirkt auch nur so logisch, weil viele fragwürdige Details unter den Tisch fallen gelassen wurden und die Art, wie „Die blaue Hand“ gefilmt ist, habe ich viel besser getroffen, finde ich. Ich weiß nicht, ob die Wikipedia-Beschreibung von einer einzigen Person erstellt wurde oder das Ergebnis einer intensiven Diskussion über Jahre hinweg ist, aber Respekt! Nein, der Film ist zu verschachtelt und verschwurbelt gefilmt, als dass man ihn beim ersten Sehen komplett entschlüsseln kann – zumindest nicht, ohne hin von Szene zu Szene aufzuschreiben und hinterher alles so zu glätten, dass es einigermaßen stimmig wirkt. Neues findet man natürlich immer, wenn man sucht: Eine Doppelrolle für Klaus Kinski, deren einer Teil ausnahmsweise auf der guten Seite angesiedelt ist, der andere hingegen zeigt ihn als Mastermind, während er bisher als schräg-dekoratives ausführendes Subjekt tätig war und Uschi Glas‘ Kindschema-Gesicht wird in ihrem ersten Film gleich als besonders hübsch herausgestellt.

61/100.

 © 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Wikipedia
(1a) desgl., kursive Anmerkungen im Abschnitt = TH

Begleitartikel „Special Edgar Wallace“ (Update)
Filmfest News 1 (beinhaltet das 2. Update zum „Special Edgar Wallace“ – vorliegender Artikel)
Filmfest News 2 (aktueller Stand des „Special Edgar Wallace“ und weiterer Vortellungsrhythmus)
Filmfest News 3 (aktueller Stand des „Special Edgar Wallace“ und weitere Neuigkeiten)
FFA 61 Der Frosch mit der Maske
FFA 63 Der Rächer
FFA 65 Der grüne Bogenschütze
FFA 67 Die toten Augen von London
FFA 70 Der rote Kreis
FFA 72 Das Geheimnis der gelben Narzissen
FFA 74 Die seltsame Gräfin
FFA 76 Das Rätsel der roten Orchidee
FFA 78 Die Tür mit den sieben Schlössern
FFA 80 Das Gasthaus an der Themse
FFA 83 Die Bande des Schreckens
FFA 85 Der Zinker
FFA 88 Der schwarze Abt
FFA 91 Das indische Tuch
FFA 94 Der Hexer
FFA 97 Neues vom Hexer
FFA 102 Der Fälscher von London
FFA 107 Der unheimliche Mönch
FFA 112 Zimmer 13
FFA 117 Die Gruft mit dem Rätselschloss
FFA 122 Das Verrätertor
FFA 127 Der Fluch der gelben Schlange
FFA 132 Todestrommeln am großen Fluss
FFA 137 Sanders und das Schiff des Todes
FFA 142 Der Bucklige von Soho
FFA 147 Das Geheimnis der weißen Nonne
FFA 152 Im Banne des Unheimlichen
FFA 157 Der Hund von Blackwood Castle 
FFA 162 Die blaue Hand (dieser Beitrag)

Regie Alfred Vohrer
Drehbuch Alex Berg,
Harald G. Petersson,
Fred Denger
Produktion Horst Wendlandt,
Preben Philipsen
(Rialto Film)
Musik Martin Böttcher
Kamera Ernst W. Kalinke
Schnitt Jutta Hering
Besetzung

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