Die schlafende Schöne – Tatort 599 #Crimetime 706 #Tatort #Wien #Eisner #ORF #Schöne #Schlaf

Crimetime 706 - Titelfoto © ORF

Verbotene Liebe im Zeichen der Violine

Dies ist erst der zweite Krimi mit Moritz Eisner (Harald Krassnitzer), den wir rezensieren, und die Folgen sind ja schon bezüglich des Spielortes unterschiedlich. Ein kurzer Quervergleich zur Episode 802 („Ausgelöscht“). Dieser Krimi hatte uns etwas besser gefallen, weil er mehr von der knackigen Wirklichkeit enthielt, und erst, wenn man nun zurückschaut auf 2004, merkt man, dass die Einführung einer Kollegin eine bessere Idee ist als die Einführung einer Tochter, von der Eisner ewig nichts wusste. Und wie war’s sonst, mit der schlafenden Schönen? Darüber ist mehr zu lesen in der -> Rezension.

Handlung

Das erotische Abenteuer der Musikprofessorin Karin Landauer hat fatale Folgen. Den gehörnten Ehemann trifft allerdings die Untreue seiner Frau und die Ermordung ihres Liebhabers weit weniger, als der Diebstahl der 300 Jahre alten Stradivari.

Die Musikprofessorin Karin Landauer lässt sich nach dem Fest für den Sieger eines Geigenwettbewerbes mit dessen Bruder in ein erotisches Abenteuer ein. Als sie aus dem Bad ins Schlafzimmer zurückkehrt, findet sie den jungen Mann ermordet vor. Nun lässt sich der Seitensprung vor dem Ehemann, einem international anerkannten Geigenvirtuosen, nicht verheimlichen. Doch diesen trifft der Umstand, dass aus der Wohnung die 300 Jahre alte Stradivari, Die schlafende Schöne , die seiner Frau gehört, verschwunden ist, weit härter als der Ehebruch seiner Frau. Kommissar Moritz Eisner glaubt nicht so recht an Raubmord und beginnt die private und berufliche Situation des Künstlerehepaares zu durchleuchten. Bald kann er feststellen, dass die Ehe der beiden schon lange nicht mehr so glücklich ist, wie sie nach außen hin scheint.

Rezension

Ganz schwach: Dass die Tochter 1980 aus einem Urlaubsflirt entstanden sein sein soll. Es müsste 1990 sein, wenn der Krimi in 2004 spielt und sie 14 Jahre alt ist, wie Eisner selbst anmerkt (auch das stimmt nicht ganz, sie wäre ja dann 13). Uns war nicht bekannt, dass die Österreicher so schlecht rechnen können, die sind gemäß PISA doch sicher viel besser als wir.

Die Handlung ist in okay, stellenweise nicht ganz durchdacht bzw. zwingend; eine interessante Sache, der Fall Stradivari, im Wesentlichen Display für eine konventionelle Eifersuchtsgeschichte.

Was die Roma angeht, ja, immer wieder rutscht der Begriff Zigeuner durch!, da sind wir nicht sicher, ob man Klischees aufbrechen oder verstärken wollte.

Schön sind die Dekors und die Musik und die Ästhetik des Films, da spielen die Wiener auf, das können sie gut. Dadurch bekommt der Film auch eine Atmosphäre, den er aufgrund Handlung und Figurenzeichnungen kaum hätte.

Die Schauspielleistungen sind überwiegend akzeptabel, das liegt für uns auch daran, dass der österreichische Charme sie Leute natürlicher wirken lässt und hölzerne Dialoge einigermaßen flüssig. Wir haben uns zwischenzeitlich vorgestellt, wie sich das alles auf Hochdeutsch anhören würde und dabei festgestellt, wie banal Vieles ist, was hier gesprochen wird. Die Emotionen des Zuschauers bleiben aber moderart temperiert, trotz der vielen Tränen der Mörderin am Ende. 

Wien, wie es geigt. Eindeutig am besten geeignet von allen Tatort-Städten ist Wien, wenn es um einen Musikerkrimi geht. Wo sonst könnte man diesen herrlichen Konzertsaal als Kulisse hernehmen und überaupt das Milieu so stimmig darstellen? Dafür vergeben wir schon einen Pluspunkt, die Ausstattung, die Filmsprache, alles schön hochwertig gemacht, für deutsche Verhältnisse beinahe dekadent, aber so ist ja auch das Leben der Figuren. Jeder geht mit jedem fremd. So san’s, die Künstler.

