Leiche im Keller – Tatort 179 #Crimetime 692 #Tatort #Hamburg #Stoever #Brockmöller #NDR #Leiche #Keller

Crimetime 692 - Titelfoto © NDR 

Zwei Brüder, zwei Ermittler, zwei Leben

„Leiche im Keller“ ist in zweierlei Hinsicht besonders – zum einen wegen der Doppelrolle, die Holger Mahlich als ungleich-gleiches Brüderpaar spielt, andererseits, weil KHK Paul Stoever (Manfred Krug) in der Folge 179 den KHK Peter Brockmöller (Charles Brauer) an die Seite gestellt bekommt. Das geschieht ganz unprätentiös. Warum es den zweiten Ermittler jetzt gibt, wird nicht erklärt, dafür hat dieser einen Touch von Privatleben in Person einer Tochter, die Geld für eine Griechenland-Reise abkassiert. Was sonst zur Stoever-Brockmöller-Premiere zu schreiben ist, steht in der -> Rezension.

Handlung

Herbert Koslowski, Beifahrer und Bewacher eines Geldtransports, raubt diesen aus. Im Streit um die Beute tötet er seinen Zwillingsbruder Karl, der ihn zu der Tat angestiftet hat. Danach schlüpft Herbert in die Rolle seines Bruders, um an dessen Stelle ein ruhiges, unerkanntes Leben zu führen. Daß Karl minderjährige Mädchen zur Prostitution gezwungen hat, kann er nicht ahnen. Erst als sich ein Erpresser bei ihm meldet, begreift Herbert, daß er vom Regen in die Traufe gekommen ist.

Auch Kommissar Stoever und sein Kollege Brockmöller ahnen lange nicht, wer hier wer ist. Als Stoever am Hals des Lebenden eine Kette entdeckt, die auf der Haut des Toten einen bleibenden Abdruck hinterlassen hat, kann er die Verwechslung aufdecken und den Täter entlarven. Bis es jedoch so weit ist, gibt es einen weiteren Toten: Herbert entledigt sich seines Erpressers.

Rezension

Das Paar wurde so erfolgreich, dass auch in anderen Tatortstädten in der Folge vorwiegend Duos ins Rennen geschickt wurden, wenn ein neues Team entwickelt wurde. In der Folge 179 hat Brockmöller noch keinen Schnauzer, Stoever trägt noch keine bunten Schlipse und karierten Jacketts, die Cops machen keine Musik und sind noch ziemlich asymmetrisch aufgestellt. Musik gibt es trotzdem eine Menge.

Unter anderem die Musik trägt viel zum 80er-Feeling von „Leiche im Keller“ bei. Der Score besteht aus damals typischer, preisgünstiger E-Variante mit dominierendem Keyboard. Heute undenkbar, einen Tatort so zu scoren, weil einerseits zu aufdringlich, andererseits zu monoton. Aber es gibt noch so viel Zeittypisches. Die Frauen, die sich offenbar alle an Nena orientierten, hatten Haare unter den Achseln, in Restaurants wurden dicke  Zigarren gequalmt, ein Porsche 928S stellt den Gipfel der   deutschen Autobaukunst dar und es gab natürlich keine Mobiltelefone, wohl aber ein für die Zeit hochmodernes schnurloses Gerät im Backsteinformat und vermutlich von ähnlichem Gewicht.

Aber es gab auch „Life is Life“ zu hören, und das war und ist bis heute ein Smash-Hit in der Übergangszeit zwischen Discobesuchen und Clubbing, herausgekommen in dem Jahr, in dem der Film gedreht wurde.

Dieser Musiktitel passt ganz gut zum Film.  Wie das Leben eben spielt, das kann man hier intensiv, ab und zu ein wenig in Zeitlupe, gemessen an heutigen Tatorten, beobachten. Es gibt keine überflüssigen Mätzchen und kein postuliertes Thema. Selbstverständlich hat auch dieser Tatort eine klare Haltung, aber sie wird in schönster traditioneller Art gezeigt, nicht erklärt. Unrecht Gut gedeihet nicht, wäre eine ganz platte Reduzierung, die mindestens auf die Hälfte aller Tatorte zutrifft, aber es ist ein Aspekt.

