Herzversagen – Tatort 575 #Crimetime 700 #Tatort #Frankfurt #Dellwo #Sänger #HR #Herz #Versagen #Herzversagen

Crimetime 700 - Titelfoto © HR, Bettina Müller
Link zur Tabelle: Link zur Tabelle: https://www.tatort-fundus.de/web/rangliste/statistiken/wertungen-aller-folgen-eines-ermittlers.html?Nr=10&ermittler=Dellwo

Vorwort 2020

Nach einigen Wochen zeigen wir heute wieder ein „Original“. Eine Rezension, wie sie ursprünglich im Jahr 2011 verfasst wurde, in der TatortAnthologie trug sie seinerzeit die Nummer 44 – wir haben diesem Film nun die „Crimetime 700“ gegeben, weil er zu den besten im Jahr 2011 rezensierten Tatorten gehört und weil wir Rezensionen aus diesem ersten Jahr jetzt unabhängig von aktuellen Fernsehwiederholungen republizieren. Den Nutzern des Tatort-Fundus gilt dieser Film als zweitbester Dellwo-Sänger-Fall und steht in der Gesamtrangliste derzeit auf einem herausragenden 13. Platz. Bis auf Copyrights zum Foto und die Ergänzung dieses Vorworts haben wir nichts geändert.

I. Kurzkritik

„Herzversagen“ ist einer der höchstdotierten und bewerteten Tatorte in über 40 Jahren. Wenn man ihn sich anschaut und das vorher weiß, gewinnt man natürlich einen besonders kritischen Blick, der immer fragt: Ist das berechtigt?

Wir sind ein wenig vorsichtig. Er gehört auf jeden Fall zu den besten, die wir bisher zu rezensieren hatten. Das Thema ist fulminant umgesetzt, war Mitte des vergangenen Jahrzehnts sehr en vogue und ist selbstverständlich immer noch aktuell.

Die Schauspielerleistungen sind ebenalls exorbitant. Wir haben sowieso nicht das große Problem mit Charlotte Sänger wie einige Fans der Serie, deswegen fällt es uns leicht zu sagen: Sie ist Spitze, im Tatort 575! Gleiches gilt aber auch für Dellwo. Den haben wir noch nie so präsent und differenziert gesehen wie hier.

Bei der Handlung kann man sagen: Konzentriert, nicht rasant. Gut so, angesichts des Themas. Aber auch Thrill, in einer Szene sogar eine deutliche Anspielung auf Hitchcock’s „Psycho“. Gute Spannung zwischen den verschiedenen Figuren im Polizeibereich.

Allerdings mehrere Zufälle, wieder einmal. Und ein Täter, der am Ende wie ein Hase aus dem Zauberhaut geholt wird. Die Frage ist allerdings, wie wertet man das in diesem Fall.

Wir haben es nicht zu deutlich gewichtet, angesichts der Gesamtqualitäten von „Herzversagen“ und bleiben im Mainstream: Für uns ist er unter den besten der bisher 44 gewerteten Tatorte. Warum das so ist, erklären wir in der Hauptrezension unten genauer.

  1. Inhalt, Besetzung, Stab

Die beliebten Frankfurter „Tatort“-Kommissare Charlotte Sänger und Fritz Dellwo werden in ihrem neusten Fall mit den Themen des Altwerdens und der Einsamkeit konfrontiert: Eine alte Frau wird tot in ihrer Wohnung gefunden. Das einsame, aber natürliche Ende eines Menschenlebens? Oder ein Gewaltverbrechen?

Obwohl äußerliche Hinweise fehlen, stellt die Gerichtsmedizin fest, dass die alte Frau tatsächlich ermordet wurde. Ihr Erspartes, das sie in ihrer Wohnung versteckt hatte, ist verschwunden.

Dellwo und Sänger nehmen sich der Sache an und stoßen bei ihren Recherchen auf eine ganze Serie rätselhafter Todesfälle älterer Damen im Bahnhofsviertel. Sie alle sind angeblich an Herzversagen gestorben. Und sie alle haben kurz vor ihrem Tod ihre Ersparnisse von der Bank geholt. Die Polizei nimmt einen Junkie aus dem Bahnhofsviertel als möglichen Täter fest. Für Sänger und Dellwo hat sich der Fall damit aber nicht erledigt. Sie wundern sich, dass bei allen Opfern Kleidungsstücke eines bestimmten Frankfurter Pelz-Händlers gefunden wurden.

