Arme Schweine – Polizeiruf 110 Episode 159 #Crimetime 697 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Dresden #DDR #Grawe #Schweine #Bau

Crimetime 697 - Titelfoto © MDR

Wieder die wilden Nachwendejahre

Grundsätzlich ist es lobenswert, dass ein Film sich der Ausbeutung der osteuropäischen Bauarbeiter in Deutschland annimmt. Außerdem ist das Thema immer noch aktuell. Auch auf Berliner Baustellen arbeiten weiterhin Menschen, die man Frankreich „Sans Papiers“ (ohne Papiere) nennt – wobei in dem Fall die Arbeitspapiere gemeint sind, denn seit der großen EU-Freizügigkeit darf man sich grundsätzlich innerhalb der 28, jetzt 27 Staaten überall aufhalten, ohne einen Persilschein zu benötigen. Sehr schön auch, dass vier Jahre nach der Wiedervereinigung auf diese Weise gespiegelt wird: Wie in Ostdeutschland massiv investiert wurde und die Differenzierung der Lage gegenüber der in den früheren sozialistischen Bruderländern – aber es gibt viele Zwischentöne und auch ein paar falsche. Was wir meinen und mehr zum Film steht in der -> Rezension. Die Veröffentlichung dieser im Oktober 2019 geschriebenen Rezension ist auch ein Beitrag von uns zu „30 Jahre Währungsunion am 01.07.2020.“

Handlung (Wikipedia, ebenso die unten angeführten Zusatzinfos)

Auf der Baustelle am Schloßplatz in Dresden wird die Leiche des Polen Kowalisch gefunden, der anscheinend von einem hohen Gerüst in den Tod gestürzt ist. Kriminaloberkommissar Thomas Grawe übernimmt die Ermittlungen. Vor allem Sensationsjournalist Rethmann ärgert sich über den Tod, wollte der Arbeiter ihm doch in Kürze eine brisante Information über die Baustelle oder die Baufirma SaBau liefern. Grawe hat schon bald den Eindruck, dass auf der Baustelle in großem Stil Schwarzarbeiter beschäftigt werden, scheint Kowalischs Lohnsteuerkarte doch unauffindbar zu sein. Die ausländischen Arbeiter wiederum erweisen sich als wortkarg. Grawe kann Nummernschilder sicherstellen, die Kowalisch in seinem Bett versteckt hatte. Sie sind nicht auf Wagen zugelassen.

Unter den Arbeitern und Mitgliedern der Baufirma gibt es Spannungen. Die Chefsekretärin Yvonne Hellwig, die mit Bauleiter Hannes verheiratet ist, hat eine Affäre mit dem polnischen Arbeiter Stan begonnen, was Hannes erfahren hat. Stan wiederum macht mit Dittrich, der für die Betreuung der ausländischen Arbeiter zuständig ist, gemeinsame kriminelle Sache. Sie knacken Autos und verkaufen sie mit gefälschten Nummernschildern weiter. Die anderen Arbeiter wissen davon und bedrohen Stan, der im Fall eines Gefasstwerdens schließlich alle Arbeiter gefährden würde. Es ist der tschechische Arbeiter Ragolski, der für Stan bittet. Ragolski hat ein schwerkrankes Kind daheim, das er nur in einem teuren Krankenhaus operieren lassen könnte. Dafür benötigt er 10.000 Mark, die ihm Stan besorgen muss, da Ragolski sonst seine Machenschaften an die Polizei verrät. Ein geplanter großer Diebstahl schlägt jedoch fehl, da die ausgesuchte Limousine dem Innenminister gehört und extra gesichert ist. Grawe lässt die Fingerabdrücke am Wagen analysieren und erfährt so, dass Stan der gesuchte Autodieb ist.