Der andere ist das Geld als solches. In den Sendern saßen viele Menschen, die mit der Kohl-Ära unzufrieden waren und etwas wahrnahmen, was sich in Relation zu heutigen Verhältnissen als geradezu gemütliche Reduktion der Sozialromantik erweisen sollte: Die soziale Kälte, die von der Opposition angeprangert wurde. Die Orientierung am Materiellen. Es gab sie nicht, die „geistig-moralische Wende“, die ein Slogan von Helmut Kohl um die Zeit des Machtwechsels herum war. Es gab lediglich eine Verflachung, eine relative Entpolitisierung und die Tendenz, seinen eigenen Kram zu  machen, und das gerne auch mal um jeden Preis.

Ein ganz typischer Vertreter der neuen Zeit ist dieser Karl Koslowski, er hat zwar einen traditionellen Vornahmen, geht jedoch der hedonistischen Arbeit eines Fotografen nach, der sich mit dem Ablichten von jugendlichen, weiblichen Fotomodellen beschäftigt, führt ein großes Haus als Alleinstehender, übernimmt sich gerne mal finanziell und ist, obwohl das begrifflich nicht erwähnt wird, aufgrund seiner Arbeit ein guter Zuarbeiter für die entstehende Kinderporno- und Menschenhandel-Industrie. Ein Hedonist ohne jegliche Werte, das merkt man gleich.

Dann gibt es den Bruder Herbert. Der ist auch mit Geld befasst, aber anders. Er fährt täglich Millionen in seinem Geldtransporter spazieren und ist kein so schlimmer Typ wieder Bruder, schon gar nicht, weil er seinen eigenen Transporter überfällt und 1,93 Mio. DM mitgehen lässt, das war 1986 mehr als die heutige Summe in Euro. Gemäß Aussage seines Bruders ist er ein Looser und diese Festlegung bestimmt denn auch den Gang der Dinge.

Unabsichtlich tötet er seinen Fahrerkollegen mit einem dicken Pflaster auf dem Mund, weil dieser falsch atmet und durch den offenbar kollusiven Kontakt mit seinem Bruder gerät alles erst auf die richtig schiefe Bahn. Handlungstechnisch finden wir diesen Kontakt nicht sehr gut hergeleitet. Die beiden können nicht miteinander, aber Herbert will tatsächlich mit Karl die ganze Beute teilen, nur, weil dieser ihm einen falschen Pass für die geplante Absetzung ins Ausland besorgt. Herbert hätte dem Bruder mal zeigen können, was ne Harke ist, indem er ohne hin handelt. Später, als er selbst merkt, dass die Dinge aus dem Ruder laufen, benutzt er diesen Pass nicht einmal, um das Weite zu suchen, sondern fährt sich in den Problemen fest, die der Raub und die weiteren Entwicklungen mit sich bringen.

Es kommt nämlich so, dass der Bruder gerne das ganze Geld hätte und dafür sogar bereit ist, Herbert um die Ecke zu bringen; im Handgemenge passiert das Gegenteil und Karl wird im Basement einer alten Fabrikhalle beerdigt. Naheliegend, dass Herbert die Identität des Bruders annimmt, weil dessen Leben doch viel netter schien als sein eigenes und auch psychologisch ist es nachvollziehbar, sich des Bruders, der immer der Stärkere war, auf diese Weise zu bemächtigen – in einigen Dialogsätzen kommt diese Haltung zum Ausdruck. Dummerweise ist das Leben von Karl aber nicht so lustig gewesen, sondern voller dunkler Machenschaften, die auf der sexuellen Ausnutzung von Minderjährigen basieren. Dadurch wird er von einem auch im echten 80er-Outfit daherkommenden Gauner namens Charly Strauch (eine schöne, kleine Rolle für den Darsteller Nicolas Brieger) erpresst und die Konfrontation mit diesem Strauch treibt die Dinge auf die Spitze.

