Transit ins Jenseits – Tatort 69 #Crimetime 685 #Tatort #Berlin #Schmidt #SFB #RBB #Transit #Jenseits

Crimetime 685 - Titelfoto © SFB / RBB

Das besondere Zeitdokument

„Transit ins Jenseits“ gehört zu den ungewöhnlichen Folge der beliebten Tatort-Reihe, denn die Handlung hätte ausschließlich auf den Transitwegen zwischen Berlin und der BRD stattfinden können – hat sie in Wirklichkeit allerdings nie. Die Geschichte ist rein fiktiv. Gelungen ist aber der Versuch, einen solchen Coup im Rahmen einer Fernsehserie einmal durchzuspielen. (Tatort Fans)

Fluchthilfe von Ost nach West gab es in der Realität selbstverständlich, und nicht so selten, aber die gezeigte Handlung ist trotzdem so nicht geschehen. Wurde diese Idee gut umgesetzt? Darüber steht mehr in der -> Rezension.

Handlung 

Der Tatort „Transit ins Jenseits“ ist ein ungewöhnliches Kriminal-Fernsehspiel, das sich in dieser Form nirgendwo anders hätte abspielen können. In der Realität hat es einen solchen Fall auf den Transitwegen zwischen Berlin und der BRD nicht gegeben. Aber er hätte möglich sein können. Erika Marquart ahnt nicht, daß sie das Opfer von Kriminellen wird, die sie auf Schritt und Tritt beobachten.

 

Horst täuscht ihr Liebe vor, die sie erwidert. Diese Liebesbeziehung nutzt er aus, um seinem Kumpan Martin wichtige Hinweise zu geben. Hinweise, die zu einer skrupellosen kommerziellen Fluchthilfe führen. Kommissar Schmidt erfährt durch ein Fernschreiben aus Ostberlin von einem Leichenfund an der Transitstrecke. Alle Anzeichen deuten auf ein Gewaltverbrechen, begangen an einer Frau, die vermutlich aus Berlin (West) stammt. Die schwierigen Recherchen stoßen in das Niemandsland dubioser Unternehmungen.

 

Anni und Tom über „Transit ins Jenseits“


Anni: 
Jetzt haben wir über die ersten Berliner Tatorte „Der Boss“* und „Rattennest“ ziemlich abgeledert, und dann vier Jahre später dieser Hammer. Für mich einer der besten Tatorte der 1970er. Die Stimmung, die Figuren – okay, der Plot hat auch ein paar Schwachstellen, aber dafür ist er super spannend. Obwohl eigentlich sehr ruhig gefilmt, wie eben damals üblich. Und Ost und West werden nicht nur als Kulisse verwendet oder notwendigerweise irgendwo eingebaut, sondern spielen wirklich die Hauptrolle. Die Handlung weist einige Gemeinsamkeiten mit „Taxi nach Leipzig“ auf, ist aber aus der Berliner Binnensicht doch wieder ganz anders. Und die Raststation „Dreilinden“ gab es auch schon in heutiger Form, sicher so ein subentionierter Bauklotz. Und der olle TXL, damals auch ganz neu und in ähnlichem Stil gebaut. Und man isst Schwarzwälder Kirsch, am liebsten mit unmäßig viel Sahne!

Tom: Ich erinnere mich dunkel. Nein, ich hab wirklich ganz viele Dinge wiedererkannt, obwohl ich damals nicht in Berlin gelebt habe. Aber der Film wirkt in der gesamten Stimmung ähnlich, als wäre er in Westdeutschland entstanden, nur etwas konzentrierter und angereichert um die Fluchtbewegungen von der DDR in die BRD. In die ganze Handlung mussten sie natürlich noch eine Lehrfilmszene einbauen: Die verschiedenen Formen der Fluchthilfe und ihre moralische Bewertung. Kann man wunderbar auf heute übertragen, denn Marius Müller-Westernhagen und Götz George spielen Typen, die man heute als Schleuser bezeichnet. Trotzdem sind sie sehr differenziert gezeichnet. Warum man neben dem Geldmotiv noch mit Liebe gleich auf zwei Ebenen nachelfen musste, ist vielleicht nicht ganz schlüssig.

