Veras Waffen – Tatort 553 #Crimetime 698 #Tatort #Saarbrücken #Palü #SR #Vera #Waffe

Crimetime 698 - Titelfto © SR, Manuela Meyer

Jedermann in sonnigem Land

Nachdem wir mehrfach die Nachfolger Kappl / Deininger bei der Ermittlungsarbeit beobachten durften, nun also Max Palü, dargestellt von Jochen Senf. Ein seltsames Gefühl, mit ihm ins Jahr 2003 zurückzukehren und in die alte Heimat, wie sie damals war. Der Verdacht, dort hat sich inzwischen nicht so viel verändert, liegt allerdings nicht fern. Wie das Rendezvous im Jahr 2011 war, vollziehen wir anhand der -> Rezension nach.

Handlung

Palu ermittelt in der Halbwelt seiner Heimatstadt, aber auch im Umfeld von Vera Maxheimer. Dabei muss er erkennen, dass hinter den Kulissen des Instituts bereits ein Machtkampf um die Nachfolge der Chefin entbrannt ist.

Vor einem Jahr erst hat sich die berühmte Meinungsforscherin und PR-Strategin Vera Maxheimer mit ihrem Institut in Saarbrücken angesiedelt, nicht zuletzt auf sanftes Drängen ihrer alten Freundin und Studienkollegin Marion von Pahl, einer millionenschweren Unternehmerin. Für Vera, die Grande Dame der deutschen Demoskopie, schliesst sich so ein Kreis: Denn im Saarland ist die brillante Wissenschaftlerin aufgewachsen, in Saarbrücken hat das Kind aus einfachsten Verhältnissen auch ihr Studium begonnen. In Veras Institut geben sich Politiker und Wirtschaftsbosse, Kirchenführer und Gewerkschaftsfunktionäre die Klinke in die Hand. Die Analysen der Demoskopin gelten als die besten der Branche.

Doch in Vera Maxheimers Vergangenheit gibt es einen winzigen schwarzen Fleck. Als Studentin hat sie ein paar Wochen lang als Callgirl in einem Nobel-Bordell bei Saarbrücken gearbeitet. Jetzt, 35 Jahre später, tauchen Schmalfilmaufnahmen aus jener Zeit auf. Ein Student, der Material für eine Biographie über Vera Maxheimer beschaffen soll, wird ermordet. Kurz darauf beginnt eine Erpressung. Es geschieht ein zweiter Mord.

Hauptkommissar Max Palu von der Kripo Saarbrücken beginnt mit seinen Nachforschungen. Schnell stellt er fest, dass uralte unscharfe Pornobilder nicht das Problem der Demoskopin sind. In jenen kurzen Wochen, in denen Vera Maxheimer damals im Sex-Business tätig war, verschwand der Chef des Etablissements spurlos – vermutlich Opfer eines bis heute nicht aufgeklärten Mordes. Hat Vera Maxheimer mit diesem Fall zu tun?

Welche Rolle spielt ihre ehrgeizige Tochter Anette, wie loyal ist der Geschäftsführer Ernst Wohlfahrt, was weiss ihre alte Freundin und Studienkollegin Marion von Pahl? Stück für Stück kommt Palu dem wahren Geheimnis von Vera Maxheimer auf die Spur.

Rezension

Jetzt muss, aus der Sicht von Juli 2020, Wiederveröffentlichung im neuen Wahlberliner, eine Warnung ausgesprochen oder niedergelegt werden. Die folgenden Absätze sind etwas diskriminierend und da wir mittlerweile selbst etwa 10 Kilogramm mehr auf die Waage bringen als vor zehn Jahren, den Kampf mit den Pfunden also jetzt kennengelernt haben, wirkt das Geschriebene gleichermaßen prophetisch und wie eine Retourkutsche des Lebens – aber auch von der damals noch stärker ausgeprägten Innensicht geprägt: Wenn man schreibt, die Menschen aus der eigenen Heimat sind etwas füllig, ist das etwas anderes, als wenn es von außen kritisiert wird. Außerdem war Jochen Senf damals noch nicht verstorben. Wir lassen den Text aber trotzdem so stehen:

Am gestrigen Abend hatten wir das seltene Vergnügen, unseren ersten Palü beinahe als Double Feature mit dem drei Stunden zuvor gezeigten „Das schwarze Grab“ aufnehmen zu dürfen. Komplett witzig, wie Deininger sich innerhalb weniger Jahre verändert hat – vor allem äußerlich. Wir kennen ihn noch als sehr schlacksigen Sohn von Heinz Becker (Gerd Dudenhöfer) und wenn man die gesamte Zeitschiene nimmt, muss man konstatieren, dass Gregor  Weber immer mehr in die Breite geht – er muss aufpassen, dass er nicht auch bezüglich der Figur zum sehr typischen Saarländer wird, denn die Menschen dort rechnen zu den schwersten im ohnehin tendenziell übergewichtigen Deutschland.

