Investigativ – Tatort 668 #Crimetime 710 #Tatort #Hamburg #Casstorff #Holicek #NDR #Investigativ

Crimetime 710 - Titelfoto © NDR

Wir wählen immerhin die Presse- und Meinungsfreiheit!

Wie, wenn der Filz zwischen Politik, Wirtschaft und Unterwelt so dick wäre, im Stadtstaat Hamburg, dass eine ganz normale Ermittlung in diesem Sumpf zwar einen Mörder ausfindig macht, es aber dennoch überhaupt kein Happy End geben kann? Wie, wenn die Medien rechtlich geschurigelt werden, obwohl doch die Presse als vierte Macht in Deutschland so etabliert ist wie kaum irgendwo sonst? Diesen spannenden Fragen stellt sich der Tatort Nr. 668 mit dem Namen „Investigativ“. Der Titel steht für ein politisches Magazin im Stil des ARD-Flagschiffs „Panorama“, das aber auf regionaler Ebene von einem Sender namens DTV-1 ausgestrahlt wird – und für eine Erkenntnis, die heute aktueller ist denn je. Worum es dabei geht und weitere Aspekte des Films sind Gegenstand der -> Rezension.

Handlung

Gregor Schulz – einst gefeierter investigativer Journalist – wird im Gerichtsgebäude vor den Augen von Wanda Wilhelmi erschossen. Der Täter kann unerkannt flüchten. Am Tag darauf erscheint in der Presse ein Foto, das Schulz am Tag vor seiner Ermordung mit Alexander Radu zeigt, einem stadtbekannten Investor und Unterstützer gemeinnütziger Projekte. Für die Polizei ist der Name Radu kein unbeschriebenes Blatt. Sein Vater war mit illegalen Machenschaften auf dem Kiez zu Geld gekommen. Allerdings war dem Familienclan nie etwas nachzuweisen. Auch Schulz musste als Redakteur für das Politmagazin „Investigativ“ vor Jahren seinen Hut nehmen – nach Ausstrahlung eines Berichts über Radus Verbindungen in die Politik.Als Casstorff die Todesnachricht überbringt, erfährt er, dass die Tochter des Ermordeten, Kathrin Schulz, in die Fußstapfen ihres Vaters getreten ist – sie arbeitet als investigative Journalistin für die gleiche Redaktion. Allerdings gibt sie an, seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt zu haben.

Für Casstorff und Holicek bleibt der Ausgangspunkt ihrer Ermittlungen Alexander Radu. Doch der verhindert mit juristischen Mitteln, vorgeladen zu werden und auszusagen. Und auch die Staatsanwaltschaft – Wanda Wilhelmi führt die Ermittlungen zusammen mit ihrem Chef und Mentor Peter Heinrich – hält es mit dem Grundsatz, sich nicht von der Presse vorschreiben zu lassen, wie die Justiz zu agieren habe: Keine Vorladung auf Grundlage eines anonym an die Presse lancierten Fotos, von dem nicht klar ist, ob es sich nicht um eine Fotomontage handet.

Rezension

Die Erkenntnis zuerst, Absatz erweitert anlässlich der Wiederveröffentlichung 2020: Es ist unmöglich, die Demokratie nur durch investigativen Journalismus vor Schäden zu bewahren. Derzeit setzen wir uns weitaus intensiver mit Journalistmus und Politik auseinander als im Jahr 2015, als die Rezension zu „Investigativ“ erstmals veröffentlicht wurde – aber an dieser Erkenntnis hat sich nichts geändert. Im Gegenteil. Es ist beunruhigend, zu sehen, wie der Journalismus selbst immer mehr Partei in politischen Auseinandersetzungen wird und die „Alternativmedien“, die uns 2015 noch kaum ein Begriff waren und die Spins in den sozialen Medien tun ein Übriges dazu, die Lage unübersichtlich werden zu lassen. Zum Nachfolgetatort von Casstorff, seinem Abschiedsfilm „Und Tschüss!“ haben wir kürzlich eine Rezension kürzlich veröffentlicht.

