Ein unbequemer Zeuge – Polizeiruf 110 Episode 50 #Crimetime 699 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Fuchs #Arndt #Zeuge #unbequem

Crimetime 699 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Eine unbequeme Konstruktion

Eine weitere Variante von Trickbetrug und ein Kind, das sich selbst entführt, sind die beiden Hauptkomponenten von „Ein unbequemer Zeuge“. Ob man die Polizeirufe seinerzeit so gezählt hat, dass klar war, dass es sich hier um ein Jubiläum handelt, wissen wir nicht, die Aufmachung des Films ist jedenfalls konventionell, die Länge mit 76 Minuten leicht über dem damaligen Durchschnitt und der Einsatz von Ermittler*innen findet mit Vera Arndt und Jürgen Fuchs im Normalmodus statt. Ob der Film auch so „normal“ wirkt, darüber haben wir nachgedacht und schreiben über das Ergebnis des Nachdenkens in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Bergemann wuchs bei seiner Oma auf, bei der er auch als Erwachsener noch lebt. Er war ein liebes Kind, wie Oma Bergemann betont, ist jedoch als Erwachsener auf die schiefe Bahn geraten. Er saß im Gefängnis und schlägt sich jetzt mit Betrügereien durch, die er vor seiner Oma zu verbergen versucht. Seine große Liebe ist sein Pferd, das er pflegt. Von Arbeit hält er nicht viel. Geld verdient er sich mit dem Diebstahl von teuren Elektrogeräten. Dabei folgt er Lastwagen vom Centrum Warenhaus, beobachtet, bei welchen Kunden die Geräte abgeliefert werden, und sucht diese Kunden wenig später auf. Stets behauptet er, dass die Geräte einen Defekt aufwiesen, er sie mitnehmen müsse, jedoch am nächsten Tag ein Ersatzgerät schicken werde. Zusammen mit seinem Komplizen Johannes Tenger ergaunert er so zwei Gefriertruhen, die er auf seinem Grundstück zwischenlagert. Während der Diebestour hat sich das Kleinkind Marina Langstengel beim Versteckspielen im Barkas von Bergemann verkrochen. Marina gelingt es nicht, rechtzeitig aus dem Barkas zu steigen. Sie wird eingeschlossen, als Bergemann den Wagen mittags in seiner Garage abstellt.

Frau Langstengel fällt am frühen Nachmittag auf, dass ihr Kind verschwunden ist. Oberleutnant Peter Fuchs und Leutnant Vera Arndt werden mit den Ermittlungen betraut und finden schnell heraus, dass Marina zu der Zeit verschwand, in der in derselben Straße ein vermeintlich defekter Gefrierschrank abgeholt wurde. Dennoch ist nicht klar, ob beide Taten miteinander in Verbindung stehen. Am Abend finden Bergemann und seine Freundin Rita Morgenstern die völlig durchkühlte Marina im Barkas. Beide wollen einen Gefrierschrank für den Weiterverkauf fertig machen, doch stört nicht nur das Kind dieses Vorhaben, sondern auch Johannes Tenger, der plötzlich erscheint. Er befürchtet, von Bergemann übervorteilt zu werden. Der hat stets darauf geachtet, dass Tenger nicht weiß, wer er ist und wo er wohnt. Nun reagiert er unbeherrscht und sagt den Verkauf des Gefrierschrankes kurzerhand ab. Rita kümmert sich unterdessen um Marina, wäscht sie und legt sie schlafen. Sobald ihre Sachen getrocknet sind, soll sie zur Familie zurückgebracht werden, zumal Marina ihren Namen und ihre Anschrift nennen kann.

Frau Langstengel erhält wenig später einen anonymen Brief, dass es ihrer Tochter gut gehe, und sie sie bald wiederhaben werde. Bergemann wiederum weigert sich, Marina direkt bei den Eltern abzuliefern, und will sie stattdessen an einer Bushaltestelle aussetzen. Widerstrebend stimmt Rita zu, doch muss sie den Wagen verlassen, bevor sie die Bushaltestelle erreichen. Bergemann verwirft seinen Plan, als er in der Bushaltestelle auf ein Pärchen trifft. Er fährt mit dem Kind in der Kleinstadt umher.

