Tod aus Afrika – Tatort 635 #Crimetime 713 #Tatort #Wien #Tirol #Eisner #ORF #Afrika #Tod

Crimetime 713 - Titelbild © ORF

Das Gasthaus des Todes in den Bergen von Tirol

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Chefinspektor Eisner fährt nach Tirol, wo in den dortigen Bergen ein afrikanischer Asylbewerber getötet wurde und checkt in einem Berggasthof ein, der zu einem Asylantenheim umfunktioniert wurde und wo sich mysteriöse Dinge ereignen, bei den Ermittlungen wird er von einem örtlichen Polizisten und von seiner eigenen, minderjährigen Tochter unterstützt und nach einem zweiten Mord kommt Licht ins Dunkel.

Handlung

In den Tiroler Bergen wird ein schwarzafrikanischer Asylbewerber ermordet aufgefunden. Die Ermittlungen der örtlichen Kripo unter der Leitung von Inspektor Pfurtscheller verlaufen im Sand. Mit dem vorgeschobenen Argument, es könnte sich um ein politisches Attentat handeln, gelingt es Pfurtscheller, beim Innenministerium seinen alten Bekannten, den Wiener Sonderermittler Moritz Eisner, für den brisanten Fall anzufordern.

Eisner quartiert sich im ehemaligen Gasthof von Frieda Jordan ein, der inzwischen als Asylantenwohnheim genutzt wird. Doch bei den dort untergebrachten Afrikanern, Tschetschenen und Kosovo-Albanern stößt er auf eine Mauer des Schweigens. Auch die alte Wirtin, ihre schwangere Tochter Ingrid und ihr windiger Schwiegersohn Klaus wollen keine Ahnung haben, wer oder was hinter dem brutalen Mord stecken könnte.

Unterstützt vom afrikanischen Dolmetscher Farah beginnt Eisner mit seinen Recherchen. Unerwartet ist auch seine halbwüchsige Tochter Claudia aufgetaucht. Sie verspricht sich an der Seite des Vaters spannendere Ferien als bei ihrer Mutter in Hamburg. Und so soll es auch kommen, denn Claudia kann einige wesentliche Beobachtungen für die Nachforschungen ihres Vaters beitragen.

Rasch bemerkt Moritz Eisner, dass die schwarzafrikanischen Insassen des Heims offenbar in großer Angst leben. Doch sie trauen auch nicht der Polizei. Erst als ein zweiter Mord geschieht, dem der Junge Tambour zum Opfer fällt, den Frieda Jordan sehr lieb gewonnen hatte, wird das Schweigen gebrochen.

Rezension

Wie war das Gefühl nach dem Film? Vergrübelt und unentschlossen. Nur eines war sofort klar: Eine hohe Bewertung wird es nicht geben. Erst wirkte dieser Tatort so gewollt und gekünstelt hermetisch, dann ärgerlich, am Ende unglaubwürdig. Er hat seine Qualitäten, die liegen aber eher im Setting begründet, in einigen Schauspielleistungen, nicht darin, wie das Thema aufbereitet wurde oder die Handlung geführt ist.

Wieder die üblichen Logikschwächen? Darauf reiten wir gerne herum und werten immer ab, wenn die Handlung zu krude gegen reale Fakten oder dort, wo sie einsetzbar sind, gegen objektive Logikmaßstäbe gebeugt wird, aber das war es hier nicht. Anfangs standen wir im dunklen Tann wie der Eisner, wie die örtliche Polizei, und fühlten uns wie in einer wirklich fremden Welt, jede Szene trieb ein Fragezeichen mehr auf die Stirn oder ins Hirn. Wir fanden alles erst einmal übertrieben auf kryptisch gemacht, zumal am Ende die Auflösung eher einfacher Natur ist. Aber die klaustrophobische Atmosphäre in dieser Gasthof-Asylbewerberunterkunft, die ist gelungen, sogar der dunkle Wald passt, so fern von Afrika. Was aber nicht passt, sind die Mordmotive bzw. das Mordmotiv.

Was fehlt dem Mordmotiv oder den Mordmotiven? Dass einzelne Menschen aus Afrika bis nach Österreich mit einem Riesenaufwand verfolgt werden, um mitten in den Alpen noch ethnische Konflikte auszutragen, ist wohl ein Märchen. Dass solche Konflikte zwischen verschiedenen Geflüchteten unterschiedlicher Ethnien und verschiedener Religionszugehörigkeit ausbrechen, ist schon eher realistisch. Als der Film gedreht wurde, flohen Millionen zwischen den nordostafrikanischen Staaten hin und her, wo sollen Häscher wie die hier gezeigten den Überblick herbekommen, wer weicht wohin aus, und wo soll die Logistik herkommen, bis nach Europa durchzugreifen?