Anni: Frauen kriegst du eben nicht allein mit Knete rum, da müssen Gefühle ins Spiel kommen. Aber die Dame aus dem Osten geht am Ende lieber zurück, als weiter in in dieser ruppigen BRD zu verweilen.

Tom: Die einzige Figur im Film, die ich nicht sympathisch fand, obwohl auch sie mit ihrer Optik und diesem zurückhaltenden Wesen, dieser Feinnervigkeit gelungen ist. Aber wie Marius Müller-Westernhagen den Schleuser gibt, das ist so grundrealistisch, oder? Am Ende allerdings, als er quasi zum Waffeneinsatz gedrängt wird, flaut es etwas ab. Das hätte ich ihm nicht zugerechnet, dass er wirklich auf Gisela anlegt. Aber schon damals war der dramatische Schluss manchmal nicht zu vermeiden. Und häufig waren die Fälle, wie dieser, bereits als Thriller angelegt, nicht als Whodunit. Wie die Polizei auf die Spur der Schleuser kommt, ist schon verdammt zufällig – trotzdem wirkt es nicht unstimmig. Die sichere Inszenierung lässt es recht nachvollziehbar aussehen.

Anni: Als sich herausstellte, dass der Besitzer des havarierten Simca Wagenknecht heißt, mussten wir beide loslachen. So süß. Kein Mensch konnte damals wissen, dass uns der Name heute mal so beschäftigen würde, außerdem ist es ja ein Wessi und beinahe fliegt durch ihn alles auf. Und dieses Autobahnfeeling Ost-West damals. Einfach grandios.

Tom: Den Namen gibt es häufiger, als man so denkt, weil nur eine Promi ihn trägt. Ich dachte auch, ich kann diese Zeit wieder riechen, die Rsaststätten, die Straßen, sogar im Bayerischen Wald, die Farben, und die Gewürz-Plastikdosen von einer bestimmten Firma bekamen damals schon ihr heute noch gültiges Desgin und wurden in Haltern untergebracht, die häufig zu kleinen Anlässen verschenkt wurden. Nicht nur, weil mein Großvater damals einen Opel fuhr, war ich dicht am Geschehen, es war ja nur ein Rekord, kein Admiral, und da ich keine Ostverwandtschaft habe, waren wir auch nie auf einer Transitstrecke unterwegs. Aber wie Ost und West subtil gegeneinandergestellt werden, ist fantastisch gut gelungen. Der Ostpolizist entweder als jovialer Sachse oder als Oberpedant, der Leuten gerne etwas Angst macht und der bei der Vopo genau richtig gelandet ist, die Cops im Westen routiniert-nachlässig, weil eh kaum ein Westler auf die andere Seite rübermachen wollte. Und wie Berlin sich in den 1970ern rasch veränderte, dank der massiven Subventionen, die in die Stadt flossen. Schon damals war absehbar, dass die Leute im Osten mit ihren kleinen, langsamen Autos irgendwie als Menschen zweiter Klasse enden würden, wenn sie erst einmal wiedervereinigt werden. Obwohl ja Mitte der 1970er der Unterschied zwischen einem Westauto und einem Wartburg 353 designmäßig nicht so groß war wie zur Wendezeit.

Anni: Ja, ja, aber diese Auspufffahnen von den Zweitaktern und die Motorengeäusche. Es lässt sich nicht ändern, der Westen wirkte fülliger und wesentlich wohlhabender. Die Haltung des SFB ist zwar nicht aufdringlich, aber schon klar. Trotz der Tatsache, dass die blonde Gisela wieder zurück wollte. Das kann man nämlich auch anders herum lesen: Da gibt es Finten, einen riesigen Aufwand, sogar einen ungewollten Todesfall ihretwegen und sie hat es nicht drauf, es durchzuziehen. Ein tatenarmes Sensibelchen. Sagt tatsächlich zu George, als er meint, wenn man sich unter anderen Umständen kennengelernt hätte: „Auch dann nicht.“ Ts, ts.