Palü hat den Weg aber schon vorgezeichnet, mit seinem exorbitant weit vom goldenen Schnitt entfernten Verhältnis von Länge mal Breite. Eigentlich sollte man so etwas nicht tun und wir haben ja schon einmal bei unserem Berliner Heimkommissar Felix Stark die eine oder andere Bemerkung gemacht, die wir selbst ein wenig kritisch sehen – aber durch seine Optik ist Palü nun einmal begrenzt in seinen Möglichkeiten.

Er kann weder den Frauenheld glaubhaft spielen, noch den großen, einsamen Wolf, man nimmt ihm seine recht hübsche Lebensgefährtin Margit gerade so ab, wenn man das Narrativ gelten lässt, die  Saarländerinnen seien vielleicht nicht so auf Äußerlichkeiten gepolt. Auch als Polizist ist Palü limitiert, in einem sehr actionreichen Plot bekäme er Authentizitätsprobleme.

Das stimmt aber genauso wenig wie irgendwo sonst auf der Welt. Anstatt Charme versprüht Palü eine Bissigkeit und Bärbeißigkeit, die ihn unsympathisch macht, aber auch universell. So ein Typ könnte auch in anderen deutschen Gegenden existieren, in Frankreich oder in Berlin (dann ohne Baguette, aber mit einer Tüte 17-Cent-Schrippen unter dem Arm). Leider muss er gegenüber der armen Frau Braun den Kotzbrocken geben, und darin liegt die Begrenzung. Er hat nicht die Variationsmöglichkeit, zwischen einem charmanten Arschloch und einem hölzernen Sympathen zu wechseln. Seine Figur ist im Vergleich zu anderen Ermittlern monolithisch.

Aber er hat eine relativ lange Dienstzeit überstanden und er ist präsent. Er füllt die Ermittlerrolle gut aus und geht vergleichsweise realistisch mit seinen Fällen um. Das merkt man in „Veras Waffen“ deutlich, wo es viele Möglichkeiten zum Moralisieren gegeben hätte – Palü hat auch eine Haltung, aber die zeigt sich nur in einigen Momenten in seinen Handlungen, er doziert nicht darüber. Typisch süddeutsch, in dieser Hinsicht.

Um es klar zu sagen: Wir finden das neue Duo dank Stefan Deininger (Gregor Weber) vielseitiger, beim vorgesetzten Kollegen Kappl (Maximilian Brückner) muss noch an den Konturen gearbeitet werden, aber die beiden können Dramatik besser spiegeln als Palü und sind damit eher geeignet, die neuesten Tatort-Entwicklungen mitzugehen, die ja sehr in Richtung Drama zielen.

Der Hausregisseur

Hans Christoph Blumenberg, ehemals Filmkritiker, dann durch einige Kinofilme aufgefallen, hat der Figur Max Palü und dessen Fällen schon dadurch seinen Stempel aufgedrückt, dass er acht Saarbrücker Folgen inszeniert hat. Die Macht und die Möglichkeiten, damit zu  manipulieren, sind ein Thema – und Thema dieses Tatorts.

Formal leistet sich der Film keine Experimente, wenn man von den körnigen Schwarz-Weiß-Rückblenden absieht, in der Vera als junge Studentin und Kurzzeit-Prostituierte gezeigt wird. Interessant, wie die retrospektiv angelegten Momente in den Tatorten immer wieder ähnlich und doch individuell umgesetzt werden.

Hat Blumenberg allgemein aber auf eine mächtige Bildsprache verzichtet, müsste die Konzentration auf dem Plot und den Figuren liegen. Wir fangen mit der Tatort-Stadt an. Warum so häufig die Provinzialität betont wird und dann diese megareiche Marion von Pahl (Rosl Zech) die Strippen zieht, bleibt das Geheimnis des Drehbuchautors, der ebenfalls Christoph Blumenberg heißt. Man muss sich für keine deutsche Tatort-Stadt entschuldigen, und auch wenn jemand vorher in Berlin gearbeitet hat, ist mancher schon gerne ins Kleinere gewechselt, weil er dort zum Beispiel bessere und entspanntere Arbeitsbedingungen vorfand, nicht selten auch eine bessere Dotierung erwarten durfte.

