Die Feigheit des Löwen – Tatort 924 #Crimetime 690 #Tatort #Hamburg #Falke #Lorenz #NDR #Löwe #Feigheit

Titelfoto © NDR, Christine Schroeder

Löwe, wo bist du?

Seit Kommissar Falke (Wotan Wilke Möhring) bei der Bundespolizei ist, mitgenommen hat er seine Co-Ermittlerin Lorenz (Petra Schmidt-Schaller), vollzieht er etwas, was andere Ermittler, auch wenn sie an ihre Stadt gebunden sind, längst drauf haben: Er ist unterwegs zwischen den Welten und den Ethnien aus jenen Welten, und da geht es recht geheimnisvoll zu und auch emotional, insbesondere zwischen den Ermittlern. Mehr zu all dem steht in der -> Rezension.

Handlung

In einem Park bei Oldenburg wird die Leiche eines Mannes aufgefunden. Der Deutsch-Syrer hatte offenbar Kontakt zu einem Schleuserring, den die Bundespolizei bereits länger observiert.

Kommissar Falke und seine Kollegin Lorenz ermitteln in der verschworenen deutsch-syrischen Gemeinschaft. Der Schrecken des Bürgerkrieges überschattet ihr Zusammenleben, denn viele der in Oldenburg lebenden Deutsch-Syrer haben Kriegsflüchtlinge aufgenommen. 

Rezension

Der Thorsten Falke ist nun, nach vier Tatorten, in diesem Land der seltsamen Verbrechen, hinterlegt mit oft noch seltsameren Motiven, angekommen. Wer von den gegenwärtigen Ermittlern wirkt als Cop so echt, so, wie wir ihn uns heute vorstellen, den Kriminaler, wie Falke? Nachdem die Altherrengarde beinahe komplett abgetreten ist, sind die meisten heutigen Kommissare an insgesamt 21 Tatorten (Stand Dezember 2014) alles Mögliche, aber nicht besonders glaubwürdig im Sinn von realitätsnah. Falke ist anders, er hat keine erkennbaren psychologischen Schäden, dafür raucht er in einer Bar mal ein Zigarettchen vor lauter Frust und gleich darauf siegt die Lust, natürlich etwas vom Alkohol befeuert hat er was mit seiner Kollegin Lorenz, so wirkt es wenigstens. Delikat, dass man es nicht ganz genau weiß. Aber ist es nicht natürlich, bei zwei Singles, die so viel miteinander arbeiten und sich offenbar auch sehr mögen? Nach der nicht ganz eindeutigen Nacht, die im Grunde ja doch eindeutig sein dürfte, ist sachliche Katerstimmung angesagt, konzentriertes Arbeiten also. Doch wer weiß, was die Zukunft bringt.

Das Team hat Potenzial, wie man so schön und abgegriffen sagt oder schreibt. Wir wählen diese Formulierung aber mit Bedacht. Zuletzt hatten wir uns so eindeutig zum Team Steier-Mey (Frankfurt) geäußert. Was aus diesen beiden wurde, ist bekannt und ärgerlich, aber sie hatten es trotzdem, das „It“. Mit etwas weniger Konstrast und nicht so düster von der männlichen Seite her rechnen wir das auch den aktuellen HH-Bundespolizisten zu.

Aber sind sie wirklich angekommen? Bleiben wir beim Vergleich mit den erwähnten Hessen. Die hatten nach vier Filmen schon Akzente gesetzt. Bis zum Ende der Kooperation, kein überragender Tatort entstanden, aber einige, die sich sehen lassen können. Und genau da besteht bei Falke / Lorenz bisher das Problem.

Das erste Aufklärungswerk namens „Feuerteufel“ war, legt man die Bewertungen beim Tatort-Funduszugrunde, von mittlerer Güte. Da waren die beiden Kommissare noch in Hamburg bei der normalen Kripo. Seitdem geht’s bergab, immer gemessen an den selbstverständlich subjektiven, aber in der Summe doch aussagekräftigen Statements und Punktevergaben beim Fundus.

Obwohl wir im Moment ziemlich kälte- und stressmüde sind, hatten wir keine Mühe, während „Die Feigheit des Löwen“ wach zu bleiben. Aber es lag mehr an den Ermittlern als am Fall. Die beiden sind irgendwie spannend. Die deutsch-syrische Story hingegen ergeht sich anfangs dermaßen in Andeutungen und Anspielungen, dass man sich hochgenommen fühlt. Vor allem passt das Verhalten, das die beiden syrischen Brüder anfangs zueinander haben, nicht zu dem, was wir später erfahren.

Und wie diese Zusammenführung zweier unterschiedlicher Ärzte-Brüder eingefädelt wurde, das ist zwar denkbar, wirkt aber, wie der gesamte Fall, hier sehr abstrakt. Es hätte uns schon interessiert, wie die Sache gelaufen ist, schließlich sitzen noch viele Menschen in Syrien fest, mitten im Bürgerkrieg, und für die hätte man diesen Tatort als Tipp und Trost auf den Weg bringen können, oder für die in Deutschland lebenden Landsleute zwecks Weiterverwendung. Aber nein, sachlich bleibt alles bis zum Ende sehr umwölkt, auch wenn der Fall nicht direkt unlogisch ist. Er spart sich  lästige Details und befreit sich dadurch von zu genauem Nachdenken seitens der Zuschauer.

