Ihr faßt mich nie! – Polizeiruf 110 Episode 117 #Crimetime 711 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Berlin #Grawe #Fuchs #Zimmermann #nie #fassen #Prenzlberg

Crimetime 711 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Mangelnde Anerkennung / überschießender Ehrgeiz

„Die Kritik nannte den Täter in Ihr faßt mich nie! den „einzige[n] Täter in der Polizeiruf-Reihe, der aus gewissermaßen sportlichem Ehrgeiz handelt.“[3]

Wir können an dieser Stelle vorab zitieren, ganz unehrgeizig, denn dieser 117. Polizeiruf ist ein Howcatchem. Man kennt den Täter also von Beginn an und das Interessante ist, wie die Polizei ihm auf die Schliche kommt. Eines verraten wir schon – es handelt sich nicht nur um den (vielleicht, wir kennen ja noch nicht alle Polizeirufe) einzigen Täter mit Sportsgeist, sondern auch um eine der aufwendigsten Ermittlungen, die wir bisher in einem Polizeiruf gesehen haben. Mehr über dies alles in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Auf ein Berliner Postamt wird am 18. Mai 1987 frühmorgens ein Überfall verübt. Liesbeth Rietz, die die Zeitungen früh in die Filiale holt, wird überwältigt, und später auch der zur Arbeit kommende Walter Krämer. Beide werden gefesselt und ihnen wird mit Strumpfmasken die Sicht genommen. Der vermummte Täter leert anschließend die Kasse und erbeutet so rund 100.000 Mark. Hauptmann Peter Fuchs, Oberleutnant Lutz Zimmermann und Leutnant Thomas Grawe übernehmen die Ermittlungen. Der Täter hat anscheinend keinerlei Spuren hinterlassen. Es gibt keine brauchbaren Fingerabdrücke, keine Hinweise von Nachbarn und keine besonderen Merkmale, die Frau Rietz und Herr Krämer zu Protokoll geben könnten. Beide haben den Täter nicht erkannt und können sein Alter und seine Stimme nur vage beschreiben. Der Täter hat sie nur lose gefesselt und als Waffe eine Spritzpistole verwendet. Beides weist darauf hin, dass es sich um einen Anfänger handelt.

Einige Zeit später erhält die Polizei einen aus Zeitungsbuchstaben zusammengesetzten Brief, in dem der Täter schreibt, dass er das Geld zurückgeben werde, wenn die Polizei eine Anzeige mit einem vorgegebenen Text in eine bestimmte Zeitungsausgabe der BZ am Abend setze. Peter Fuchs lehnt dies jedoch ab, weil es ein Versagen der Ermittler eingestehen würde. Stattdessen gibt er den Fall offiziell an Thomas Grawe ab. Grawe kommt mit seinen Ermittlungen kaum weiter. Über den mit einer Schreibmaschine geschriebenen Satz des Briefes „Ihr faßt mich nie!“ kann der Typ der Schreibmaschine ermittelt werden, doch führen Überprüfungen in Berliner Büros zu keinem Ergebnis. Die Untersuchung der genähten Masken, mit denen die beiden Überfallopfer versehen wurden, bringt die Erkenntnis, dass die Nähmaschine ein altes Modell gewesen sein muss. Zudem finden die Spezialisten unter Leitung des wiederholt Wilhelm Busch zitierenden Dr. Tretow im Stoff der Masken eine erhöhte Anzahl von Pollen der Gleditsia triacanthos L., des seltenen Dreidornigen Lederhülsenbaums. Zusammen mit spezifischen Verunreinigungspartikeln im Gewebe versucht Thomas Grawe das Tätergebiet einzukreisen, doch vergeblich.

