Schwarzes Herz – Tatort 621 #Crimetime 712 #Tatort #LKA #Hannover #Lindholm #NDR #Herz #schwarz

Titelfoto © NDR, Marion von der Mehden

Out of the Past?

Vorwort 2020

„Schwarzes Herz“ wird in den nächsten Tagen erstmals wiederholt, seit der „neue“ Wahlberliner existiert – das bringt es zwangsläufig mit sich, dass der Wahlberliner auch die Rezension dazu wiederveröffentlicht, die 2013 verfasst und 2014 leicht korrigiert wurde. Dem Text wurde erneut überarbeitet. Ich haben damals eine Abrechnung zu einem Tatort und einer Ermittlerfigur geschrieben wie nie zuvor und seitdem nie wieder.

Dadurch, dass der „neue“ Wahlberliner viel politischer ist als das Vorgängerblog von 2011 bis 2016, dadurch, dass wir bereits 711 Rezensionen veröffentlicht haben (seinerzeit trug die Kritik zu „Schwarzes Herz“ die Zusatzbezeichnung „TatortAnthologie Nr. 236“), dadurch, dass ich insgesamt auf neun Jahre Erfahrung mit dem Betrieb von Blogs zurückblicken kann (damals waren es zwei), ergibt sich ein erweiterter Horizont. Meine persönliche Meinung kommt dadurch stärker zum Ausdruck, dass ich die Artikel in der Rubrik „Crimtime“ vom „wir“ aufs „ich“ umgestellt habe, die Perspektive habe ich ausnahmsweise auch bei der Überarbeitung dieser älteren Rezension geändert.

Denn: Es hat sich durch die Betrachtung aus heutiger Sicht nicht viel geändert. Nicht umsonst sind die einzigen beiden Tatorte der bisherigen Saison 2020, die noch nicht rezensiert sind, zwei Lindholm-Filme. Ich bin es auch leid, immer wieder diese Figur negativ bewerten zu müssen. Auch der Einsatz von Florence Kasumba als Anaïs Schmitz konnte das bisher nicht ausgleichen. In einem Kommentar zur Ausgangsrezension wurde mir von einem Fan von Maria Furtwängler vorgeworfen, ich hätte die Figur negativ bewertet und meine in Wirklichkeit deren Darstellerin. Hätte ich damals gewusst, dass Furtwängler mit die höchsten Gagen aller Darsteller*innen in Tatorten erhält, obowhl sie nicht einmal gelernte Schauspielerin ist, hätte ich in der Tat ihren persönlchen Hintergrund stärker einbezogen, denn er passt leider allzu gut ins leider klassistische Bild, das in diesem Fall auch der produzierende Sender NDR zeigt.

Der Ausgangstext ist in der  -> Rezension zusammengefasst.

Handlung 

Im Landkreis Stade wird der leere VW-Bus von Bauer Schatz an einem Waldweg gefunden, über und über blutverschmiert. Schatz‘ Frau, Simone, ist verschwunden. Schatz wird unter dem dringenden Verdacht, seine Ehefrau in der letzten Nacht erschossen zu haben, festgenommen.

Charlotte Lindholm ist angeschlagen. Noch steht sie unter dem Eindruck des Todes ihres Freundes Tobias. Tabletten helfen ihr, ihr Inneres zu betäuben und sich äußerlich im Griff zu behalten. Obwohl Schatz seine Unschuld beteuert und behauptet, die ganze Nacht volltrunken geschlafen zu haben, sieht der Fall nach einem gewöhnlichen Ehegattenmord aus. Ein Jagdgewehr ist aus seinem Waffenschrank verschwunden und er selbst hat überall erzählt, seine Frau hätte mit Scheidung gedroht.

Als man jedoch die Leiche von Simone Schatz aus einem Weiher zieht und in ihrem Mund eine kloßartige Substanz entdeckt, die der Täter hineingetan haben muss, beginnt Charlotte zu ahnen, dass in den bisherigen Ermittlungen etwas übersehen wurde.

