Fluppys Masche – Tatort 145 #Crimetime 703 #Tatort #Berlin #Walther #SFB #RBB #Fluppy #Masche

Crimetime 703 - Titelfoto © SFB / RBB

Ich habe auf Sie gewartet – heute ohne Telefonzelle

Berlin ist eine in vielfacher Hinsicht unrealistische Stadt, warum sollten die Tatorte von hier nicht ebenso sein?  Nach zehn Jahren, im Rahmen seiner Sommerreihe mit restaurierten Tatorten des Vorgängers SFB zeigte der SFB nun auch „Fluppys Masche“, der mit einigem Abstand als bester Tatort mit dem Ermittler Walther gilt. Er war nur sechs Mal im Einsatz, aber daraus ergibt sich doch ein Bild, und das besagt, dass andere seiner Filme und auch die seiner Vorgänger vom Milieu origineller und teilweise wunderbar gewollt künstlerisch angehaucht waren. Nichts davon in „Fluppys Masche“, dessen erzkonservative Art aber einen Vorteil hat: Man fühlt sich herausgefordert, sich mehr mit der Handlung auseinanderzusetzen, als bei den Berliner Tatorten aus dieser Vorwendezeit üblich. Wir haben uns also auseinandergesetzt und das Ergebnis steht in der -> Rezension.

Handlung

Als Fluppy – wie immer mit seiner Masche – einen Überfall auf den Juwelierladen Malcher startet, kann er nur noch den Rest der Juwelenbeute in seine Taschen stopfen. Der Laden ist bereits durchwühlt worden, der Tresor offen, der Juwelier liegt mit blutendem Kopf auf dem Fußboden. Mit knapper Not gelingt es ihm, mit seinem Raub an Kunden und Passanten vorbei aus dem Laden auf die Straße zu stürzen, und dort im Menschengewühl zu verschwinden.

Als Kommissar Walther und Assistent Hassert am Tatort eintreffen, sind Polizeiarzt und Spurensicherung bereits am Werk. Der Juwelier ist tot. Walther und Hassert haben einen neuen Fall zu lösen. Die ersten Ermittlungen ergeben, daß Juwelier Malcher kurz vor dem Überfall hier im Laden seine junge Geliebte empfangen hat. Und weiter, daß neben anderen wertvollen Juwelen auch ein kostbarer Familienschmuck aus dem Tresor verschwunden ist. Wie aus den liegengebliebenen Papieren hervorgeht, gehörte der Schmuck einem Ehepaar Wrangel, das in erheblichen, finanziellen Schwierigkeiten steckte und deshalb das Familienerbe von Juwelier Malcher beleihen ließ.

Wieder einmal – wie schon so oft – stehen Walther und Hassert vor der Aufgabe, den Angehörigen eines Ermordeten die schmerzliche Tatsache beizubringen. Der Besuch bei Frau Malcher ist kurz, und für die Ermittlungen nicht eben hilfreich. Nach den bisherigen Ergebnissen konzentrieren sich die Verdachtsmomente immer dichter auf den Ehemann Wrangel. Walther läßt ihn festnehmen. Auch Fluppy ist inzwischen gefaßt und in Gewahrsam genommen worden. Kommissar Walther und Assistent Hassert haben noch eine harte Nuß zu knacken, um diesen Fall zu einem gerechten Ende zu bringen.

Rezension

Ein aktuelles Thema ist aber drin – die Pleitewelle der frühen 1980er, die dazu führte, dass die Arbeitslosigkeit sich innerhalb weniger Jahre verdoppelte. Sogar im subventionierten Berlin schienen damals schon einige Firmen geschlossen zu haben, heute ist dieses Kommen und Gehen einer alles andere als nachhaltig angelegten Ökonomie nichts Besonderes mehr. Man merkt es nicht so, weil die Betriebe eher die Größe der Firma Wrangel als die des Betriebes, dem sie zuliefert.