Darsteller:

Oberkommissarin Charlotte Sänger: Andrea Sawatzki
Hauptkommissar Fritz Dellwo: Jörg Schüttauf
Fromm: Peter Lerchbaumer
Kruschke: Oliver Bootz
Dr. Scheer: Thomas Balou Martin
Frau Anuscheck: Elisabeth Wiedemann
Herr Nilgens: Friedrich Schoenfelder
Michael Rost: Jan Henrik Stahlberg

Stab:

Regie: Thomas Freundner
Buch: Stefan Falk und Thomas Freundner
Kamera: Armin Alker
Musik: J. J. Gerndt

(Inhalt, Besetzung, Stab: WDR)

III. Rezension

  1. Die unsichtbare Armee

Nie war Frankfurt kleiner, dichter besiedelt mit alten, allein stehenden Menschen, als in diesem Krimi, der im Bahnhofsviertel spielt. Das ist ganz offensichtlich keine gute Gegend.

Der Tatort ist aus 2004, manche Kleinigkeit hat sich seitdem geändert, aber er wirkt wie aus den 70ern, allerhöchstens, wenn man alle gezeigten Wohnungen zusammen anschaut. Alle alten Menschen haben alte Möbel. Und nicht nur die alten. Auch Dellwo und Sänger sind in ein altes Haus gezogen, das Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) geerbt hat. Und auch da stehen nur alte Möbel. Selbst das Polizeipräsidium ist ein uraltes Teil mit – richtig – alten Möbeln.  Diese beinahe psychedelische Leitzentrale der späteren Folgen gibt es hier noch nicht. Offenbar, man sieht es auch an einigen Details, steht die Dienststelle kurz vor dem Umzug.

Eine alte, allein stehende Frau beim Lebensmittelhändler sagt es: Wir sind die unsichtbare Armee, niemand sieht uns. Es ist die Schauspielerin Christel Peters in einem Kurzauftritt, ein Jahr später in„Sommer vorm Balkon“ stirbt sie, als Figur der alten Helene, die bis zum Schluss versucht, alte Volkslieder auf dem Akkordeon zu spielen – just während eines solchen Liedes. Dort wird sie nicht ermordet, wird das Thema Alter, Einsamkeit, Tod auf eine andere Art wunderbar einfühlsam inszeniert. Wer „Herzversagen“ gut findet, sollte sich diesen Film zum Vergleich ansehen, in dem die Alten zwar nicht ganz so im Mittelpunkt stehen wie hier, in dem aber ähnlich beherzt und schonungslos mit dem Thema umgegangen wird. Dort geht es um alle Lebenszyklen, „Herzversagen“ klammert die früheren Zyklen des Lebens hingegen beinahe vollkommen aus.

  1. Alles fließt miteinander – Figuren und Thema

Ganz selten, dass ein Tatort eine solche Synergie erzeugen kann und das Privatleben der Ermittler tatsächlich sinngerecht und absolut auf den Fall bezogen einbindet. Oft läuft es bei Tatorten nebenher und wenn es nicht stört oder für falsche Zungenschläge sorgt, kann man schon froh sein. Dieses Mal ist es anders. Man spürt intuitiv, diese beiden Grenzgänger von Ermittlertypen, denen musste ein Thema, eine richtiggehende Mordserie wie diese einmal in die Hände fallen, damit sie so aufspielen können.

Das Trauma von Charlotte Sänger, der Mord an ihren Eltern, es versteht sich von selbst, dass ihre Erinnerung daran wieder hochkommt und sie an den Rand des Zusammenbruches treibt. Deswegen war auch die Traumszene nicht überflüssig, sondern reflektiert die Verbindung des Falles mit Sängers Biografie. Dellwo ist zwar desillusioniert-hartnäckig im Kampf mit seinen Vorgesetzten, besonders dem Staatsanwalt Dr. Scheer, kein Karrieretyp, aber emotional ist er am Ende genauso involviert wie Sänger. Und wer wäre das nicht, bei diesem grausamen Ende?

Eine ganz ungewöhnliche Konstruktion, dass die erste Szene nach dem Ende des Falles liegt. Da lässt Sänger sich psychologisch betreuen und gibt ihrer Unzufriedenheit, vielleicht auch Fassungslosigkeit Ausdruck. Offenbar handelt es sich um das Urteil im Mordprozess um die toten alten Damen. Möglicherweise hat der Mörder tatsächlich eine vergleichsweise milde Strafe bekommen. Zwar sicher nicht die mildernden Umstände, die er selbst sich ausbedingt, im Verhör mit Dellwo – aber vielleicht auch nicht die Höchststrafe. Dann wäre das Gericht der Ideologie der kalten Abwägung gefolgt, die auch der Täter vornimmt. Bitterer kann Sozialkritik kaum sein – und subtiler auch nicht, denn genau weiß man nicht, wie es nach der Inhaftierung des Täters weitergeht.

