William Friedkin – Hollywoods Enfant terrible (Friedkin Uncut, IT 2018) #Filmfest 178

Filmfest 178 D

2020-04-18-filmfest-d-documentary-2020Wie New Hollywood in den 1970ern startete …

… und wie wir mit einer neuen Sparte des Filmfest starten: „D“ wie „Documentary“. Mehr dazu in den Filmfest-News 3.

Vor einiger Zeit hatte ich mit einem Film von William Friedkin Probleme, diese nahmen tragikomische Züge an. Deshalb handelt die Rezension zu jenem Film auch darüber, wie ich „French Connection – Brennpunkt Brooklyn“ („The French Connection„) aus dem Jahr 1971 als Schlafmittel entdeckte und vier- oder fünfmal ansetzen musste, um ihn endlich rezensieren zu können. Unter diesen Umständen kann man ein Werk nicht ganz unkritisch sehen. Warum das so war und mehr, erkläre ich außerdem in der -> Besprechung einer Dokumentation über Friedkin, die ich trotz Sichtung ab Mitternacht, und obwohl sie länger ist als „Brennpunkt Brooklyn“, mühelos durchgestanden habe.

Inhalt

„William Friedkin – Hollywoods Enfant terrible“ liefert hautnahe Einblicke in das Leben und das künstlerische Schaffen des US-amerikanischen Regisseurs, Drehbuchautors und Produzenten von Kultfilmen wie „Brennpunkt Brooklyn“, „Der Exorzist“, „Atemlos vor Angst“, „Cruising“, „Leben und Sterben in L.A.“, „Die Stunde des Jägers“, „Bug“ und „Killer Joe“.

Die Dokumentation zeichnet das Porträt eines Regisseurs, der in keine Schublade passt. „Er ist ein sehr ironischer, intelligenter und unkonventioneller Mensch. Er durchquerte Lebens- und Schaffensjahrzehnte mit der Unbeschwertheit eines Kindes“, so Autor Francesco Zippel über William Friedkin. Vielseitigkeit ist der Schlüsselbegriff, der den 1935 in Chicago geborenen Friedkin am besten beschreibt. Viele Regisseure bemühen sich um den Ruf, Spezialist eines Filmgenres – Western, Komödie oder Thriller – zu sein; er hingegen ließ sich stets sämtliche Optionen offen. Mit 16 Jahren fing er als Postjunge beim Chicagoer Lokalsender WGN-TV an; von diesem Zeitpunkt an lernte Friedkin das Filmgeschäft von der Pike auf. Seine Filmkarriere begann in den 60er Jahren, als er sich mit seinem Dokumentarfilm „The People vs. Paul Crump“ für die Freilassung eines zum Tode verurteilten Mannes aussprach.

1971 brachte ihm „Brennpunkt Brooklyn“ fünf Oscars ein, darunter den für den besten Film und die beste Regie; nur zwei Jahre später verschaffte ihm „Der Exorzist“ mit zehn Oscar-Nominierungen und zwei Oscars den endgültigen Durchbruch.

Mit „William Friedkin – Hollywoods Enfant terrible“ erschließt sich dem Zuschauer der Mensch hinter dem Regisseur. Die Dokumentation führt auf eine spannende Reise durch die Themen und Geschichten, die sein Leben und seine künstlerische Laufbahn beeinflussten.

Mit einem hochkarätigen Aufgebot an engen Freunden und Wegbegleitern wie Francis Ford Coppola, Quentin Tarantino, Willem Dafoe, Wes Anderson, Matthew McConaughey, Ellen Burstyn, Michael Shannon und Juno Temple werden Geschichten und Anekdoten enthüllt. Der Film ist eine Hommage an den einzigartigen Billy Friedkin – und an den Spaß und die Leidenschaft des Filmemachens.

Besprechung

„Der Dokumentarfilm des italienischen Regisseurs Francesco Zippel gibt dem über 80-jährigen, aber unverändert eloquenten Friedkin viel Raum, um von seiner Karriere zu erzählen, was vor allem in den technischen Beschreibungen wie der unter realen Bedingungen gedrehten Auto-U-Bahn-Verfolgungsjagd in „Brennpunkt Brooklyn“ faszinierende Momente gebiert. Als philosophischer Deuter seiner eigenen Antriebe und Motive sind Friedkins Ausführungen gewöhnungsbedürftiger, was das Show-Talent des charmanten Plauderers aber auffängt.

Unterstützung erfährt er zudem durch Kollegen und Schauspieler wie Francis Ford Coppola, Ellen Burstyn, Matthew McConaughey und Willem Dafoe, deren Interviews eine motivierende Reflexion von Friedkins Arbeitsweise ergeben, auch wenn der Film insgesamt etwas lobpreisend ausfällt“, befindet der Film-Dienst in seiner Rezension der Doku.

Ich erinnere mich an die Stelle, an der Friedkin sagt, er sei, im Gegensatz zu anderen Filmemachern, nie der Realität enteilt, nie über sie hinausgegangen. Der dokumentarische Touch blieb seinen Filmen enthalten und das war’s leider auch, was ich an „Brennpunkt Brooklyn“ so ermüdend fand. Ich bin jedes Mal ausgestiegen während der Sequenz, die aus endlos wirkenden Observierungen besteht. Aus guten Gründen filmt man das heute nicht mehr so. Aber Friedkin war damals ein zentraler Regisseur von „New Hollywood“ und die Juroren in Hollywood fanden seinen Stil so faszinierend, dass „Brennpunkt Brooklyn“ trotz seiner beinahe mörderischen Längen zwischen der (ca.) 20. und 45. Spielminute fünf Oscars erhielt. Das mit den Oscars wusste ich schon vor dem Anschauen, aber es hat mir nicht dabei geholfen, mich konform zu verhalten.