Fluppys Masche ist herrlich. Heute bräuchte man auch keine Telefonzelle mehr, alles ginge mit dem Handy, aus dem Café gegenüber, ganz unauffällig. Dadurch könnte die Polizei auch nicht mehr die infrage kommenden Geschäfte so eingrenzen, wie das im Film gezeigt wird. Die Masche als solche ist trotzdem sehr fragwürdig und man wäre dem Fluppy anhand des Abgleichs mit seinen Vortaten auch auf die Spur gekommen, wenn es nicht den Mordfall gegeben hätte – es sei denn, man geht davon aus, dass nur Mordermittler es hinbekommen, eine solche Masche aufzudecken. Immerhin sind ja hier bis zu vier Kriminaler Im Einsatz, um über den Fall zu diskutieren und Verdächtige in die Mangel zu nehmen. Und dass die Fahrradfahrer, die angeblich eigenen Leute und die Möbelpacker, auch angeblich eigene Leute der Polizei, wirklich stehen bleiben, bis die Masche anläuft, das gehört noch zu den weniger wichtigen Detail – abgesehen davon, dass man sich fragen muss, ob ein Juwelier sich auf diese Sache einlassen würde, ohne mal bei der Polizei die Sache gegenzuchecken oder mit der Alarmzentrale zu sprechen, damit die das tut.

Dass die Wrangel und Fluppy im Gefängnis – was für ein Untersuchungsgefängnis! – wirklich nebeneinander gelegt werden und wie Fluppy wie Phoenix aus der Asche aus dem Sarg entsteigt, da macht das Drehbuch wirklich die Plausibilität zum Bock, obwohl sie der Gärtner sein sollte. Ganz fett auch das Ende, und das in zweifacher Hinsicht. „Ich habe auf Sie gewartet!“ ist, wirklich der Satz der Sätze in diesem Tatort, noch besser als „Dann hat sich die Sache ja gelohnt“, die Assistent Hassert gegenüber Witwe Wrangel äußert. Vielleicht ist man heute manchmal etwas übersensibel oder lässt dieses ewige Ritual der Todesmitteilung schon aus, weil es da kaum noch neue Varianten zu erzählen gibt, aber die frühen 1980er müsse schon sehr ruppig gewesen sein – und der Eindruck, dass dies mit dem berüchtigten Berliner Schnauzencharme zu tun hat, kann der Film nicht belegen. Warum aber sollte sich die Witwe des Juweliers bezichtigen, ohne dass sie überführt wurde? Weil die 90 Minuten Film einfach mal vorbei sind? Aber auch das gibt es ja nicht selten, dass am Ende ein gar nicht zwingendes Geständnis den Fall auflöst. Nur – warum die Juweliersgattin die Tür versperrt, obwohl sie sich damit ja doch zur Hälfte selbst überführt, das leuchtet erst recht nicht ein.

Die psychologische Zeichnung der Figuren ist von sehr unterschiedlicher Qualität. Das Handeln der Juweliersgattin wirkt sehr übertrieben und, siehe oben, unlogisch, ebenso konnte ich  mich nicht mit Fluppy anfreunden. Seine eigentliche Masche wirkt eher riskant als gut ausgedacht, aber wie dieser Typ, der sich doch nach einem Raub so  unauffällig wie möglich davonmachen müsste, dann Frau Wrangel erpresst und auch damit sehr riskant agiert, passt grundsätzlich nicht zum Typ eines versierten Juwelenräubers, der vor allem auf eines achten muss: Dass er lange im Geschäft bleiben kann. Da verbietet es sich von selbst, weil ein Coup nicht optimal gelaufen ist, den Hund in der Pfanne verrückt zu machen.

