Und Tschüss – Tatort 689 #Crimetime 708 #Tatort #Hamburg #Casstorff #Holicek #NDR #Tschüss

Crimetime 708 - Titelfoto © NDR, Maria Krumwiede

Adieu, Bulle! Der unklare Grund.

Am Ende stehen Jan Casstorff und Wanda Wilhelmi am Meer. Sie ist gerettet und er wird den Dienst quittieren, wie wir wissen. Es wird nicht ausdrücklich gesagt, aber es gibt eine Szene, in der Casstorff äußert, er will mit seiner Arbeit die Staatsanwältin nicht mehr in Gefahr bringen. Was davon zu halten ist und mehr zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung

Arno Dahm soll entführt werden. Doch bei dem Versuch ihn zu entführen, kommt er ums Leben. Die Täter können fliehen – nur die 13-jährige Doro wird Zeugin der Tat – offenbart sich aber niemandem.

Die Ermittlungsarbeit beginnt: Casstorff ist irritiert über das Ausbleiben seiner Freundin Wanda Wilhelmi. Die Staatsanwältin wollte sich – als sie am Telefon den Namen des Toten hört – sofort auf den Weg zum Tatort machen.

Holicek durchleuchtet derweil das berufliche Umfeld des Getöteten und trifft als erstes auf den Exportsverbandsvorsitzenden Karl Dursthoff, der von Streitigkeiten zwischen dem Toten und seinem Kompagnon Müller zu berichten weiß. In der Tat lässt Jannik Müller, Mitinhaber der Firma „Fair Global“, durchblicken, dass es mit Dahm nicht eben einfach war – standen ihnen doch Dahms hohe moralische Ansätze bei den alltäglichen Geschäften im Wege.

Wanda Wilhelmi taucht weiterhin nicht auf und nicht nur Casstorff ist alarmiert: Das LKA richtet die Sonderkommission „Wanda“ ein – davon ausgehend, dass es sich um eine gezielte Entführung der Staatsanwältin handelt. Mit von der Partie ist Jenny Graf – Casstorffs ehemalige Mitarbeiterin, die jetzt für das LKA arbeitet.

Zusammen durchleuchten beide die Fälle, an denen Wilhelmi vor ihrem Verschwinden gearbeitet hatte und versuchen herauszufinden, was der Zusammenhang zwischen dem Tod von Dahm und der Entführung einer Staatsanwältin sein könnte.

Rezension

Diese Aussage ist Unsinn, denn wenn nicht Casstorff ermittelt, dann jemand anderes, und Wilhelmi wurde nicht wegen ihrer Liaison mit Casstorff entführt, man wollte sich nicht an ihm rächen oder dergleichen. Seine Person oder die der anderen Ermittler werden von den Tätern nicht speziell betrachtet. Dass hingegen ein Hamburger Kaufmann eine Staatsanwältin kidnappen lässt – auweia! Dass Clanbosse Richter und Staatsanwälte bedrohen, ist mittlerweile keine Seltenheit mehr, einige wachsweiche Urteile gegen die OK sind sicher auch dieser Lage zu verdanken. Klar, es ist nicht der Vorsitzende Exporteure-Lobby selbst, es sind seine wüsten neuen Geschäftspartner, die Wilhelmi in einen leeren Keller verbringen lassen, aber von ihrer Entführung und dass man dabei nicht zart mit ihr umgehen wird, weiß er.

Was der Hanseat nicht alles tut, um die Fassade der intakten Wirtschaftlichkeit zu wahren. Zum Beispiel sich mit der Elektroschrott-Mafia einlassen. Denken wir zwölf Jahre weiter. Gerade hat die Hamburger Politik von oberster Stelle verhindert, dass Hamburger Banken für ihre Verstrickung in die monströsen CumEx- / CumCum-Geschäfte belangt werden. Da geht es um mehr Geld als beim Schrott-Export in den globalen Süden. Im Film zeigt sich der Innensenator nur besorgt um seine Tochter und macht etwas viel Druck, weshalb er als Verdächtiger in Frage kommt, den Mord an dem sozialen Unternehmer und Seelsorger Dahm betreffend, ist aber nicht an den Machenschaften mit dem illegalen Transfer von IT-Müll befasst.

