Undercover-Camping – Tatort 374 #Crimetime 691 #Tatort #Hamburg #Stoever #Brockmöller #NDR #Camping #Undercover

Crimetime 691 - Titelfoto © NDR

Leider hat mir ein trauriges Ereignis die Möglichkeit beschert, diesen Hamburger Tatort anzuschauen und zu rezensieren: Der Tod von Manfred Krug (Oktober 2016). Ist er wirklich der beste Stoever-Brockmöller-Tatort, für den ihn viele Fans halten? Das wird geklärt in der -> Rezension.

Handlung

Hamburg im Frühling: Hauptkommissar Stoever drückt völlig entnervt die Schulbank. Er will seine Englischkenntnisse vertiefen, um mit seiner neuen Flamme, der Londoner Kommissarin Sally Braxton, besser „Süßholz“ raspeln zu können. So sieht es jedenfalls der eifersüchtige Kollege Brockmöller. Da kommt der Leichenfund auf einen Campingplatz gerade recht, und Brockmöller muß Stoever nicht lange überreden, die Schule zu schwänzen. Der Preis: Stoever soll sich inkognito als Barpianist Paul R. Gründel unter den merkwürdigen kleinen Haufen von Dauercampern mischen, um Licht in den Mordfall zu bringen. Im Luxuswohnwagen rollt Stoever an und erregt damit beim Fleischermeister Hackel Aufsehen. Dessen Frau Fricka stürzt sich auf den „Neuling“, um für sein leibliches Wohl zu sorgen. Zum harten Kern dieser Gesellschaft gehören ebenfalls der Platzwart und ehemalige Polizist Böhlich, sowie dessen Lieblingsstreitpartner Robert Wagner, fanatischer Öko- und Brokdorf-Veteran.

Auf dem Platz wohnt ebenfalls die attraktive Anthropologin Dr. Gina Schmitt. Ihre Feldforschung in Sachen Dauercamper treibt sie bis ins Bett eines ihrer männlichen Forschungsobjekte. Während Brockmöller offiziell ermittelt, sucht Stoever nach möglichen Motiven. In den Mittelpunkt des Interesses rückt dabei auch die Ex-Geliebte des Mordopfes: Sofie, ein haltloses junges Mädchen, das von Fricka mütterlich umsorgt wird. Ebenfalls bemüht um Sofie ist der angebliche Deutschlehrer Kott, der auf dem Campingplatz sein Unwesen treibt. Der Gang der Ermittlungen stockt und eine weitere Mordtat kann nicht verhindert werden. Doch dann ziehen sich die Fäden zusammen – mit einem für alle überraschenden Ergebnis.

Rezension

Mich hat es gewundert, dass dieser Tatort nicht in der Retrospektive gezeigt wurde, die der NDR in den letzten Jahren seinem einstigen Parade-Team zuteil werden ließ. Fraglos ist das ein wunderbarer Film, gerade weil er noch so traditionell daherkommt. Das passt gut zu dem Milieu, in dem er spielt, und an diesem hat sich in den zwanzig Jahren seit der Herstellung von „Undercover Camping“ nicht so viel geändert. Meine Kenntnisse stammen aus Berlin und Potsdam. Es gibt hier zwar wenige Campingplätze, aber viele Kleingartenkolonien, deren Namen auf „Ehrliche Arbeit“, „Eintracht“ und „Rübezahl“ lauten – leider sind die genannten Kolonien allesamt zum Abbruch bestimmt worden, weil sie Großbauprojekten im Weg stehen (zwei Drittel der Berliner Kleingartenkolonien, ca. 600 von 900, genießen allerdings dauerhaften Bestandsschutz).

Mir wurde schon das Vergnügen zuteil, solche Kolonien besuchen zu dürfen und daher kann ich den Dauercamper als solchen ein wenig verorten, Ähnliches gilt für kleine Wochenendhäuser an Seen um Berlin herum. Der neuere NDR-Tatort „Erntedank e. V.“ ist  an den Kleingartenkolonien noch näher dran, aber er hat die für die Hannoveraner Schiene typische Top-Down-Filmweise, die bei weitem weniger vergnüglich ist als die Idee, schrullige und etwas spießige Menschen trotzdem mit einem gewissen Respekt zu behandeln, die in „Undercover Camping“ umgesetzt wird.