Hannes beobachtet Stan mit Yvonne. Er stellt ihm später eine Falle und lauert ihm auf, um ihn zu erschlagen. Am selben Tag wartet auch Ragolski auf Stan, um von ihm das Geld für seinen Sohn zu erhalten. Am nächsten Tag wird Stans Leiche in seinem Wagen gefunden. Zwar gibt Hannes zu, dass er ihn töten wollte, doch hat er die Tat nicht begangen, was Spuren am Tatort beweisen. Der zweite tote Arbeiter innerhalb kurzer Zeit wirbelt Staub auf; die Firmenleitung wird nervös und beginnt großflächig, Schuldige für die zahlreichen Schwarzarbeiter auf den Baustellen zu suchen. Firmeninhaber Dr. Former gibt vor, dass sein Zweigstellenleiter Steinberg alles wissen müsse, während der Dittrich die Schuld zuschiebt. Dieser weiß, dass am Ende alle von den Schwarzarbeitern wussten, und wendet sich an Journalist Rethmann. Er berichtet ihm von der Schwarzarbeit im großen Stil, wie es auch der tote Kowalisch vorhatte. Bevor sich Dittrich jedoch absetzen kann, wird er am Flughafen von Grawe verhaftet. Es stellt sich heraus, dass Dittrich Teil der polnischen Automafia ist, die in großem Stil mit gestohlenen Wagen handelt. Dittrich arbeitete mit Kowalisch zusammen, der jedoch plötzlich mehr Geld von ihm forderte und ansonsten die Schwarzarbeit an die Presse verraten hätte. Daher tötete Dittrich Kowalisch und ließ es wie einen Unfall aussehen.

Dittrichs Aussage gegenüber Rethmann ist für die Polizei ausreichend, um auf der Baustelle der SaBau eine Großrazzia wegen Schwarzarbeit durchzuführen. Auch der Tod Stans kann aufgeklärt werden. In seinem Wagen wird ein Stein mit der Aufschrift Karel gefunden, der Ragolski gehört. Die Ermittler fahren in Ragolskis Heimatstadt, wo er gerade mit seiner Frau seinen Sohn zu Grabe trägt. Als Ragolski die Ermittler sieht, begibt er sich wortlos zu ihnen.

Zusatzinfos

Der Film erlebte am 13. März 1994 im Ersten seine Fernsehpremiere. Die Zuschauerbeteiligung lag bei 18,8 Prozent.[1] Es war die 159. Folge der Filmreihe Polizeiruf 110. Kriminaloberkommissar Thomas Grawe ermittelte in seinem 31. und damit vorletzten Fall. Zudem begann mit Arme Schweine eine „neue Krimi-Ära“[2] für den Polizeiruf, da es der erste Film der Reihe war, der nach offizieller Akzeptanz und Übernahme des Polizeirufs als Gemeinschaftsprojekt der ARD-Anstalten ORB, MDR, BR, SFB, SDR, WDR und ORF ausgestrahlt wurde.[3] Es war zudem der erste Polizeiruf, der 1996 vom Sender arte ausgestrahlt wurde und so auch in Frankreich gesehen werden konnte.[2]

Die Süddeutsche Zeitung befand, dass „in der politisch-sozialen Gewichtung der besondere Polizeiruf-Reiz“ liege, deren Ansätze auch in Arme Schweine vorhanden seien. Dennoch wünsche man sich „einmal wieder mehr Realismus, also ein intensives Sich-Einlassen aufs Milieu. Nur so sind auch Oberflächenfehler zu vermeiden. Schwarzarbeiter sind nun ausgerechnet mitten im Dresdener Barock nur schwer vorstellbar.“[4] „Ernüchternder Krimi voll grauer Tristesse“, fasste TV Spielfilm zusammen.[5]

Rezension

Überall Zeitenwende. Damals, vor 31, vor 30, vor 26 Jahren. Heute wieder? Wir sind uns nicht sicher, dass „mitten im Dresdener Barock“ keine Schwarzarbeiter beschäftigt sein konnten. Verwaltungen haben nun einmal Aufträge nach dem Günstigstprinzip zu vergeben und es wird oft erst hinterher nachgeschaut, ob alles rechtens ist (was sonst, wenn der Bau im Moment der Vergabe noch nicht begonnen hat) – oder gar nicht, aus Kapazitätsgründen oder, weil man es lieber gar nicht so genau wissen will und einfach froh über die Schnäppchenpreise ist, egal, ob der Mindestlohn dabei eingehalten wird, er auch für ausländische Arbeitnehmer gilt, die in Deutschland jobben. Gerade erst gab es in der ARD eine große Dokumentation, in der thematisiert wird, wie Schwarzarbeit riesige volkswirtschaftliche Schäden anrichtet, sich also eher seit der Wende weiter ausgebreitet hat, als dass es weniger davon gäbe.

Außerdem: 1994 waren wirklich wilde Zeiten, auch bauwirtschaftlich gesehen. WIr erinnern uns lebhaft daran, welche Scheinblüten in Form von Bauwerken am Bedarf vorbei z. B. die Sonder-AfA Ost getrieben hatte.

