Viktualienmarkt – Tatort 438 #Crimetime 689 #Tatort #München #Muenchen #Batic #Leitmayr #BR #Viktualienmarkt

Crimetime 689 - Titelfoto BR

Naschen verboten?

Die folgende Handlungsangabe ist ein Hit und außerdem essenziell. Sie enthält Dinge, die wir im Film nicht einmal ansatzweise sehen und so auch nicht erzählt bekommen, als Vorab-Erklärung, damit die verschwommen oder verwischt in Zeitlupe gefilmten ersten Szenen nicht bis zum Schluss interpretationsfähig bleiben. Schade, weil sich die Fähigkeit der Interpretation für Menschen, die ein wenig Fantasie mitbringen, von selbst verstehen dürfte. Es gibt natürlich noch mehr zum 438. Tatort zu schreiben, es steht in der -> Rezension.

Handlung

Sommer 1978. Christian, Luise und Bernadette rasen nach einem Discobesuch angetrunken durch die Nacht. Sie halten an und nehmen einen Tramper mit. Winni macht sich auf dem Rücksitz an Luise heran. Luise spielt mit, um Christian eifersüchtig zu machen und ihre schöne Schwester Bernadette zu provozieren. Die Atmosphäre im Auto ist zum Zerreißen gespannt. Christian verliert die Kontrolle, der Wagen fliegt aus der Kurve und überschlägt sich. Winni ist schwer verletzt. In ihrer Panik vertuschen die drei den Unfall. Winni stirbt und wird in der Morgendämmerung begraben.

Viktualienmarkt heute. Christian und Luise haben geheiratet. Zusammen mit Bernadette erwirtschaften sie inzwischen ihren Lebensunterhalt als brave Standler auf dem idyllischen Münchner Obst- und Gemüsemarkt. Hier kaufen Einheimische und Touristen aus aller Welt. Doch der Unfall von damals überschattet das Leben der drei Standlleute. Luises Ehe ist unglücklich, Christian trinkt. Bernadette hat heimliche Spielschulden. Da wird bei Bauarbeiten an der Bundesstraße zur Wallfahrtskirche von „Maria Gnaden“ das Skelett von Winni gefunden. Die Münchner Kriminalhauptkommissare Franz Leitmayr und Ivo Batic stehen vor der schier unlösbaren Aufgabe, anhand der Knochenfunde die Umstände seines Todes zu ermitteln. Franz Leitmayr beauftragt Prof. Kratzer, einen renommierten Pathologen mit exotischen Seiteninteressen, mit der Spurenanalyse. Ivo Batic hält nichts von der Koryphäe Kratzer und konzentriert sich neben der mühsamen Recherchearbeit auf seine Kochkünste. Er will Mitglied in Münchens angesehenem Gourmet-„Club der Topfgucker“ werden. Natürlich ersteht Batic die besten Zutaten am Viktualienmarkt. Aber trotz der allseits gegenwärtigen Unterstützung von Seiten Carlo Menzingers scheint Batics Ziel in immer weitere Ferne zu rücken. Wäre da nicht Leitmayrs Hang, genauer hinzuschauen, Gerüche und Gerüchte zu erschnüffeln.

Die jahrelang erzwungene Ruhe zwischen Christian, Luise und Bernadette ist dahin. Das bemerkt auch Bernadettes langjähriger Verehrer Hans Riedl, dessen Anteilnahme an den weiblichen Mitgliedern der Familie sowohl von erotischen als auch von pekuniären Interessen getragen ist. Von einem Tag auf den anderen aber steht der 21-jährige Sohn Andi im Brennpunkt der hitzigen Auseinandersetzungen zwischen Christian, Luise und Bernadette. Denn Andi, der in jener Nacht gezeugt wurde, ist Luises Sohn und dem toten Winni wie aus dem Gesicht geschnitten. Eines haben sich die drei damals geschworen: Andi darf von den Ereignissen in jener Nacht nie etwas erfahren. Andi versucht die Geheimnisse seiner Vergangenheit entgegen aller Widerstände zu entwirren. Doch auf tragische Weise wiederholt er schicksalhaft die Tat jener Nacht, die Christian die Nachwelt für immer vergessen machen wollte.

Rezension 

Der Rest wird im Film selbst sehr ausführlich erklärt, was bei diesem Plot vielleicht notwendig ist, aber manchmal überdehnt wirkt. Aber „Viktualienmarkt“ ist ein echt Münchener Qualitätstatort. Da es von dieser Sorte aktuell schon so viele gibt, kann man sogar Sub-Subgenres ausmachen. Oder Subgenres³. Da ist zum einen der Krimi als Whodunit, so sind die allermeisten Münchener Tatorte aufgebaut, wie die meisten anderen Episoden in anderen Städten, dann München als eine Reihe von Sage und Schreibe 84 Filmen innerhalb der Reihe. Wir meinen jetzt nur die Filme, die mit den Ermittlern Batic und Leitmayr ab 1991 gemacht wurden. Nächstes Jahr feiern sie ihr 30jähriges Dienstjubiläum.

