Louis, das Schlitzohr / Scharfe Sachen für Monsieur (Le corniaud, FR 1965) #Filmfest 171

Filmfest 171 A

2020-08-14 Filmfest AEin Deville für Bourvil

Nach dem Mega-Erfolg „Die große Sause“, „Oscar“ (1967) und etwa gleichauf mit „Die Abenteuer das Rabbi Jacob“ (1973) gilt „Le corniaud“, wie der Film im Original heißt, als einer der besten Filme mit Louis de Funès. Da wir die Komödie, in der de Funès einen Rabbiner spielt, noch nicht gesehen haben, heißt das, wir haben das bisher höchste De-Funès-Plateau erklommen, die Spitze ist ganz nah. Was wir beschreiben, ist allerdings die Rangfolge gemäß IMDb (Internet Movie Database). Fanden wir den Film besser als alles, was wir bisher von dem französischen Starkomiker gesehen haben? Darüber schreiben wir ein wenig mehr in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Den Start in seine Ferien hat sich der treuherzig-naive Junggeselle Antoine Maréchal ganz anders vorgestellt. Ehe er mit seinem klapprigen Auto von Paris gen Italien aufbrechen kann, kommt es zu einer Kollision mit dem Straßenkreuzer des Unternehmers Leopold Saroyan. Danach hat Antoines Kleinwagen nur noch Schrottwert.

Nach anfänglichen Streitereien lenkt Saroyan, der den Unfall verursacht hat, schließlich ein. Der zwielichtige Direktor einer Import-Export-Firma schenkt Maréchal als Entschädigung nicht nur ein Reiseticket nach Neapel, sondern offeriert ihm auch eine kostenlose Rückfahrtmöglichkeit. Dafür muss Maréchal lediglich ein Luxus-Cabrio der Marke Cadillac nach Bordeaux überführen.

Was Antoine allerdings nicht weiß: der Cadillac ist prall gefüllt mit aus Gold, Diamanten und Drogen bestehendem Schmuggelgut, das Saroyan im Wagen versteckt hat. Maréchal ist das ahnungslose Werkzeug, welches unbewusst die verbotene Ware über die Grenze bringen soll. Aber nicht nur Saroyan, der Antoine insgeheim überwacht, verfolgt das Auto; auch eine Bande von Gangstern um den Stotterer Mickey hat Maréchal und den Cadillac inzwischen ins Visier genommen.

Maréchal genießt unterdessen seine Tour durch die schöne Landschaft Italiens. Der Mann in den besten Jahren lebt zusehends auf und lässt seinen Charme spielen. In Rom macht er die Bekanntschaft einer jungen französischen Hotelangestellten, später leistet ihm eine nicht minder attraktive Studentin Gesellschaft, die er als Anhalterin mitnimmt.

Im Laufe der Reise kommt es zu einer Reihe von Zwischenfällen, bei denen das Schmugglergut fast vollständig verloren geht – allerdings unbemerkt von den Verfolgern. Als der Cadillac schließlich vom französischen Zoll gefilzt wird, erscheint er vollkommen „sauber“. Maréchal hat inzwischen mitbekommen, welches Spiel mit ihm gespielt wurde, und sorgt dafür, dass sowohl der Stotterer als auch Saroyan und seine Leute verhaftet werden. Als er schließlich das einzige bis jetzt noch nicht verlorene Stück im Auto, den größten Diamanten der Welt, entdeckt und der Polizei übergibt, sind ihm 10 Millionen Francs Finderlohn gewiss.

Rezension

Oftmals sind amerikanische Autos in europäischen Filmen schon ein wenig älter, aber in „Le  corniaud“ hat man sich Mühe gegeben und ein damals aktuelles Cadillac-Deville-Cabrio Baujahr 1964 an den Start gebracht, das neben den beiden Starkomikern (André) Bourvil und Louis de Funès die dritte Hauptrolle spielt. Drei der vier oben genannten Erfolgsfilme mit Louis de Funès hat Gérard Oury inszeniert, nur „Oscar“ stammt nicht von ihm. Diese Filme sind auch höher bewertet als die in Deutschland besonders bekannte „Gendarm“-Reihe, die im südfranzösischen Saint Tropez spielt. „Die große Sause“ kennen wir, da müssen die Deutschen natürlich einiges einstecken, aber gut gemacht ist der Film auf jeden Fall – und auch „Louis, das Schlitzohr“ ist eine sehr flotte und vergnügliche Komödie. Offensichtlich war der Origninaltitel und war auch der ursprüngliche deutsche Titel „Scharfe Sachen für Monsieur“ auf Bourvil zugeschnitten, nicht auf de Funès, Bourvil ist auch „first billed“, anders, als es die deutsche Wikipedia wiedergibt. International, besonders in Deutschland, hatte de Funès, der so herrlich cholerisch auftritt, aber den größeren Zuspruch, ab Mitte der 1960er.