Tom: In dem Moment, in sie gemerkt hat, dass die beiden Schleuser etwas zu sehr auf den Tasten ihres Gefühlsklaviers geklimpert haben, wird aber auch das Westpendant dann irgendwie hysterisch. Auf eine Weise finde ich den Film ein wenig frauenfeindlich.

Anni: Wenn du es sagst, muss es stimmen. Die Menschen waren auch etwas anders als heute und solche Hallodris wie MMW und GG in einer seiner drei Episodenrollen, bevor er Horst Schimanski wurde, eben doch Ausnahmen. Dieses Mal musste George sich mit der kleineren Rolle bescheiden, konnte nicht so freidrehen. Das hat dem Film eigentlich ganz gut getan, finde ich, weil nicht alles so auf seine exaltierte Spielweise konzentriert ist. Dass die Ermittler kaum in Szene gesetzt werden, wenn auch etwas mehr als bei den beiden ganz frühen Berlin-Tatorten, die wir neulich gesehen haben, war damals noch eher üblich. Heute wirkt es, als wenn etwas fehlt.

Tom: In anderen Tatort-Städten waren die Cops schon damals mehr die Stars, z. B. in München, wo das Team ja offenbar wirklich hinfährt, damit Veigl und Schmidt zusammen im Bild zu sehen sind. Zunächst dachte ich, das ist nur zusammengeschnitten, aber dann fahren sie wirklich auch zusammen raus zur Grenze. Diese Gastauftritte von Ermittlern aus anderen Städten waren ja in den 1970ern ein ganz übliches Stilmittel der Tatort-Reihe. Sogar Lenz, den Nachfolger von Veigl, sieht man unter den Gästen. Deine Lieblingsszene?

Anni: Die Nachricht von der 125-prozentigen Normerfüllung bei der LPG Dingsbums und dem Gruß an die Aktivisten. Besser kannst du Gründe für Republikflucht nicht darstellen, ohne sie direkt zu benennen. Es wirkt alles so gruselig. Was fandest du am wenigsten gut?

Tom: Allgemein die hohe Quote ungewöhnlicher Zufälle, Murphys Gesetz. Aber auch das Ende, das war zu überhastet in Relation zum sehr gelungenen Spannungsaufbau im Mittelteil, als MMW und die beiden Frauen unterwegs auf der Transitautobahn waren, und dass es an Rastplätzen keine Klohäuschen gibt. Okay, auch heute noch nicht an jedem. Der größte Fail: Wenn schon auf einem Parkplatz wunderbar passend gelagerte Betonröhren zu finden sind, warum zieht MMW die Frauenleiche nicht ganz hinein? Niemals wäre sie entdeckt worden. Na, sagen wir, nach aller Wahrscheinlichkeit nicht in nächster Zeit. Das hat der Drehbuchautor wohl zu spät gemerkt. Man hätte aber die Tatsache, dass das nicht erfolgte, plausibler so darstellen können, dass MMW dabei gestört wird, weil irgendwo schon ein Auto auf den Rastplatz einbiegt und er panisch den Ort verlässt. Ich gebe 8,5/10, trotz der erkennbaren Schwächen. Vieles ist andererseits auch grandios gemacht.

Anni: Ich gehe sogar auf die Neun, das bedeutet Aufrundung. Und ich bedauere alle, die nicht in dieser besonderen Stadt geboren und aufgewachsen sind. Nein, Quatsch. Aber du spürst dieses Besondere, oder?

Tom: Unbedingt. Jeden Tag mehr.


9/10

*Rezension im Wahlberliner noch nicht veröffentlicht 

© 2020, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Günter Gräwert
Drehbuch Günter Gräwert, Jens-Peter Behrend
Produktion Heinz Janell
Musik Klaus Doldinger
Kamera Horst Schier,
Holger Eichhorn
Schnitt Friederike Badekow
Besetzung

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