In jenem Jahr war die Ernüchterung bereits groß, der Wendezauber komplett verflogen. 1993 hatte es in Gesamtdeutschland bereits eine kleine Rezession gegeben. Das konnte sich drei Jahre zuvor niemand denken, weil doch die Ostdeutschen so viel aufzuholen hatten und man davon ausgegangen war, dass der Konsum über viele Jahre ein grandioses Wachstum bescheren würde. Dummerweise hatte die schnelle Währungsunion zur Folge, dass die Wirtschaft im Osten nicht konvertiert werden konnte – andererseits hätte ein langsameres Vorgehen zum (abermaligen) Ausbluten des Ostens geführt, wie vor dem Mauerbau.

Es gingen sowieso nach der Maueröffnung viele westwärts. Mittlerweile befasst man sich auch mit der Aufarbeitung der Treuhand. Unser Tipp, was dabei herauskommen wird, nach dem Anschauen der meisten Polizeirufe aus der DDR-Zeit, von denen einige auch beredt Aufschluss über die dortige Wirtschaftsweise und Produktivität geben: Überwiegend war es unmöglich, die DDR-Wirtschaft unter den Bedingungen des plötzlichen Konkurrenzdrucks mit dem Westen zu erhalten, unabhängig davon, ob die Treuhand die Lage in vielen Fällen verschärft und erhaltungsfähige Betriebsteile abgewickelt oder verschleudert hat.

Dass aber in die Infrastruktur der „NBL“ viel Geld gesteckt wurde, sieht man an der Restaurierung Dresdens. Aus heutiger Sicht können wir auch sagen: Ja, die armen Schweine! Die Jagdszenen auf der Baustelle, die wir am Ende des Films sehen, sind wirklich furchtbar. Aber ist der Film besonders trist? Wir sind mittlerweile einiges gewöhnt. Ehrlichers und Kains Dresden-Elegien beispielsweise. Der aktuelle Magdeburg-Polizeiruf ist an Depressionsförderungspotenzial kaum zu überbieten. Das sind nur zwei hervorstechende Beispiele. Und die letzten Jahre der Reihe vor dem Ende der DDR. Einige der damaligen Filme waren ebenfalls psychologisch keine leichte Kost.

Doch, da ist etwas dran. Es hat mit Dingen zu tun, die nicht speziell der Nachwende-Situation geschuldet sind. Zum Beispiel, wie innerhalb der Baufirma von einer Ebene auf die nächste Druck ausgeübt wird, aber man lieber nicht wissen will, wie die Vorgaben eingehalten werden. Erinnert uns das z. B. an den VW-Skandal? Und der Bau ist rau, das wissen wir sowieso. In Wirklichkeit, so der Clou, wussten alle darüber Bescheid, dass die günstigen Angebote nur durch den Einsatz von Schwarzarbeitern aus Osteuropa zustande kommen konnten. Die Rollen des Chefs vom Ganzen, der einen besonders seriösen Eindruck vermittelt, des ausführenden Managers, des „Capos“ sind außerdem sehr gut ausgesucht. Das Zusammenwirken genau solcher unterschiedlicher, aber sich ergänzender Charaktere ist es, was Buden wie „SaBau“ ins Laufen bringen. Und mittendrin der eigentlich honorige Bauleiter, seine schöne Frau und deren Neigung, es mit dem ausführenden Personal vor Ort zu treiben.

Der Fassbinder-Star Gottfried John gibt wieder einmal eine schonungslos destruktive Vorstellung als höriger Ehemann, die sicher auch zum traurigen Gepräge des Films beiträgt. Außerdem wird Kommissar Grawe nicht geschont. Wir wissen nicht, ob sein Abgang schon feststand, als der Film gedreht wurde, aber ein damals schon fast altgedienter ehemaliger Volkspolizist, der angesichts der Schlagfertigkeit seiner Gegenüber verzweifelt und auch oft nicht das letzte Wort hat, ist bis heute eine ungewöhnliche Darstellung. An einer Stelle sagt er selbst, er habe den Überblick verloren. In der Tat, wenn man die Dresdner Großbaustellen und das ganze damit zusammenhängende Business inklusive der Eisenbahnwagen-Unterkünfte für die „Fremdarbeiter“ mit allem vergleicht, was in Polizeirufen der DDR-Zeit auf den Bildschirm kam, mit Szenarien, die wesentlich übersichtlicher gestaltet waren, auch, wenn hin und wieder ein größerer VEB oder eine PGH Ort des Geschehens war, kann man diese Überforderung verstehen.