Ein Subgenre ist das Münchener Schickimicki-Sub, zu dem wiederum die alteingesessenen Edelgastwirte, Brauer und natürlich die Viktualienmarkthändler*innen rechnen. Deshalb gibt es auch Tatorte, die sich mit dem Braugewerbe, mit dem Oktoberfest oder eben mit dem Viktualienmarkt befassen. München ist wirklich eine sehr konzeptionell angelegte Tatort-Schiene, und das passt gut. Weil es strategisch wirkt.

Etwa so, wie die bayerische Wirtschaftspolitik, die sich in den letzten Jahren als einzige in Deutschland diesen Begriff verdient hat. Dass Batic da einmal von schlechten Zeiten spricht, wirkt schon recht abstrakt, wenn man sieht, was 1998 auf dem Viktualienmarkt schon feilgeboten wirt. Damals mit satirischer Wirkung, aber Warenvielfalt, Exklusitivität, Qualität und überzogener kulinarischer Pomp liegen eben oftmals recht dicht beieinander. Trotzdem macht es viel Spaß, beim Handeln mit exotischen Früchten, bei denen eigentlich nur die Herkunft und die spezielle Sorte exotisch sind, zuzuschauen.

In dieses Szenario hat man sehr schön die gehobene Gastronomie, die streikende Polizeikantine und Ivo Batic als Topfgucker-Aspirant eingebunden. Und die sind keine Erfindung. Auch das lässt die Bayerischen Tatorte so fett daherkommen. Der Viktualienmarkt, echt. Die Topfgucker, echt. Der Großmarkt, auch echt. Das ganze Gepräge wirkt fülliger als anderswo. Auch wenn die Münchener Tatorte immer kritisch daherkommen und mit Ironie an die Besonderheiten in der kaufkräftigsten (Groß-) Stadt Deutschlands herangehen, im Grunde ist das alles Werbung.

Exzellente Werbung. Und die Qualität der Tatorte merkt man auch daran, dass zum Beispiel „Viktualienmarkt“ schon klar das visuelle Gepräge der 2000er hat, obwohl 1998 gedreht. Würden Ivo und Franz einen moderenern 5er-BMW fahren würde kaum auffallen, dass der Film schon mehr als 20 Jahre auf dem Buckel hat. Auch das ist typisch bayerisch: Immer der neueste Fünfer für die Kommissare. Einen Unterschied zu heute gibt es aber: Der Wagen wirkt zeitweise verstaubt. Nicht etwa nach einem Ausritt ins Gelände kunstvoll verspritzt, sondern wie bissl nachlässig behandelt. Das lässt die Marketing-Abteilung von BMW heute nicht mehr zu und dass das so ist, passt ja auch in die heutige Tatort-Bildgestaltung, die sich stark der Werbung angenähert hat. Man sieht also schon Unterschiede in Schnitt und Optik gegenüber aktuellen Filmen, aber man empfindet die Machart nicht per se als veraltet.

Die Gags hingegen sind bis ins Detail ausgearbeitet, das kann man auch heute nicht besser. Deswegen hat der BMW von Ivo und Franz auch „VM“ als Buchstaben hinter dem Stadtkennzeichen für München.

Die  Handlung ist konventionell, nicht nur wegen der klassischen Plotgestaltung, sondern auch wegen dem Familiendrama im Zentrum. Nicht alles wirkt komplett logisch. Nun steht „Viktualienmarkt“ aktuell etwa auf Rang 240 von über 1000 Tatorten in der Liste des Tatort-Fundus. Aber nur auf Platz 31 von 76 bei den Münchenern. Daran kann man schon sehen, welch ein Renommee die Bayern-Cops haben. In der Nähe hält sich übrigens auch „Frau Bu lacht“ auf, der nach Meinung der Kritiker einer der besten Münchener ist, und ich sehe ebenfalls einen deutlicheren Abstand zu dem eher durchschnittlich geplotteten „Viktualienmarkt“. Die Christopherusfigur ist ebenso nicht hundertprozentig durchdacht wie der Unfall in 1978 mit seinen Folgen, aber vor allem wirkt das Familienszenario nervig.

Das ist natürlich keine objektive Bewertung und Familienmenschen werden darin vieles erkennen, was sie kennen. Aber es hat nicht nur mit der Handlung, sondern auch mit den Figuren zu tun. Der Stiefvater von Andi ist eine Karikatur, der Junge selbst, dachte ich zunächst, wird von Sebastian Bezzel gespielt, als er noch nicht in Konschtanz war. Stimmt von der Optik schon nicht ganz, aber vom Ausdruck ist da eine große Ähnlichkeit.