Einige Zeit später erscheint der nun immer öfter drängelnde Tenger bei Bergemann. Er hat in der Zeitung eine Vermisstenanzeige gelesen, in der nach dem Kind gesucht wird, das er damals bei Bergemann im Barkas gesehen hatte. Bergemann wiegelt ab. Frau Langstengel erhält einen weiteren Brief, in dem ein Übergabeort für Marina genannt wird. Zwar sind Peter Fuchs und Vera Arndt mit anderen Polizisten vor Ort, um die Täter zu stellen, doch erscheint niemand. Rita distanziert sich unterdessen von Bergemann, lässt ihn nicht in ihre Wohnung und verweigert auch sonst den Umgang mit ihm.

Tenger will den Verdacht, dass beide etwas mit dem Verschwinden des Kindes zu tun haben, ausräumen, indem sie einfach einen neuen Diebstahl unternehmen. Bergemann lässt sich überzeugen und versucht, nach der gleichen Masche wie bei den Gefrierschränken nun an neue Fernseher zu kommen. Das erste potenzielle Opfer schöpft jedoch Verdacht, lässt die Polizei alarmieren und merkt sich das Nummernschild des Barkas. Die Ermittler kommen Bergemann auf die Schliche. In seinem Barkas finden sich die Spuren eines Kleinkindes, und auch in der Wohnung weisen verschiedene Fingerabdrücke darauf hin, dass ein Kind im Haus war. Marina jedoch bleibt verschwunden, und Bergemann redet nicht. Ein frisch umgegrabenes Feld im Garten der Bergemanns wird ausgehoben, doch finden sich darin nur die beiden gestohlenen Gefrierschränke.

Oma Bergemann bringt die Ermittler schließlich auf die richtige Spur, indem sie Vera Arndt die Adressen sämtlicher Liebschaften ihres Enkels nennt. In Ritas Wohnung sehen die Ermittler, dass hier auch ein Kind wohnt, und tatsächlich treffen wenig später Rita und Marina ein. Rita wird festgenommen und Marina zurück zur Mutter gebracht. Im Verhör meint Rita, sie sei Bergemann in der Nacht nachgegangen, als er das Kind aussetzen wollte. Sie habe Marina schließlich in einem Hausflur gefunden und mit in ihre Wohnung genommen. Später habe sie das Kind jedoch auch nicht zu ihren Eltern zurückgebracht, sondern sich lieber wie eine Mutter um Marina gekümmert. Dass die Eltern ihr Kind suchen, habe sie verdrängt, sei ihr die ganze Situation doch am Ende über den Kopf gewachsen.

Rezension

Die Charaktere sind wieder sehr schön gezeichnet, vor allem Frau Morgenstern wird als ambivalenter Mensch dargestellt und es ist am Ende geradezu rührend, wie sie zu verdrängen versucht, dass der kleine Menschen, den sie endlich umsorgen möchte, nicht ihre eigene Tochter ist. Peter Reusse wirkt dagegen als Betrüger Bergemann eher eindimensional. Deswegen bekommt diese Rollenfigur einen Hintergrund verpasst, wie ihn Menschen, die auf die schiefe Bahn geraten, wohl meistens haben, zumindest in Polizeirufen. Ein elternloser Junge wächst bei einer derben Großmutter auf, die zwar dieses Kind lieb findet, aber vielleicht nicht dafür sorgen kann, dass es Wärme erfährt. Deswegen wird aus dem lieben ein böser Bube.

Seine Masche ist wirklich frech, aber auf welchen Trickdiebstahl, den wir bisher in Polizeirufen gesehen haben, trifft das nicht zu? Vor allem die Art, wie das gebracht wird, hat uns amüsiert: Das große Geheimnis, die technisch defekte Serie, der mögliche Rufschaden für den Hersteller, wenn das rauskommt, also. Wie oft neue Geräte defekt waren, die in der DDR ausgeliefert wurden, wissen wir leider nicht, aber die Kunden wirken wieder einmal überragend naiv. Glaubwürdiger wäre es gewesen, wenn man das Ganze nicht so hoch gehängt hätte. Immer wieder fallen die Menschen auf Maschen herein, die ganz schön skurril wirken. Aber man unterschätzt manchmal den psychologischen Druck, den versiert auftretende Manipulierer ausüben können. Da kann schon mal das logische Denken abhanden kommen. 