In der selben Nacht wird Eva Rohde, die Charlotte kurz zuvor als Zeugin angehört hatte, nach dem selben Muster ermordet. Ein Serienmord? Sind weitere Opfer zu befürchten? Evas Schwager, den Charlotte als harmlosen Sonderling kennen gelernt und als Täter ausgeschlossen hat, gerät erneut unter Verdacht. Unter dem Vorwurf, in die falsche Richtung gearbeitet zu haben, wird Charlotte die Leitung der Ermittlung entzogen. Als sich dann aber ein dritter Mann, der Tierarzt Dr. Kehl, als vermeintlicher Täter verdächtig macht, beurlaubt man sie. Man wirft ihr vor, den Täter nicht erkannt zu haben, obwohl sie ihm bereits gegenüberstand. Zudem wird ihr Tablettenkonsum verraten.

Als man den Verdächtigen Kehl tot im Wald entdeckt, wo er offenbar Selbstmord verübte, scheint der Fall endgültig geklärt. Doch Zufall und Beharrlichkeit bringen Charlotte nochmals ungeahnt ins Spiel. Charlotte Lindholm muss erkennen, welch zerstörerische Energien in unerfüllten Liebes- und Lebensträumen liegen. Erst in letzter Minute gelingt es ihr, ein fast „perfektes Verbrechen“ aufzuklären.

Rezension

Ich verstehe gut, warum man es nicht allen Menschen recht machen kann.  Zum Beispiel die Entwicklung von Serienfiguren und damit auch die Gestaltung von Drehbüchern betreffend. Aber dieses Mal muss ich grundsätzlich werden und habe deshalb eine Überlänge-Rezension geschrieben.

Ein hervorragendes Beispiel für das Dilemma beim Konstruieren von fiktionalen Charakteren ist Charlotte Lindholm, die LKA-Ermittlerin in Hannover, wie sie sich im Tatort 621 „Schwarzes Herz“ selbst illustriert. Ich habe keine Mühe zuzugeben, dass ich sie bisher schon mehr und mehr nervig fand. Doch dieses Mal toppt sie sich selbst.

Die vorausgehende Lindholm-Folge 611 „Atemnot“ muss ein sogenannter Schlüsseltatort gewesen sein, der erklärt, warum der Ermittlercharakter Lindholm zehn Tatorte später so übermäßig schräg drauf ist. „Atemnot“ habe ich aber leider noch nicht gesehen – und damit auch nicht das Ende von Charlottes Liebe zum Journalisten Thomas Endres (Hannes Jaenicke). Dieser kommt in „Atemnot“ offenbar gewaltsam zu Tode. Nachdem dieser Umstand in der Folge 621 vage erwähnt wird, war ich ohnehin freundlich gestimmt und bereit, das mitzutragen, was ein Schicksalsschlag an psychischen Belastungen mit sich bringen kann, selbst bei Charlotte Lindholm.

Die Lindholm-Figur wurde zuvor bereits auf eine gewöhnungsbedürftige Art überzeichnet und ist es bis heute. Inzwischen hat sie, man soll’s nicht glauben, wieder einen Journalisten kennengelernt. Wenn das mal gut geht. Vielleicht tut es das aber, Hannes Jaenicke war wohl zu vielbeschäftigt, um einen Dauergast in den Hannover-Tatorten abgeben zu können oder zu wollen, schrieb ich 2013. Inzwischen wissen wir als Zuschauer wieder mehr.

Bei der Betrachtung der Lindholm-Tatorte fällt noch etwas anderes auf. Es ist konzeptbedingt, dass Charlotte Lindholm von Hannover aufs Land fährt und dort nach dem Rechten schaut. Das muss sie, weil die Ermittler vor Ort nichts auf die Reihe kriegen. Sollten sie eigentlich, denn die Dorfbewohner, die für auszuermittelnde Tötungsdelikte verantwortlich sind, kann man ebenfalls nicht als die hellsten Kerzen auf der Torte ansehen, deren Agieren in Richtung perfekter Mord tendieren könnte. Man gestaltet das so: Charlotte Lindholms Alleinstellungsmerkmal ist, dass sie von der Stadt immer rausfährt und dort in „Milieus“ eintaucht.

Leider sind diese oft sehr ähnlich gezeichnet, auch wenn in z. B. in „Märchenwald“ (Rezension hier noch nicht veröffentlicht) Auswärtige hinzukamen und die Handlung mit dunklen Geheimnissen angereichert haben.