Wir sind noch etwas fremd mit den Hamburg-Tatorten der Casstorff Ära, schrieben wir 2013 / 2015, und die dröge und humorlose Art von Robert Atzorn, den kühlen Ermittler in kühl gefilmter Umgebung zu machen, ist gewöhnungsbedürftig, wenn man sich zuvor durch eine große Zahl von Stoever-Brockmöller-Filmen gejazzt, gegroovt, geblödelt hat. Wie unterschiedliche die Farben einer Stadt doch sein können, je nachdem, wer dort das Ermittlerzepter schwingt und wer die Bilder zur Handlung liefert. Übermäßig viel hatten wir nicht von diesem Tatort erwartet, zumal er in Programmvorschauen als eher langweilig apostrophiert wurde. Aber mancher Hype kam uns nach dem Anschauen eines Films befremdlich vor, warum nicht umgekehrt?

Aufgemerkt haben wir bereits, als wir bei „Regie“ den Namen Claudia Garde lasen. Wir haben die Regisseurin in positiver Erinnerung von den Borowski-Krimis, die sie, ebenfalls für den NDR, inszeniert hat. Sie versteht es, Atmosphäre zu schaffen. Und wir schreiben es an dieser Stelle – eine ganz andere, aber sehr präsente Atmosphäre hat sie auch in Hamburg wieder an uns vermittelt. Ist das eine Regie-Handschrift, wenn man sich ganz auf den Fall und seine Eigenarten und auf den Kommissarsdarsteller einlassen kann, ohne das eigene künstlerische Ego zu sehr durchblitzen zu lassen? Auf den Fall ist es ein Aha-Erlebnis.

Natürlich interessiert uns ein Presse- und Wirtschaftskrimi aufgrund eigener Tätigkeitsschwerpunkte besonders. Der Begriff Schwerpunkt leitet uns weiter: Man hat in „Investigativ“ auf sämtliche Nebenkriegsschauplätze verzichtet, auch auf Casstorffs Privatleben mit seinem Sohn, um sich konzentriert einem ziemlich komplexen Thema widmen zu können, in dem vor allem rechtliche Tatbestände so darzustellen waren, dass sie gut recherchiert und doch verständlich wirken, ohne dass die Spannung dadurch zu Bruch geht.

Es hat uns beeindruckt, wie gut das gelungen ist. Plötzlich kommen auch die Vorzüge von Atzorns eher zurückhaltendem Spiel zum Vorschein – die Ermittlerfigur lenkt uns nicht vom Eintauchen in den Sumpf aus Politik, Wirtschaft, Unterwelt ab.

Dadurch war es möglich, viel reinzupacken, ohne dass die Handlung überfrachtet, allzu konstruiert oder unlogisch wirkt. Das ist im Umfeld der aktuellen Tatort-Premieren ein erwähnenswertes Benefit. Hinzu kommt eine bedrückende Düsterkeit, die sich durch den Film zieht und am Ende ihre Klimax darin erfährt, dass nicht nur die Politik und die hohen Beamten ungeschoren davonkommen. Dies ist u. a. dadurch bedingt, dass die sich selbst durch mehr und mehr legale Geschäfte reinigende Mafiabande mit Familiennamen Radu dann doch nicht für den Mord am Journalisten Schulz verantwortlich zeichnet und ihn auch nicht verursacht hat, vielmehr hat ihn seine Krankheit ohnehin dem Tod nahe gebracht und er wurde von einem Expolizisten auf Verlangen getötet:

  • 216 StGB Tötung auf Verlangen

(1) Ist jemand durch das ausdrückliche und ernstliche Verlangen des Getöteten zur Tötung bestimmt worden, so ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu erkennen.

(2) Der Versuch ist strafbar.