Ein psychologisches Täterprofil ergibt, dass es sich bei dem Täter um einen intelligenten Mann handeln muss, der von seinem Umfeld jedoch verkannt wird, sein Können also möglicherweise nicht ausleben kann und daher Komplexe hat. Tatsächlich ist der Täter Norbert Schumann als Bauzeichner unterfordert, beweist seinem Vorgesetzten auf heimtückische Art, dass er von der Arbeit mehr versteht und will als nicht kritikfähig nach einer darauf folgenden Zurechtweisung mal wieder kündigen. Zwar ist er in seiner Arbeit sehr fähig, grenzt sich jedoch durch seine arrogante Art selbst aus. Mit der Polizei beginnt er das Katz-und-Maus-Spiel, um sich selbst seine Überlegenheit zu beweisen. Eines Tages ruft er Thomas Grawe während der Arbeit an und meint, der Brief mit der Bitte um die Zeitungsanzeige sei ernst gemeint gewesen. Erneut betont er, dass die Ermittler ihn nicht kriegen werden. Nach längerer vergeblicher Suche und einer durch Peter Fuchs gesetzten Ermittlungsfrist von zwei Wochen setzt Thomas Grawe auf eine neue Taktik. Er veröffentlicht die vom Täter gewünschte Anzeige, um ihm ein Erfolgserlebnis zu verschaffen und ihn zu einer Reaktion zu bringen. Gleichzeitig fällt ihm eine Aussage von Frau Rietz ein, die ihm bei der Vernehmung von Umbauten am Postgebäude berichtete. Thomas Grawe lässt die damals für den Umbau verantwortliche Firma ermitteln, könnte doch der Täter als Mitarbeiter so den Ort ausgekundschaftet haben. Die Mitarbeiter werden auf das Täterprofil hin ausgesiebt und übrig bleiben vier Männer. Alle werden angerufen und das Stimmprofil mit dem bei Thomas Grawe eingegangenen Anruf des Täters verglichen. So findet Thomas Grawe schließlich Schumann.

Da die Beweise noch sehr dünn sind, sucht Grawe bei Schumanns Mutter nach weiteren Indizien. Vor ihrem Haus steht ein Dreidorniger Lederhülsenbaum, der in der zuvor zur Eingrenzung verwendeten Standortliste nicht enthalten war. Zudem erhält er von Nachbarn Gardinen, die Frau Schumann einst mit ihrer Nähmaschine genäht hatte. Der Nachbar stellt Thomas Grawe zudem Frau Schumann als neuen potenziellen Kunden für weitere Näharbeiten vor. Thomas Grawe erfährt so, dass Frau Schumann von ihrem Sohn eine teure Nähmaschine geschenkt bekommen hat. Frau Schumann erzählt im Dorf zudem, dass ihr Sohn sich einen Neuwagen kaufen will. Plötzlich kommt Norbert Schumann nach Hause und Thomas Grawe stellt sich ihm vor. Sofort entwickelt Schumann eine neue Taktik und gibt zu, bei der Polizei als vermeintlicher Täter angerufen zu haben. Er habe sich einen Scherz erlauben wollen. Er weiß, dass Thomas Grawe ihn mit aufs Revier nehmen will und schickt sich an zu gehen. Grawe besteht darauf, dass Schumann das Geld mitnimmt, das er im Haus versteckt hat. Tatsächlich führt Schumann ihn auf sein Zimmer, kann Thomas Grawe dort jedoch überlisten und aus dem Haus fliehen. Ein letztes Mal hat er seine Überlegenheit bewiesen und wartet außerhalb des Hauses auf den ihm hinterhereilenden Thomas Grawe, der ihn schließlich abführt.

Rezension

Der Wind hat sich gedreht. Das können wir nun schon auf recht gesicherter Basis festhalten. Nach dem geradezu depressiven Tenor, den Polizeirufe der Jahrgänge 1985, 1986 überwiegend hatten, ist 1987 bereits eine deutliche Hinwendung zu wieder mehr handfesten und farbenfrohen Gestaltungen sichtbar gewesen. Aber „Ihr fasst mich nie!“ ist ein besonders schlagendes Beispiel dafür, dass es möglicherweise eine Anweisung gab, die Darstellungen nun wirklich über – genau – über die Wirklichkeit hinauszuheben. Denkmale wie das schön restaurierte Haus am Prenzelberg beispielsweise waren die Ausnahme und, Achtung: In einer Fahrtszene sieht man das auch: Im Hintergrund fast nur Bauten, die ein ganz anderes Gepräge haben und eher dem entsprechen, was wir selbst beim ersten Prenzlberg-Besuch Anfang der 1990er gesehen haben: Den Grund, warum es sich dort so gut gentrifizieren ließ. 

