Rosentod – Polizeiruf 110 Fall 255 #Crimetime 678 #Polizeiruf110 #Schmücke #Schneider #Halle #MDR #Rosen #Tod

Crimetime 678 - Titelfoto © MDR, S. Domonkos

17 weinrote Rosen und eine Gasexplosion

Wenn man im Schweinsgalopp Polizeirufe rezensiert, kann man für einen stinkenden Karpfen und einen flachen Butt vielleicht keine maximale Empathie empfinden. Diese Fische sind tot. Sowas von. Keine Action. Aber eine Gasexplosion als Auslöser für einen Todesfall, das ist doch schon was. Gut, die Gaswolke über Dedelitz sieht nicht besonders echt aus, aber dafür gibt es mit Schmücke und Schneider ja zwei echt liebenswerte Kommissare, die zudem in diesem Film eine WG begründen. Ist es deshalb auch ein kuscheliger Krimi? Wir klären das in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Nachdem in Dedelitz ein Wohnhaus explodiert, findet die Feuerwehr im Keller eine Leiche. Schmücke und Schneider übernehmen die Ermittlungen. Nach den Aussagen der Nachbarn handelt es sich um Stefanie Wolter, die eigentlich zusammen mit ihrem Mann verreisen wollte.

Die Gasexplosion wurde durch die defekte Heizung verursacht, die von dem Installateur Bernd Grande zuletzt gewartet wurde und der in der Nachbarschaft wohnt. Nach der Obduktion steht allerdings fest, dass die Frau nicht durch die Explosion gestorben ist, sondern vorher erschlagen wurde. Der Ehemann ist zunächst nicht auffindbar, kann dann aber in seinem Jagdrevier am Süßen See ausfindig gemacht werden. Da es mit seiner Ehe nicht zum besten stand und er laut Ehevertrag nichts bei einer Scheidung erhalten würde, wäre das ein Motiv. Aber da es aus der ersten Ehe des Opfers eine Tochter gibt, geht Wolters nach dem Tod seiner Frau nahezu leer aus.

Ein vor dem Haus gefundenes Handy führt zu Martin Sander, der in seiner Wohnung nicht angetroffen wird. Er ist wegen Einbruchsdelikten vorbestraft und es deutet vieles darauf hin, dass er vorhatte, an diesem Wochenende bei den Wolters einzubrechen. Das letzte Gespräch, welches mit Sanders Handy geführt wurde galt Erik Vesper, dem Dorf-Cassanova von Dedelitz. Dieser wird von Schmücke und Schneider observiert, da sie hoffen, durch ihn Sander zu finden. Das hat Erfolg und der Gesuchte kann in Polizeigewahrsam genommen werden. Er gibt an die Explosion ausgelöst zu haben, nachdem er den Klingelknopf drückte, um sicherzugehen, dass nicht doch jemand zu Hause war.

Zu diesem Zeitpunkt war Stefanie Wolter allerdings schon tot und es erscheint den Kommissaren unwahrscheinlich, dass Sander, sollte er Stefanie Wolter getötet haben, weil sie ihn bei dem Einbruch ertappte, sich dann noch einmal der Gefahr aussetzen würde, um selbst die Explosion zu zünden. Sander sagt aus, dass er einen blauen Lieferwagen hinter dem Haus gesehen hatte. Dieser Hinweis führt zu Wolters Nachbarn Bernd Grande, der einen solchen Lieferwagen fährt und merkwürdigerweise gerade die Bereifung gewechselt hat, sodass die Kriminaltechnik das Reifenprofil nicht mehr vergleichen kann. Nachdem Schmücke in Erfahrung bringt, dass Grande mit seiner Frau, die vor wenigen Tagen gestorben war, noch vor zwei Jahren in dem Haus gewohnt hatte, das nun den Wolters gehört, wird er hellhörig. Frau Grande hatte seit dem Verlust ihres Elternhauses Depressionen bekommen und sich vor kurzem erhängt, schließlich war sie in dem Haus geboren worden.

Als Nachbar wusste Grande, dass die Wolters am Wochenende verreisen würden und dies wollte er nutzen, um das Haus in die Luft zu sprengen. Er manipulierte die Gasleitung und bestellte in einem Blumenladen einen Strauß Rosen, den ein Bote bringen sollte und der dazu hätte klingeln müssen, was die Explosion ausgelöst hätte. Da aber Stefanie Wolter doch nicht weggefahren war, ertappte sie Grande bei seinem Vorhaben, der sie daraufhin niederschlug, was ungeplant tödlich endete.