Im Grunde stimmt an „Le corniaud“ alles. Er hat den unvergleichlich lockeren Ton der Komödien der frühen 1960er, er zeigt wundervolle Schauplätze, besonders in Rom, er dreht sich um ein Auto und ist ein Road Movie. Sicher eines der besten, die bis dahin gedreht worden waren, ähnelt stellenweise dem im selben Jahr entstandenen „Abenteuer in Rio“ und das Abenteuer-Flair wird nur dadurch gebremst, dass zwei Herren mittleren Alters die Protagonisten sind und dadurch die Romantik etwas kürzer gehalten wird. Ganz raus ist sie nicht, immerhin gewinnt der brave Maréchal auf der Fahrt ohne Unterbrechung aufeinanderfolgend zwei hübsche Mitfahrerinenn. Was will man mehr als einen weißen Cadillac und eine glutäugige Italienerin auf dem Beifahrersitz? Ahaha, jetzt verlieren wir vermutlich die Feminist*innen unter unseren Freund*innen und Verfolger*innen den sozialen Netzwerken. Nur  nicht bangen, diese Zeiten sind vergangen. Und werden nicht zurückkehren. Die große Sause ist vorüber und das kommt daher, weil es sie gab und zu viele heute meinen, immer noch diesen Stil leben zu müssen.

„Louis, das Schlitzohr“ ist auf keinen Fall der einzige Film, in dem ein jemand als unwissender Bote für einen Beute- oder Drogenschmuggel benutzt wird, aber er dürfte einer der ersten sein, in dem die Kombination Auto-Roadmovie-Nerd gezeigt wird, und die zieht richtig gut. Möglicherweise hat der Film auch „French Connection“ beeinflusst, in dem ein Lincoln Continental Coupé als blecherner Drogenkurier von Marseille nach New York geschickt wird. Der Film hat eine ganz andere Tonart, der Mann, der den Wagen in die USA einführt, weiß zumindest, was er tut, aber es gibt doch einige auffällige Ähnlichkeiten, die Grundidee betreffend. Selbst die Durchsuchung der Fahrzeuge endet in beiden Fällen erst einmal frustrierend für die Polizei.

Wenn man so will, ist „Scharfe Sachen“, der Titel bezieht sich natürlich nur auf den weißen Ami-Schlitten, der Urlaubsfilm unter den Heist-Movies, denn ein Urlauber steht im Mittelpunkt und geht sogar zelten. Zwischen den Zelten wirkt der Cadillac wie eine Burg, aber auch der Vergleich mit den kleinen italienischen Autos ist einfach krass und wie man die Karrosse durch eine schmale Straße in der Altstadt von Neapel bekommen hat. Das ist aber eine der etwas lichteren Gassen dort, durch einige andere hätte der Wagen nicht gepasst.

Aber wie ist der Stil, abgesehen vom 1960er-Flair? Gérard Oury hat de Funès super drauf, das kann man nicht anders sagen. Er setzt ihn so ein, dass die Gags einigermaßen dosiert wirken und das HB-Männchen unter den Komödienstars sich nicht zu sehr verausgaben muss. Natürlich wird seine Präsenz auch dadurch im Rahmen gehalten, dass der Film nicht, wie die meisten ab Mitte der 1960er, in denen er auftritt, ganz auf ihn abgestimmt ist.

Einige Nebenrollen sind ebenfalls sehr ansprechend ausgestaltet und die gute Dosierung und das nicht immer herausragende, aber meist doch überzeugende Timing der Gags unterscheiden den Film von einigen anderen, in denen de Funès auch mal ins zu Nervige abgleiten kann. Die Qualität der Dialoge müssen wir vorsichig beurteilen, weil man sich bei der deutschen Synchronisierung erkennbar Freiheiten erlaubt hat – aber das funktioniert ganz gut und es hat uns auch nicht gestört, dass de Funès hier (noch) nicht von Gerd Martienzen synchonisiert wird, der zu seinem Standardsprecher wurde. Etwas ungewöhnlicher, Bourvil mit derselben Stimme zu hören, die u. a. John Wayne und so viele andere US-Stars geliehen wurde, damit sie auf Deutsch mit uns reden können: Es ist diejenige des unverkennbaren Arnold Marquis. Er war so gut, dass man ihm auch Parts von Darstellern gab, die eine ganz andere Tonlage sprachen als er selbst (wie eben auch John Wayne). Man kann auch sagen, seine Stimme passte zu einigen Stars besser als ihre eigene. Bei Bourvil allerdings hat uns das sehr Kernige und Raue doch etwas gestört, weil es nicht sehr gut mit seiner Mimik, seiner Optik und seinem Auftritt harmoniert, obwohl Marquis sich durchaus um eine angepasste Interpretation bemüht.

Finale

„Le corniaud“ kann plotmäßig und bezüglich des Tempos mit den besten amerikanischen Komödien jener Jahre mithalten, toppt sie jedoch durch die beiden Hauptdarsteller. In den USA gab es zu der Zeit zwar noch hervorragende Komödien-Darsteller wie Jack Lemmon, aber keine ausgewiesenen Slapstick-Spezialisten mehr – und zu einem Film wie diesem gehört nun mal ein gewisses Maß an Slapstick. Glücklicherweise war die Technik aber noch nicht so weit, um rasante Echt-Verfolgungsjagden zu ermöglichen, das kam wenige Jahre später. Warum glücklicherweise? Weil man dadurch nicht der Versuchung erliegen konnte, Witz durch Technik zu ersetzen und Materialschlachten zu inszenieren. Das überließ man lieber den Novelle-Vague-Filmern („Weekend“, Jean-Luc-Godard, 1966), die versuchten, aus all dem, worüber wir heute mehr wissen, eine tödliche Satire zu machen.

78/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Gérard Oury
Drehbuch Gérard Oury
Marcel Julian
Produktion Robert Dorfmann
Musik Georges Delerue
Kamera Henri Decaë
Schnitt Albert Jurgenson
Besetzung

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