Mit der Waffe in der Hand (Gun Fury, USA 1953) #Filmfest 163

F i l m f e s t   1 6 3    A

2020-08-14 Filmfest AEin Twist, der einiges durcheinanderbringt

Regisseur Raoul Walsh zählt zu den legendären Routiniers, die das Filmen nicht auf einer Akademie erlernt haben, sondern von der Pike auf. Das war in der Stummfilmzeit auch nicht anders möglich.

Die ganz großen unter ihnen, wie John Ford, wurden zu Legenden und Raoul Walsh zählt auf jeden Fall zu den besten, die keinen Oscar für einen ihrer Filme erhalten haben. Sehr schade, denn seine Filme mit Humphrey Bogart zählen zu meinen Lieblings-Bogeys („Nachts unterwegs“ oder „Entscheidung in der Sierra“, gedreht 1940, 1941, also aus den Jahren kurz vor Bogarts Aufstieg zum Superstar); mit James Cagney hat er „Maschinenpistolen“ gemacht, einen der besten und düstersten Films noirs und nur ein Jahr später einen der charmantesten romantischen Abenteuerfilme mit Gregory Peck und Verginia Mayo, „Des Königs Admiral“. Die Aufgabe: Wie bringt man einen Schauspieler am besten zur Geltung, dessen Method Acting immer etwas leicht Steifes hatte? Indem man ihn einen steifen Horatio Hornblower, angelehnt an Lord Nelson, spielen lässt, der sich verliebt. Walsh gilt als „Männer-Regisseur“, der aus vielen Stars das Beste herauszuholen verstand, sein Handwerk umfasst die Kunst, schnörkellose, gut getimte Filme zu machen, in denen niemand abfiel, der darin mitwirken durfte. Walsh galt zudem als profilierter Westernregisseur.

Erwartet uns also ein Topfilm des Genres? Darüber steht mehr in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Einige Zeit nach Ende des amerikanischen Bürgerkriegs ist Jennifer Ballard mit der Postkutsche in Arizona unterwegs, um zu ihrem Verlobten, Viehzüchter Ben Warren, in Kalifornien zu gelangen, der bereits auf sie wartet. Das junge Paar will so schnell wie möglich heiraten. In der Kutsche befinden sich auch der arrogante Mr. Hamilton, dem die junge Frau so gut gefällt, dass er einen Plan fasst, um sie zu besitzen. Er ist ziemlich überrascht, als er bei einer Zwischenrast in einem Hotel beim abendlichen Dinner Ben Warren gegenübersteht, der seiner Verlobten entgegengekommen ist. Ein Gespräch der beiden Männer über den beendeten Krieg zeigt, wie gegensätzlich sie sind. Tom Burgess, der mit Hamilton gemeinsam reist, unternimmt den Versuch, Jennifer versteckt zu warnen. Er ahnt, was sein Kumpan plant, der ihm gegenüber geäußert hat, dass er Jennifer um jeden Preis haben will.

Die junge Frau erkennt jedoch nicht, welche Gefahr auf sie und ihren Verlobten zukommt, wenn sie weiter mit Hamilton in einer Kutsche reist. Kaum ist das Gefährt einige Zeit unterwegs, stellt sich heraus, dass es sich bei Hamilton und Burgess um den berüchtigten ehemaligen Konföderierten Frank Slayton und seinen Handlanger Jess handelt. Die als Eskorte zum Schutz der Reisenden ausgewiesenen Soldaten entpuppen sich als Slaytons Bandenmitglieder. Als Warren versucht, die gefährliche Situation in den Griff zu bekommen, schießt man auf ihn und hält ihn für tot, was aber nicht der Fall ist. Es scheint, als sei Slayton am Ziel, er hat nicht nur das in der Kutsche mitgeführte Gold, sondern auch Jennifer in seiner Gewalt. Sein Kumpel Jess ist allerdings mit Jennifers Geiselnahme nicht einverstanden. Die Männer geraten aneinander und Slayton lässt den an einen Pfahl gefesselten Jess ohne Wasser in der Wüste zurück. Dort wird er von Warren gefunden, der nach seinem heftigen Sturz durch die auf ihn abgefeuerte Kugel, die ihn nur gestreift hat, inzwischen wieder zu sich gekommen ist. Zusammen mit Ben nimmt Jess die Verfolgung seiner ehemaligen Kumpels auf, die, wie Jess weiß, zum Versteck der Bande in Mexiko unterwegs sind. Weiter zum Inhalt in der Wikipedia.

