Der König kehrt zurück – Tatort 318 #Crimetime 707 #Tatort #Hamburg #Stoever #Brockmöller #NDR #König #Rückkehr

Crimetime 707 - Titelfoto © NDR

König John ist zurück im Kiez

Der Titel unserer Vorschau lautete „Dieser Kiez!“. Gemeint war die sündige Meile von St. Pauli und ich hoffte auf einen richtigen Kiez-Tatort. Diese Erwartung hat „Der König kehrt zurück“ gut erfüllt. Natürlich kann immer nur ein kleiner Ausschnitt dieses speziellen Milieus gezeigt werden und manchmal wird überzeichnet, um die Veranschaulichung zu fördern, aber die Typen sind in diesem Film aus dem Jahr 1995 gut gelungen – auch dank prägnanter Darsteller*innen. Ist der Tatort Nr. 318 auch ein guter Film? Das klärt sich in der -> Rezension.

Handlung

Harry Mucher, nach langjähriger Haft wieder in der Kiez-Szene aufgetaucht, schafft Unruhe bei alten „Freunden“, vor allem bei Jochen Rakuscha, der Mucher damals nach einem Banküberfall prellte.

Kurze Zeit später wird Mucher wieder verdächtigt, diesmal in einem Mordfall. Die Kommissare Stoever und Brockmöller, die den Fall übernommen haben, ermitteln allerdings mit unterschiedlichen Intentionen: Während Stoever ihn nicht für einen Killer hält, glaubt Brockmöller immer noch, daß Mucher beim damaligen Bankraub seine junge Kollegin und Freundin, die Polizistin Verena Becker, erschossen hat.

Im Laufe der Ermittlungen stoßen die Kommissare auf den 16jährigen Jan, der bei seiner Mutter lebt, der Prostituierten Kirsten. Jan verehrt Harry Mucher und sieht in ihm den großen Helden. Als er erfährt, daß dieser sein Vater ist, wünscht sich der Junge die Rückkehr Muchers auf den Kiez. Er begreift nicht, daß Mucher inzwischen ein kranker Mann geworden ist und nur noch seine Ruhe will. Dann geschieht ein weiterer Mord, und für Stoever und Brockmöller heißt es jetzt, das Schlimmste zu verhindern.

Rezension

„Das Schlimmste verhindern“ bedeutet, dass nicht die Hälfte der Kiezbevölkerung umgebracht wird, vermutlich. In den 1990ern, mit Schauspielern wie Gottfried John als perfekte Besetzung für den alternden König, der ausbricht, um seinen Beuteanteil zu holen, konnte man noch Tatorte machen, die auch etwas sentimental wirkten. Der gebrochene, angeschlagene, aber immer noch zu wuchtigen Faustschlägen bereite Mann, die Frau, die während seines Einsitzens nicht versorgt wurde, sondern auf den Strich musste, der Sohn, die beiden wussten nichts voneinander – ein Familiendrama im Rotlichtmilieu, das eben durch die Verortung in diesem Milieu etwas Rührendes hat.

Die Sprache ist rau, die Typen sind kantig, Kommissar Stoever findet sich inmitten von Menschen, die ähnlich reden, wie er selbst es gerne tut, und bei den Reichen werden die Blumenbeete umgepflügt – obwohl es im Bild gar nicht so aussieht. Brockmöller hingegen fremdelt mit dem Panoptikum und tritt merklich hinter Stoever zurück, der selbst eine gute Kiezfigur abgeben würde. Auch die Sakkos und Krawatten waren Mitte der 1990er schon recht bunt. Das gilt aber für die Mode allgemein, wie man an weiteren Charakteren sieht. Nach meiner Ansicht müsste es vor diesem Film auch schon welche gegeben haben, in denen die beiden Hamburger Mordermittler bereits „Swinging Cops“ waren, aber im Tatort 318 machen sie keine Musik. Dafür gibt es Led Zeppelin zu hören, unter anderem.

Die Story als solche ist ein Standard, den man geschickt mit dem erwähnten Familiendrama angereichert hat, das sich zum Glück nicht zur Tragödie auswächst. Es klärt sich auf, dass Mucher keinen Mord begangen hat, vermutlich auch vor 16 Jahren nicht, die Familie ist vereint, aber – der kranke Mann muss wieder einfahren, wie’s aussieht. Mindestens, weil er seine Strafe noch nicht abgesessen hat, vielleicht auch wegen einiger aktueller Vorfälle, an denen er beteiligt war.