Die Schwestern sind besser ausgeformt und keine Frage, dass Carin C. Tietze attraktiv ist. Aber man hat sie wohl auf älter geschminkt und wie jemanden aussehen lassen, der 20 Jahre Ehe mit einem Säufer hat aushalten müssen. Das hat was Eigenes, besonders in einer Einstellung im Profil, und nur so kommt eine Glaubwürdigkeit halbwegs zustande, was die Mutterschaft bei einem 20jährigen angeht (hätte die Figur das Alter der Darstellerin, wäre sie bei der Zeugung 14 Jahre alt gewesen).

Die Schwestern sehen einander nicht sehr ähnlich und Sissi Höfferer spielt Bernadette so, dass es  zum Nerv-Faktor beiträgt. Natürlich sind Süchtige aller Art nicht besonders leicht zu ertragen, aber da sträubt sich doch der Kaufmann im Rezensenten, wie sie die Kasse immer leerräumt und auf Pferde setzt. 

Sportwetten können ein Hobby sein, aber es ist unrealistsch, damit dauerhaft einen Nebenverdienst zu erwirtschaften. Zum anderen hätten es die Viktualienmarkt-Schwestern doch nicht nötig und bringen ihren ganzen Wohlstand in Gefahr. Die eine, weil sie es macht, die andere, weil sie es ahnen muss, aber lange nicht dagegen vorgeht. Aber eine Rolle spielt auch das interne Verhältnis, das ist die alte Unfallsache, die das Schicksal der Königs offenbar wirklich verdunkelt hat, weil Gott eben alles sieht, auch das Beseitigen von Leichen – obwohl es sich nicht um ein Tötungsdelikt gehandelt hat. Im Gegenteil, der Tote war auch noch Kirchenräuber, der hatte es verdient, wie der Pfarrer weiß.

Auch wenn die Story, die sich bei Ivo gleichzeitig mit den Topfguckern abspielt und überhaupt das ganze Fressaliending nett sind und den Kommissaren viel Raum zum Aufspielen gibt, die Familie hätte mehr davon benötigt, um psychologisch besser ausdifferenziert zu werden. So wirkt alles ziemlich schablonenhaft und eben doch vom Reißbrett, wenn auch auf Münchener Reißbrett-Niveau – das, was auf dem Reißbrett entsteht, wird gut ausgeführt.

Was die Spielkunst der Ermittler angeht – da hat es bei mir ja eine Art Entwicklung in der Beurteilung gegeben, die damit zu tun hat, dass ich mittlerweile ihre Anfänge kenne und weiß, dass die beiden üben mussten, um ihr Niveau der 2000er zu erreichen, besonders auf Udo Wachtveitl trifft das zu und demgemäß frage ich mich mittlerweile immer, was ist gespielt, was ist entgleiste Naturmimik, und von Letzterem, vermutungsweise, gibt es auch hier wieder einiges zu sehen. Deswegen gibt es nicht wenige Stimmen, die Michael Fitz alias Carlo Menzinger als den besten Schauspieler von den dreien ansehen und seinen Abgang, der etwa 2006 stattfand, sehr bedauert haben. Mittlerweile, als Weißschöpfe, sind die beiden verbliebenen Cops aber Ikonen geworden und wirken durch diese Aura von Erfahrung. Sie haben überlebt, fast alle anderen haben sie überlebt. Außer Lena Odenthal, die ist noch zwei Jahre länger dabei, wirkt aber mittlerweile oft ziemlich verlassen in ihren eigenen Filmen.

Fazit

„Viktualienmarkt“ ist einerseits wieder eine hübsche kleine Show, andererseits zu arm an echten Emotionen und Höhepunkten. Da gibt es ein paar Elemente, die anziehend wirken, ein wenig eigenartig auch, aber wenn ich „Viktualienmarkt“ mit den Spitzentatorten der Münchener vergleiche, fällt er doch mindestens zum zwei Punkte im Zehner-Schema ab.

6,5/10

© 2020, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Sissy Höfferer (Bernadette König) · Carin C. Tietze (Luise Schaller) · Florian Fischer (Andi Schaller) · Erich Hallhuber (Hans Riedl) · Michael Degen · Wilfried Labmeier (Christian Schaller) · Gerd Fitz (Pfarrer Koschel) · Ernst Cohen · Winfried Frey · Cordula Bachl-Eberl · Werner Zeussel · Susanne Michel · Nate Seids · Josef Moosholzer · Traudl Oberhorner · Stefan Born

Drehbuch – Ingmar Gregorzewski
Regie – Berthold Mittermayr
Kamera – Gerhard Hierzer
Schnitt – Karin Fischer
Musik – Georg Mittermayr, Christian Anders: «Geh nicht vorbei»

 

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