Keine Liebe, kein Leben – Polizeiruf 110 Episode 165 #Crimetime 701 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Leipzig #Raab #Hübner #Liebe #Leben

Crimetime 701 - Titelfoto © MDR 

Lieben und Leben oder nicht in Nachwende-Leipzig

Je mehr wir über die Polizeirufe wissen, desto mehr werden sie auch zum Symbol zweier Welten. Dass es so kommen könnte, war uns von Beginn an so klar, dass wir aufpassen müssen, dass wir’s nun nicht künstlich überheben. Bei der Parallelreihe Tatort gibt es trotz vieler Teamwechsel eine große Kontinuität, gibt es Linien, die man gut vom Beginn an bis heute verfolgen kann. Der Polizeiruf wurde 1991 unterbrochen, weil nicht klar war, wie es weitergehen soll – der MDR Hat denn 1993 übernommen und heute widmen sich sogar Sender, die nicht für die östlichen Bundesländer zuständig sind, der Reihe. Gut, im Moment ist es nur einer, der Bayerische Rundfunk, aber dieser trägt mit die besten Filme bei. Die Reihe ist heute sicher in der Fernsehlandschaft verankert.

Obwohl „Keine Liebe, kein Leben“ schon zu den MDR-Polizeirufen zählt, einige Zäsuren bereits zurücklagen, als er gedreht wurde, ist er trotzdem ein Übergangsprodukt – ein recht interessantes. Warum wir dieser Ansicht sind und alles andere zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung (Wikpedia)

Im Mai 1984 wurde die attraktive Marlene in Leipzig erstochen. Sie hatte auf einer Feier mit den Gefühlen der Studienfreunde Max Pelitz und Hans Dörner gespielt, die beide ihre Geliebten waren. Der alkoholisierte Max wurde als Täter verhaftet und verurteilt. Nach zehn Jahren kommt er nun vorzeitig frei. In Leipzig sucht er nach Hans; sein ehemaliger Professor Falk, der sich sein Geld nun als Cafégeiger verdient, berichtet ihm, dass Hans inzwischen im Freylach-Institut arbeitet. Hans zeigt sich erfreut über Max’ Auftauchen. Beide treffen sich am Abend und Hans bringt Max mit der Edelprostituierten Dominique zusammen, die ihn in Marlene-Verkleidung erwartet. Hans wird unterdessen von seinem früheren Kommilitonen Thomas Fahrensteiner, der inzwischen als freier Fotograf arbeitet, aufgesucht und erpresst. Er fordert mehr Geld von Hans, was dieser ablehnt. In einem Restaurant gesteht Hans Max kurz darauf, dass in Wirklichkeit er damals Marlene getötet habe. Max schlägt ihn nieder; da er auf Bewährung entlassen wurde, wird der Fall Oberkommissar Raabe übertragen, der von Max erfährt, dass Hans sich als Mörder bezeichnet habe. Hans wiederum streitet dies ab und zweifelt an Max’ geistiger Gesundheit. Er verzichtet zudem auf eine Anzeige, sodass Max auf freiem Fuß bleibt.

Thomas ruft Max anonym an und teilt ihm mit, dass er ihm für 30.000 Mark Beweise liefern könne, die den wahren Mörder von Marlene entlarven. Hans hat Max’ Telefon angezapft und weiß so von dem Anruf. Max wendet sich an Raabe und bittet ihn um Geld. In Absprache mit Oberkommissar Jürgen Hübner und Kriminalrat Meier erhält Raabe das Geld und überwacht den Ort der Geldübergabe. Thomas jedoch erscheint nie. Er wird an seinem Haus von Hans abgepasst, der ihm die Beweise – Negative von Fotografien der Tat – abnimmt und ihn anschließend überfährt. Raabe und Hübner können schnell eine Verbindung von Max, Hans und Thomas herstellen und vermuten, dass Thomas die Beweise liefern wollte, da er die letzten Jahre offensichtlich für sein Stillschweigen bezahlt wurde. Zudem findet sich ein Zettel in seinem Büro, auf dem Marlene ihn aufforderte, sie nicht mehr zu belästigen. Von Thomas’ Ex-Frau erfährt Raabe, dass Thomas Schweigegeld erhielt, auch wenn sie nicht weiß, von wem und weswegen. Raabe recherchiert am damaligen Tatort, wo Thomas unentdeckt Fotos von dem Mord hätte aufnehmen können. Mit einer verkleideten Schaufensterpuppe stellt er die Tat nach und lässt sich von seinem Assistenten Schulz dabei fotografieren.

