Soul Kitchen (DE 2009) #Filmfest 170

Filmfest 170 A

2020-08-14 Filmfest ASeele oder Kitsch?

Wenn der Film kitschig ist, auf eine moderne und flippige Art, dann jedenfalls auf eine seelenvolle Weise. Entkleidet man ihn von Attitüden des Deutschen Kinos 2.0, in dem Migranten ihre eigene Sprache und ihre Bilder in die heutige Kultur des Landes einbringen, ist er eine typisch amerikanische Story von Menschen, die sich durchs Leben schlagen und nach vielen Rückschlägen ihr Glück finden. Mithin etwas, das Kinomacher aller  Zeiten instinktiv als seelenwirksam erkannt und in großen Publikumserfolg umgesetzt haben. Die Grundelemente des Films sind weder neu noch besonders originell – wie so oft entscheidet die Umsetzung, wie wir eine solche Handlung aufnehmen. Und darüber schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung

Zinos ist Betreiber des Soul Kitchen, eines mäßig laufenden Schnitzel- und Frikadellenrestaurants in einer alten Fabrikhalle in Hamburg-Wilhelmsburg. Seine Freundin Nadine, eine Journalistin, die aus einer großbürgerlichen Hamburger Familie stammt, zieht für einen mehrmonatigen Auftrag nach Shanghai, und die beiden bleiben über Webcam in Kontakt. Bei der Arbeit zieht sich Zinos – nicht krankenversichert – einen Bandscheibenvorfall zu und kann nicht weiterarbeiten. Die von Nadine vermittelte Physiotherapeutin Anna behandelt ihn, kann ihm aber nur wenig helfen.

Sein Bruder Illias, der nach langjähriger Haftstrafe Freigang erhält und bei Zinos auftaucht, möchte zwar eine Anstellung bei ihm, jedoch nur pro forma, um seine Freigangzeiten auszudehnen. Nun engagiert Zinos den kürzlich in einem Nobellokal gefeuerten, ziemlich exzentrischen Koch Shayn, der die Speisekarte des Soul Kitchen sofort auf Spitzenküche umstellt – was die auf Wurst und Schnitzel ausgerichtete Stammkundschaft nachhaltig vergrault. Dann taucht auch noch Immobilienhai Thomas Neumann, ein ehemaliger Schulkamerad Zinos‘, auf und fasst den Plan, Zinos das Gebäude billig abzukaufen, um es abzureißen und das Grundstück zu vermarkten. Als Zinos nicht darauf eingeht, setzt Neumann alles daran, den Laden zu ruinieren. Dagegen erweist es sich als großartige Idee, Kellner Lutz und seiner Band das Proben im Soul Kitchen zu erlauben, denn die Leute aus dem Umfeld der Band finden Shayns extravagante Küche klasse und das Restaurant wird zu einem Szenehit.

Von seinem Rückenleiden gezeichnet und in Sorge um den Fortbestand seiner Beziehung beschließt Zinos, zu Nadine nach China zu ziehen. Aus diesem Grund setzt er seinen Bruder Illias als Geschäftsführer mit allen Vollmachten ein. Noch am Flughafen begegnet er Nadine, die nach dem plötzlichen Tod ihrer Großmutter nach Hamburg zurückgekehrt ist. Als Zinos bei der Beerdigung erkennt, dass der Chinese in Nadines Begleitung ihr neuer Liebhaber ist, kommt es zuerst zum Eklat, dann zur Trennung.

Währenddessen hat Neumann Illias zu einer Pokerpartie mit hohen Einsätzen überredet. Illias verliert 100.000 €, die er nicht hat. Um die Schulden zu bezahlen und sich Neumanns Schlägertrupps vom Hals zu halten, überschreibt er Neumann notariell das Soul Kitchen. In ihrer Verzweiflung beschließen Illias und Zinos, in Neumanns Firma und das Notariat einzubrechen, um die Notarverträge zu vernichten. Auf der Flucht werden sie von der Polizei geschnappt. Während man Zinos wieder auf freien Fuß setzt, begegnet Illias im Gefängnis Neumann – das Finanzamt hat sein Immobilienunternehmen hochgenommen.

Aus der Insolvenzmasse steht nunmehr das Soul Kitchen zur Zwangsversteigerung an. Zinos – mittlerweile von einem privat in seiner Wohnung praktizierenden traditionellen türkischen Chiropraktiker, genannt der „Knochenbrecher“, von seinem sehr schmerzhaften und mittlerweile von Lähmungen begleiteten Bandscheibenvorfall geheilt – erhält von der durch das Erbe ihrer Großmutter reich gewordenen Nadine, die sich für ihr schäbiges Verhalten Zinos gegenüber schämt, einen Scheck über 200.000 €, um das Soul Kitchen zu ersteigern.