Es ist eine seltsame Sache, wenn man eine Zeitreise rückwärts macht. 575 ist die älteste Dellwo-Sänger-Folge, die wir bis jetzt rezensiert haben und man sieht die beiden nicht lokal getrennt, Sänger nicht in ihrer neuen, kleinen, aufgeräumten Wohnung, wie z. B. in „Unter uns“. Sondern noch mit Dellwo zusammen in dem alten Elternhaus von Sänger. Obwohl in diesem Haus ihre Eltern ermordet wurden, bleibt sie darin wohnen. Welch eine Tat. Welch eine Ermittlerfigur, die so tickt. Die noch so verstrickt inder Vergangenheit und in einem emotionalen Kokon gefangen ist. Die natürlich hochsensibel auf alles reagiert. „Herzversagen“ erklärt Vieles an der Figur Sänger, und er zeigt noch etwas anderes – nämlich, dass man die Frankfurter bewusst weiterentwickelt hat. Dass Charlotte Sänger in den späteren Folgen mit ihrer elfenhaft-somnambulen Gefühlssicherheit ein Produkt ihrer frühen Jahre ist. Eine Art Essenz. Sie hat sich aus der Vergangenheit gelöst und ihre eigene Überlebensstrategie entwickelt.

Sie kann sich nicht einlassen (wie die meisten Ermittler) und erfasst gerade aus dieser scheinbaren Distanz sehr Vieles. Wenn man die späteren Folgen richtig bewerten will, muss man also die früheren kennen. Wir sind froh, dass wir Sänger zwar manchmal für seltsam, aber nie für daneben hielten. Folge 575 liefert nun den Schlüssel zu ihr, den wir bisher nicht hatten. Die Figur, die man Andrea Sawatzki auf den Leib geschrieben hat, gewinnt durch „Herzversagen“ sehr an Tiefe und man erkennt erst, dass nicht nur die Themen, sondern auch die Charaktere beim HR wirklich mit äußerstem Engagement und riskant intensiver Seelenlandschaft entwickelt werden.

Dazu der Existenzialist Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf), der oft unter Wert spielen muss, aber in 575 ebenfalls großartig inszeniert wird. Wie er sich bei Sänger einnistet, einen Mietvertrag bekommt, aber sich nicht einmal ein paar neue Möbel anschaffen will, und die im Haus sind wirklich alt, wohl aus den 50ern, teilweise gar aus den 40ern – klasse. Besser kann man nicht ausdrücken, dass Zuhause überall und nirgendwo ist, vielleicht nicht einmal in der eigenen Haut. Nur die alte Rockmusik, nicht aus den 50ern, sondern aus den 70ern, die ist eine Art individuelles coming out. Schade, dass man Dellwo in den späteren Folgen nicht mehr diesen Raum gab. Hier wirkt er durchaus noch möglich als der Vorgesetzte von Sawatzki, der er ja auch ist, in neueren Tatorten der beiden hat man das Gefühl, dass sie in jeder Hinsicht dominiert. Was immer bleibt, sie die Anziehung zwischen den beiden, die sich nie erfüllt.

Und es könnte sein, dass sich beim neuen Team Steier / Mey dies wiederholen wird.

  1. Immer weniger Morde?

Kontinuierlich sinkt in Deutschland die Mordrate bzw. die Zahl der Tötungsdelikte in absoluten Zahlen, und dies seit Jahrzehnten. Und steigt die Aufklärungsrate, dank immer besserer Technik. Das wird ja auch in „Herzversagen“ sichtbar, wo erst eine für damalige Verhältnisse neuartige 3D-Tomografie am Tatort den ersten Mord ans Licht und damit den Stein der Ermittlungen ins Rollen bringt. Aber der Film suggeriert auch, dass es viele Todesfälle gibt, die gar nicht als Morde eingestuft werden. Und dass manch alter Mensch, der dahinstirbt, vielleicht keinen natürlichen Tod hatte. Natürlich ist das spekulativ, aber man bekommt beinahe Lust darauf zu fordern, dass alle Leichen künftig routinemäßig obduziert werden müssen, bevor eine Beisetzung stattfinden darf. Natürlich geht das nicht, aber die unangenehme Frage, wo sich hinter dem sanften Ableben anderes verbergen könnte, die bleibt.