Dorftatorte haben den Vorzug, dass man sie mit skurrilen Charakteren bevölkern kann. Das habe ich erstmals zu einem Fall aus Hamburg geschrieben, der die Ermittler Stoever und Brockmöller ebenfalls aufs platte Land geführt hat. Für Lindholm muss das auch gelten – prinzipiell wenigstens. Es gibt aber einen wichtigen Unterschied, der nach über 800 gesichteten Tatorten und Polizeirufen im Jahr 2020 weiterhin gilt:

Während andere Ermittler ab und zu die Stadt verlassen und dort auf Umstände und Typen treffen, die für skurrilen Humor oder / und finsteres Drama sorgen, während es u. a. beim WDR in den 1990ern eine Polizeiruf-Schiene gab, bei der die Dorfpolizei selbst im Mittelpunkt stand, ohne dabei herausgehoben oder diskriminiert zu werden, ist Lindholm fast immer von oben (Stadt) nach unten (Land) unterwegs und wirkt dabei jedes Mal grundlos überheblich. Es macht ihr sichtlich Spaß, den Dorfdeppen zu  zeigen, was sie vom Dorf als Sozialgemeinschaft im Ganzen hält.

Selbst, wenn sie traumatisiert ist, wie in „Schwarzes Herz“, gelingt es ihr gleichzeitig mühelos und mit Hilfe von ein paar Zufällen, aufzuklären, was aufzuklären ist. Die Dörfler selbst sind so unbedarft gezeichnet, dass eh klar ist, die werden der geballten Arroganz und dem alles überragenden Sachverstand nebst unschlagbarer Intuition von Charlotte Lindholm nicht lange standhalten. Die Filme müssen deshalb nicht grundsätzlich langweilig sein, aber man kennt den Spin eben schon sehr früh.

Die allermeisten Tatort-Fälle werden aufgeklärt und entpuppen sich als Morde oder sonstige Tötungstatbestände, aber so wie an der Schnur gezogen läuft das Ganze in anderen Städten nicht ab, außerdem war in den letzten Jahren vermehrt eine Tendenz zur realistischen Aufstellung zu beobachten, wenn es um die OK geht: Man fängt ein paar kleine Fische und das Business geht weiter, sogar in Bremen, wo ebenfalls eine sehr dezidierte Kommissarin am Werk war, konnte man das beobachten. Derlei könnte Lindholm nicht passieren, sie würde das gesamte Netzwerk ausheben, wenn es denn eines gäbe – und das liegt daran, wie man wiederum diesen Charakter inszeniert. Mit der Einschränkung, dass in jüngeren Tatorten etwas wie eine ebenfalls wieder beachtliche Singularität offenbarende Selbstdemontage gewagt wurde.

Bei mir hatten die Rezensionen zu Lindholm-Tatorten im Jahr 2013 zum Nachdenken über das Menschenbild der Macher dieser NDR-Tatortschiene geführt, denn die Lindholm-Folgen weisen bei näherer Betrachtung faschistische Tendenzen auf. Ich würde das nicht schreiben und es im Jahr 2020 nicht so stehen lassen, wenn ich erst einen oder zwei ihrer Fälle gesehen hätten, aber mittlerweile ergibt sich ein signifikantes Bild.

Die Analyse der achten Tatort-Episode mit Charlott Lindholm als LKA-Ermittlerin, die den lokalen Behörden zu Hilfe kommt, untermauert die obenstehende These.

Trennt man die Lindholm-Figur von modern wirkenden Attributen, die ihr Grundkonzeption verschleiern, kommt man auf einen ganz einfachen Nenner. Lässt man  außer Acht, dass es sich um eine Frau handelt, zudem um eine alleinstehende Mutter, und dass sie auf Behauptungsebene gegen die Diskriminierung von Frauen, gegen Chauvinismus usw. kämpft, da draußen in der Beinahe-Einöde, dann fördert man etwas zutage, was alles andere als modern und demokratisch ist.