Hans bestellt unerwartet Max zu sich, um ihm alles zu offenbaren. Er inszeniert das Treffen, indem er seine Sekretärin so zu sich bestellt, dass sie beim Verlassen des Hauses Max sehen muss. Auf einen Sessel legt er eine Pistole, die Max aufnehmen muss, um sich zu setzen. Schließlich offenbart er Max Details zum Mord, doch reagiert Max nicht im Affekt und verlässt die Wohnung, ohne auf ihn zu schießen. Vor dem Haus hört Max den Schuss und findet Hans leblos in einem Blutlache auf – er hat auf sich selbst erschossen, ist jedoch nicht tot, wie Max glaubt. Max flüchtet und Hans wird verletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Obwohl alle Indizien auf Max als Täter hinweisen, zweifelt Raabe an seiner Schuld. Am Telefon berichtet er Max, dass Hans nicht tot sei. Die Ermittler erfahren, dass Max sich über einen V-Mann eine Waffe besorgen will. Der Kauf kommt nicht zustande. Stattdessen kapert Max einen Polizeiwagen und begibt sich als Polizist verkleidet zu Hans, den er mit Waffengewalt zum damaligen Tatort bringt. Die Ermittler kommen mit weiteren Polizisten kurz darauf ebenfalls am Ort von Marlenes Ermordung an. Max kündigt eine öffentliche Hinrichtung Hans’ an, da die Ermittler offensichtlich nicht in der Lage seien, die Wahrheit herauszubekommen. Raabe jedoch rekonstruiert den Fall und Hans’ Schuld, für die er Beweise habe. Thomas besaß nicht nur die Beweise, die er Hans übergeben habe und die dieser vernichtet hat, sondern habe sich zusätzlich über seine Ex-Frau abgesichert, der er ebenfalls ein Foto der Ermordung Marlenes übergab. Er zeigt das Foto Max und überwältigt ihn kurz darauf. Hans wiederum beginnt hastig, das Beweisstück aufzuessen, doch macht ihm Raabe klar, dass er das Bild vervielfältigt hat. Hans wird abgeführt. Kriminalrat Meier wiederum rügt Raabe, dass er das klare Beweisstück so lange zurückgehalten habe. Raabe zeigt ihm das Foto: Es ist eine Aufnahme der gestellten Ermordung Marlenes, auf der er selbst mit der Schaufensterpuppe zu sehen ist.

Rezension

Wenn man schon hinter den Namen Jürgen Frohriep ein Kreuz machen musste, hätte man ihn doch wenigstens noch einmal an die Spitze der Besetzungsliste setzen können. Mit seinem letzten Auftritt, dem Tod noch vor der Ausstrahlung des Films, ging die Epoche der DDR-Polizeirufe wirklich zu Ende. 

„Trotz guter Story nur ein Polizeiruf 08/15“, befand TV Spielfilm.[2] Für Peter Hoff waren „die Milieubeobachtungen […] stimmig, die Handlung aber bleibt im Klischee stecken“. Die Handlung selbst sei „nur oberflächlich motiviert“ und Jürgen Frohrieps ungeplanter Abschied glanzlos.[3]

Angesichts des geplanten Ausstiegs des Bayerischen Rundfunks aus der Produktion der Polizeiruf-Reihe im November 1994, wobei unter anderem mit einer zukünftigen Fokussierung auf den Tatort argumentiert wurde, schrieb die Süddeutsche Zeitung: „Wer den MDR-Polizeiruf am vergangenen Sonntag gesehen hat, mit einem leise besonnenen Kommissar Hübner […], dem wird klar geworden sein, dass es im Falle dieser Krimireihe nicht nur um neue oder andere Dramaturgien geht und andere Handlungen. Zu besichtigen war da noch einmal ein anderer Rhythmus, eine vielleicht vergangene Langsamkeit.“[4]