Immerhin ist die Rückrüstung des Postamts auf Originalfassade der Grund dafür, dass der gewitzte Herr Schumann seinen Plan Ortskenntnisse hatte und so relativ souverän das viele Geld klauen konnte. Nur – dass man die Rückseite des Hauses auch „originalisiert“ und dafür eine Sicherheitsschleuse entfernt, hm. Das kam uns etwas seltsam vor. Aber das Szenarium im Baubüro, dios mio! Klar hat uns das getriggert. Der Mann, der eine Ausbildung zum technischen Zeichner, im Westen hätte er Bauzeichner gehießen, gemacht hat, weil Abi nicht ging. Vater tot, Mutter zu krank, um den Haushalt finanziell allein zu stemmen. Wir hätten gedacht, dass es in der DDR dann eine Unterstützung gegeben hätte, damit der junge Schumann die Schule nicht abbrechen muss. Oder ist dieses subtile Sohn-Mutter-Verhältnis auch von Scheinargumenten nicht frei? Immerhin geht es mal vor, mal zurück, es ist alles in einem unruhigen Fluss. Man liebt sich, man macht einander Vorwürfe bzw. der Sohn adressiert welche an die Mutter. Ein Unzufriedener. Bei uns: Selbes Jahr. Selbe Branche. Ausbilder sah Schumann ähnlich, mit Schnauzer, wie damals häufig zu sehen – nur ohne Locken. Und die Ausbildung vor dem Studium war unser Wunsch, die Eltern: Nicht glücklich, wegen Verzögerung. War eine insgesamt sehr schöne, bereichernde Zeit, das Architekturbüro viel schicker als im Polizeiruf 117, sonden bereits an Schienen – allerdings haben wir uns für zuhause ein solches altes Teil gesichert, erworben von unserem Ausbilder. Aber jene Jahre und jenes Setting waren auch ein Studienfeld für Träume und Lebensentwürfe, die sich verwirklichten und solche, die scheiterten und alles dazwischen. Aber nicht immer mündet es ins Kriminelle, wenn Ambitionen und tatsächliche Fähigkeiten höher angesiedelt sind als das, was man beruflich gerade machen darf. Aber an ein, zwei Sanierungsprojekte mit Denkmalschutz erinnern wir uns auch noch.

Aber der Film hat vor allem zu Beginn eine besondere Lyrik. Ein Morgen am Prenzlauer Berg. Die Straßenreinigung fährt und nässt alles. Berlin erwacht. Wir hatten so gehofft, dass sie „Paris s’eveille“ spielen. Haben wir schon erwähnt, dass wir in dem Jahr, in dem der Film gedreht wurde, nicht nur an Zeichentischen gearbeitet hatten, sondern zum zweiten Mal in Paris waren? Ach ja. Welch eine Zeit. Kein Wunder, dass wir beim Anschauen dieses Films ganz viel fanden, was uns ansprach, und er ist ja auch schön gemacht. Warum der sonst so schlaue Schumann auf die Idee kam, das Geld zurückzugeben, weil er dachte, die fortlaufenden Nummern lassen auf eine Registrierung der Scheine schließen – das blieb uns rätselhaft, wenn er sich schon nicht traute, sie auszugeben, hätte er sie ja entsorgen oder so verstecken können, dass später, wenn man niemand mehr daran denkt … allerdings nicht zu viel später, denn zwei Jahre nach dem Dreh gab es die alte Mark Ost schon nicht mehr und er hätte die Scheine eintauschen müssen. Woran man wieder sehen kann, wie wenig vorhersehbar das Leben sein kann. 

Die Polizeirufe arbeiteten im Laufe der Zeit mit immer subtileren Charakterzeichnungen. Kräftig gepinselt waren die Figuren immer, aber die Bilder wurden dann immer detailreicher. Das hatte auch mit der im Lauf der Jahre zunehmenden Spieldauer zu tun, die man nicht, wie bei den Tatorten, in immer komplexere Handlungen investierte, sondern ebenjenen Figuren zugute kommen ließ. „Ihr fasst mich nie!“ ist bereits 88 Minuten lang und hat damit exakt die Spielzeit heutiger Tatorte und Polizeirufe. Außerdem eignen sich „Howcatchems“ besonders gut dazu, liebevoll detaillierte Menschendarstellungen auszuführen, da man sich von Beginn an auf jemanden konzentrieren kann und dem Zuschauer nicht mehrere Verdächtige bieten muss, die nicht so unterschiedlich stark herausgehoben sein dürfen, dass man trotzdem gleich ahnt, was Sache ist. Leider gelingt dieses Vorhaben auch nach fast 50 Jahren Erfahrung mit dem Format nicht immer, wie man zuletzt an „Dunkler Zwilling„, dem aktuellsten Film der Reihe, sehen konnte, in dem ein Whodunit ziemlich ungeschickt angelegt worden ist. Wir schrieben in der Kritik folgerichtig: Als Howcatchem wäre er besser geworden.