Lindholm ist eine blonde Herrenmenschin, die mit beinahe unvorstellbarer fachlicher und persönlich-moralischer Überlegenheit mit ihrem silbernen VW Passat durch ein vorsintflutliches, von niederen Wesen bevölkertes Niedersachsen zieht und aufräumt. Mit blöden Dorfpolizisten und mental kaum abweichend strukturierten Mördern. Egal, ob sich die Verdachtsmomente gegen Menschen erhärten oder ob Lindholm komplett daneben liegt, eine Entschuldigung wird man von ihr nicht hören, denn ihr zur Seite stehen das Recht, die Moral und vor allem die überlegene Weltanschauung.

Sie ist nicht involviert auf die Art wie die ebenfalls fordernden und zur deutlichen Positionierung tendierenden Polizistinnen-Figuren Lena Odenthal oder Inga Lürsen. Sie steht nicht mittendrin, sondern weit darüber. Man vergleiche ihre Art auch mit anderen LKA-Ermittlern, die aufs Land fahren, wie etwa Felix Murot aus Wiesbaden, um zu verstehen, warum ich mittlerweile auch etwas ermittelt habe – nämlich, was diese Lindholm-Figur so unangenehm macht. Das ist ihre unglaublich prätentiöse Art. Es ist weder modern, so mit anderen Menschen umzugehen, noch bloß deshalb angemessen, weil es eine Frau sich so verhält. Das erinnert, wenn überhaupt, an frühe männliche Tatort-Ermittlerfiguren mit Überlegenheitsgestus, die noch erkennbar einem vordemokratischen Menschenbild entsprungen sind. Interessanterweise sind sie, wie etwa Paul Trimmel, gerne beim NDR angesiedelt.

Zurück ins Jahr 2006, als „Schwarzes Herz“ Premiere feierte. Da kommt es wirklich vor, dass Charlotte Fehler macht und das sogar zugibt. Aber nicht in Form einer Entschuldigung, siehe oben. Es klingt, als habe eine gottähnliche Figur durchblicken lassen, dass sie nicht unfehlbar ist. Auch der Papst ist dies ja nicht wirklich, was auch jeder weiß, trotzdem hat er eine herausgehobene Stellung. Ein nicht allzu narzisstischer „Alltagsmensch“, jetzt „Alltagsheld*in“, weiß jedoch, dass er / sie Fehler macht und stellt das nicht auf eine Art fest, die wirkt, als könne er oder sie es selbst kaum glauben. Man kann so sein mit 20, auch noch mit 30. Man muss erst etwas über seine Fehlbarkeit lernen. Aber als erfahrene Ermittlerin im Alter von etwa 40 Jahren? Als jemand, der psychologisch geschult sein müsste?

Im Grunde ist das, was der NDR mit der Figur Lindholm am Zuschauer exerziert, genial. Man erfasst es nicht sofort, dass der Sender alle, die diese Figur schick finden, auf eine im Grunde gar nicht subtile Art überführt wie die Mörder in einem von jenen gruseligen Dörfern mit 1980er-Jahre-Hauseinrichtungen. Er überführt die dafür geeigneten Zuschauer*innen anhand der Akzeptanz einer an übermenschlich wirkenden Erlöserfiguren orientierten Mentalität. Kein zweiter aktiver Ermittler / keine andere Ermittlerin, serienübergreifend, kommt nur in die Nähe einer derartigen Charakerisierung, wie man sie bei Charlotte Lindholm offenbar für angezeigt hält.

Anfangs finde ich manche Szenen und subjektiven Kamera-Einstellungen auch fantastisch, in denen die LKA-Beamtin so überhöht gezeigt wird. Mittlerweile bin ich hinter die Manipulation gestiegen. Es ist auch etwas anderes, ob eine Figur nur in einem Film zu sehen ist, oder regelmäßig. Wiederholte Beobachtung führt zum Erkennen von Mustern.