Rezension

Es hätte ein so schöner ganz und gar linearer und konventioneller Film werden können. Aber dann hören die Jäger auf mit dem Jagen und verhandeln mit den Gejagten. Daraufhin geht das Schießen erst richtig los und wie sagt der Held der Geschichte eigentlich schon vor dem dramatischen Ende: Schluss mit dem Pazifismus. Hätte er sich daran gehalten, wäre aber vielleicht seiner großen Liebe etwas passiert. Die Spannung bleibt auch durch dieses plötzliche Abweichen vom Muster erhalten, die psychologische Stimmigkeit nicht.

Das liegt nicht an Regisseur Walsh, sondern am Drehbuch, das eine solche Wendung vorsieht. Bis zu dem Moment, als der Vorschlag aufkommt, deutet nichts auf die Verhandlungslösung hin, zumal die Verbrecher immer noch in der Überzahl sind und sich außerdem gut verschanzen können, während die Verfolger durchs Gelände müssen, um an das Haus heranzukommen. Man versucht, diesen plötzlichen Wunsch, die Gewaltschraube zurückzudrehen, damit zu erklären, dass der Verfolger eben ein sehr guter Schütze ist. Kurioserweise erschießt ihn sein früherer Chef dann trotzdem und ein Native American kann in aller Ruhe fast die gesamte Bande im Liegendschießen auslöschen. Hm. Vielleicht erhält der Film deshalb in der IMDb nur einen Schnitt von 6/10 und zählt damit nach Ansicht der Nutzer nicht zu den besten Werken von Raoul Walsh.

Für einige Darsteller war das Jahr 1953, in dem der Film gedreht wurde, ein wichtiges. Rock Hudson erzielte im Film „Die wunderbare Macht“ von Douglas Sirk dein Durchbruch und Donna Reed erspielte sich als Bardame in „Verdammt in alle Ewigkeit“ einen Oscar. Bemerkt man dieses Potenzial in „Gun Fury“, wie der Western mit den beiden als Liebespaar heißt? Sagen wir mal, wenn man Bescheid weiß. Donna Reed hat durchaus Präsenz, Rock Hudson brilliert aber vor allem durch seine Statur und sein  offenes, sympathisches Gesicht, mit dem man unmöglich einen Schurken spielen konnte. Das tat in diesem Fall Phil  Carey und zeigt die wohl beste Leistung von allen Darstellern. Lee Marvin ist außerdem in einer frühen Rolle zu sehen und kann seine wenigen Momente nutzen, um für eine deftige Form von jenem Humor zu sorgen, der ansonsten in dem Film keine Rolle spielt.

Der Bürgerkrieg war fast 90 Jahre nach seinem Ende noch nicht auserzählt, das merkt man auch diesem Werk an. Mit einer Besonderheit: Der brutale und außerdem verlogene Chef der Diebesbande ist ein Südstaatler. Überwiegend galt in Hollywood, dass die Menschen aus dem Süden sehr zu pflegen seien, weshalb, wenn sie bzw. ihre Vorfahren schon den Krieg verloren hatten, es wenigstens angebracht sei, sie als ehrenhaft darzustellen, oft auf Kosten der Nordstaatler. Hollywood betrieb intensive Seelentrösterei für den Süden – aber nicht in diesem Film. Es gibt zwar mit Jenny (Reed) eine weitere Person, die klar dem Süden zugeordnet werden kann und die komplett positiv gezeichnet wird, aber sie kann nicht ganz ausgleichen, was Phil Carey an Zweifeln bezüglich der edlen südstaatlichen Mentalität sät.