Der frühere Kollege von Casstorff wird zwar rehabilitiert bezüglich der Kinderpornos, die man ihm untergeschoben hat, um ihn bezüglich seiner Ermittlungen gegen den Radu-Clan aus dem Verkehr zu ziehen, doch Tötung auf Verlangen ist nach deutschem Strafrecht zu sanktionieren. Am Leben erhält den Mann nur, dass der Fernsehbeitrag von „Investigativ“ über die Radus jetzt ausgestrahlt werden soll, denn er hat ihn durch seine verfizierbaren Hintergrundinformationen erst ermöglicht und war in der Sache auch mit dem Journalisten Schulz in Kontakt. Als der Beitrag von den Radus Sekunden vor Beginn per Einstweiliger Verfügung gestoppt wird, führt dazu, dass der Polizist Körner sich in seiner Zelle erhängt. Einer der Verlierer, der kleinen Wahrheitssucher.

Aber auch die Justitia bekommt etwas ab. Schon als die Statue im Foyer der Staatsanwaltschaft angeschossen wird, in dem Moment in dem Körner Schulz töten will, hatten wir den Eindruck, jetzt kommt was Symbolisches. Am Ende war es so. Justitia nimmt Schaden in einem System, in dem Lobbyismus so wichtig ist und Staatsdiener so geschmiert werden können, wie es der Film zeigt.

Ist es realistisch? Wir müssen Abbitte dem deutschen Krimi gegenüber leisten. Kürzlich schrieben wir anlässlich der Rezension zu „Der ewige Gärtner“, einem Spionagethriller nach einem Buch von John le Carré, der deutsche Krimi traut sich bis heute nicht, diese britische Art nachzuahmen, in der alles vage und alles verstrickt bleibt und es keine befriedigende Lösung gibt, selbst wenn eine Einzeltat aufgeklärt wird. Doch genau so ist  die Plotanlage in „Investigativ“ und auf regionaler Ebene zeigt der Film dieselben Mechanismen wie der Thriller vom Kreateur der Meisterspione. In „Investigativ“ wird allerdings gesagt, man wisse nicht so genau, wie die Radus so reich geworden sind, eine solche Aussage muss schon sein. Es ist ein Konglomerat aus illegalen und legalen Tätigkeiten, das sich zu Geld und Macht formt. Und so etwas ist nicht undenkbar (1).

Aber wenn, dann geht es wohl in Deutschland wirklich am besten in der Hansestadt Hamburg, es so konsequent zu zeigen wie in „Investigativ“, und Hamburg hat ja auch am meisten von allen deutschen Städten einen angelsächsischen Touch und kann jene kühle Arroganz ausstrahlen, die der Macht so gut steht. Und man hat sich etwas getraut, denn es wird suggeriert, dass sogar die Justizsenatorin mindestens Mitwisserin im großen Spiel um Geld, schöne Bauten und viele Strippen ist. Mehrfach wird, etwas zu sehr, betont, wie diese Sippe Radu, die vor zwanzig oder mehr Jahren aus dem Südosten Europas aufgebrochen ist, um ihr Glück und das Unglück anderer im Tor zur Welt und zur Unterwelt zu machen, wie diese weitverzweigte Familie sich durch Bestechung wie ein böser Holzwurm in das Gebälk hineingefressen hat, auf dem das Schutzdach des Rechtsstaates ruht. Ein Begriff, der hier ebenfalls so oft zitiert wird, dass man weiß, seine Waffen werden missbraucht – zum Beispiel, um die Medien zum Schweigen zu bringen, indem man sie ausgiebig mit Verleumdungsklagen etc. überzieht.

Finale

Gerade eine Pressestadt wie Hamburg ist vermutlich so nicht zu manipulieren, das Gezeigte ist exemplarisch und natürlich auch so vereinfacht, dass es verständlich wird. (2)

Allerdings hat das Szenario einen Beigeschmack. Dazu muss man wissen, dass Hamburg zu der Zeit, in welcher der Film entstand, allein CDU-regiert war und demgemäß auch die Justizsenatorin dieser Partei angehört haben müsste.

Hätte der bekanntermaßen eher linksorientierte NDR einen solchen Krimi auch gemacht, wenn die Rollen Opposition und Regierung umgekehrt verteilt gewesen wären? Wir werden sehen, was kommt, denn die gegenwärtige SPD-Regierung ist trotzdem vor allem hanseatisch, also der Wirtschaft sehr verbunden. Es kommt aber bei der medialen Rezeption durchaus darauf an, wer den Filz verursacht, und es wirkt zuweilen so, als sei dies wichtiger als der Filz selbst, der bekanntermaßen und unabhängig von der regierenden Partei vor allem dort entsteht, wo die Machtverhältnisse seit langem so stabil sind, dass diese Strukturen ungehindert von Personalwechseln wachsen und sich verfestigen können.