Was in Filmen immer unrealistisch ist: Die enorme Diversität des Publikums. Das entspricht der Tendenz zur Verdichtung in diesem Medium, aber nicht der Benutzerschaft eines realen Campingplatzes, zudem verhindert es, dass die parodistisch auswertbare Monotonie und das Paradoxe am Campen voll ausgespielt werden können. Menschen suchen in der Freizeit Weite, um sich genau wieder mit den Leuten zu treffen, mit denen sie sich im Alltag  vorzugsweise  umgeben. Der Camper aber ist, wie wir lernen, romantisch, naturverbunden und ordnungsliebend. In seiner gehobenen, ortsfesteren Variante ist er auch Ferienhausbesitzer in Spanien und trifft sich in  künstlich angelegten Dörfern mit Kanälen mit ihm ähnlichen Mittelständlern aus der  Heimat, möglichst aus demselben Bundesland.

Die gedoppelte Idee des Undercover-Camping ist sehr gut. Wir sehen häufiger Tatort-Polizisten als Undercover-Ermittler, mal mehr, mal weniger überzeugend. Stoevers Brocki zum Beispiel als Patient in  „Das Experiment“. Aber dass auch ein Verbrecher undercover geht, weil der Tod seines einstigen Komplizen, der Anlass für die Ermittlungen ist, auch ihn aufgescheucht hat, ist schon besonders. Sicher hätte man da manches noch witziger ausspielen können, aber dann wäre die Ähnlichkeit mit den heutigen Münster-Tatorten noch größer geworden und vor allem hätte der Briefmarkensucher weniger bedrohlich gewirkt. Schließlich resultiert die Spannung bei dieser interessanten Mischung aus Howcatchem und Whodunit eher aus dessen Verhalten denn aus Stoevers und Brockmöllers Vorgehensweise, die letztlich eher zufällig zum richtigen Ergebnis führt.

Dieses Ergebnis wirkt ziemlich weit hergeholt, aber es musste ja Täterperson geben, die sich nicht sofort verdächtig gemacht hat, und zumindest bezüglich des Tatablaufs ist die Auflösung nicht weiter zu beanstanden. Psychologisch schon eher, aber ohne die  ziemlich herbeizitierte Motivlage hätte man den Film nicht so schön dehnen können.

Zur Dehnung tragen auch die Gesangseinlagen bei, die Stoever einmal mit Brockmöller und einmal alleine abliefert. Bei ersterer Variante habe ich mich gefragt, warum Paul Gründel (sehr guter Undercover-Name) alias Paul Stoever, der Barpianist (sehr guter Beruf für die Undercover-Biografie, bei Manfred Krug) nicht spielt, als sein Job im Campingplatz-Lokal erstmalig thematisiert wird, sondern stattdessen eine recht künstlich angelegte Situation mit Brockmöller dazu nutzt.

Die Antwort ist jedoch so schwer nicht zu geben: Weil er eben mit seinem Kumpel-Co-Ermittler zusammen auftreten soll, ansonsten hätte es in diesem Film keine Plattform für einen gemeinsamen Gig gegeben. Und natürlich, damit Sprüche wie „Die Tasten kommen immer noch hoch, da könnte man neidisch werden“ ans Publikum weitergegeben werden können. Der Gag hat sich mir erst im Nachgang erschlossen, aber immerhin. Man hätte früher darauf kommen können, wenn man bedenkt, dass Stoever und sein Kollege sich auch übers Altern und die Möglichkeit, trotzdem auf Frauen attraktiv zu wirken oder eben nicht austauschen bzw. Stoever gegenüber seinem Freund übergriffig wird. Es stimmt aber, Manfred Krug sieht jünger aus als Charles Brauer, und zwar mehr als das eine Jahr, das er tatsächlich jünger ist. Ob er auch eher einen Frauentyp darstellt, ist Geschmacksache. Der nette und auch nett aussehende Brauer und der kernige, körperlich sehr präsente Krug sind eben sehr unterschiedliche Typen.