Und das Muster ist, dass es ein exorbitantes Ungleichgewicht zwischen Lindholm und ihren Gegnern gibt, was die Intelligenz und vorgebliche gesellschaftliche Modernität angeht. Im Prinzip werden Lindholms Widersacher auf rassistische Weise zu kleinen, miesen Wichten, zu minderwertigen Menschen degradiert, nicht einer positiven Emotion, nicht eines Momentes des Sich-Einlassen und verstehen Wollens wert. Vielmehr sind diese Typen generalverdächtig, weil sie in Dörfern wohnen. Lindholm kommt nicht in ein solches Dorf, um sich in die Strukturen einzufühlen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, sondern, um nicht nur zu ermitteln, sondern auch zu richten. Mehr, sie lässt ihren Vorurteilen freien Lauf. Besonders trick auf den ersten Blick: Wenn am Ende tragische Umstände-Verkettungen zu Todesfällen führt. Das wirkt, als sei eben doch alles menschlich.

Stimmt aber nicht. Der Eindruck, den man aus der subjektiven Perspektive Lindholms von Dorfbewohnern bekommt, bleibt negativ. Sehr negativ. Wenn sie besonders überzieht und man das mit ihren persönlichen Problemen rechtfertigt, wie in „Schwarzes Herz“, ist das sogar besonders grob.

Als man sich endlich für ihr Verhalten nicht mehr fremdschämt, läuft es nämlich genau in die andere Richtung: Was muss diese arme stolze Frau an so einem finsteren und archaischen Ort noch alles aushalten, da kann man doch mal die Contenance verlieren, oder? Man ist richtig sauer, dass ihr Vorgesetzter sie – sachlich gesehen vollkommen zu Recht – suspendiert. Klar macht sie weiter, eine Heilsfigur lässt sich nicht durch Rechtsformalien aufhalten. Sie wird sogar gefangen und kommt auf wundersame Weise wieder frei – ohne dass man uns, die  Zuschauer, für wert befindet, uns zu zeigen, wie das nun wieder möglich war. Ist Lindholm! Da stellt man keine dummen Fragen an die Plausibilität dessen, was sie tut oder was mit ihr geschieht.

Selten hat ein Tatort die erläuterte Tendenz aber so deutlich gezeigt wie „Schwarzes Herz“. In der Tat, die Macher verfügen über ein ebensolches. Nebelkerzen wie eine sorgende Kleinkindmutter, ein immer diensteifriger Martin Felser. Der ja auch an Lindholm hängt wie eine Klette, ohne dass er daraus jemals einen emotionales Ausgleich wird gewinnen können. Der Mann ist ein Fan, ein Jünger oder Gläubiger, kein Partner mit berechtigten Erwartungen, dass seine Person auch einmal gewürdigt wird. Okay, Felser hat man dann rausgeschrieben.

Die Struktur der Lindholm-Figur und der Handlungen ihrer Tatort-Fälle wird umso offensichtlicher, wenn die Inszenierung etwas unbeholfen wirkt, wie in „Schwarzes Herz“. In „Märchenwald“ gab es noch einige Figuren, die recht gut gezeichnet waren und dadurch von den erwähnten Grundtatbeständen ablenken konnten. Dankenswerterweise, muss man beinahe sagen, wurde die Entwicklung solcher Charaktere in „Schwarzes Herz“ verabsäumt, sodass die Schwarzweiß-Malerei offenliegt wie auf dem Seziertisch.

Dabei wird mit allen erdenklichen Mitteln gearbeitet. Es ist kein Zufall, dass Lindholm immer ein frisch gewaschenes, neues Auto fährt und der Dorfpolizist zwar eins vom selben Hersteller und sogar denselben Typ, aber einige Generationen älter und in einem üblen Pflegezustand. Das ist nicht einfach unrealistisch, das ist eine gezielte Manipulation, welche die überragende Stellung von Lindholm verdeutlichen soll und an unserer spießigsten, banalsten, für einen Stadtberliner wie uns aber auch beinahe auf ironische Art lächerlichen Instinkte appelliert: Sauberes, neues Auto = sauberer Charakter und umgekehrt. Auch das Fahrzeug, das bei der ersten Tat verwendet wird, ist ein zur Zeit des Drehs schon ziemlich betagter und schmuddeliger VW T3. In bezug auf diese Sache muss ich 2020 eine Ergänzung schreiben: Mittlerweile fahren Ermittler generell nur noch Autos, die ausschauen wie gerade ausgeliefert. Die Hersteller, welche die Fahrzeuge zur Verfügung stellen, geben das aus werbetechnischen Gründen offenbar so vor. Allerdings fahren weiterhin viele dieser Autos in dunkler Farbe.