Figuren und Plot

Da ist schon eine Disharmonie drin. Und der Tatort ist damit auch sehr voraussetzungsreich, denn Frau von Pahl soll wohl auf die Familie von Boch anspielen, die Eigner von Villeroy & Boch, die ja durchaus mit Porzellan zu tun haben und im Saarland eine vermögensmäßige und gesellschaftliche Sonderstellung einnehmen, seit es keine aktiven Stahlbarone mehr gibt. Insofern ist die Frau durchaus realistisch, das betrifft z. B. ihren Wohnsitz. Aber wohl kaum ihren Charakter. Diese theatralische Hinschmeißen einer wertvollen Vase, nur um zu dokumentieren, dass man es sich leisten kann, ist lächerlich, wirkt nicht weniger vulgär, als wenn sich jemand eine Zigarre an einem 500-Euro-Schein anzündet und entspricht vielleicht dem Habitus irgendwelcher Parvenüs, aber gewiss nicht dem von Leuten, die über Jahrhunderte durch ein Traditions-Industrieunternehmen reich geworden und ihren Kostbarkeiten  sehr verbunden sind. Zumindest Landeskennern muss die Figur der Frau von Pahl ziemlich seltsam vorkommen.

Das Rotlichtmilieu hingegen ist interessant und rekurriert auf eine innige Verbundenheit mit dem Thema. Wir fragen uns, ob man den „Roten Affen“ für den Tatort abgefackelt hat, oder gerade Geschehenes genutzt. Jedenfalls sieht das abgebrannte Haus sehr echt aus. Man denkt auch an die Rotlichtaffäre von Oskar Lafontaine aus den frühen 90ern, als er Ministerpräsident des Saarlandes war. Der wäre der richtige Kunde für die junge Studentin gewesen – ein echter Lebemann mit Verbindungen zur Unterwelt, nicht ein so gequälter Gesetzeshüter wie Max Palü (der aber auch nicht ins Bordell geht). Wir unterstellen aber nicht, dass L. irgendwelche Neigungen und bedrohliche Anwandlungen hatte, die mit etwas Pech auch zu seiner Tötung hätten führen können, wie in „Veras Waffen“ im Jahr 1967 geschehen, als die arme junge Studentin Vera (Nicole Heesters) sich Geld durch Sexarbeit beschafft hatte. Der Name „Der rote Affe“ für das Etablissement könnte allerdings eine schön schräge Anspielung auf den einstigen saarländischen Ministerpräsidenten und seine Neigung zum halbseidenen Milieu sein.

Denkt man zunächst, Vera Maxheimers Geheimnis sei die Prostitution als solche, erfährt man im Verlauf, dass sie einen Kunden umgebracht hat, und davon wissen nur die frühere Kollegin Carla (Ellen Schwiers), die nun ein eigenes Haus leitet, und natürlich Marion von Pahl und durch sie wiederum der windige Institutsleiter Ernst Wohlfahrt, der zusammen mit der Adeligen versucht, die herzkranke Vera so unter Druck zu setzen, dass sie die Institutsleitung abgibt – oder draufgeht. Überhaupt ist die Skrupellosigkeit dieses Verbrecherpaares bodenlos, wenn man bedenkt, dass es lediglich darum geht, das Institut für einen Politiker arbeiten zu lassen, dem Vera aus Prinzip nicht dienlich sein will. Man schiebt den Grund nach, dass von Pahl eine Menge Geld verlieren würde, wenn er die Wahl nicht gewönne, doch so richtig zündet diese Idee mit den möglicherweise versiegenden Subventionen nicht. Und dafür recht unbedarfte junge oder ältere Leute ratzfatz umzubringen, die kaum etwas über die Hintergründe und gar nichts über die Mordsache von damals wussten, ist zu derb, gerade für die Kreise, in denen die Story angesiedelt ist.

Denn immerhin ist das Institut fast pleite und da hätte man andere Waffen, um Vera unter Druck zu setzen – man könnte auch sie selbst so erschrecken, dass sie stirbt, man könnte etwas von ihrer Vergangenheit in die Medien sickern lassen; man kennt sich doch in dieser Demoskopiewelt aus mit Manipulation.