Und es ist kein Hauptkommissar bzw. Hauptmann Fuchs mehr da, der die Fäden in die Hand nimmt, wenn die anderen nicht mehr klarkommen. Tatsächlich war dessen Darsteller Peter Borgelt kurz vor der Premiere von „Arme Schweine“ verstorben, ebenso wie Jürgen Frohriep, der den Kollegen Hübner gab.

Grawe vermittelt den Eindruck, dass er sich in seiner Position alles andere als wohlfühlt, eingeklemmt zwischen Hasadeuren, welche die neue Freiheit ausnutzen und einem Chef, der nicht gerade freundlich mit ihm umgeht. Manchmal wendet er sich von seinen widerspenstigen Gesprächspartnern ab, geht zum Fenster und schaut hinaus – mit dem Rücken auch zu den Zuschauern. Da spürt man schon, dass wieder einer über den Sinn des Ganzen nach- und an Abschied denkt, wie einige Zeit zuvor Hauptmann Fuchs.

Wir hatten noch nicht erwähnt, dass Ben Becker hier eine schön widerliche Vorstellung von einem gewissenlosen Sensationsjournalisten gibt, die ebenfalls nicht dazu beiträgt, dass man die allgemeinen Zustände als freundlich und stabil empfindet.

Damals hatte man auch noch keine Bedenken, die Verschiebung von Autos nach Polen so darzustellen, wie sie war, nämlich als ein Bombengeschäft. Dass ein Deutscher mit in diese Sache verwickelt ist – darauf kommt es nicht an. Sondern auf den Umstand, dass die neue Weltlage generell viele neue Möglichkeiten für illegale Geschäfte eröffnete. Ein Kollateralschaden der Freiheit war die Unsicherheit, die stark anwuchs. Und die ökonomische Ungleichheit war plötzlich nicht mehr hinter einem Vorhang versteckt, sondern wirkte wie ein Sog: Alles, was im Westen schon unbrauchbar erschien, konnte ostwärts abgesetzt werden. Legal oder eben illegal. Stufenweise von Mittelosteuropa bis weit in die GUS-Staaten hinein. Autoschieberei wurde in der Parallelreihe Tatort während der Zeit der Blöcke einmal thematisiert: Im Berlin-Krimi „Sterne für den Orient“ aus den späten 1970ern (die Rezension haben wir gestern anlässlich einer Wiederholung des Films im Wahlberliner vorgestellt).

Eine emotionale Notlage sehen wir also beim Ehepaar Hellwig, eine Notlage des Rechtsstaats am Bau und beim Autoklau und eine soziale Notlage bei dem tschechischen Arbeiter, der unbedingt 10.000 Mark für die Operation seines Sohnes braucht und sie nicht auftreiben kann. Eine überlebensnotwendige Operation für ein Kind wurde dort offenbar nicht von den Kassen bezahlt, zumindest nicht, wenn dafür eine teure Behandlung im westlichen Ausland notwendig wurde.

Finale

Doch, der Polizeiruf Nr. 159 reiht sich ein in die Serie von Fällen, die ein wenig erfreuliches Bild der plötzlich so freien Welt zeichnen. Eine heile Welt gibt es in Krimis sachnotwendig nicht, aber man kann es heiterer bringen, ohne gleich in den Münster-Modus zu verfallen. Vor allem dann, wenn man sich die Freiheit nimmt, keine Todesfälle zu zeigen, und diese Möglichkeit hat der Polizeiruf ja eher als der Tatort. Hier gibt es aber gleich zwei tote Bauarbeiter, einen gleich zu Beginn, sodass die Plotstruktur doch „tatortmäßig“ ist. Ein Film, der als Zeitdokument sehr interessant ist und seine Ambitionen einigermaßen umsetzen konnte. Unsere Lieblings-Kameraeinstellung: Der Topshot auf den Polizeichef, wie er unbeholfen über das viele Baumaterial klettert, das im Schlosshof liegt. Ein kleiner Mensch auch er, der nur versucht, irgendwie durchs Chaos voranzukommen.

7,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Bernd Böhlich
Drehbuch Bernd Böhlich
Produktion Wolfgang Bremke
Musik Uwe Buschkötter
Mario Lauer
Kamera Roland Dressel
Schnitt Brigitte Hujer
Besetzung

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