Ziemlich speziell ist die Lösung des Falles. Der „dritte Mann“, der neben Mucher und dem neuen Kiezkönig Rakuschka den Diamantenbruch begangen hat, war also Kneipier Ritchie, wie wir am Ende erfahren. Aber, Spoiler: Das Drehbuch leistet sich den Gag, dass Stoever schon mitten im Film, während eines Besuchs in der Kneipe, die Vermutung äußert, es sei so. Dabei liefert er auch gleich die Erklärung dafür, warum Ritchie so bescheiden lebt: Camouflage! Es soll nicht auffallen. Überzeugt hat mich das nicht so richtig. Er hätte die Diamanten ja nicht alle auf einmal in Umlauf bringen müssen und es so darstellen können, als habe er sich schrittweise nach oben gearbeitet. Warum kommt Mucher nicht darauf, dass Freund Ritch die Steine hat? Weil dieser ihm glaubhaft versichert, er hätte auch nichts von der Beute gesehen und den Verdacht auf den neureichen Rakuschka lenkt. Und da der alte Kiezkönig auch ein Gemütsmensch ist, dem Ritch ein Versteck anbietet, geht er diesem auf den Leim. Aussage: Die Ganovenehre ist auch nicht mehr das, was sie mal war.

Die Auflösung ist gleich in zweifacher Hinsicht schwierig. Ich mag es nicht besonders, wenn Cops Fallen stellen, obwohl Stoever das hier so tricky macht, dass er wohl deswegen selbst keine Probleme bekommen wird, wie wir das sonst häufig in Tatorten sehen: Geständnisse werden mit Falschdarstellungen ertrickst, Beweise werden vorenthalten oder es werden gar falsche Beweise erstellt, um einen Delinquenten endlich zu kriegen. Man kann, wenn die Wirklichkeit den Maschen der Ermittler*innen in vielen Tatorten entspricht, jedem Verdächtigten nur raten, die Klappe zu halten, bis ein versierter Anwalt für ihn sprechen kann, gleich, ob er Täter ist oder nicht. Auf jeden Fall kommt Stoever hier an die Beute und damit ist die Gegenwart und die Vergangenheit geradegerückt.

Ein richtiger Klops ist die Sache mit der billigen Uhr mit dem teuren eingelassenen Stein, der außerdem auch noch einen „Fingerabdruck“ hat. Lassen wir Letzteres mal so stehen, das andere kann man nur akzeptieren, wenn man allgemein sagt, in diesem Film gibt es trotz der Sentimentalitäten und der Dramatik auch viel  Humor. Und das ist wirklich so, weil einige Kiezfiguren so schön klischeehaft dargestellt werden (der Lude Ulli Krüger) und bestimmte Nebenrollen exzellent besetzt sind und daher in Relation zu ihrer Spielzeit viel zum Film beitragen (etwa Frau Rakuschka, verkörpert von Doris Kunstmann).

Heute würde man einen solchen Film vermutlich als grausiges Blutbad inszenieren, man könnte einen Gang-Krieg daraus entwickeln, aber in den etwas lichteren 1990ern waren zwei Morde respektabel, selbst für einen Kiez-Tatort. Das Sentimentale wäre vermutlich auch stark reduziert, aber eines würde man sicher heute gekonnter inszenieren: Die Spannungsmomente. Die leiden in „Der König kehrt zurück“ unter dem Einsatz des ersten Inline-Skaters auf dem Kiez, dem Sohn von Harry Mucher. Auf Rollen ist man viel schneller als zu Fuß, aber einem Jaguar kann man nicht glaubhaft folgen, es sei denn, er steckt alle paar Meter im Stau – die Passage in der Gänsemarkt-Ladenpassage hingegen leidet darunter, dass der sonst so clevere Jan nicht bedacht hat, dass die Tore sich automatisch schließen, wenn der Wachmann ein Problem wahrnimmt – und innerhalb dieses Szenarios wieder darunter, dass sie das alle nacheinander tun, anstatt gleichzeitig, nur, damit Vater und Sohn noch schön durch die Warenglitzerwelt hetzen können und immer ganz knapp zu spät kommen.  Zumindest der Vater. Schönes Symbolbild, der Junge draußen, der Vater hat’s nicht mehr geschafft. Wieder hinter Gittern. Aber der Film ist damit noch nicht zu Ende, weil der Sohn eine Geiselnahme inszeniert, um den Vater wieder freizukriegen. Mit 16 ist er auch strafmündig, nebenbei bemerkt.