In „Veras Waffen“ werden zu viele blutige Umstände gemacht. Wie in einigen anderen Tatorten, die wir bereits rezensiert haben, soll wohl der Weg das Ziel sein. Der Unterschied zwischen einem brillanten Thriller und einem mittelmäßigen Tatort liegt oft in den Waffen, die auf dem Weg benutzt werden. Hier hätte das Florett gepasst, man hat jedoch den Holzhammer verwendet.

Ein bisschen schade um die gute Besetzung, die in den vorgegebenen Rollen nicht komplett überzeugen konnte, das gilt auch für Nicole Heesters als Vera Maxheimer. Bei ihr liegt es vor allem daran, dass sie zwar Attitüden hat, aber als Doyenne der Demoskopie dem Zuschauer zu wenig Einblick in deren tiefere Geheimnisse gewährt. Auch da ist ein gewisser Mangel an Glaubwürdigkeit nicht zu übersehen. Es gab wohl die zitierten Fälle in den USA, wo durch Vorab-Meinungsumfragen Politik gemacht wurde, aber in Deutschland zeigt sich immer wieder, dass die Wähler ganz schön unberechenbar sind. Der Spruch“Die Leute wählen den Sieger“ ist nach unserer Ansicht ebenfalls mit einem Fragezeichen zu versehen. Würde die Gefahr bestehen, dass die falsche Partei gewinnt, würde das nach einem trägen Wahlkampf bei entsprechenden Umfragen wohl eher dazu führen, dass die Gegenseite ihre Wähler besser mobilisieren kann. Läge dann die Manipulation in der Auslösung des Rebound-Effekts?

Natürlich hat Demoskopie Macht, natürlich denken wir uns etwas dabei, wenn das Politbarometer veröffentlicht wird und dort zum Beispiel die Kompetenz der Politiker und Parteien anhand von Umfragen bewertet wird und gleichen dies mit unserem Gefühl zu den Personen und Parteien ab. Und beeinflussbar sind wir auch – der eine mehr, der andere weniger. Aber so dämonisch wirken die hier agierenden Figuren nicht, dass sie unser aller Manipulierbarkeit bis ins Letzte durchforscht haben könnten und die Ergebnisse dieser Forschungen dann einsetzen können, um einen abgehalfterten Politiker zum strahlenden Wahlsieger hochzudemoskopieren. Schon gar nicht die beiden, die das dann ausführen müssten, während Vera, die Kompetente und Erfahrene, tot oder außer Gefecht ist. Dass ihr Tod fingiert werden muss, damit Palü die Konspirateure zu Aussagen bringen kann, halten wir im Übrigen ebenfalls nicht für zwingend.

Die Auflösung ist, wie Vieles an diesem Fall, grob – und nicht wirklich zu Ende ermittelt. Gerade ein Typ wie Palü aber sollte genau das tun. Konsequent ermitteln und sich nicht auf Spielchen einlassen oder gar welche inszenieren.

Finale

Der erste „Palü“, den wir nach über 80 Tatorten nun rezensieren konnten, hat uns enttäuscht. Die Konzeption der Figuren und der Handlung ist allenfalls Mittelmaß, auch die formalen Meriten von „Veras Waffen“ sind nicht geeignet, noch etwas herauszureißen. Hinzu kommt, dass Palü auch noch unnötig unsympathisch gezeigt wird. Wie der Mann bei seinem Aussehen und seinem Charakter noch eine recht ansehnliche und nette Saarbrücker Szenefrau mit starker Bindung zum St. Johanner Markt abbekommt, bleibt vorerst sein Geheimnis. Vielleicht ist es das Geheimnis einer südwestdeutschen Sommernacht, die Dinge gesehen hat, die wir bei Max Palü nicht vermuten würden.

6/10

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Max Palu – Jochen Senf
Stephan – Gregor Weber
Vera Maxheimer – Nicole Heesters
Marion von Pahl – Rosl Zech
Ernst Wohlfahrt – Stefan Kurt
Anette Maxheimer – Bettina Engelhardt
Arnold Leidecker – Robert Glatzeder
Ulrike Frank – Annika Blendl
Carla Bartsch – Ellen Schwiers
Margit – Tatjana Clasing
Frau Braun – Alice Hoffmann
Norbert Hoffmann – Erich Bar
Charly Toussaint – Werner Brehm
Peter Bendzko – Julian Manuel
Hauser – Hilmar Eichhorm
Frau Timm – Gabriela Krestan
Student – David Ruland
Reporterin – Marie Elisabetz Denzer

Musik – Frank Nimsgern
Kamera – Klaus Peter Weber
Regie – Hans Christoph Blumenberg
Buch – Hans Christoph Blumenberg

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