In der Realität wird der Filz in Bayern mit seiner trotz einiger Schwierigkeiten in jüngerer Zeit beinahe in Stein gemeißelten CSU-Regierung dicker sein als in Gegenden, in denen häufiger Wechsel der Machtverhältnisse stattfindet. Dies belegt auch, dass Demokratie jenen Wechsel braucht, um langfristig zu funktionieren. Er garantiert nicht allein für den Erhalt des  Rechtsstaates, aber er trägt dazu bei, dass sich Machtstrukturen und die Menschen und Organisationen, die mit der Macht dealen wollen, immer wieder neu organisieren und zunächst vorsichtig sein müssen, denn es könnte ihnen ein Unbestechlicher gegenübertreten, ein Neuer, der seinen demokratischen Auftrag noch ernst nimmt.

Auch ein seit sehr langer Zeit fix etabliertes Zweiparteiensystem wie das der USA ist z. B. nach dieser Lesart demokratiefeindlich, denn darauf können die Lobbys sich mit der Zeit bestens einstellen. Wie sehr die USA durch die Öl- und Bankenlobby beherrscht wird, also durch Branchen, die an krimineller Energie und an Möglichkeiten und Mitteln diesen regional tätigen Radu-Clanmitgliedern aus „Investigativ“ haushoch überlegen sind, zeigt sich auch für Außenstehende sehr deutlich daran, dass die USA in allen Weltgremien alles blockieren, was die Welt gegen die Interessen dieser Wirtschaftsmächte voranbringen möchte. Auch hier eine kurze Ergänzung im Jahr 2020: Es ist noch offensichtlicher geworden.

Es hatte sich auch unter dem einst so integer wirkenden Barack Obama nicht geändert. Hebt man also den Film auf eine übergreifende Ebene und sagt, es muss ja nicht gerade in Hamburg im Jahr 2006 eine solche Struktur gegeben haben, dann ist er so wahr, wie die Tatsache, dass wir hier in Berlin sitzen und wissen, dass eine Tatort-Rezension nicht zur Änderung der Zustände führen wird.

Aber „Investigativ“ ist ein wichtiger Krimi, der zudem ansehnlich gemacht ist, wir geben dafür 8/10.

(1) Die Rezension wurde ursprünglich im Sommer 2013 verfasst, seitdem hat sich auf diesem Gebiet sehr viel getan. Es gibt in der Tatort-Reihe eine deutliche Tendenz zu Filmen, die klar machen, dass die Aufklärung einer Tat und sogar die Dingfestmachung der Täter nicht zur Wiederherstellung der Ordnung führt, sondern dass die Hydra der OK mit üblichen Polizeimitteln kaum zu töten sein wird. Gerade die norddeutschen Tatorte zielen, oft mit sehr ähnlichen Mustern, in diese Richtung halboffenes Ende.
(2) 2020: Angesichts neuester Entwicklungen, beispielsweise im Bereich der CumEx / CumCum-Geschäfte, kann man zwar sagen, dass die Presse durchaus noch hinschaut, aber Politik ist vor allem gut, wenn sie der hanseatischen Wirtschaft zu nützen scheint. Die Kooperation wirkt sehr ausgeprägt und auch sehr traditionsbewusst, gleich, ob dabei alles legal zugeht oder nicht.

© 2020, 2015 (Entwurf 2013) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Jan Casstorff – Robert Atzorn
Eduard Holicek – Tilo Prückner
Kathrin Schulz – Anna Schudt
Alexander Radu – Tonio Arango
Wanda Wilhelmi – Ursula Karven
u.a.

Drehbuch – Christoph Silber, Thorsten Wettcke
Regie – Claudia Garde
Kamera – Jochen Stäblein
Musik – Jörg Lemberg

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