Dies gelingt, und Zinos blickt mit seiner neuen Liebe, Physiotherapeutin Anna, hoffnungsvoll in die Zukunft.

Rezension

In Hamburg verbindet sich schon musikalisch das Alte mit dem Neuen, Hans Albers wird ironisch eingesetzt, das legendäre „La Paloma“ kommt in mehreren Versionen vor (nicht in einer von jenen mit Hans Albers), gleichzeitig wird E-Musik und natürlich Soul gespielt; wir meinen auch, hin und wieder griechische Klänge gehört zu haben, was angesichts der Hauptfiguren, der ungleichen Brüder Zinos und Ilias Kazanzakis (Adam Bousdoukos und Moritz Bleibtreu) logisch wäre. Alles vermischt sich und wird zu einer stellenweise hinreißenden Komödie mit hoch originellen Figuren – Klischees werden allerdings gar nicht erst geleugnet oder gebrochen, sondern richtig fett ausgelebt.

Der türkisch-deutsche Regisseur Fatih Akin, hoch angesehen für dramatische Filme wie „Kurz und schmerzlos“ (1998) (1), mit dem der spätere Hamburg-Sonderermittler in der Serie „Tatort“ Mehmet Kurtulus seinen Durchbruch („Gege20n die Wand“  oder „Auf der anderen Seite“ (2007), hat also was ganz anderes gemacht. So hat es die Kritik teilweise wahrgenommen. Wir kennen den Wanderer zwischen Elbe und Bosporus aber auch als Regisseur des wundervoll leicht inszenierten „Im Juli“ aus dem Jahr 2000, so dass wir seinen bislang letzten Spielfilm „Soul Kitchen“ eher in eine Reihe mit dieser früheren Komödie stellen und bewundern, wie gut Akin unterschiedliche Genres geregelt bekommt. Das erinnert ein wenig an große Regisseur wie Billy Wilder, die das Leichte und das Schwere gleichermaßen gut in Szene zu setzen wussten.

Schade, dass Akin nicht mehr Filme macht, er zu den wichtigen Vertretern des heutigen deutschen Films, die den Wandel der Gesellschaft hierzulande zwar stilisieren, aber auf innovative und kenntnisreiche Weise auch dokumentieren. Soul Kitchen ist sein bislang letzter Spielfilm. Viele Kenntnisse und Erfahrungen werden hier in Pointen untergebracht, deren Timing manchmal ein wenig verrutscht und die stellenweise ein wenig zu rudimentär sind, aber meistens sind optische und verbale Gags erstklassig und auf der Höhe der Zeit gefilmt. Beispiel für erstere Variante: Das gefickte Finanzamt. Für die zweite: Die gesamte Einbruchsequenz beim Immobilienmakler Thomas Neumann (Wotan Wilke Möhring). Die Figuren sind großartig, besonders die beiden griechischen Brüder spielen sich ansatzlos ins Herz des Zuschauers – wobei man wieder bewundern darf, wie Moritz Bleibtreu in eine südliche Mentalität schlüpft, als sei er nie etwas anderes als ein lockerer, ziemlich planloser Halbweltler griechischer Herkunft gewesen. Nur ein- oder zweimal zeigt er ein schiefes, spitzbübisch-sympathisches Lächeln, das eher deutsch-mitteleuropäisches Minenspiel ist und nicht hundertprozentig zur Rolle passt. Der Dreh unter der Regie von Fatih Akin muss jedenfalls viel Spaß gemacht haben.

Außerdem muss ein Film, der in Venedig den Silbernen Löwen für den Großen Preis der Jury gewonnen hat, mehr sein als eine manchmal etwas zotige Komödie um ein drittklassiges Restaurant, das unversehens zu einem In-Tempel mutiert. Das ist er in zweierlei Hinsicht. Er funktioniert als Hommage an eine wenn auch sehr speziell und szenig ausgeformte Gesellschaft, die aus verschiedenen Kulturen immer neue Ideen, Lebensmodelle und Sichtweisen kreiert und als Hommage an Hamburg, die traditionsreiche und gleichermaßen weltoffene Hafenstadt. Ob es dort zu einer Institution wie dem „Soul Kitchen“ kommen kann? Oder gibt es sogar ein reales Vorbild? Prinzipiell und aus Berliner Sicht geht sowas. Das Restaurant ist eine Hymne an eine neue Ökonomie, in der alles Begegnung, Vernetzung und Verschmelzung ist.