Aber kein Wunder, dass die Masche in dem Moment schiefgeht, in dem Bergemann sich mit der Nicht-Rückgabe der kleinen Marina an ihre Eltern zusätzliches schlechtes Karma eingeheimst hat. Und Farbfernseher-Kunden waren schon deshalb klüger, weil sie technisch in der ersten Reihe sitzen und ca. 3.500 bis 4.000 Mark Ost in ein neues Gerät investieren konnten. Das war etwa ein halbes durchschnittliches Jahresgehalt. Auch Gefrierschränke schlugen mit ca. 2.000 Mark zu Buche – waren in der BRD aber damals auch real teurer als heute, was tendenziell für alle technischen Konsumprodukte gilt.

Diese Trickgeschichten haben wir abgenickt, auch, weil sie recht amüsant wirkten. Immer schön, wenn Fred Delmare eine seiner oft zwielichtigen Sidekick-Figuren geben kann, in ihnen kann sich der meist größer gewachsene und bei den Frauen mit mehr Glück gesegnete Hauptverbrecher schön spiegeln. Das Motiv, auch etwas vom großen Kuchen abhaben zu wollen, zieht sich durch viele dieser Darstellungen.

Es ist gefährlich, zwischen Autos zu spielen. Das haben Marina und ihre Freunde nicht berücksichtigt. Das Mädchen gewinnt von Beginn an die Sympathie der Zuschauer, weil sie von den Jungs, die Verstecken spielen, noch als zu klein erachtet wird, sich aber besonders findig zeigt, als es darum geht, ein schönes Hideway zu organisieren. Dieses fährt dann tatsächlich davon und als Bergemann das Mädchen in seiner Scheune entdeckt, als er die Gefrierschränke auslädt, ist guter Rat teuer. Die Hilflosigkeit aller Beteiligten im Umgang mit dem Kind ist aber das eigentlich Spannende an dem Film. Niemandem von ihnen traut man ohne Weiteres einen Mord zu, aber weiß man’s so genau, was passiert, wenn Bergemann mit der Kleinen unterwegs ist und dabei die Nerven verlieren könnte, als wieder mal ein Plan, nämlich, sie an der Haltestelle auszusetzen, sich als nicht durchführbar erweist? Was haben wir aufgeatmet, als die Polizei in der Grube nur die Gefrierschränke findet. 

Seltsamerweise wird ein Umstand gar nicht angesprochen: Dass Marina eine wichtige Zeugin ist, welche die Polizei auf die Spur der Trickbetrüger bringen könne. Das wäre doch das naheliegendste Motiv für ihre Tötung gewesen oder für das Zögern, sie ihren Eltern zu übergeben. So wie gezeigt, wirkt das Vorgehen der Wissenden vor allem dilettantisch. Die Übergabe am Friedhof – warum fand sie nicht statt? Weil Bergemann und den anderen der Boden wohl doch zu heiß war und sie eine Falle vermuteten? Weil Frau Morgenstein das Kind nicht hergeben wollte? Wir erfahren es leider nicht. 

Finale

Ein Kind in Not ist mit am besten geeignet, um Zuschauer in Wallung zu bringen. Der kleinen Marina wird zunächst kein Leid getan, aber dieses ständige Hin und Her um ihr Schicksal ist schon nervenzerfetzend, bevor sie über Nacht einfach im Transporter eingesperrt bleibt und sich dabei schwer erkältet. Und erst danach! Die Angst der Mutter wird realistisch dargestellt und wir haben gehofft, nicht zum zweiten Mal in einem DDR-Polizeiruf eine Kindestötung miterleben zu müssen (die erste fand in „Im Alter von …“ statt, der 1974 gedreht, aber erst neu aufgeführt wurde. Er galt lange als verschollen, wurde Ende der 2000er aber aufgefunden – ohne Tonspur. 2011 wurde er dann synchronisiert und wieder gezeigt.

Ein herausragender Film ist „Ein unbequemer Zeuge“ nicht, weil gar zu spekulativ mit dem kleinen Mädchen verfahren wird und das Drehbuch ziemlich unpräzise wirkt. Bergemann ist arg drastisch porträtiert und – nicht etwa ist Marina eine unbequeme Zeugin für die Machenschaften der Elektrogeräte-Trickdiebe, sondern der unbequeme Zeuge ist in der Tat Bergemann, der leugnet, bis dem Zuschauer beinahe ebenso der Geduldsfaden platzt wie den Ermittlern. 

6,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Helmut Krätzig
Drehbuch Helmut Krätzig
Produktion Ralf Siebenhörl
Musik Christian Steyer
Kamera Wolfgang Voigt
Schnitt Susanne Carpentier
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s