Dahm ist ein Gutmensch, erfahren wir im Verlauf der Handlung. Mittlerweile ist das Wort zum Unwort des Jahres erklärt worden, weil diskriminierend gemeint, so, wie von seinem Geschäftspartner, der ihn aber auch nicht auf dem Gewissen hat, erheblicher Differenzen zum Trotz. Beim Fair Trade wird nicht gemordet, sowas ist eben den Elektroschrott-Schiebern vorbehalten. Ende der 2000er war Fair Trade in der Tat erstmals ein Thema, in diesem Tatort wird er wirtschaftsethisch gegen den Elektroschrotthandel gestellt. Dass Fair Trade nicht ausreicht, um die sozialen Verhältnisse zu ändern, sondern dass dafür die Produktionsmittel anders verteilt werden müssen, dürfte aber mittlerweile jedem klar sein, der ein wenig nachdenkt, warum die Strukturen in weiten Teilen der Welt so ausbeuterisch sind. Nur bei kooperativer Wirtschaft fließt der Erlös fair gepreister Waren wirklich an diejenigen, die sie mit ihrer Hände Arbeit herstellen. Und an die Transporteure und Wiederverkäufer bei uns natürlich, die werden immer einen erheblichen Teil einsacken – deswegen wird man mit Handel auch reicher als mit der Produktion von Waren auf natürlicher Basis, sofern die Produktion nicht großgrundbesitzmäßig / industriell organisiert ist. Die Konsequenz muss also letztlich sein, die gesamte Wertschöpfungskette mehr gemeinwohlorientiert zu gestalten.

Auch Rezensenten können sich auf die Ebene begeben, auf welcher der Film über einen nicht geringen Teil seiner Spielzeit angesiedelt ist: Es wird erklärt und moralisiert. Leider sind die Dialoge dabei oft erschreckend platt. Zum Beispiel, wie Wanda Wilhelmi ihre Entführer*innen provoziert, das soll wohl mutig wirken, ist aber in ihrer Situation lächerlich. Die OK stellt sich gegen den Staat, das weiß sie ohnehin und sie fühlt sich dazu auch stark genug, aber sie macht es eben selten so wie in diesem Film. Der Grund dürfte relativ klar sein: Nicht, das man Angst vor diesem zahnlosen Rechtsstaat hat, aber der Aufwand lohnt nicht und die Bevölkerung, auf die man beim Geschäfte machen ja doch angewiesen ist, könnte irgendwann ins Murren kommen, so indolent sie im Allgemeinen auch ist. Viel effizienter ist es, Justizpersonen und Mitglieder der Exekutive nur zu bedrohen oder zu kaufen, als sie zu ermorden und sich ständig auf neue Ansprechpartner einrichten zu müssen, es könnte ja doch mal ein harter Brocken darunter sein. Wilhelmi kann man natürlich nicht damit bedrohen, dass man auf ihre Familie als mögliches Angriffsziel verweist, sie ist Single. Aber wie wär’s mit Casstorff? Ihn zu entführen, wäre viel klüger gewesen, wenn es sich wirklich um Profis handelt – was ja suggeriert wird.

Aber das alles, nur um an die Ermittlungsunterlagen und damit an das Wissen von Frau Wilhelmi zu kommen, nicht, um Justizurteile zu beeinflussen? Hm. Witzig auch, dass Casstorff eine regelrechte Puzzelteil-Suchaktion nach ihren Fällen startet, anstatt einfach bei der StA anzufragen, woran sie gerade arbeitet. Als leitender Ermittler hätte er ganz sicher Auskunft erhalten.