Aber großes Lob für „Ihr faßt mich nie!“, dieses Wechselspiel zwischen dem auserkorenen Ermittlungsleiter Thomas Grawe und dem Herrn Schumann betreffend. Und für die vielen netten Moment und Dialoge zwischen den Polizisten. Der Film hat insgesamt einen ausgezeichneten zwischenmenschlichen Ton und man merkt, dass er einfach Spaß machen soll – Probleme sind persönlicher Natur, es wird nicht gefragt, was das System hätte tun können, damit Herr Schumann nicht ständig unterfordert ist und sich deswegen neue Herausforderungen sucht, die, sagen wir mal, trotzdem darauf schließen lassen, dass der Mann aufgrund seines schwierigen Charakters sie nicht bestehen kann. Wir haben schon Polizeirufe gesehen, in denen niemand so richtig gewinnt, auch bei Tatorten gibt es das. Aber ein Typ, der so ein Dagobert-Syndrom hat – muss irgendwann etwas passieren, was ihn deswegen in die Falle gehen lässt, weil er das Spiel immer weiter treibt. Die Gleditschie! Die Nähmaschine! 

Es waren die inneren Saboteure. Schumann ist einer von jenen intelligenten Menschen, die sich am Ende doch immer wieder selbst im Wege stehen. Schon die Annahme, dass die Scheine registriert sein könnten, leitete ihn in ein falsches Fahrwasser. Allerdings gibt es auch im Drehbuch Fehler. Zwar findet die Polizei schließlich die Gleditschie, aber nur noch als eine Art Bestätigung. Für die speziellen Staubpartikel, die laut Aussage der KT auf besondere Emissionen durch Produktionsbetriebe schließen lassen, gibt es vor Ort keine Hinweise. Es handelt sich um einn Wohngebiet, in dem der Baum steht. Die Idee ist aber sehr schön, zumal die dem namensgebenden Botaniker Johann Gottlieb Gleditsch gewidmete Straße direkt bei uns um die Ecke ist. 

Finale

„Ihr fasst mich nie“ wird nicht für jeden Zuschauer so viele Bezüge aufweisen, wie das bei uns der Fall war, hinzu kommen ja noch die Atmosphäre in dem großen, bestens gefüllten Schwimmbad, in dem Grawe auf Zimmermann trifft, um sich mit ihm zu beraten – eine sehr nette Szene und an solchen Orten zu drehen, ist ja nicht einfach. Morgens zwitschern die Vögel am Prenzlberg, mittags platschen die Kinder ins Wasser und Grawe hält die Kleiderordnung nicht ein und wurschtelt sich ohne Schlips ermittelnd durch den Film.

Er gräbt sich sozusagen immer mehr ein, will den Fall unbedingt lösen, die äußere Ordnung wird dabei zunehmend zweitrangig. Am Ende verliert er das Duell mit Schumann – nicht. Denn Schumann weiß, dass man ihn ohnehin bald fassen würde und vielleicht gibt der Klügere nicht nur nach, sondern irgendwann auf. Einen gesellschatskritischen Aspekt, der sofort ins Auge springt, konnten wir in dem Film nicht entdecken, da Probleme, siehe oben, vor allem auf Biografieschäden zurückgeführt werden und vielleicht doch auf eine gewisse Veranlagung seitens des Schumann, die gar nichts mit all dem zu tun hat, was mehr seine Jugendjahre als seine Kindheit geprägt hat. Stellenweise ist der Film spannend, vor allem aber sehr abwechslungsreich gestaltet. 

8,5/10

© 2020 ( Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Gerald Hujer
Drehbuch Thomas Steinke
Produktion Hans-Jörg Gläser
Musik Reinhard Lakomy
Kamera Martin Schlesinger
Schnitt Brigitte Hujer
Besetzung

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