  1. Fragen an das Miteinander

Was „Herzversagen“ ebenfalls auszeichnet, sind die vielen Details und großartigen Einzelideen. Zum Beispiel diese prototypische Gemeinschaft von miesen  Nachbarn des ersten Mordopfers. Alle mit sich selbst beschäftigt, auf die eine ode andere Weise. Am besten hat uns der Typ mit dem Plakat „Nie wieder Krieg“ im Hintergrund gefallen: „Gibt es jetzt ein Gesetz, dass man seine Nachbarn kennen muss, oder was?“. Gibt es ein Gesetz dagegen, dass man irgendetwas anderes im Blick hat als sein eigenes Ding, seine eigene Befindlichkeit? Alles sozial unterbelichtete Mitbewohner, eine großartige Ansammlung von Stereotypen – und doch realistisch in der Gesamtheit der Möglichkeiten, warum man keinen Kontakt zueinander findet. Auch, wie die Sequenz gefilmt ist, Frage und Antwort jeweils zur nächsten dieser Figuren überleiten. Wunderbar gemacht, richtig gutes Kino. Auf diese Weise dauert das ganze Haus abzufragen nicht mal eine Minute.

Allerdings gibt es eine Frage aus dieser Sequenz, die offen bleibt. Es gibt sicher Häuser, in denen alle richtig miteinander leben, nicht nur nebeneinander. Aber es existieren auch viele Zwischenstufen zwischen einer großen WG, die sich über mehrere Stockwerke verteilt und den Verhältnissen der Gleichgültigkeit, die hier gezeigt werden. Zum Beispiel: Man kennt sich, wechselt immer Worte miteinander, wenn man sich trifft, besucht sich aber nicht andauernd gegenseitig. Das halten wir für eine häufige Variante von Nachbarschaft. Würde bei einer solchen Variante auffallen, wenn jemand plötzlich stirbt? Wohl kaum. Und man könnte niemandem einen Vorwurf daraus machen, dass es nicht aufgefallen ist. Man kommt miteinander aus, mag sich vielleicht sogar, ist aber nicht so eng miteinander, dass man sich gegenseitig vermisst, wenn man sich für eine Zeit nicht begegnet. Und ist diese Form, entspannt, aber nicht aufdringlich miteinander zu leben, falsch, weil im Haus nicht sofort registriert wird, wenn jemand dahingeht? Wir lassen das offen.

Was man gut feststellen kann: 2004 war die Zeit, in der die Agenda 2010 zum Wirken kam. Etwa, indem Hartz IV eingeführt wurde und plötzlich alles und jedes Ding in erster Linie einer ökonomischen Betrachtungsweise unterzogen wurde. Die HR-Tatortmacher haben immer ein Gespür für den  Zeitgeist und sind in der Umsetzung oft einen Tick schneller als die anderen – sie haben das hier gut einfließen lassen, was diese Zeit ausgezeichnet hat: Eine harte Wende um jeden Preis, wegen der hohen Arbeitslosigkeit und der davonschießenden Kosten in allen Bereichen.

Heute sind wir wieder ein Stück weiter und wir sehen die Grenzen der Ökonomisierung aller Dinge so deutlich wie nie zuvor. Aber die Typen wie diesen BWL-Student (ja, es musste wohl ein BWL-Student sein!) ohne soziales Gewissen, die wirken immer noch und bestimmen vielleicht sogar mehr als 2004, wie die Welt tickt. Und in dieser Denkweise, auch wenn sie keine gezielten Morde beinhaltet, liegt Vieles von dem begründet, was immer neue Zwänge schafft, um eine Form von seelenlosem Wohlstand zu sichern, der niemanden glücklich, aber viele krank und einsam macht. Und natürlich trifft es besonders die älteren Menschen, die nicht mehr die Kraft haben, sich selbst immer neu zu erfinden. Im Fall von „Herzversagen“ trifft es sie sogar tödlich, dieses Denken. Wer einige leicht geschriebene, aber gute Bücher zum Stand einer seltsamen Gesellschaft, die einerseits hochsensibel geworden ist, andererseits menschliche Grundwerte immer stärker vernachlässigt lesen will, dem sei z.  B. Richard David Prechts Werk empfohlen, besonders „Die Kunst, kein Egoist zu sein“.