Herbert kann kaum anders, als auch ihn umzubringen, um von der Bedrohung frei zu werden und endlich ins offenbar immer noch als schön empfundene Dasein seines Bruders und den Kontakt mit den vielen Frauen, die jener hatte, umsteigen zu können. Wir erfahren nicht, was in dem Brief von der Staatsanwaltschaft stand, der für seinen Bruder bestimmt war, auch sagt man uns nicht, welche Rolle das junge Model Rosi wirklich für den Plot hat, die aber immerhin ein schönes und in ihrer Art auch wieder typisches 80er-Element ist. Es geht auch um eine Vermisste, eine Halbwüchsige, die von Karl abgelichtet, und, davon ist auszugehen, einem Jugendlichen-Prostituiertenring zugeführt wurde.

Als deren Mutter in nur einer einzigen Szene gibt Irm Herrmann einen schauspielerisch für das übrige Szenario eher zu intensiven und herausgehobenen Part. Die Vermisstensache wird erstmal nicht ausermittelt und ist auch so eine Art Füllwerk, das beginnende prekäre Verhältnisse in den 80ern erläutert (Mutter, zwei Töchter, alleinerziehend, emotionale Verwahrlosung, materielle Schlechtstellung qua Arbeitslosigkeit). Bei allen Bezügen auf die sozialen Verhältnisse muss man heute eher schmunzeln. Klar, die Frau hat möglicherweise nie gearbeitet und bekommt wohl Sozialhilfe, und die war ja immer schon so niedrig wie heute Hartz IV-Bezüge. Mit dem Unterschied, dass es damals keine Arbeitsverhältnisse gab, die zusätzliche Saatsknete erforderten, damit man über die Runden kam und überhaupt kein Hartz IV als Bestrafung nach möglicherweise jahrzehntelanger Arbeit.

Zeitkolorit, der aus allen Fugen dringt, in diesem Film, der 1986 erstmals ausgestrahlt wurde und sich seiner 80er-Atmosphäre sicher damsl nicht bewusst war.

Dem Mädchen Rosi haben wir  aber eine schöne Abendessen-Szene mit Paul zu verdanken, der trotz seiner Nase ein ladies man ist, da kann der neue Kollege nur neidisch sein – überhaupt ist Brockmöller hier noch ganz deutlich als nachrangig und auch weniger pfiffig als Stoever dargestellt und es ist faszinierend zu sehen, wie später aus den beiden ein bezüglich der kriminalistischen Intelligenz beinahe gleichwertiges Duo wurde, das außerdem durch seine musikalischen Ambitionen  akzentuiert war. Der etwas durchsetzungsfähigere Charakter blieb aber bis zum Schluss der kantige Paul, Peter hingegen entwickelte sich zu dem Typ mit dem sozialen Gewissen. Auch bezüglich der Optik drifteten die beiden immer weiter auseinander. Stoever wurde bunter, aber blieb beim Anzug, Brockmöller hatte eine Lederjacke und eine Schiebermütze mit sozialdemokratischem Schnitt zu tragen.

Dem Mädchen Rosi haben wir auch die schöne Endszene zu verdanken. Im Bahnhof der Träume und Illusionen steht sie, mit beinahe dem gesamten Geld, nachdem Karl alias Herbert verhaftet wurde und sie die Beute an sich bringen konnte. Keinn Wunder, dass ihr das gelang, bei dem oberdämlichen „Versteck“ in einem offenen Schrank und Herberts Umgang mit Geld insgesamt – dieser Täter ist wirklich keine Leuchte und das nimmt durchaus etwas Spannung aus dem Krimi heraus. Selten hatten wir so das Bedürfnis, einem Täter zuzurufen, was er jetzt am besten tun solle.

