Der Weg ins Paradies – Tatort 821 #Crimetime 702 #Tatort #Hamburg #Batu #NDR #Weg #Paradies

Crimetime 702 - Titelfoto © NDR, Hannes Hubach

Kein Weg dorthin

Nach diesem Tatort finden wir’s außerordentlich schade, dass Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) als Hamburger VE (Verdeckter Ermittler) abgelöst wird. Mit Till Schweiger als Nachfolger kann das Format nur konventioneller werden.

Vielleicht zum ersten Mal in der aktuellen Hamburg-Serie sind in „Der Weg ins Paradies“ die Möglichkeiten, einen Undercover-Polizisten arbeiten zu lassen, voll ausgeschöpft. Allerdings zeigt der Film auch die Grenzen auf: Das Maximum ist erreicht. Mehr als ein Großanschlag radikaler Islamisten ist als Szenario nicht vorstellbar. Was es sonst zum Film zu schreiben gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung

Der neue Auftrag führt Cenk Batu mitten in islamistische Kreise: Batu soll in Hamburg eine terroristische Zelle infiltrieren, die – wie BKA und Geheimdienste bereits wissen – ein verheerendes Attentat in der Hansestadt planen. Zeitpunkt und Ziel des Anschlags sind jedoch nicht bekannt. Genau das soll Batu herausfinden, den geplanten Terrorschlag vereiteln und den Al Qaida-Kontakt der Gruppe ausfindig machen.

Getarnt als radikaler Moslem, lernt Batu alias Taylan den intelligenten Chef der Zelle kennen, einen deutschen Konvertiten, Christian Marschall. Dieser ist extrem misstrauisch, doch es gelingt Batu, in den Kreis der Terroristen aufgenommen zu werden. Er hat jedoch nicht nur mit dem Misstrauen der Terroristen zu kämpfen. Das BKA unter der Führung von Hans-Peter Oswald hat die Kontrolle über die Mission übernommen. Selbst Cenks Chef Kohnau ist offensichtlich nicht in alle Details und Hintergründe der Operation eingeweiht.

Rezension

„Der Weg ins Paradies“ ist nach unserer Ansicht ein sehr guter Film geworden. Vielleicht kann man sagen, damit werden Ängste geschürt, die ohnehin vorhanden sind, wenn Begegnungen zwischen Ungläubigen und finster dreinschauenden Bartträgern im täglichen Leben stattfinden, aber der Film ist hinreichend differenziert.

Man muss hoffen, dass dem oberschlauen BKA nicht doch einmal eine Zelle durch die Lappen geht, anders als im Film. Die jüngsten Vorkommnisse auf dem Feld des Rechtsterrorismus, den man offensichtlich kaum auf dem Schirm hatte, lassen genau daran Zweifel aufkommen, und diese Zweifel kann man nicht auf eine Art von Terrorismus beschränken, ohne eine Abspaltung vorzunehmen.

Plottechnisch ist der Film beinahe fehlerfrei – einzig die Art, wie der fanatische Konvertit Christian Marschall (Ken Duken) sich selbst mit seiner Familie konfrontiert, von welcher er sich losgesagt hatte, ist willkürlich und klischeehaft. Der Vater mit seinen albernen Ansichten zum Islam ist eine Karikatur, kein Akademiker. Schade, dass diese Angelegenheit auch in den Handlungsverlauf eingreift. Die bewussten Kanister hätte man auch woanders besorgen können und es wäre uns erspart geblieben, so einen typischen Hagestolz von einem Vater gezeigt zu bekommen, der es geradezu verständlich wirken lässt, dass der Sohn abgedriftet ist.

Das ist Sozialkino der traditionellen, simplifizierenden Sorte, das genau auf diesem Feld zu kurz greift: Warum tue ich das, was ich tue und warum bin ich der geworden, der ich bin? Entweder geht man damit in die Tiefe – oder man lässt solche Deutungen weg.

Davon ab sind Dramturgie und Schauspielleistungen über beinahe jeden Zweifel erhaben – ganz im Gegensatz zu Cenk Batu in den Augen seiner Brüder, die ihm ganz und gar nicht trauen. Mit dem Kunstkniff, dass der Oberbefehlshaber des Ganzen, Hamza (Sinan Al Kuri) in Wirklichkeit ein Geheimdienstoffizier der Syrer ist und Batu deckt, kann man verhindern, dass die Islamisten zu naiv dargestellt werden.

Dass dies ein zweifelhafter Kumpan des BKA ist, erschließt sich, ohne dass es kommentiert wird, aus der aktuellen Lage und das macht es so schwierig: Syrien ist längst als autokratischer Terrorstaat bekannt, aber er ist eben nicht islamistisch geführt, sondern eher weltlich und dass dessen Geheimdienste mit dem Westen kooperieren, ist immerhin denkbar. Man kann das Ganze weiterspinnen – es geht um Nützlichkeitserwägungen. Es geht auch darum, warum in manchen Ländern die Diktaturen mit Hilfe des  Westens gestürzt werden und in anderen nicht.