Kommissar Schmücke ist zufrieden, wieder einen Fall gelöst zu haben, doch läuft es privat bei ihm nicht sehr gut. Seine Lebensgefährtin, Edith Reger, hat ihn vor die Tür gesetzt und nun wohnt er bei seinem Kollegen Schneider, bis er etwas geeignetes findet.

Rezension

Dieser Film beginnt offenbar in derselben Minute, in dem der Schmücke-und-Schneider-Vorgänger „Barbarossas Rache“ endet. Nämlich damit, dass Edith, Schmückes Lebensgefährtin, ihm den Koffer vor die Tür stellt. Die Fortsetzung: Schmücke ruft Schneider an, damit der ihn abholt. Und sie müssen die „Aussteuer“ im Dienstwagen mitnehmen, weil schon gleich der nächste Fall zu lösen ist. Dieses Halle ist viel atemloser, als manche Kritiker denken, die jeden Fall viel zu vereinzelt betrachten. Als die beiden mit der Gasexplosion wenigstens soweit durch sind, dass sie Feierarbend machen können, sind nur noch die teuren Hotels offen und eines von denen kann Schmücke sich natürlich nicht leisten. So kommt die WG mit dem knarrenden Sofa, den vielen Pizzen zustande und das Finale ist endlich die ersehnte Feinkostsause, nicht etwa der Abschluss des Falles.

Diese Art Erhebung in den Wohlfühlkrimi-Stand ist kein Alleinstellungsmerkmal von Schmücke und Schneider, aber die beiden haben auch die schwierigsten Zeiten noch kostbar gemacht. Der arbeitslose Klempner  hat ein hübscheres Häuschen als der frühere Chef, der ihn gefeuert hat, und der steht auch vor dem Aus. Wie auch der Nachbarbetrieb. Wie der Klempner, so der Zaunanlagenbauer. Eigentlich ein deprimierendes ökonomisches Szenario und 2003, als der Film entstand, alles andere als unrealistisch. Aber solange Schmücke und Schneider Fälle lösen in einer Welt, in der nur noch Immobilienvermittlung Profite bringt, fühlt man sich 2019 gar nicht so fern und außerdem immer irgendwie sicher.

Dabei vergisst man leicht, dass die meisten Menschen eben nicht, wie die beiden in sich selbst ruhenden Teilzeitgrantler, verbeamtet sind und daher allem, was kommt, mit ziemlicher Gelassenheit entgegensehen können, mögen auch die zu lösenden Fälle noch so viele menschliche Abgründe offenbaren. Da waren die ebenfalls vom MDR betreuten Leipziger Tatort-Cops Ehrlicher und Kain doch etwas mehr – nicht den Schattenseiten der Realität zugewandt, aber ihre Art hat immer dafür gesorgt, dass man die Realität nicht ganz vergisst. In ihrer  zweiten, der Leipziger Epoche, freilich weniger als im tristen Nachwende-Dresden, wo sie begannen.

Wir haben in den letzten Wochen mehrere Filme mit Schmücke und Schneider angeschaut und eines hat sich dabei nicht ergeben: Dass sie uns in einen Sog hineinziehen können, dass wir von ihnen am liebsten immer mehr und mehr sehen würden. Wir verraten hier nicht, bei welchen Tatort- und Polizeiruf-Teams das so ist, die noch heute aktiv sind. Außerdem gibt es natürlich Variationen auch bei Schmücke und Schneider. Nur: Die letzten Werke von ihnen, die wir rezensiert haben, waren doch von der Anlage recht ähnlich und auch die Tonlage ist auffallend gleichmäßig. Sicher war das auch eine Art Programm, Stabilität zu vermitteln und nicht das Publikum alle paar Monate komplett auf den Kopf zu stellen. Wenn man sich aber diese Filme im Abstand von nur wenigen Tagen anschaut, kommt schon etwas wie Überdruss auf. Das ist nicht die Schuld von Schmücke und Schneider, wir haben es aufgrund der gewählten Gangart (<- Schweinsgalopp)  zu verantworten. So richtig hat sich das Stoppzeichen auch erst bei „Rosentod“ gezeigt. Wir werden also in den nächsten Tagen auch dann, wenn weitere Polizeirufe der Halle-Schiene ausgestrahlt werden sollten, diese erst einmal auf dem Media-Receiver belassen und uns anderen Filmen widmen. 