Es wäre aber nicht so gekonnt – auch das hat man genau beachtet – Lindholm in ein Luxusfahrzeug zu setzen, wie Stoever und Brockmöller in Hamburg es in ihren späten Folgen zur Verfügung hatten (einen BMW der 7er-Reihe). Das war etwas, das man der Aura von Stars schuldet, die im Auto sogar Keyboard spielen können. Echte Saubermänner und -frauen, Lichtfiguren, sind bescheidener. Sie sind ganz straight, ganz hell, sie fahren auch kein dunkelblaues, graues Auto, kein ironisch braunes wie Borowski in Kiel in seinen Anfangsjahren, kein leicht aggressiv wirkendes rotes wie die frühere Frankfurt-Ermittlerin Conny May – nein, es ist silberblau oder silber. Dazu die blonde Haarfarbe und das kantig-nordische Gesicht von Lindholm und nicht zu vergessen der Name, der dänische, mithin nordisch-arische Vorfahren suggeriert.

Es darf von jedem Typ Ermittler*innen geben, keine Frage, aber hier wird Äußeres und Innerliches zu einer Fiktion von Herrenmenschentum zusammengefügt. Stellen wir uns vor, Hitler hätte Tatorte geschaut. An welcher Schiene hätte er wohl die meiste Freude gehabt? Ein Frauenfeind war er bekanntlich nicht und von wegen Traditionsbild von Frau am heimischen Herd. Im NS-System wurde der Frau eine durchaus aktivere Rolle zugewiesen. Keine drahtiges BDM-Mädel hätte mehr Werbung fürs ehemals neue Deutschland, Marke 1933 ff. machen können als die Frau Lindholm, die auch Arno Breker nicht besser hätte modellieren können.

Finale

Selbstverständlich forscht man auch bei sich selbst nach: Triggert die Frau Linholm etwas, das doch im persönlichen Bereich angesiedelt ist? Das Gerechtigkeitsgefühl vielleicht und im Vergleich zu 2013 eine weiterentwickelte Fähigkeit zur Kommunikationsanalyse? Aufgrund des häufigen Umgangs mit Angehörigen von Sozialberufen und der erhöhten Wachsamkeit gegenüber gewalttätiger und asymmetrischer Sprache kommt mir die Art, wie Lindholm redet, mittlerweile noch übergriffiger vor als 2013 bzw. ich kann die Verbalisierung ihres Exzeptionalismus und den zugehörigen Habitus gezielter analysieren. So gesehen, hat der Ausgangstext von 2013 allerdings Maßstäbe gesetzt und manches intuitiv wiedergegeben, was ich mittlerweile als gesichertes Wissen bezeichnen darf.

Aber Lindholm soll ja auch sehr städtisch und weltgewandter wirken als die Menschen, die sie auf- oder heimsucht. Gerade als Berliner sehe ich aber leider den Unterschied zwischen einem sozial fortschrittlichen und differenzierten Menschenbild und dem, was wir in den Lindholm-Tatorten vorgeführt bekommen. Lindholm ist archaisch. Sie setzt nicht auf Teamwork, sondern auf Beherrschung, führt Leute vor, anstatt sie mitzunehmen oder  einzubinden, stellt sich über sie anstatt auf Augenhöhe, hält aufgrund ihres überlegenen Weltbildes jedes eigene Verhalten nicht nur für gerechtfertigt, sondern für natürlich.

Ich kenne mittlerweile solche Typen auch aus den sozialen Netzwerken, die ihren eigenen Hang zur Diskriminierung und zu autoritärem Gehabe, zur Aggressivität hinter der Propagierung progressiver Ziele verstecken. Ganz richtig, der Kampf geht weiter. Aber ich sehe ihn auch als Kampf der Mehrheit gegen eine Oberklasse an, der Lindholm sich eindeutig zugehörig fühlt, diese Haltung war im weniger politischen „ersten“ Wahlberliner noch nicht so stark ausgesprägt.