Die Autoverfolgung im letzten Drittel ist hingegen so spektakulär, dass sie das wieder ausgleicht. Womit wir einen insgesamt faszinierenden, damals neuartigen Film haben, der ziemlich unrund wirkt, aber selbstverständlich eine enorme historische Bedeutung für das Medium hat. Einer der Interviewten im Film sagt, mit diesem Film begannen die 1970er im Kino. Das kann man so sehen, auch wenn die Werdung des New-Hollywood-Stils nicht einem Urknall, einem einzelnen epochalen Werk zu verdanken ist, sondern sich in Stufen entwickelt hat. Der Polizeithriller spielte dabei eine entscheidende Rolle und war zu der Zeit ein sehr progressives und auch sozialkritisches Genre.

Er war (meistens) schnell, hart, dreckig, das Publikum, das bisher nur geschönte Hollywoodversionen von Städten kannte, saß fasziniert vor einer Wirklichkeit, die es zum Teil nicht kannte. Es ist legendär, wie sich zum Beispiel der Blick auf den Sumpf von New York durch Filme wie „The French Connection“ erst herausbildete. Es gab zuvor auch schon Filme, die es etwas genauer mit der Milieuzeichnung nahmen und dabei düster-subjektiv blieben, etwa von John Cassavetes, aber sie zählten zunächst nicht zum Mainstream-Kino. Es kam zu Ausnahmewerken wie Elia Kazans „On the Waterfront“ (1954), der aber weit mehr klassische Erzählmuster berücksichtigt als „The French Connection“ und nicht so im optischen Desaster von Brooklyn herumwählt – und der zu allem Überfluss ein frustrierendes Ende für die beiden legendären Cops Popeye Doyle und Cloudy Russo hat, das einen zweiten Teil geradezu  herausfordert. Dieser wurde 1975 realisiert, aber nicht mit Friedkin, sondern mit Actionspezialist John Frankenheimer als Regisseur, war recht erfolgreich, wird aber heute nicht mehr als auf einer Höhe mit Teil eins gesehen.

Ein weiterer Film von William Friedkin, der in der Dokumentation intensiv besprochen wird, ist „The Exorcist“. Ich kann nicht, weil die Dokumentation über Friedkin gut gemacht, ja faszinierend und er selbst ein charismatischer Typ, verschweigen, dass ich nur 68/100 für diesen Gruselklassiker vergeben haben. Dieses Mal nicht wegen herausfordernder Dramaturgie, sondern, weil ich ihn ziemlich flach fand. „The French Connection“ bringt es immerhin auf 79/100, was in etwa dem Durchschnitt der IMDb-Nutzer entspricht. Bei „The Exorcist“ bin ich auch von der IMDb-Wertung (8/10) ungewöhnlich deutlich nach unten abgewichen.

Leider habe ich „Scorcerer“, die Neuverfilmung von „Lohn der Angst“ durch Friedkin“, noch nicht gesehen, die in der IMDb mit 7,7/10 eine gleich gute Note bekommt wie „The French Connection“, aber, um ehrlich zu sein: Ich kann mir nicht vorstellen, dass man diesen Roman besser adaptieren kann, als Henri-Georges Clouzot es im Jahr 1953 getan hat.

Die neueren Filme Friedkins werden vergleichsweise kurz angerissen, aber 1975 führte er, auf der Höhe seines Ruhms, ein Interview mit Fritz Lang, ähnlich, wie François Truffaut es mit Alfred Hitchcock getan hat, etwas kürzer freilich, nicht in „Sessions“ aufgeteilt. Die Ausschnitte daraus sind sehr interessant – besonders, wenn Lang sagt, er habe ohne Vorbilder gefilmt, was es heute beim arrivierten Medium Film längst nicht mehr geben sollte. Da haben zwei sehr Eigenwillige zusammengesessen, das merkt man deutlich.

Für mich das Beste war aber, dass die Friedkin-Dokumentation kein Biopic ist, sein Privatleben spielt zum Beispiel überhaupt keine Rolle, auch wenn man ihn in seiner mondänen Villa gefilmt hat. Es geht nur um Filme und ums Filmen. Man erfährt, dass er zu den One-Take-Regisseuren zählt, mit denen Schauspieler aus nachvollziehbaren Gründen lieber zusammenarbeiten als mit Sadisten, die vor allem physisch anstrengende Szenen hundertmal wiederholen lassen, aber natürlich arbeitet auch Friedkin manipulative Tricks und erzählt gerne darüber. Man erfährt einiges über das Filme machen oder zumindest eine Art, wie man herangehen kann. Das war  für mich sehr kurzweilig, weil es solche handwerklichen Einlassungen immer auch Assoziationen zum Prozess des Schreibens hervorrufen.

Für Kameraleute gab es weniger Edukation, die visuelle Gestaltung von Friedkins Filmen wird nur in Bezug auf den oben erwähnten, für Friedkin typischen dokumentarischen Stil besprochen. Umso wichtiger: Recherche. Reden mit echten Menschen. Mit Priestern für „The Exorcist“, mit Cops vor dem Dreh von „The French Connection.“ Mitgehen, ein guter Beobachter sein, mittendrin, statt von einer distanzierten Hollywod-Perspektive aus Kino machen.

Es hat mich angesichts dieser Haltung nicht überrascht, dass Friedkin sich nicht als Künstler, sondern als Handwerker sieht. Ich bin geneigt, dieser Selbsteinschätzung zuzustimmen, unbeschadet der  Ansicht, dass aus gut beherrschter Technik, aus sauberem Handwerk, Kunst entstehen kann, die nicht so gewollt wirkt wie manches, was sich gerne unter dem Begriff „Arthouse“ subsumieren lassen möchte.

8/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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