  1. Weitere gute Details

Zurück zum Filmischen. Neben der oben erwähnten Befragungszene gibt es viele weitere Kleinigkeiten, die belegen, dass Liebe in diesem Tatort steckt. Da ist dieser Privatstrand im Hinterhof – wer kommt auf solch eine Idee? Klasse gemacht. Oder die Szene, in der Dellwo dem Handtaschenräuber nachrennt und dadurch ein die Wohnung des zweiten Mordopfers kommt. Wie er durch die Wohnung geht, in dieses Zimmer,  auf den Sessel zu, den man nur von hinten sieht … und dann die Mumie. Das ist beinahe einz zu eins und beinahe schon wieder humoristisch-ironisch bei Alfred Hitchcocks legendärem Film „Psycho“ abgeschaut. Thrill pur, wenn man nicht vorher schon ahnen würde, was kommt, als man dieen Sessel sieht und Dellwo darauf zugehen. Die Anspielung ist zu offensichtlich, um dann noch überraschend zu wirken. Das haben die Macher aber sicher einkalkuliert. Spektakulär ist es gleichwohl. Oder die Szene, als der Erbe des ersten Mordopfers auftaucht und versucht, an den Mann heranzukommen, der seine Pelze verpfändet hat – und Dellwo und Sänger ihn belügen, indem sie so tun, als wüssten sie nicht, dass es um den älteren Herrn Nilgens handelt.

  1. Der Kampf mit dem Plot

Den haben wir auch dieses Mal wieder zu führen. Ja, es gibt einige Zufälle, und die darf es nach der strengen Lehre ja nicht geben. Wie zum Beispiel, dass ein späteres Mordopfer ausgerechnet Charlotte Sänger auf der Straße anspricht, diese sie ein wenig kennen lernt und so Charlottes Weinkrampf auslösen kann, als sie dann ermordert wird. Die Szene mit dem Handtaschenraub ist ebenfalls nicht gerade eine mit hoher Wahrscheinlichkeitsrate. Das größte Problem stellt aber wohl die Tatsache dar, dass der Täter erst am Ende eingeführt wird. Man denkt die ganze Zeit: Es wird doch nicht der zwar mit Pelzen handelnde und somit politisch nicht korrekte ältere Herr Nilgens sein? Nein, zu sympathich, das geht nicht. Oder der Junkie, der die Handtasche raubt? Der soll diese perfiden Morde begangen haben? Beide waren es nicht, aber es gibt lange  Zeit keine dritte Spur.

Und dann der Lesezirkel. Ja, okay. Es ist kein  Zufall, dass Charlotte hier richtig kombiniert. Und dass sie lange braucht, um diese Verbindung zwischen dreien der Opfer zu erkennen. Ein großartiger Einfall, übrigens. In Wirklichkeit werden Lesezirkelzusteller wohl nicht ganz so ins Leben ihrer Kunden involviert werden, auch wenn diese ältere Damen sind – aus plottechnischen Gründen kann man das aber mal durchgehen lassen. Nur, ein Whodunit, bei dem der Täter erst fünf Minuten vor Schluss erstmalig auftritt? Das ist eine erhebliche und absichtliche Regelverletzung.

Und jetzt die bange Frage – wie bewertet man sie? Man kann sie nicht einfach beiseite schieben, nur, weil man ansonsten so beeindruckt, ja erschüttert von „Herzversagen“ ist. Man kann aber sagen, es ging kaum anders, sonst hätte man sich wieder in unendlich vielen Details verloren und nicht auf die Story konzentrieren können. Das ist eine recht gute Entschuldigung, aber eine Abwertung muss es trotzdem geben. Und noch eine kleine dazu, weil dieser krude BWL-Student (es konnte nur ein BWL-Student sein, der so ökonomisch über alte Leute denkt – nicht weil alle BWL-Studenten so sind, sondern weil er für menschenfeindliches Prinzip stehen soll), weil also dieser Typ sich so rasch ergibt. So jemand, der mit Eiseskälte vier Morde begeht, würde doch etwas mehr darum pokern, ob man sie ihm auch wirklich nachweisen kann. So eindeutig belegt ist das hier nämlich (noch) nicht. Also nicht ganz ausermittelt. Er gesteht eben einfach.

  1. Fazit

Wenn man alle Stärken bei Figuren und Thema und die gewissen Schwächen im Plot zusammenrechnet und sie mit anderen Tatorten vergleicht, kommt man zu einem beinahe sehr guten Ergebnis. Etwas Luft lassen wir aber noch nach oben, wir hoffen auf den ultimativen Tatort oder wenigstens auf einen legendären Film wie „Reifeprüfung“, der im Moment mit 9,0 die Spitze innerhalb der 44 bewerteten Tatorte hält – und geben für „Herzversagen“ 8,5/10.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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