Der Film hat einen Standard-Whodunit-Plot, der außerdem fast wie ein Tatort aufgebaut ist. Das Verbrechen ereignet sich in den ersten Minuten und die beiden braven Cops dürfen weitere 85 Minuten zwischen verschiedenen Verdächtigen mäandern, bis derjenige gefunden ist, der von Beginn an als logische Wahl erscheint. Weiß der Himmel, warum er die Ikonen gemeldet hat, dazu noch an einem Ort, der zur Aufbewahrung wirklich denkbar schlecht geeignet ist. Dadurch kommt doch die Kriminaltechnikerin erst darauf, sich sein Auto anzuschauen. Oder sollte das so, um abzulenken? Verdammte Sommerreifen, entsorgt! Der Klempner Grande ist also um 15 Uhr zum Haus gefahren, hat Frau Wolter umgebracht und zwei Stunden später kamen die Rosen – zu früh, um maximale Zerstörung anzurichten. Dass Frau Wolter frühzeitig nach Dedlitz zurückgehrt war, hatte Grande dadurch bemerkt, dass der Jeep auf dem Firmengelände nebenan geparkt war. Aber dann – so ein trauriger Gewerbepark. 

Selbst Schmücke oder gerade der, weil er endlich seine nervende Beziehung los ist, Schneider ist schon lange Single, was sich später wieder ändern wird, wirkt nicht nur wegen seines sicheren Gehalts glücklicher als die vielen auf schwankenden Geschäftsbrettern tätigen Kleinunternehmer und Mittelständler. Die beiden Polizisten wirken gesettelter als all die anderen Menschen in diesem Film und in vielen anderen, in denen sie ermitteln. Da ist noch viel DDR-Polizeiruf drin, denn die damaligen Fälle zeichnen sich durch eine oft desaströse Zwischenmenschlichkeit aus. Nur ist man seinerzeit dichter an die Figuren herangegangen, die in „Rosentod“ und weiteren Fällen aus jener Zeit doch eher schablonenhaft gezeichnet wirken und zu denen immer so viel Distanz gewahrt wird, dass das Zuschauen den Zuschauen auch nicht wehtun kann. Dann reißt es aber meist auch nicht mit, wenn es nicht anstatt der emotionalen Anbindung wenigstens einen sehr spannenden Plot gibt. Es liegt nicht an den Darsteller*innen, die verstehen schon ihren Job, sondern daran, dass sie zu wenig Entfaltungsmöglichkeiten bekommen und man gerade bei „Rosentod“ alles so austariert hat, dass niemand sich besonders hervortun kann – um nicht als zu verdächtig zu gelten. Unser Tipp ist die Blumenladenbesitzerin: Damit das Ende ja nicht zu dramatisch wird, darf sie noch etwas wie eine komische Note reinbringen. 

Um ihren Einsatz rankt sich auch unsere wichtigste Frage und das vielleicht Interessanteste an dem Film: Schmücke und Schneider kriegen Grande ja nur, wieder einmal, mit einem Trick zum Geständnis. Ist der Trick aber dieses Mal zulässig? Sie stellen ja keine Falle im engeren Sinn, sondern bringen den Mann nur dazu, sich auf eine recht alberne Weise zu verraten. Nicht die Blumenfrau hat ihn wiedererkannt, sondern umgekehrt. Er denkt aber, sie habe ihn erkannt. Er wird aufs Glatteis geführt, ohne dass man von einer Täuschung sprechen kann. Wir monieren ja gerne Ermittlungsmethoden, die in der Realität gar nicht zu einer Verurteilung führen würden, aber hier sind wir nicht sicher, ob das, was Schmücke und Schneider mit dem eigentlich bedauernswerten Mann tun, legal ist.

Finale

Es ist also nicht so, dass es in „Rosentod“ keine Aspekte gäbe, über die man nachdenken könnte. Wenn man Schmücke und Schneider mag, kann man auch einen netten Abend verbringen. Und keine Bange, die Gasexplosion wird aus der Ferne gezeigt, der Fernseher bleibt auf jeden Fall heil. Wir überlegen noch, wieso das Haus zunächst Flammen auch im Erdgeschoss zeigte, aber die Zimmer dann keinerlei Brandspuren aufwiesen, sondern eher aussahen wie nach einem handfesten häuslichen Streit. Und diese Ränder, wo die Bilder mit den Ikonen hingen. Dabei waren die Wolters doch erst kürzlich in das Haus eingezogen. Schwamm drüber. Es muss nicht immer Kaviar sein. Manchmal schwankt der Genusswert auch zwischen Lieferpizza und nassem Fisch.

6/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hans Werner
Drehbuch Hans Werner,
Dieter Chill
Produktion Susanne Wolfram
Musik Rainer Oleak
Kamera Falko Ahsendorf
Schnitt Claudia Fröhlich
Besetzung

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