Wie auch immer, die Sprüche gehören zu den  Highlights dieses Films. Neben dem oben genannten sind meine Lieblinge:

„English is a window to the world“
“Ich steh im Matsch and I love you so much.”
“Ich hab ein unkündbares Pech-Abo.”
„Das Leben ist wie ein Caravan ohne Räder. Wir sind alle Dauercamper auf der Prärie unserer Träume.“

Das Pseudo- und Alltagsphilosophische gehört mit  zum Besten, was ich in über 500 Tatorten gesehen habe und dabei kommt ein wenig Wehmut auf: Außer vielleicht in Münster ist ein Film wie dieser heute undenkbar. Die Bedeutungsschwere, die Humorlosigkeit, der gewandelte Zeitgeist verunmöglichen solche lockeren Dialogsätze und auch die Art von Manfred Krug, sie eben flockig und gleichzeitig wie gewollt auswendig gelernt, sehr prononciert ausgesprochen einzuwerfen. Diese Art, mit Lautstärke und Betonung den Sinn und das Seichte an solchen Sätzen zu ironisieren, ist einmalig und gehört zu den Merkmalen, die Krug zu einem besonderen Schauspieler gemacht haben.

Das bedeutet auch, dass ein Tatort wie „Undercover Camping“ trotzdem zeitlos ist. Weil die Campingszene immer noch existiert, aber auch, weil die konservative Art zu  Filmen, die alle Hamburger Tatorte der Stoever-Brockmöller-Ära aufweisen, in einem Werk wie diesem nicht altmodisch, sondern klassisch wirkt. Und ist nicht das Campen eine Art von Alltagsphilosophie, die sich in Sinnsprüchen manifestieren kann? Es gibt im Zusammenhang mit dem Campingwesen gewiss Dinge, die man hätte besser machen können – so ist es zum Beispiel bei der Anzahl der Figuren nicht möglich, sie alle schauspielerisch hervortreten zu lassen, und vielleicht wären auch nicht alle Darsteller in der Lage gewesen, mehrdimensionale Rollencharaktere  mit wenigen Sätzen darzustellen, aber die Stereotypen müssen bei einem solchen Film einfach sein, siehe oben – Verdichtung. Und Klischees helfen nicht selten, Klarheit und Pointierung zu fördern – das gilt auch für Stoevers Englischkurs, der keineswegs konstitutiv für diesen Film ist, aber gut ins Bild von einer Welt passt, in der Weltläufigkeit immer etwas Verschobenes haben muss.

Finale

Ich habe schon lange nicht mehr bei einem Tatort so lachen können wie bei „Undercover-Camping“ und hatte schon lange nicht mehr so sehr das Gefühl, dass ein Film der Reihe Witz, Ironie und Menschlichkeit so sehr vereint. Die Spannung leidet naturgemäß eetwas unter dieser Priorisierung, aber den Münster-Tatorten wirft man diesen Effekt ja auch nicht vor.  Mit den Figuren Stoever und Brockmöller konnte man viel Spökes machen und es ist deutlich sichtbar, dass die Darsteller, besonders Manfred Krug, der in diesem Film naturgemäß sehr viel Text sprechen darf, ihren Spaß daran hatten. Auch die Schlussszene ist sehr gelungen und bezieht sich auf Berliner und Hamburger, womit ich natürlicherweise etwas anfangen kann. In Wirklichkeit kommt Charles Brauer aus Berlin, während Krug nicht weit von meinem Berliner Kiez nach seiner Ausreise aus der DDR ansässig geworden ist. Ich beschreibe die Szene aber nun nicht und zitiere nicht den Dialog daraus, die oben erwähnten Zitate reichen aus, um die Stimmung des Films zu beschreiben.

Ist „Undercover Camping“ nun der beste Stoever-Brockmöller-Tatort, das Highlight innerhalb einer seinerzeit rekordverdächtigen Reihe von 38 Filmen? Zumindest habe ich keinem von ihnen vor diesem  8,5/10 geben können, obwohl ich die Figuren der beiden Kommissare richtig gerne mag. „Undercover Camping“ ist mehr als nur ein Beispiel für den Flow der späten Stoever-Brockmöller-Zeit, in der unter anderem die Gesangseinlage unabdingbar war.

© 2020 (Entwurf 2016) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Stoever – Manfred Krug
Kommissar Brockmöller – Charles Brauer
Jan Kott – Sven Martinek
Dieter Kahlscheid – Albrecht Ganskopf
Dr.Gina Schmitt – Irene Rindje
Robert Wagner – Michael Weber
Sofie – Theresa Hübchen
Stefan Struve – Kurt Hart

Buch – Michael Illner
Regie – Jürgen Bretzinger

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s