Realismus. So sind auch andere Menschen und dieser Vierer mit dem Musikerehepaar Landauer (Suzanne von Borsody, Fritz Karl) und dem Geliebten der Frau Dr. Landauer (einer von den Lakatos-Brüdern, vermutlich Rusza – wir müssen gestehen, wir haben’s nicht mehr ganz drauf, welcher es war, der nach ein paar Minuten versehentlich wurde) und der Geliebten des Herrn Landauer, Yasmin Bauer (Alma Leiberg), das ist alles andere als unrealistisch, wenn langjährige Ehen sich ein- und abschleifen und an den Rändern ausfransen.

Die Ehe der Musiker Landauer hat außerdem mit einem denkbar ungünstigen Verhältnis begonnen, nämlich damit, dass Dr. Landauer einen Musiker gefördert, mit Druck zur Karriere getrieben und geheiratet hat. Sie ist nicht nur viel älter als ihr Liebhaber für eine Nacht, Rusza Lakatos (wir haben uns jetzt festgelegt), sondern auch etwas älter als ihr Mann. Mehr als der Altersunterschied ist aber dieses Subordinationsverhältnis ein Problem, das man dem Ehepaar anmerkt, auch wenn der Mann sich als der größere Geiger herausgestellt hat. Dazu gibt es aber auch eine persönlicher Erfahrung geschuldete Meinung: In Österreich ist es mehr als bei uns selbstverständlich, dass die Frau zumindest privat regiert.

Demgemäß sind die Frauen auch die stärkeren Charaktere – die gute Suzanne von Borsody und die liebliche und doch dämonische Geliebte Yasmin.

Weniger Realismus. Die Figur Yasmin kann man aber nicht deshalb gut finden, weil man einfach sagt, die Frauen südlich der Grenze sind schon ziemlich hart drauf, ohne dass man’s gleich so merkt, weil sie ja so charmant wirken. Erstens wirkt Yasmin nicht überragend charmant, zweitens deutet aber auch gar nichts darauf hin, dass sie dermaßen kaltblütig zwei Menschen nacheinander umbringen könnte. Das erste Mal ein error in obiecto, und dann klappt’s.

Und, bitte, welcher Mann ist denn so blöd, dass er seine Geliebte hinfahren lässt, um die Frau, die am Steuer zu müde geworden ist, abzuholen? Auch wenn er nicht zugibt, dass sie nicht nur seine Tontechnikerin ist, man kann doch diese Frauen nicht miteinander alleine lassen. Ja, die Künstler. Da geht schon mal das eine oder andere daneben, psychologisch, weil sie so schwer auszurechnen sind.

Der Part, der uns noch weniger gefallen hat, war die Parkinson-Krankheit von Frau Dr. Landauer. Wenn die Krankheit schon so weit fortgeschritten ist, dass sie dermaßen zittert, vorher aber keine Medikamente genommen hat – wie konnte sie da noch auftreten und auf hohem Niveau Violine spielen? Parkinson ist bei Menschen mittleren Alters außerdem noch recht selten.

Möglich ist es zwar, aber eine Berufsmusikerin, die so sehr auf die Präzision und Ruhe ihrer Hände angewiesen ist, kann mit dieser Krankheit kaum noch arbeiten. Zudem geht der hier gezeigte, schon recht starke Tremor in der Regel mit anderen Symptomen von Parkinson einher, von denen bemerkt man bei Frau Dr. Landauer aber keines.

Die Schöne erwacht. Die Story um die zwischenzeitlich verschwundene Stradivari „Die schlafende Schöne“ ist nett gemacht und es hätte uns interessiert, ob man in dem Film wirklich eine Stradivari verwendet hat – auch wenn man selbst Musik gemacht hat, so etwas erkennt man nicht ohne Weiteres. Man ist halt kein Spezialist wie der Geigenbauer, der die Echtheit der Geige verifiziert. Ob er sie dazu noch hören muss? Wir haben’s mit einem Schmunzeln quittiert. Vielleicht ist das wirklich der finale Wahrheitstest.

Nicht überprüft haben wir, ob alte Geigen wirklich an kolumbianische Drogenbarone verkauft werden, aber dass diese Leute über Strohmänner Kunstgegenstände aufkaufen, lässt sich denken. Auch Verbrecher wollen neben dem vielen Geld noch was Schönes haben.

Die Sache mit dem Schließfach allerdings kam uns unnötig vor, der Sinn hat sich nicht erschlossen und am Ende ging die Geschichte der Stradivari sowieso etwas im Eifersuchsdrama unter und wurde recht lässig zu Ende gebracht. Das Instrument durfte von einem der jungen Roma zum Klingen gebracht werden.