Falls das geschieht, müssen die Verfolgten schon hochrangig sein, und dann wären sie doch anders geschützt. Wäre es üblich, dass Asylbewerber so weit verfolgt werden, dann könnte man sie nicht in frei zugänglichen Unterkünften wohnen lassen, auch nicht in umgewidmeten Bergbauernhöfen. Diese Art, mit der Unterbringung von Asylbewerber*innen Geld zu verdienen, gibt es allerdings wirklich, unter anderem in der Form, dass der Staat  Unterkünfte anmietet, weil nicht genug pasende Bauten zur Verfügung standen. Die Vermieter – wieder einmal – haben oft ein Schindluder mit der Raumnot getrieben und die Zustände in diesen Unterkünften waren nicht selten erbärmlich. In Deutschland jedenfalls. Viel schlechter jedenfalls, als hier gezeigt

Voodoo-Zauber mit Geflüchteten zu treiben, halten wir deshalb für spekulativ. Der Arbeitstitel des Tatorts war übrigens „Schwarz wie die Nacht“. Man stelle sich vor, der Film wäre mit dem Titel rausgekommen. Aber das lässt tiefer blicken, als man so auf Anhieb denkt, auch wenn es doppeldeutig gemeint ist, wie man zu den – damals aus Darfur – geflüchteten Afrikanern steht. Deshalb muss es übrigens auch wieder so einen Klischee-Deutschen geben, weil dieser Tatort doch recht spekulativ ist. Und etwas unseriös, ohne das Gewand der Ernsthaftigkeit ablegen zu wollen: Siehe Eisners Miene, die mal mitfühlend und mal angewidert ist, aber nie den ironischen Ausdruck zeigt, der die neueren Eisner-Folgen auszeichnet. Auch in dieses Schema passt, dass die Tochter vom Moritz hier mitermittelt, als wäre das selbstverständlich. Und dann muss noch ein Tschetschene rein, der natürlich die Mentalität eines geborenen Auftragskillers hat.

Stört das Deutschen-Klischee wirklich? Eigentlich war’s zum Schmunzeln, weil wir das auch aus den älteren Eisner-Filmen kennen. Offenbar gehört das zu den Elementen, die Drehbuchscheiber nicht vergessen durften, standen damals im ORF-Lastenheft. Nichts dagegen, solange es auf der Schmäh-Schiene läuft. Es hat uns im Zusammenhang mit einem so ernsten Thema geärgert, weil es entlarvt, dass der Film im Grunde ziemich basic ist und es nötig hat, alle möglichen Stereotypen auszuwalzen, um substanzielle Mängel nicht zu deutlich werden zu lassen. Ein weiteres ist zum Beispiel die Sache mit der Afrikanerin oder den Afrikanerinnen und dem Pfurtscheller.

Diese Vorliebe für Afrikanerinnen? Genau. Das ist deshalb so perfide, weil sich wohl kaum ein Mann in gegebener Situation so ganz und überhaupt nicht zu den hübschen Asylbewerberinnen hingezogen fühlen würde, wenn die eigene Frau ein sehr einfach gestricktes, sagen wir, sehr rundliches Wesen ist, unabhängig von der Schwangerschaft. Das würde aber in der Wirklichkeit nicht nur dann gelten, wenn eine attraktive Frau im Spiel wäre, weil sie dunkelhäutig ist. „Ich steh halt auf Schwarz“ und das noch doppeldeutig, wegen der Schwarzarbeit, das ist dann kein Schmäh, sondern aus der untersten Schublade. Immerhin, mit dem Film ist Florence Kasumba für den Tatort entdeckt worden. Zuletzt hat sie in „Borowski und das Meer“ mitgespielt, zuvor schon in anderen Tatorten der Nordschiene. Wenn man wirklich etwas fürs Thema Integration und adäquaten Umgang mit Ethnien tun will, sollte man ihr endlich eine tragende Rolle geben.

