Die alte Jungfer (The Old Maid, USA 1939) #Filmfest 174

Filmfest 174 A

Ein Opfergang in die alten Zeiten

Nachdem wir kürzlich „Bringing Up Baby“ aus dem Jahr 1938 rezensiert haben, steigen wir ein Jahr weiter und sehen Bette Davis in der Rolle der „Alten Jungfer“. War ersterer Film vermutlich der größte Ulk des Jahres, ist „The Old Maid“, wie der Titel schon vermuten lässt, das genaue Gegenteil. Zwei Pole des amerikanischen Films – die ausgelassene Screwball-Komödie und das herzzerreißende Opferdrama. 

Es gibt eine weitere Verknüpfung. Im Film mit dem Leopard und dem Wissenschaftler hat Katherine Hepburn die weibliche Hauptrolle inne, in „The Old Maid“ wird aus der liebreizenden Charlotte Lovell die strenge Tante, die  zwar nicht wirklich alt ist, sondern in ihren 40ern, aber sehr jungferlich und gouvernantenhaft wirkt. Diese beiden Schauspielerinnen gelten bis heute als die größten ihrer Zeit – und 1939, als „The Old Maid“ herauskam, vielen Historikern als das beste Jahr der Filmgeschichte.

Aber so, wie „The Old Maid“, im deutschen Fernsehen ein Dauerbrenner, nicht zu den einflussreichsten Filmen des Jahres zählt, das ein Dutzend oder mehr Klassiker des US-Kinos hervorgebracht hat (u. a. „Gone With The Wind“, „The Wizard of Oz“, „Mr. Smith Goes to Washington“, „Stagecoach“, „The Women“, „Wutherhing Heights“, „Ninotchka“, „The Roaring Twenties“, „Goodbye Mr. Chips“).

Für ihre Rolle der jungen Frau, die ihre Liebe verliert und ihr uneheliches Kind in einer Schar von Kriegswaisen versteckt, dann das Mädchen aus gesellschaftlichen Gründen ihrer Kusine Delia (gespielt von Miriam Hopkins) überlässt und durch den Verzicht dafür sorgt, dass Tina (Jane Bryan) in eine Oberklasse-Familie einheiraten kann, hat sie keinen Oscar erhalten, nicht einmal eine Nominierung. Eine Ausnahme für Bette Davis in jenen Jahren, in denen sie ganz oben auf der Leiter des Starruhms Platz genommen hatte und in manchen Filmen sogar Schönheit, mindestens Attraktivität ausstrahlen konnte. Allerdings erhielt sie im selben Jahr eine Nominierung für „Dark Victory“, sodass dieses besondere Jahr der amerikanischen Kinogeschichte wieder ein gutes für Bette Davis war.

Dramatische Rollen lagen dieser großäugigen und heiklen Schauspielerin ausgezeichnet, daran hat es nicht gelegen, dass „The Old Maid“ nicht ganz an anderer Filme mit ihr heranreichen kann. Der Realstreit mit Co-Star Miriam Hopkins (Bette Davis wurde verdächtigt, eine Affäre mit Hopkins‘ Mann, dem Regisseur Anatole Litvak zu haben) sorgt sicher mit dafür, dass es zwischen den Cousinen Charlotte und Delia im Film ziemlich knistert – zu einem echten Ausbruch kommt es jedoch nie, und das wäre der Opferrolle von Charlotte auch nicht angemessen gewesen. Nach unserem Verständnis der beiden Schauspielerinnen hätte man die beiden Rollen besser umgekehrt besetzt, aber nach ihrer Oscar-Performance in „Jezebel – die boshafte Lady“ (1938) sollte Bette Davis vielleicht nicht zu sehr auf das Biest festgelegt werden – wenngleich man sagen muss, das ist ihr später auf viel eindeutigere Weise passiert als in „Jezebel“, in dem sie auch sehr einnehmend ist.

Es sind nicht die durchweg guten Schauspielleistungen, sondern es ist der Plot, der uns heute Kopfschmerzen verursacht. 1939 mögen ältere Generationen und vielleicht sogar jüngere noch mitgegangen sein, bei einer Story, in der eine Frau ein uneheliches Kind hat und dafür auf eine Weise vom Leben abgeschnitten wird, die tatsächlich erschütternd ist. Dass der Film bei uns so häufig gezeigt wird, liegt wohl daran, dass er gesellschaftskritisch ist. Allerdings bezogen auf eine Gesellschaft, die es heute nicht mehr gibt. Okay, in irgendwelchen amerikanischen Hinterwäldlergemeinden mit fundamentalistischen Religiösen als Einwohnerschaft – wer weiß. Es geht aber in „The Old Maid“ in erster Linie nicht um das uneheliche Kind an sich, sondern um die Tatsache, dass Charlotte ihrer Tochter nicht den Weg in eine hervorragende soziale Stellung verbauen will. Und die ersten Familien in der Stadt sind nun einmal so eingestellt, dass die Herkunft einer passenden Partnerin für ihre junge Männergeneration eine entscheidende Rolle spielt.

Und da kommt eine interessante Betrachtung ins Spiel. Zwar heiraten heute Königskinder auch Bürgerliche, aber selbstverständlich sind die sozialen Schichten nicht vollkommen durchlässig – wenngleich der Bildungsstand heute die weitaus größere Rolle gegenüber der Herkunft spielt und vor allem – da Frauen wirtschaftlich unabhängig sind, ganz im Gegensatz zu den 1860er oder 1880er Jahren, zwischen denen sich die Handlung spannt, haben sie ihr Schicksal selbst in der Hand.