Finale

Ob die sündige Meile Mitte der 1990er noch so geradezu klassisch organisiert war, wie es hier wirkt, ist für mich schwer einzuschätzen, aber es war die Zeit des großen Publikumsinteresses an diesem Szenario, das belegen z. B. der Sechsteiler „Der König von St. Pauli“, der drei Jahre nach dem Tatort Nr. 318 entstand, und „Die rote Meile“, eine zeitgeistige Serie aus den Jahren 1999 bis 2001. Vielleicht hat „Der König kehrt zurück“ sogar ein wenig zu diesem Hype beigetragen, der vor etwas mehr als 20 Jahren entstand.

Der Film lebt dennoch von einzelnen starken Darsteller*innen, nicht unbedingt von seiner Konzeption, denn man kann es hin- und herwenden, es bleibt dabei: Das Verhalten des Kneipiers Ritchie mit seiner Taschenuhr und 16 Jahre lang alle Steine in ein Kissen eingenäht, ist die Schwachstelle des Films.  Ritchie hätte Mucher ohne Weiteres seinen Anteil geben können. Außerdem wird nicht recht klar, was Rakuschka von Mucher will – ihn einfangen, bevor es umgekehrt läuft, vermutlich. Dennoch ist „Der König kehrt zurück“ ein überdurchschnittlicher Tatort.

7,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Dieser Kiez!

„Nachdem auf dem Hamburger Kiez zwei Menschen ermordet wurden, müssen die Kommissare Stoever (Manfred Krug) und Brockmöller (Charles Brauer) in dem Tatort „Der König kehrt zurück“ dringend den Täter finden, ehe es noch mehr Tote gibt.“ (Tatort Fans)

Kiez ist nicht gleich Kiez. In Berlin gibt es unzählige Kieze, in  Hamburg nur einen. In Berlin lebt man in einem Kiez, in Hamburg wird auf dem Kiez das Geschäft gemacht. Der Hamburger Kiez muss nicht namentlich erwähnt werden, denn jeder weiß, er heißt St. Pauli, genauer gesagt, es handelt sich um die Reeperbahn. In Berlin muss man den gemeinten Kiez schon dazusagen, meiner ist z. B. der Akazien-Kiez oder Akazienkiez. Und dort gibt es nichts der Reeperbahn Ähnliches, etwas weiter nördlich aber, in der Kurfürstenstraße, da gibt es immerhin was (noch).

„Der König kehrt zurück“ zählt also zu den Perlen aus der Stoever-Brockmöller-Kollektion, die noch nicht in der Rezensionskette aufgereiht sind, deswegen die Vorschau und keine Verlinkung zur Rezension, anlässlich der für Dienstag, den 07.07.2020, angesagten Wiederholung des Films im Dritten des NDR. Vor einigen Jahren gab es eine große Retrospektive für die beiden Ermittler, die von 1984 (Stoever) bzw. 1986 (Brockmöller) bis 2001 tätig waren. Damals wurde „Der König kehrt zurück“ nicht gezeigt. Ein besonderer Grund dafür ist nicht ersichtlich, er zählt nach Ansicht der Nutzer des Tatort-Fundus zu den mittelguten Fällen des Duos (Platz 20 von 41). Das bedeutet in der Gesamtrangliste derzeit Platz 426 von 1149 (Stand 05.07.2020).

Ein Kieztatort sollte skurrile Typen haben, respektvoll mit den Frauen umgehen, die Sexarbeit leisten und viel Zeitkolorit haben, obwohl das Gewerbe, um das es geht, in den Grundzügen als das älteste der Welt gilt. Ob das so stimmen kann, ist eine andere Frage. Die Handlung scheint ein wenig auf Thriller gemacht zu sein, denn der Zeitaspekt spielt eine Rolle: Es müssen weitere Morde verhindert werden, offenbar handelt es sich um eine*n Serientäter*in.

Am Dienstagabend werde ich den Film aufzeichnen und demnächst erscheint im Wahlberliner die Rezension dazu. Stoever und Brockmöller kann man sich immer anschauen, auch wenn nicht alle ihre Filme Highlights der Tatortgeschichte sind.

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Stoever – Manfred Krug
Hauptkommissar Brockmöller – Charles Brauer
Kirsten Fassbeck – Angelika Bartsch
Jan Fassbeck – Benedikt Volkmer
Wolfgang Braun – Jörg Pleva
Ulli Krüger – Ralf Richter
Frau Rakuscha – Doris Kunstmann
Richard Tomsick – Wilfried Dziallas
Jochen Rakuscha – Lambert Hamel
Harry Mucher – Gottfried John
u.a.

Regie – Michael Gutmann
Kamera – Johannes Geyer
Buch – Felix Mitterer und Michael Gutmann

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