Peter Hoff, das wandelnde Lexikon des DDR-Fernsehens, der Hübners bzw. Frohrieps Abschied glanzlos nennt, ist selbst bereits vor 15 Jahren verstorben. Er hat Recht, aber das gilt für viele vorhergehende Filme der Reihe nach dem Ende der DDR auch, in denen Hübner schon im Schatten jüngerer Ermittler stand und mehr oder weniger als Stichwortgeber missbraucht wurde. Sogar vorher hatte sich das angedeutet, als er, mehr als der Kollege Fuchs, der nächsten Generation die aktiven Parts überließ oder gemäß Drehbuch überlassen musste. 

Gleichzeitig spielt aber auch Michael Kind letztmalig den Oberkommissar Raab. Vielleicht haben sich Menschen ein seinem allzu ausgeprägt trickreichen Vorgehen gestört. Wir haben schon viele illegale Fallen gesehen, in die Fernsehpolizisten die Verbrecher getrieben haben, aber das nachgestellte Foto mit einer Puppe und Raab selbst als Mörder-Imitator ist besonders starker Tobak. Wie es mit Geständnissen rechtlich aussieht, die auf diese Weise erwirkt werden, haben wir bereits in vorausgehenden Rezensionen abgehandelt.

Nach Raab setzte der MDR noch mehrfach den knochigen Kommissar Beck ein, bis 1996 Schmücke und Schneider übernahmen. Mit ihnen ist diesem Sender wohl der bis heute größte Coup gelungen. Während die Tatort-Pendants Ehrlicher und Kain bei Teilen des Tatort-Publikums nicht so recht punkten konnten, waren Schmücke und Schneider zu ihrer Zeit die beliebtesten Polizeiruf-Kommissare. Natürlich auch deshalb, weil der Polizeiruf immer noch ein großes Publikum im Osten hatte und im Westen nicht ganz so stark beachtet wurde. Mittlerweile ist diesbezüglich die Einheit wohl vollendet. Wir haben diesen Schritt sehr spät vollzogen, erst im März 2019, seitdem schreiben wir über neue Tatorte und neue Polizeirufe und arbeiten die älteren Fälle beider Reihen nach. 

Mit Schmücke und Schneider war die gewisse Langsamkeit übrigens nicht zu Ende, sondern wurde nur sachte kanalisiert, viele ihrer Filme waren einander schon recht ähnlich. Ob Schmücke und Schneider anfangs noch mit dem Vorspann bedacht wurden, den wir schon bei „Arme Schweine“ und jetzt wieder hier bewundern durften, wissen wir nicht, aber es ist einer der hässlichsten, die wir je gesehen haben (Anmerkung 2020: Dem war so – bis 1998). Die Wiedererkennbarkeit, das, was so lange vertraut ist und was man gerne behalten möchte, die kaum sichtbaren Ankerpunkte – der Polizeiruf hat es in fast allem schwerer als der Tatort, der schon seit 1970 denselben Vorspann hat, nur jetzt in 16:9, dadurch ist die innerste Windung der berühmten Spirale nicht mehr im Bild – und dieselbe Titelmusik von Klaus Doldinger, nur zwei- oder dreimal soundtechnisch und bezüglich des Arrangements leicht renoviert. 

Etwas abrupt zurück zum Film. Der vielseitige André Hennicke hatte damit  ein Special für sich selbst geschrieben, denn von ihm stammt auch das Drehbuch. Wir mögen Geschichten, in denen jemand aus dem Knast kommt, sehr gerne. Wie wird nun das neue Leben, nach so vielen Jahren? Und was ist mit den Schatten der Vergangenheit, die in Filmen mit Plots dieser Art immer eine wichtige Rolle spielen? 