Gut gelungen aber das Ehepaar Wrangel. Schade, dass deren Lage nicht noch mehr in den Mittelpunkt gerückt wurde. Natürlich wirkt vieles nachgeschoben, weil die zweite Witwe dieses Tatorts, die Wtwe Wrangel, den Kommissaren erst nachträglich erklärt, warum man so nicht anders gehandelt hat, aber vorstellbar ist das allemal. Es mag damals noch etwas abstrakt gewirkt haben, dass der Unternehmer wohl weit vielen Jahren an der Überlastung, am Bournout antlangarbeitet und Misserfolge und Riskiofreude und alle möglichen Dinge sich da miteinander verbinden, sodass man schließlich die Großtante – der Ehefrau  –  zwischenzeitlich beklaut. Sehr interessant sind auch Hasserts versicherungsrechtliche Ausführungen zur Sache, auf die man aber als  Zuschauer nicht kommen kann, bis er die zugehörige Vertragslage erläutert.

Und einen Vorteil hat dieser Tatort, wenn man sich über Jahre hinweg an das übliche Schema eines Whodunits mt Leiche zu Beginn gewöhnt hat. Genau das gibt es hier alles. Nicht so früh wie heute üblich, aber in Berlin wohl zum ersten Mal, deshalb wird tatsächlich in dem Moment, in dem der Juwelier tot ist, nochmal das Tatort-Jingle angespielt und der Rest des Vorspanns in ein paar Sekunden abgespielt. Durch diese „normale“ Plotanlage kommen auch die Ermittler viel früher ins Spiel als bei vorherigen Berliner Tatorten. Demgemäß können sie sich mehr profilieren und demgemäß sieht man eher ihre Grenzen. Es gab mehrere Stellen, an denen ich gedacht habe, es ist ja nicht die Schuld der Schauspieler, wenn man ihnen Mist ins Drebuch schreibt. Das muss man immer bedenken, wenn es nach einem Film heißt: Heute waren A und B aber nicht so gut wie letztes Mal, hatten wohl keine Spiellaune. Wobei ich nicht abstreiten will, dass allzu schwache Dialoge auch die Spiellaune verderben können und es natürlich auch darauf ankommt, ob ein Duo, das Humor kann, auch  Humor darf. Hassert, der sich seit einigen Tatorten hinter seinem eigenen Bart versteckt bzw. sein Darsteller Ulrich Faulhaber kann, und es ist per se witzig, wie die großen, braunen Augen, die immer durch den Raum hetzen, das  einzige sind, was man als Bewegung im Gesicht des Mannes erfassen kann.

Abe die genannte und einige weitere Plotschwächen, die Fluppy – bitte darauf achten – teilweise selbst erläutert und die sehr biedere Machart des Films sind doch ein wenig anstrengend. Man hat sich erkennbar gemüht, den Berliner Tatort „normal“ werden zu lassen, wie die 1980er ja überhaupt so ein Jahrzehnt waren, in dem man wieder viel Wert auf Normalität gelegt hat. Zum Ende hin wurde das immer ausgepräger, bis dann die Wende dazwischenplatzte und der Berliner Ermittler dann auch Markowitz  hieß und viel traditioneller wirkte als Walther, der einen im Rahmen seiner Zeit modernen Typ verkörperte.

Fazit

So richtig zieht die Masche dieses Tatorts nicht, zumal das Drehbuch sie erkennbar immer wieder fallen lässt, weil es sich verstrickt hat, um unauffällig an anderer Stelle neu anzusetzen. Nicht ganz so unaufällig, nach heutigen Maßstäben und mit über 700 gesehenen Tatorten als Bewertungs- und Übungsgrundlage.

6,5/10

© 2020 (Entwurf 2017) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Walther – Volker Brandt
Assistent Hasserl – Ulrich Faulhaber
Yasmin Wrangel – Sabine Sinjen
Herr Wrangel – Peter Aust
Fluppy – Stefan Behrens
Herr Malcher – Friedrich Siemers
Frau Malcher – Dagmar Altrichter
Vera – Anita Lochner
Wichmann – Horst Schön
Diebold – Rainer Pigulla
Frau Homberg – Käte Haack
u.a.

Drehbuch – Joachim Nottke, Karl Heinz Knuth
Regie – Wolfgang Luderer
Kamera – Hans Hessel
Schnitt – Katja Schmiljan

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