Wir meinen sogar, die Zeit könnte reif sein für eine afrikanischstämmige Polizistin. Ermittlerinnen mit Mitgrationshintergrund gibt es mittlerweile – interessanterweise haben den mehr die Schauspielerinnen als  deren Figuren (z. B. Sibel Kekilli in Kiel als Sarah Brandt in Kiel). Anders als bei den Männern, wo das große Experiment in Hamburg mit Batu aber gestoppt wurde. Solche Figuren zu entwickeln, das ist bzw. wäre aber der richtige Umgang mit der Immigration und Integration, wenn man sich schon mit den Dingen, die in Afrika passieren, nicht so kenntnisreich stellt. Vielleicht könnten die Wiener ja da auch mal vorangehen, das wäre doch ein Zeichen.

Nachtrag zur Wiederveröffentlichung 2020: Die Überarbeitungen von Rezensionen bei Wiederveröffentlichung fallen in der Regel maßvoll aus, so auch hier – ansonsten müssten wir die Filme noch einmal anschauen, und gerade beim Thema Flucht aus Afrika würde unsere politische Reaktivierung und Weiterbildung heute sicher dazu führen, dass die Kritik weitere Aspekte enthielte und eine etwas andere Schwerpunktsetzung gegeben wäre. Dass Florence Kasumba mittlerweile beim NDR (in Göttingen!) an der Seite von Maria Furtwängler als Duo Lindholm & Schmitz ermittelt, freut uns jedoch sehr. Wir hoffen, dass sie diese Rolle für längere Zeit spielen wird und ausbauen kann.

Was zeichnet „Tod aus Afrika“ filmisch aus? Die erwähnte Atmosphäre ist gelungen, bildtechnisch ist alles super. Neben der zu spekulativen Handlung ist läuft aber auch die Dramaturgie unrund. Uns ist schon klar, warum man den Tatort so langsam und bruchstückhaft anfangen lässt. Man ist beinahe im Eisner drin, wie er sich langsam reintastet und man weiß nur das, was er auch sieht, weil der Krimi anfangs sehr aus seiner Sicht gefilmt ist. Dieses Gefühl des Stocherns in eng beraumter Dunkelheit rüberzubringen, ist sehr gut gelungen.

Aber es dauert zu lange, bis die Wende zur Wahrheit sich abzeichnet. Inzwischen hat man eh längst den Dolmetscher im Verdacht, der sich als Handlanger der Schergen aus Afrika erweist. Die Spannung steigt aber erst zum Ende an, ziemlich abrupt und wieder etwas reißerisch. Die filmische Axt im Wald, mit deren physischem Pendant ja auch gemordet wird. Untermalt von einer Musik, die zwar das Afrika-Feeling stärken soll, aber manchmal übermotiviert wirkt. Die ORF-Tatorte lebten ja später, als Bibi Fellner eingeführt wurde, von diesen reißerischen Momenten, aber da ist dann auch eine Ironie und ein Augenzwinkern drin, das macht den Unterschied aus zu „Tod aus Afrika“, dem 15. von mittlerweile 46 Eisner-Tatorten (Juli 2020).

Wie lautet das Fazit? Während des Schreibens hat sich nicht viel verändert an der Ausgangsstimmung. „Tod aus Afrika“ ist tückisch, weil er uns damit kommt, dass er ein wichtiges Thema präsentiert, sich aber einerseits verzettelt, zweitens nicht auf die wirklichen Probleme der Asylbewerber eingeht, drittens auf Klischees herumreitet, anstatt die wichtigen Figuren richtig zu entwickeln. Trotz der ungewöhnlichen Kombination von Alpenwald und Flucht aus Afrika und der filmischen Qualitäten wirkt dieser Tatort irgendwie billig. Eisner bzw. Krassnitzer schätzen wir ja grundsätzlich und er macht‘s auch hier wieder, bis auf seine Schockstarre bei gebotenem Waffeneinsatz gut – das verhindert eine Wertung von 5 oder schlechter.

6/10

© 2020, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Moritz Eisner – Harald Krassnitzer
Claudia Eisner – Sarah Tkotsch
Franz Pfurtscheller – Alexander Mitterer
Frieda Jordan – Ruht Drexel
Ingrid – Carmen Gratl
Omar – Aloysius Itoka
Farah – Nicholas Monu
Ishraga – Sheri Hagen
Klaus – Andreas Patton
Tambour – Franky Attakpah
Fathima – Florence Kasumba
Jaragi – Albert Kitzl

Drehbuch – Felix Mitterer
Regie – Andreas Prochaska
Kamera – David Slama

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