Ja, das einstmals fahrende Volk. Natürlich durfte keiner der verbliebenen Lakatos-Brüder der Mörder sein, das wäre zu  sehr politisch inkorrekt gewesen, aber das Milieu selbst? Einen bösartigen Subtext trauen wir Wienern allemal zu, aber wir sind wegen der landesübergreifenden Ausstrahlung der Tatorte eben nicht sicher, ob es wirklich so gewollt war – nämlich, dass man zum Beispiel die behelfsmäßige Behausung der Musikerfamilie auch als nicht viel anders empfindet als den klischeemäßigen Wohnwagen und dass die Leut immer lügen oder entfleuchen, auch wenn sie’s gar nicht nötig haben. Dass sie begnadete Musiker sind, das darf aber auch nicht fehlen.

Ob irgendetwas davon so sein kann oder nicht, das muss man gar nicht beurteilen, sondern, wie es rüberkommt. Nämlich eben doch ziemlich klischeehaft. Wir hätten uns gewünscht, dass die Leute als Figuren mehr kenntlich und differenziert gestaltet worden wären, das hätte diesen Eindruck, dass man mal wieder mit Stereotypen arbeitet an einer Stelle, wo das gerade nicht angezeigt ist, deutlich vermindern können.

Stattdessen führt man Eisners Tochter ein und nimmt damit gefühlte 15 Minuten Spielzeit weg. War er vorher zu hermetisch, zu wenig menschlich? Wir wissen’s nicht, eine ältere Folge als „Die schlafende Schöne“ mit ihm als Kommissar haben wir bisher nicht angeschaut und rezensiert. Jedenfalls ist das auc schon so ein Muster geworden.

Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass Kriminalpolizisten Kinder haben, aber dass man sie locker und nonchalant einführt wie hier, um das Figurentableau anzureichern und dem Kommissar mehr Identifikationspotenzial mitzugeben, das ist eben doch in einem Moment störend, wo es gerade einen Fall gibt, bei dessen Lösung man mal hätte etwas tiefer in eine Minderheit schauen können. Es wirkt, als wenn man sich das eine nicht traut oder zutraut und durch das andere ersetzt.

Simple Struktur und zu wenig Ermittlung. Bezüglich der Auflösung waren wir nicht sehr überrascht, wenngleich Yasmin Bauer nicht frühzeitig einen so mörderischen Eindruck machte. Wir sind einfach nach dem Aussschlussverfahren vorgegangen: Die Roma durften es nicht sein, der Musiker-Ehegatte war zu weich und hat immer wieder zurückgezuckt – spätestens, als er auf seine schlafende Frau gezielt und dann die Pistole beiseite gelegt hat, war klar, dass er den ersten Mord nicht begangen hatte und den zweiten nicht begehen würde. Weitere Verdächtige gab es nicht, also musste man sich daran gewöhnen, dass es Frau Bauer sein sollte, die ihre Nebenbuhlerin aus dem Weg räumen will.

Man hätte allerdings früher auf ihre Spur kommen können, wenn man den alten Mercedes, der nach dem ersten Mord davongerast ist, anständig ausermittelt hätte – der überhaupt nicht zu der Frau Bauer passt, wohl aber natürlich zu den Roma; ein ähnliches Modell stand ja auch in der Nähe von deren Haus herum.

Finale

Suzanne von Borsody fanden wir gut, wenn auch als Parkinsonkranke überzeichnet, Harald Krassnitzer hat uns gefallen, auch wenn er nicht übertrieben engagiert ermittelt hat, die übrigen Rollen waren moderat gespielt, zum Teil auch nicht so differenziert angelegt, dass man eine ernsthafte Beurteilung der Schauspieler abgeben könnte. Plottechnisch gibt’s einige Schwächen zu vermerken, schön war der musikalische Part, gekoppelt mit dem unabwendbar überzeugenden Wiener Charme. Zum Glück, sonst hätte es eine eindeutiger unterdurchschnittliche Bewertung gegeben. So kommen wir auf 6,5/10.

Eine Entschuldigung übrigens nach Österreich, weil wir den Eisner immer als Kommissar bezeichnen, der richtige Rang wird dort wohl Chefinspektor sein.

© 2020, 2011 Der Wahberliner, Thomas Hocke

Moritz Eisner – Harald Krassnitzer
Alexander Lohmann – Arno Frisch
Karin Landauer – Suzanne von Borsody
Leopold Landauer – Fritz Karl
Mischa Lakatos – Aleksandar Jovanovic
Johnny Lakatos – Dennis Cubic
Ruzsa Lakatos – Ruzsa Lakatos
Sylvia Lakatos – Suzana Vukalic
Harry Horvath – Mischa Nikolic
Yasmin Bauer – Alma Leiberg
Leonore Bauer – Maresa Hörbiger
Claudia – Sarah Tkotsch
Werner Rauter – Hubsi Kramar
Vroni – Hilde Berger

Regie: – Dieter Berner
Drehbuch: – Dieter Berner

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