Bei aller Verliebtheit in die vielen witzigen Momente des Films hat Fatih Akin aus seinen ernsteren Arbeiten die Fähigkeit mitgebracht, stringent zu inszenieren und eine gute Dramaturgie zu schaffen, die viel mehr klassisches Erzählkino spiegeln als etwa den Autorenfilm deutscher Prägung. Der Plot ist logisch, unter Berücksichtigung der Charaktere, die nicht unbedingt auf rational und logisch handelt gepolt sind und dies wiederum so an den Zuschauer vermitteln, dass er damit einverstanden ist. Dass die griechischen Brüder immer geldknapp sind und es obenauf noch einen alten griechischen Bootsbauer gibt, der in Zinos alter Fabrikhalle zur Untermiete lebt, ohne zu zahlen, ist schon beinahe prophetisch, als habe Fatih Akin neben allen anderen Aspekten einen hellsichtigen Kommentar auf die Eurokrise abgegeben. Nein, das ist natürlich Unsinn, man vergisst leicht, dass dies alles 2009 noch kein Thema war, auch wenn der sorglose Umgang mit Geld, der den Film als eine von mehreren roten Linien durchzieht, durchaus scharf beobachtet und richtig zugeordnet scheint.

Dass die komischen Szenen aufgehen und Spaß machen, liegt weniger daran, dass die Gags an sich hochoriginell sind als daran, wie sie dargebracht werden. Damit sind wir ei der eingangs erwähnten Umsetzung. Die Präzision, Geschwindigkeit und die Schauspielerführung sind in der Regel sehr gut, es gibt weder Leerlauf, noch ist der Film überfrachtet, auch nicht stellenweise. Die Figuren sind nicht tief veranlagt und können daher keine Philosophien transportieren außer derjenigen des Regisseurs, dass auch das Chaos letztlich zu einem guten Ende führt. In der Realität könnten Menschen wie Zinos oder Ilias sicher kein Spitzenrestaurant führen, na klar, der Film ist auch ein Märchen, in dem running gags manchmal auch aufgrund von Dichtung funktionieren.

Der Bandscheibenvorfall von Zinos ist in der Realität nur dann denkbar, wenn jemand bewusst nicht zum Arzt geht. Schon 2009 herrschte bei Selbstständigen Versicherungspflicht, also nix mit keine Krankenkasse – und kam jemand den Zahlungen der Beiträge nicht nach, musste er trotzdem in akuten Notfällen wie einem Bandscheibenvorfall behandelt werden und die zuständige Krankenkasse musste die Kosten der Behandlung ausgleichen. Da die Versicherungslosigkeit von Zinos mehrmals erwähnt und für die Logik von Handlungselementen ge- oder missbraucht wird, kann man das nicht so stehen lassen. Die Pointierung der gewiss nicht perfekten deutschen Sozialwirklichkeit sollte nicht auf eindeutigen Fehlinformationen beruhen.

Finale

Von solchen Schwächen abgesehen, hat „Soul Kitchen“ Freude gemacht. Man wird nicht mit der Wirklichkeit konfrontiert, sondern nur mit Typen bekannt gemacht, die bei aller Schrägheit doch etwas Kreatives und Vorwärtgerichtetes haben und in gewisser Weise staatstragend sind.

Die Methoden und der sprachliche Umgang mögen sich geändert haben, doch am Ende steht wieder ein typisch deutsches Produkt wie das New Soul Kitchen, das auf Handwerkskunst fußt und ökonomisch funktioniert. Möge es immer so sein, dass ein begnadeter Artist wie der Kochtopf-Samurai Shayn (Birol Üner) vorbeikommt und kaufmännische Fehler ganz wunderbar in beinahe jeder Umgebung zu perfektionsgetriebenem Erfolg ummünzt, damit unser wenig planvolles Handeln am Ende nicht zu schlimmen Konsequenzen führt, sondern zu einem sterneverdächtigen Genuss ohne Reue.

70/100

Handlung, Besetzung, Stab und weitere Informationen in der deutschen Wikipedia und in der englischsprachigen IMDb.

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Fatih Akin
Drehbuch Fatih Akin,
Adam Bousdoukos
Produktion Corazón International
Musik Klaus Maeck,
Pia Hoffmann
Kamera Rainer Klausmann
Schnitt Andrew Bird
Besetzung

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s