Wegen seiner Heldin und wegen der spürbaren Repression, der Frauen vonseiten charakterlich bzw. als Persönlichkeiten weit unterlegener Männer ausgesetzt sind – zumindest wirken die männlichen Figuren im Film so – ist dies ein klarer Frauenfilm. Die allerdings vergleichsweise schmale Datenbasis von ca. 1500 Bewertungen in der IMDb sieht vor allem Frauen ab 45 als Fans des Films. Das liegt sicher nicht daran, dass die Frauengeneration 45+ noch einen Bezug zu jenen Zeiten hat, als gesellschaftliche Stigmata aus fragwürdiger Doppelmoral herrührten, sondern,  weil sie schon Kämpfe hatten und Opfer bringen mussten und wohl auch unterschwellig etwas mit der Männerwelt und mit repressiven Umständen irgendwo auf dem Lebensweg auszutragen hatten. Und natürlich sind sie am ehesten in der Lage, aus Erfahrung und Emotionalität der Passionsfigur Charlotte auf ihrem zuweilen masochistischen Weg zu folgen.

Gerade die Figur Charlotte aber ist es, die in recht großen Sprüngen entwickelt wird – es gibt keine Zwischenschritte auf dem Weg zur alten Jungfer – offensichtlich trog uns auch die Erinnerung an frühere Aufführungen des Films, in dem die Hochzeit der Tochter am Anfang stand, hässliche Worte der „alten Tante“ gegenüber – und diese sich dann erinnert an ihre eigene Jugendzeit. Rahmen, Rückblende. Der Film ist aber ganz und gar chronologisch angelegt und vier Hochzeiten und ein Todesfall sind die Ankerpunkte der Story. Zum einen die Hochzeit der Cousine Delia, die ihren Geliebten sitzen lässt, der sich in der Welt versucht, sich aber auch offenbar zwei Jahre nicht gemeldet hat, zugunsten eines High-Society-Abkömmlings, der ihr Sicherheit und Wohlstand bietet. Daraufhin angelt sich Charlotte den Typ, der am Tag der Hochzeit vorbeikommt, Delia zur Rede stellt und dann in den 1861er Bürgerkrieg zieht, der im US-Film kurz vor dem Zweiten Weltkrieg eine überragende Rolle einnimmt. Sie bekommt ein Kind von ihm, doch er fällt und sie steht allein da. Sie gründet ein Waisenhaus, in dem sie auch ihre eigene Tochter aufzieht. Sie hätte die Möglichkeit, den Bruder ihres Schwagers zu heiraten, doch ihre Cousine hintertreibt dies. Charlotte steht allein, vermutlich geht ihr auch das Geld für das kleine Asyl aus, sie zieht zu ihrer Schwester und gibt sich als Tante ihrer eigenen Tochter aus. Am Ende heiraten kurz hintereinander Delias Tochter und Charlottes Tochter – Letztere wurde von Delia adoptiert, um die gewünschte gesellschaftliche Position zu erlangen und erfährt selbst in der rührenden Schlussszene nicht, wer ihre wirkliche Mutter ist.

Das ist schon sehr viktorianisch, und man muss nicht nur ein Faible für alte Filme, sondern auch für altmodische Geschichten haben, um sich nicht über diesen schrecklichen Handlungsverlauf zu ärgern. Sicher ist ein Stück gesellschaftliche Realität der Zeit drin und es steht uns nicht an, aus einer Position 150 Jahre später zu bewerten, ob die Verhaltensweisen der beiden Frauen damals realistisch waren – vielmehr muss man sich daran erinnern, dass die meisten Period Pictures sich, gelinde gesagt, eklatante Modernisierungen geleistet haben, um fürs jeweils zeitgenössische Kinopublikum plausibler zu wirken. Deswegen muss man den Film andererseits für seine Konsequenz loben. Auf ihm lastet – ohne Wertung – eine beträchtliche Schwere, die wir von den Inszenierungen des Regisseurs Edmund Goulding kennen. Das bekannteste Beispiel ist „Grand Hotel“ von 1932, ein US-amerikanischer Starfilm u. a. mit Greta Garbo, der im Berliner Hotel Adlon spielt und in dem sich viele Schicksale zeitlich zufällig finden – und erfüllen.

Technisch ist der Film unauffällig, die Schwarzweißfotografie hat nicht den Glanz der MGM- oder Selznick-Filme desselben Jahres, die Kameraarbeit weist keine überragenden Merkmale auf – ein typischer Warner-Film der 30er, wenn man so will. Das Studio war damals bekannt für seinen vergleichsweise realistischen und straighten Touch und hat diesen bezüglich der Gestaltung auch in ein Melodram aus der Bürgerkriegszeit eingebracht. Vielleicht war das gut so, denn man ist ohne MGM-Zuckerguss oder Paramount-Pomp mehr auf die Figuren angewiesen, und deren Handeln verursacht etwas Beklemmendes. Man kann nicht sagen, dass der Film kalt lässt, dafür ist er zu gut gespielt.

71/100

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Edmund Goulding
Drehbuch Casey Robinson
Produktion Hal B. Wallis
Musik Max Steiner
Kamera Tony Gaudio
Schnitt George Amy
Besetzung

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