Alles, was geschieht, ist fern jeder idealistischen Vorstellung und fern des Paradieses. Es gibt nur Marionetten und solche, die an den Fäden ziehen. Letztlich ist auch Cenk Batu eine Marionette, obgleich er einen Anschlag mitten in Hamburg verhindert und damit Leben rettet.

Ein Schriftsteller kann Regie. Der Kriminalschriftsteller Lars Becker hat mit diesem Film bewiesen, dass er eine Thriller-Dramaturgie ins Filmische umsetzen kann. Dabei beweist er eine durchaus ruhige Hand, denn rasant oder gar spektakulär ist „Der Weg ins Paradies“ nicht. Alles wird mit einer gewissen Gelassenheit aufgebaut, die seltsamerweise gut mit diesem Thema harmoniert. Es wird hinreichend Zeit für die Charaktere eingesetzt, das ist mit Sicherheit ein großes Plus.

Die Regie und das Drehbuch tragen der Tatsache Rechnung, dass Glaubwürdigkeit auch eine Frage der detaillierten Information sein kann. Mehr, als hier geboten wird, geht in 90 Minuten kaum, ohne dass die Handlung ganz verschwindet. Die Balance ist aber weitgehend geglückt, nur in der Szene mit den Eltern des Islamistenkopfes Christian stürzt sie ab, der Film stirbt dadurch aber nicht, sondern erholt sich schnell wieder.

Wir waren zunächst zwiespältig bezüglich des Verhältnisses, das Cenk Batu mit der Modedesignerin Gloria (Anna Bederke) eingeht, aber es rahmt die eigentliche Handlung schön, es gibt eine Art offenes Happy-End, wie es sich für Ermittler gehört, die auch Frauentypen sind – und es ist richtig getimt. Wäre dieses Verhältnis erst entstanden, nachdem Cenk seinen neuen Auftrag kennt, wäre es daneben gewesen. Schon die Tatsache, dass er sich in Gefahr  bringt, indem er versucht, Kontakt zu ihr zu halten, zeigt, dass er keine Maschine, sondern durchaus Gemütsmensch ist. Das macht ihn sehr sympathisch und dadurch, dass es eine Frau gibt, nimmt man ihn in seiner neuen Rolle als Islamist anders wahr. Der Eindruck verstärkt sich, dass dieser Identitätswechsel ein Kraftakt ist.

Konventionell überzeugend. Natürlich kann man sagen, dies ist ein konventioneller Agententhriller, der in jedem anderen terroristischen Milieu, auch im staatsterroristischen, spielen könnte. Doch warum nicht? Das Meiste war schon einmal da und wird doch immer wieder erzählt. Wie es gemacht ist, darauf kommt es an – und wer die handelnden Personen sind. Diese können uns hier überzeugen und deswegen haben wir nichts gegen das klassische Thriller-Strickmuster einzuwenden, das der Handlung zugrunde liegt.

Ein Mann rettet eine Stadt, das ist, von allen ideologisch-religiösen Komponenten befreit, der Kern. Die Bombe tickt herunter – nicht ganz so auf die Spitze getrieben wie bei James Bond, aber noch ganz hübsch spannend. Cenk schlägt den verbohrten Freund Akbar (Murali  Perumal) nieder, der Bus, in dem beide waren, fliegt in die Luft. Die beiden sind draußen, die Passagiere hat man vorher schon evakuiert. Okay, Batu ist in einem kaum zu glaubenden Tempo vom Hochhaus in den Bus gelangt, aber darüber sehen wir großzügig hinweg, der Höhepunkt muss ja auch durch Beschleunigung als solcher erkennbar sein.

Eine Frage blieb für uns offen: War der Bus wirklich das Zielobjekt des Anschlages, nachdem Christian so ausgiebig und orientalisch-blumig über das Symbol des einstürzenden  Hotelturmes schwadroniert hat, das natürlich eine Anspielung auf 9/11 darstellen sollte. Wenn ja, dann liegt darin ein subtiler Hinweis auf die Absurdität des Terrors: Nicht die Bundeswehrtagung, nicht in gewisser Weise die Politik und die Elite des Landes, wären Opfer, sondern ganz normale Busfahrgäste. Mithin, der Terror wendete sich gegen einfache, garantiert unschuldige Menschen. Und so ist es ja auch meist – in Israel, in Palästina, dort, wo die Wurzeln der islamistschen Unruhen liegen. Die Zivilbevölkerung leidet und wird dazu noch instrumentalisiert.