Und natürlich ist auch die Liebe zweier Freunde zu einer Frau, sie sie zu Rivalen werden lässt, ein Klassiker und dass einer der beiden sie umgebracht haben muss. Der Fotograf wäre vielleicht noch in Frage kommen, aber ein Whodunit ist dieser Film auch dann nicht, als klar wird, dass jener Pelitz zu Unrecht in Haft kam. Der Einstieg erinnert ein wenig an „Der Mann“ von 1975, wo ein nubmehr Ex-Häftling, der recht lange eingesessen hatte, staunt, ob des neuen sozialistischen Prachtstaates, der sich in urbaner Modernität ausdrückte. Zwischen 1984 und 1993 hatte Leipzig sich aber wohl nicht in dem Maße verändert wie in den 1960er und 1970er Jahren, und es soll ja auch hin und wieder etwas wie Freigang vorkommen. Deswegen ist es so verführerisch, Plots dieser Art in eine Zeit zu verlegen, in welcher Strafvollzug noch hieß, wer hinter Gitter gelangt, sieht das, was davor ist, tatsächlich viele Jahre lang nicht mehr. 

In den ersten Minuten hat dieser Film einen so warmen Ton, wie wir ihn kaum je bei einem Tatort oder Polizeiruf wahrgenommen haben. Alle sind nett zu Max, er bekommt sogar eine Nacht mit einer Sexarbeiterin spendiert, die nicht nur hübsch, sondern auch ausnehmend lieb ist und die bis zum Schluss einen positive Rolle in diesem Film spielen wird. Auch der frühere Professor, wenngleich selbst über die Wende gestolpert, fügt sich in dieses Bild. Dass er IM war und deshalb seinen Posten räumen musste, wird nicht gesagt, dürfte aber der Hintergrund seiner Degradierung zum Caféhausgeiger sein. Sein Exfreund, dem er immerhin die Frau doch weggeschnappt hatte – ganz uneitel ist der Darsteller als Drehbuchschreiber keinesfalls – wirkt anfangs auch sehr zugewandt. Weil er denkt, die Gefahr ist vorbei. Pelitz hat nicht die Absicht, Stress zu machen. Das stimmt aber nicht ganz und dein Ehrgeiz, Gerechtigkeit zu erwirken, wird angefacht durch den Fotograf, der den Ex-Kommilitonen und Freund Hans Dörner seit zehn Jahren erpresst und aus der Sache ein reguläres und hinreichendes Monatseinkommen generiert. 

In der Realität wäre sicher auch darüber gesprochen worden, warum Hans seinen Freund nicht auch mal besucht hat, aber dass der Fotograf jetzt mehr Geld von Dörner haben will, ist ein guter Twist – auf den ersten Blick. Denn Pelitz ist nun frei und kann sich um die Bearbeitung der Vergangenheit kümmern. In Wirklichkeit hätte der Fotograf ihn aber auch in Haft besuchen können. Dafür, dass er Dörner zu sehr ans Leder will, bezahlt er auf brutale Art mit dem Leben.

Finale

Trotz der Tatsache, dass Hans sich als narzisstischer – sich im Spiegel angucken! – und rücksichtsloser Typ herausstellt, hat der Film einen sanften, angenehmen Grundton, in den sich auch die Polizisten einfügen. Hübner sowieso, zurückgenommen, wie er sich zeigt, aber auch Raab, der weiterforscht, obwohl er das nicht müsste, nachdem Pelitz bei ihm war – und sogar persönlich 30.000 Mark auftreibt, um die Beweise auszulösen, weil Pelitz kein Geld dafür hat. Dafür darf er auch mal einen Beweis fälschen, ohne dass wir darüber ausführlich schreiben. Die Gerechtigkeit geht manchmal krumme Wege, während gerade die Ungerechten auffallend auf dem „geraden Weg“ bestehen. Insgesamt ein durchschnittlicher Film aus einer besonderen Zeit, die niemand vergisst, der sie erlebt hat.

7/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Jan Růžička
Drehbuch André Hennicke
Produktion Manfred Durniok
Musik Hans-Jürgen Gerber
Kamera Matthias Tschiedel
Schnitt Silvia Hebel
Besetzung

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