Sicher kann man den Film auch so interpretieren, dass die Entwurzelten verbittert sind und sich auf ihre Weise rächen, indem sie sich nach Westen durchschlagen und dort auf illegale Weise wieder an die Güter dieser Erde kommen wollen. Aber am Ende siegt auch hier der Norden, und zwar in Person des Ben Warren (Hudson). Es wird zumindest in der deutschen Übersetzung nicht klar ausgedrückt, aber es ist deutlich herauslesbar, dass es sich bei ihm und Frank Slayton (Carey) sozusagen um generische Rivalen handelt, wobei die Genese der Rivalität der Bürgerkrieg ist. Aber nur sehr verbohrte Südstaaten-Fans sollten annehmen, dass Slaytons deliktische Handlungsweise berechtigt sein könnte, nur, weil er sich um seinen Besitz betrogen fühlt. Denn dann müsste man zusätzlich hinterfragen, wie die Besitztümer der Südstaatler zustande kamen, wer dort die Arbeit erledigte und zu welchen Bedingungen etc. etc., bis man dabei herauskommt, wer den Krieg unbedingt wollte und warum und wer ihn lieber verhindert hätte. Die eine oder andere Hintertür mag der Film auf den ersten Blick offen lassen, wir zweifeln aber nicht daran, dass er vor allem den Ehrlichen belohnt sehen möchte, der die 1.200 Morgen Land in Kalifornien garantiert durch profunde Lohnarbeit erworben hat, obwohl er die meiste Zeit seiner Jugend, wenn auch nicht aus purer Freude, ebenfalls im  Krieg verbracht hat. Aber das ist eben die andere Seite. Der Gewinner kriegt alles und niemand macht was dran.

Da Warren in Person von Mr. Hudson aber ein so sympathischer Typ ist, der einer Frau vom Ozean bis zu den Bergen eine ganze eigene Welt bieten kann, die zu durchmessen zu Fuß immerhin drei Tage dauert (wenn man gut zu Fuß ist), weiß man im Prinzip von Anfang an, wie es ausgeht, nur der Verhandlungstwist ist kaum zu prognostizieren. Vielleicht kam denjenigen, die „Giganten“ produzieren wollten, bei den 1.200 Morgen Land, die Warren hier besitzt, ohne dass man ihn auch nur eine Sekunde lang darauf sieht, die Idee, dass Rock Hudson genau die Statur hat, um in einem weiten Land tatsächlich als Eigentümer jenes weiten Landes eine gute Figur zu machen. Jedenfalls solange, bis ein aufsässiger Hilfsarbeiter ein kleines Stück davon nicht hergeben will und Öl findet.

Finale

So episch wie George Stevens‘ Verfilmung des Edna-Ferber-Romans „Giganten“ ist „Gun Fury“ freilich nicht, aber am Ende wird viel geschossen und das muss in einem traditionellen Western so sein, damit die Luft danach umso klarer ist und die Welt von ein paar Schurken befreit werden konnte. Der deutsche Titel schwächt den amerikanischen ausnahmsweise etwas ab, meist war es damals umgekehrt, weil man besonders reißerisch formulieren wollte. Wer wann mit wem zusammen reitet um andere zur Strecke zu bringen, das ist einigermaßen plausibel, inklusive des „Indianers“, auch die Ausreißversuche von Jenny sind ansehnlich gefilmt, eher zu dilettantisch ausgeführt und die Vorhersehbarkeit erstreckt sich auch darauf.

Wen hätte Ben Warren befreien sollen, wenn seine Liebste es von selbst geschafft hätte? Was ein wenig störte: Die griesige und flach wirkende Optik des Films und die recht künstlich wirkenden Farben. Vielleicht kam das daher, dass der Streifen eigentlich in 3D gedreht wurde und den Rückbau auf zwei Dimensionen nicht besonders gut vertragen hat. Vielleicht sieht man ohnehin mit einer grün-roten oder rosanen Brille alles besser.

63/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Raoul Walsh
Drehbuch Irving Wallace
Roy Huggins
Produktion Lewis J. Rachmil
für Columbia Pictures
Musik Mischa Bakaleinikoff
Arthur Morton
Kamera Lester H. White
Schnitt James Sweeney
Jerome Thoms
Besetzung

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