Motive und Perversion großer Bücher. Das Milieu der radikalen Islamisten wird man sorgfältig recherchiert haben. Für den deutschen Islamisten, der bürgerlich ausgerechnet Christian heißt, könnten verschiedene Verbalterroristen oder gar in pakistanischen Camps ausgebildete Aktivisten Pate gestanden haben, die Figur wirkt keineswegs unglaubwürdig. Bezüglich der Aussagen hat man sich möglichst zurückgehalten und sogar diesem Mann noch einen familiärem Hintergrund gegeben, der offenbar rechtfertigend wirken soll. Das ging daneben, aber dass Menschen, die tatsächlich nahe Angehörige im Talibankrieg, etwa durch Angriffe von US-Truppen, verloren haben, wie Akbar oder Benachteiligte und Mitläufer wie Hieber (Aljoscha Stadelmann) für Extremismus anfällig sind, glauben wir gerne.

Zu anderen Zeiten, vielleicht auch in unserer Zeit, wäre ein Hieber bei den Braunen mitmarschiert, hätte er zufällig nicht Christian, sondern einen von deren intellektuell kapablen Köpfen kennen gelernt, er hätte den Anschluss, den er im Berufs- und Sozialleben verpasst hat, bei  ihnen gefunden. Wer selbst viel Leid erlitten hat, macht sich auf nachvollziehbare Weise zum Opfer von Rachegedanken, die aus der Ohnmacht heraus und ins Paradies führen sollen. Im Koran hingegen gibt es für die Ansichten und Absichten eines Christian keine Belege, so suggeriert es der Film. Das ist nicht unproblematisch, denn die Koranexegese lässt offenbar auch andere Deutungen zu. Beinahe alles, was geschrieben steht, ist der Auslegung zugänglich. Es ist so, mit großen Büchern, die viele wundervolle Gedanken enthalten: Man kann sie auch missbrauchen und eine in den Schriften liegende Begründung für Hasspredigten findet derjenige, der Hass predigen will, immer. Die Bibel und die Tora dienen Ideologen mit finsteren Seelen ebenfalls fortwährend als Grundlage ihrer menschenverachtenden Ansichten.

Finale

Ein Tatort ist „Der Weg ins Paradies“ nicht, eher eine Darstellung der Methode, wie man einen Tatort verhindert – in diesem Fall ein Blutbad unter harmlosen ÖPNV-Benutzern. Doch in einer Zeit, in der das Format immer neue Eweiterungen erfährt, ist auch ein Agententhriller gerne willkommen und auch nicht ganz neu in dieser Serie. Er muss aber gut gemacht sein, und das ist hier ohne Weiteres der Fall. Das Tempo hat man nicht in den Vordergrund gestellt, die Dramaturgie eher langsam aufgebaut, einige kleine Fragezeichen und eine familiäre Fragwürdigkeit sind auch dabei.

Aber sonst gibt es nichts auszusetzen. Als wir die ersten Stills von Mehmet Kurtulus alias Cenk Batu mit Bart und finsterer Miene sahen, dachten wir schon: Perfekte Verkörperung. Eindrucksvolle Optik. Und so war es dann auch bei den bewegten Bildern. Authentischer kann man in Deutschland weder den liberalen noch den fanatischen Moslem besetzen, auch die übrigen Schauspieler fallen nicht ab. Wir haben uns keine Sekunde gelangweilt und mussten uns nur kurz über eine der Simpflifizierungen ärgern, zu denen Tatorte gerne neigen.

Die Doktrin, die spaltet und Menschen fanatisiert, ist immer selbstsüchtig und dient nur demjenigen, der andere in den Tod gehen lässt. Wann endlich wird man das begreifen? Vielleicht hilft Bildung – aber sicher ist das nicht, wie das Beispiel des hochintelligenten Christian zeigt. Man kann sie genauso zu verwerflichen Zielen nutzen wie jedwede Religion oder Weltanschauung. Das alles bringt „Der Weg ins Paradies“, der keiner ist, gut rüber und dafür und für die im Ganzen gelungene Inszenierung gebührt ihm Ehre: 8,5/10. 

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Cenk Batu – Mehmet Kurtulus
Uwe Kohnau – Peter Jordan
Christian Marschall – Ken Duken
Hans-Peter Oswald – Martin Brambach
Akbar – Murali Perumal
Rolf-Peter Sperling – Tristan Seith
Hieber – Aljoscha Stadelmann
Gloria – Anna Bederke
Christians Vater – Hartmut Becker
Imam – Verdat Erincin
Hamza – Sinan Al Kuri
Christians Schwester – Carolin Pohl
Elisabeth von Au – Theresa Berlage

Drehbuch: Alexander Adolph
Regie: Lars Becker

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