Es kommt auch zu Momenten, in denen man den Eindruck hat, der Film sei ein wenig frauenfeindlich. Zwar darf Jenny, die frühere Assistentin von Casstorff und Holicek, zurückkehren, aber sie wirkt für eine taffe LKA-Beamtin immer noch recht zahm – und dass Wilhelmi von ihren Entführern misshandelt wird, wirkt auf eine seltsame Art mit Holiceks dummen Sprüchen zusammen. Wie oft der arme Thilo Prückner auf verächtliche Weise „Weiber!“ sagen muss, ist schon nervig. Jenny findet das auch und er antwortet ihr, das sei eben seine Art, mit den Dingen (der Angst, der Ungewissheit) umzugehen. Soweit ich weiß, wird bei Holicek nie eine aktuelle oder frühere Bindung an eine Frau erwähnt und wenn er über Frauen spricht, lässt Casstorff immer durchblicken, dass der Oberkommissar überhaupt keinen Plan hat. Aber er muss immer viel aushalten, die Drehbuchautoren sorgen schon dafür. Und in diesem Fall dafür, dass Frauen sich nicht aus eigener Kraft befreien können, sondern auf die Rettung durch Casstorff und Co. angewiesen sind.

Auch bei den Vorgängern Stoever und Brockmöller gab es ein hierarchisches Verhältnis, aber so respektlos ging der robuste Stoever mit seinem Co nicht um, wie Casstorff es eigentlich mit allen mehr oder weniger tut. Man merkt wirklich, die frühen 2000er waren eine Zeit, in der man unbedingt mehr Härte reinbringen wollte. Was man getan hat, war, Zuschauern, die über ein wenig Empathie verfügen, ständig ein unangenehmes Gefühl zu vermitteln. Das liegt am latenten Hang von Casstorff, andere zu diskriminieren, das liegt an der hölzernen Art, die Robert Atzorn in dieser Rolle zeigt und an Drehbüchern, die auffällig oft Schwächen bei den Dialogen haben. Offenbar stand im Lastenheft, nur ja nicht ironisch und elegant zu formulieren, wie man es zuvor bei Stoever und hin und wieder auch bei Brockmöller sehen bzw. hören konnte. So hat man nicht selten kantig und uninspiriert miteinander verwechselt und das prägt die sehr kühle Wirkung der Hamburg-Tatorte aus den Jahren 2002 bis 2008 und wird durch die Frauen, die man einsetzt (Jenny Graf, Wanda Wilhelmi) nur wenig gemildert. Im 15. und letzten Fall der Casstorff-Ära wird das noch einmal besonderst deutlich.

Finale

Betrachtet man nun die Qualität der Handlung, ist festzuhalten: Die Logik stimmt einigermaßen, die Glaubwürdigkeit ist schon eher zu hinterfragen, am meisten stört aber die Überfrachtung. Vermutlich kam sie zustande, weil es hier um ein Frachtthema geht und  Container wie jener, in dem Wanda Wilhelmi „entsorgt“ werden soll, sind nun einmal unhandliche Trümmer. Man hat dafür eigens eine Farbe gewählt und eine unlesbare Aufschrift appliziert, die möglichst nicht dem Äußeren der Container irgendeines bekannten Logistikers angenähert sein sollen. Was herauskam, war passenderweise ein giftgrünes Teil mit abstrakt wirkender Schrift darauf und natürlich ohne Logo.

Die Bilder des Films sind gut, aber der Standard war auch Ende der 2000er schon beinahe so, heute fällt die Gestaltung nicht mehr besonders auf. Man hat in den Abschied von Casstorff nochmal eine Menge reingepackt, aber der Tatort Nr. 689 ist nicht nur kein Highlight, sondern auch nicht der beste mit Jan Casstorff, Eduard Holicek, Jenny Graf, Wanda Wihelmi.

6/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Adieu, Bulle!

Vielleicht haben wir es dem Tod von Thilo Prückner zu verdanken, der Anfang Juni  2020 starb, dass der NDR wieder Tatorte mit Holicek (Prückner) und Casstorff (Robert Atzorn) auspackt. In den letzten Jahren ist man mit Wiederholungen dieser Fälle aus den Jahren 2002 bis 2008 recht sparsam umgegangen. Vielleicht Zeit für einen kleinen historischen Abriss.

Casstorff und Holicek hatten nie die Beliebtheit der Vorgänger Stoever und Brockmöller erreicht, auch das Konzept war nicht gerade vorwärtsgerichtet.