Also, die Rosi wird von Meyer II verfolgt, der ebenfalls in der Folge 179 erstmalig auftritt und am Bahnhof dingfest gemacht. Das wird aber nicht mehr gezeigt. Nur ihre Mundbewegungen und ihr verträumt-melancholischer Blick sagen uns, dass sie gemerkt hat, dass der Reichtum nur ein paar Minuten gedauert hat. Wundervoll gemacht, wie die Kamer um einen Stahlpfeiler herum auf sie zufährt und damals noch nicht häufig zu beobachten.

In dem Moment gibt es auch etwas wie Identifikationspotenzial, zuvor verhält „Leiche im Keller“ im Autorenfilmstil der 70er; nüchtern und zurückhaltend gefilmt, ohne Firlefanz und mit genauem Blick auf die Charaktere. Mit einem so genauen und entlarvenden, dass man nicht mit den Menschen fühlt, vielmehr ihre Motive und ihr Handeln mit großer Distanz betrachtet. Lediglich die beiden Ermittler zeigen schon Ansätze zu ihrer Funktion als Sympathieträger.

Warum die Tochter von Brockmöller am Anfang mitspielt? Wegen des Zeitgeistes. Im Opel Senator, auf der Fahrt zum Tatort, sagt Peter zu Paul, er habe das Gefühl, der Sprössling lasse sich bei ihm   nur sehen, wenn er Geld braucht. Ein ganz wichtiges Element des neuen Generationenkonfliktes der 80er. Alles materiell. So, wie die Eltern meist leben, sind auch die Jungen unterwegs, zwecklos, sich darüber aufzuregen. Und natürlich spiegelt dieser kleine Raub von 400 Mark das Geschehen um den Geldtransport mit den 1,93 Millionen. Dass Stoever und Brockmöller im Dienstzimmer darüber reflektieren, dass man schon in Versuchung kommen könne, als schlecht bezahlter Geldwächter, täglich umgeben von so viel Zaster, das hätte der emotionale Link zwischen dem Zuschauer und Herbert Koslowski werden können. Aber was dann so alles passiert und dass sein Arbeitskollege den Tod findet, entzieht diese mögliche Basis und die Ordnung ist gewahrt.

„Leiche im Keller“ ist stilistisch überwiegend ein deutscher Autorenfilm, von der Anlage aber ein „film noir“, wie er in den USA in den 1940er Jahren State of the Art war. Nicht ausschließlich, aber doch in weiten Teilen aus Täterperspektive gefilmt und damit auch kein Whodunnit, sondern ein Howcatchhim. Der Zuschauer ist von Beginn an im Bilde und es gilt zu verfolgen, auf welche Weise Peter und Paul dem Koslowski auf Schliche kommen. Heute würde man das sicher thrilliger filmen, aber vermutlich auch mit dieser Überagilität, die sich der Autorenfilm, der die Realität auf kritische Weise verdichten wollte und keine Ambitionen zeigte, Hollywood oder mindestens den US-CSI-Serien nachzueifern, immer verbeten hat.

Finale

Die vielen schönen Zeitbezüge, das erste Zusammenspiel von Stoever und seinem Brocki, dürfen wir im Grunde nicht in die Bewertung einfließen lassen, sondern nur das angucken, was den Film als Krimi ausmacht. Und das ist, sagen wir mal, okay. Es gibt dann doch noch einen halben Punkt für die vielen Nebenaspekte, die uns Vergnügen bereitet haben.

7/10

© 2020, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kriminalhauptkommissar Paul Stoever – Manfred Krug
Kriminalhauptkommissar Peter Brockmöller – Charles Brauer
Karl Koslowski – Holger Mahlich
Herbert Koslowski – Holger Mahlich
Charly Strauch – Nicolas Brieger
Angelika – Beathe Finckh
Frau Klein – Irm Hermann
Suse Brockmöller – Traudel Sperber
Ella Klein – Anja Roßmann
u.a.

Drehbuch – Kurt Bartsch
Regie – Pete Ariel

 

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