Dafür aber bekommen wir eine vermutlich ganz einmalige Mordmethode vorgeführt. Die ist zwar fern jeder Hinterlegung, im Gegensatz zu den Ritualmorden, die es sonst so am Tatort zu bestaunen gibt, und ob sie funktioniert, können wir schwer beurteilen, aber wie immer in solchen Fällen denken wir: So ein Auftrieb, und wie viel banaler ist die Wirklichkeit. Mit solchen, nennen wir es mal Mätzchen, geht diesem Tatort jede Zentrierung verloren. Schon die vielen Gesten, die Mimik, das kryptische Zusammensein im Haus von Bruder Nagib, dem Arzt, der schon vor langer Zeit nach Deutschland ausgewandert ist, dies alles fordert die Schauspieler, weil so intensiv draufgehalten wird. Prinzipiell nichts dagegen, dass mal wieder mehr in Gesichtern gelesen als Ballerei vorgeführt wird. Aber dadurch, dass wir lange Zeit keine Ahnung haben, was eigentlich abgeht, wird’s irgendwann nervig, selbstzweckhaft, können die Reaktionen der Menschen nicht zugeordnet werden. So, wie es hier gemacht ist, fesselt das Geschehen auf der Ebene des eigentlichen Falles wenig.

Dafür gibt es einen schrecklichen Kindermord oder -tod im Kofferraum eines betagten W124. Im Grunde erschließt sich bis zum Ende nicht, warum der denn nun sein musste, und das ist der größte Mangel an diesem Film. Kann alles sein, vielleicht, man weiß es nicht, muss aber nicht, ist nicht zwingend. Die Handlung kommt mehr als undeutliches Raunen daher denn als klarer Thriller oder Whodunit oder was immer es an Mischformen gibt.

Manchmal denkt man schon, diese schwierigen ausländischen Themen sind in einem Tatort nicht so richtig zu verpacken. Die Ambitionen sind gerade bei diesen Filmen immer recht groß, aber dass wir wirklich etwas erfahren, das uns neue Einblicke in die Situation dieser Länder und ihrer Menschen vermittelt, kommt selten vor. Da sind uns die Thesenkrimis aus Köln lieber, in denen eindeutige Positionen bezogen werden und man immer wieder überraschende Details erfährt. Da geht es aber meist um Themen, die sich sehr akribisch darstellen lassen, weil das Wissen darüber breit gefächert ist. Am Dom haben sie diese Variante der Erwachsenenbildung ja nun aufgegeben und wir fanden es gut, dass neue Impulse gesetzt wurden.

Die braucht ein Team nach vier Filmen noch nicht, aber so langsam könnte mal ein Kracher durch das LED-Licht der Bildschirme gejagt werden. Wir wissen schon, wenn man einen einigermaßen ernsthaften Fall machen will, ist das heute ohne Rückgriff auf viele andere Filme kaum noch möglich, zu viele Erinnerungen an diesen oder jenen Tatort werden wach, beinahe gleich, was gerade geschieht. Also geht es nur über das immer neue und spannende Filmen an sich.

Finale

Bezüglich der filmischen Konsequenz bleibt „Die Feigheit des Löwen“ einiges schuldig, auch wenn wir ihn zum Abschluss der Rezension höher bewerten werden, als es der Fundus-Durchschnitt hergibt. Die Bildmomente sind teilweise stark, die Schauspieler fähig. Sie müssen hier aber eine griffige Fallgestaltung ersetzen, und das bedeutet, die Form folgt nicht der Funktion, sondern steht ein wenig verloren allein.

Wir wollen nicht den auktorialen Tatort zurück und wir sehen die Welt auch als einen Ort voller Fragezeichen, dem besprochenen Werk gemäß. Doch echte Spannung resultiert aus der Möglichkeit, mitzugehen. Zum Rätseln bietet „Die Feigheit des Löwen“ zu wenig Anhalt, die thrillig-emotionale Seite verpufft in Einzelszenen. Um nichts wegzulassen, hat an sich intensiv des Kind-Faktors bedient, um die Zuschauer zu gewinnen, aber so richtig hat das bei uns nicht geklappt. Ach ja, der Löwe war möglicherweise an Folterungen in einem syrischen Gefängnis beteiligt, also der möglicherweise böse Bruder. Aber stimmt das alles?

6/10

© 2020, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Thorsten Falke – Wotan Wilke Möhring
Hauptkommissarin Katharina Lorenz – Petra Schmidt-Schaller
Cornelius Shuk – Alireza Bayram
Dr. Evers – Brigitte Kren
Faisal Azim – Tamer Yigit
Harun – Navid Negahban
Jan Katz – Sebastian Schipper
Lydia – Karoline Eichhorn
Nagib – Husam Chadat
Raja – Daniela Golpashin
u.a.

Drehbuch – Friedrich Ani
Regie – Marvin Kren
Kamera – Armin Franzen
Schnitt – Lars Jordan
Ton – Benjamin Schubert
Musik – Johannes Lehninger, Peter Schütz

 

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