Von einem am Ende fast gleichberechtigten Duo zurück in die deutlich erkennbare Hierarchie. Dann der Wechsel zu einem wirklich außergewöhnlichen Konzept, dem Einsatz des verdeckten Ermittlers Cenk Batu – das allerdings eine Tücke hatte: Man kann einen türkischstämmigen Polizisten nicht in derselben Stadt unzählige Male in migrantischen OK-Milieus ermitteln lassen, irgendwann werden die Fälle einander zu ähnlich und der Mann wird zu bekannt in der Szene. Okay, bei anderen Unglaubwürdigkeiten hat man weniger Probleme, aber der Mangel an Handlungsalternativen ist konzeptionell bedingt.

Man hätte ihn also „normalisieren“ und offen als Kommissar auftreten lassen müssen – beispielsweise – und das hätte Darsteller Mehmet Kurtulus auch verdient gehabt. Stattdessen begeht der NDR den bisher in etwa größten Tatort-Quatsch aller Zeiten und setzt Till Schweiger für vermutlich die höchste Gage aller Tatort-Ermittler*innen als norddeutschen Westentaschenrambo ein. Und das, wo Schweiger aus dem Alemannischen stammt. Damit hat sich der NDR aus der Spitze der deutschen Krimisender verabschiedet, auch wenn er mit Borowski in Kiel, dem Rostock-Polizeiruf und dem Bundespolizei-Duo Falke und Grosz noch drei gute bis sehr gute Schienen hat. Dass Hamburg, der Stamm-Standort, dermaßen verhunzt wurde, wiegt zu schwer und muss endlich korrigiert werden.

Angefangen hatte alles ganz anders. Die Trimmel-Tatorte der ersten Stunde zählten zu den längsten und experimentellsten, die bis heute im Rahmen der Reihe entstanden sind und waren für ihre Zeit teilweise herausragend modern und interessant gestaltet und in Kiel hatte man mit Kommissar Finke einen Ermittler etabliert, dessen Fälle bis heute als die besten gelten – überschlägig und nach Meinung der Fans auf der Plattofrm „Tatort-Fundus“ Bewertungen schreiben. Für mich persönlich ist der Kiel-Tatort „Reifeprüfung“aus dem Jahr 1977 bis heute mit der beste Film aus mittlerweile 1.135 Produktionen, die innerhalb von 50 Jahren entstanden sind.

Unter den Casstorff-Filmen erhält „Und Tschüss“ von den erwähnten Tatort-Fundus-Nutzern nur Rang 13 unter 15 Produktionen zugesprochen, die insgesamt entstanden sind.

Man hat den ziemlich miesepetrig wirkenden Casstorff versucht mit einem Sohn zu „liften“ und dann mit der Staatsanwältin Wanda Wilhelimi, die im Tatort 689 offenbar entführt wird. Die Szenen mit dem Sohn und jene, die sich auf ihn beziehen, wirken oft sehr hölzern und dogmatisch, die Staatsanwältin konnte schon eher dazu beitragen, das Ganze ein wenig aufzulockern, obwohl sie eine recht dezente Figur ist. Aber komplett unglaubwürdig wirkt dieses etwas ungleiche Paar nicht.

Nach dem, was ich vorab gelesen habe, wurde in den letzten Castorff-Tatort eine Menge reingepackt, nach Ansicht einiger Kommentatoren zu viel. Wir werden sehen – denn die Abfassung einer Vorschau resultiert, wie üblich, daraus, dass wir anlässlich der heutigen Wiederausstrahlung keine Rezension anbieten können, weil ich diesen Tatort noch nicht gesehen habe. Er läuft am 09.07.2020 um 23:35 im Dritten des NDR. So spät am Abend wirkt auch ein wenig, als würde man hier eher eine Pflichtübung abhalten, als einen beliebten Film in den Vordergrund rücken.

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Jan Casstorff – Robert Atzorn
Wanda Wilhelmi – Ursula Karven
Jochen Kesseling – Frank Röth
Eduard Holicek – Tilo Prückner
Jenny Graf – Julia Schmidt
u.a.

Regie – Thomas Bohn
Buch – Thomas Bohn

 

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