Es spielt letztlich aber keine Rolle, welcher Art die hinterlegte Ideologie ist, der Typus Lindholm ist autoritär und drückt ein autokratisches Obrigkeitsverhalten aus, wie es in faschistischen und anderen Polizeistaaten ohne Konsequenzen bleiben kann – nicht aber in einer Demokratie durchgehen sollte.

„Ja, Charlotte wird dieses Mal suspendiert. Na und? Beim nächsten Mal ist alles wie zuvor, sie kann Menschen wieder behandeln, wie es ihr beliebt, Recht beugen und verletzen und sich soziophob verhalten, wie sie es gerade für richtig befindet, ohne dass sie auch nur zur Verantwortung gezogen wird – oder dass man es wenigstens so schön augenzwinkernd vorgeführt bekommt wie bei einigen der männlichen Ermittler, die in letzter Zeit beim Tatort neu anfingen.“ Hier habe ich einen Absatz aus 2013 in Anführungszeichen gesetzt, denn mittlerweile gibt es ja ihre „Dekonstruktion“ und ihre Zwangsversetzung nach Göttingen, damit sie sich dort läutern kann. Vom Ansatz ist das sicher sehr ehrenhaft, aber es wäre falsch, nun Genugtuung zu empfinden und würde wiederum eigene Strukturen offenlegen, die durchaus zu hinterfragen wären. Vielmehr kann man sich auch als gefallene Göttin zielmlich außergewöhnlich fühlen und auf ihr Verhalten der neuen Kollegin gegenüber werde ich besonderes Augenmerk legen. Deswegen lasse ich mir auch Zeit mit dem Anschauen von „National feminin“ und „Krieg im Kopf“, denn bei der ersten Zusammenarbeit Schmitz / Lindholm („Das verschwundene Kind„) hat es noch nicht so richtig geklappt, mit dem Handeln auf Augenhöhe.

Einen weiteren Absatz der vorherigen Version ersetze ich: Die Rechtsbeugung durch Ermittler*innen ist ein so durchgängiges Muster geworden, dass man höchstens noch zwischen den Motiven unterscheiden kann: Macht Lindholm es, weil sie sich über alle stellt und tun die anderen es, weil sie der Gerechtigkeit nachhelfen wollen? Das ist nicht immer so leicht abzuschichten, denn fragwürdig ist dieses Nichtbeachten von Vorschriften auf jeden Fall, zumal die Polizei ohnehin immer mehr ins Gerede kommt, weil sie aus beim Begriff „Rechtsstaat“ vor allem „rechts sein dürfen“ extrahiert.

Wir schätzen den NDR als einen Sender, der die Reihe Tatort in den ersten Jahren zu bis heute kaum wieder erreichten Höhen geführt hat, der Stoever & Brockmöller kreiert, der das interessante Batu-Projekt auf den Weg gebracht hat und damit eher nach eigener Ansicht als nach meiner gescheitert ist, die Kieler Schiene war zwischenzeitlich mit die beste von allen und mit Falke / Grosz bei der Bundespolizei ist ein interessantes Duo zu sehen.

Aber wo sich gruselige Dinge häufen, dazu rechne ich auch die Tschiller-Tatorte, muss man dies schreiben dürfent. Niemand, der schon ein paar Jahre hinter sich gebracht hat, soll ein  reines Herz für sich reklamieren, aber ich habe hinsichtlich einer der schlechtesten Bewertung nach bisher 711 veröffentlichten Rezensionen kein besonders schlechtes Gewissen.

Dass der Plot kein Knüller ist und dass das schwache Ende auch ohne die Lindholm-Überhöhung Abzüge bringen muss, erwähnen ich nebenbei. Dies hat vielleicht einen weiteren Punkt gekostet, aber nicht den Ausschlag für den wertungsmäßigen Aufschrei gegen diesen latenten Tatortfaschismus gegeben, die Auflehnung dagegen kulminiert in der folgenden Punktzahl.

4/10

© 2020, 2014, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Charlotte Lindholm – Maria Furtwängler
Markus Dunker – Tilo Nest
Holger Schatz – Peter Kurth
Benno Rohde – Werner Wölbern
Eva Rohde – Sandra Nedeleff
Martin Felser – Ingo Naujoks
Jan Rohde – Stefan Dietrich
Annemarie Lindholm – Kathrin Ackermann
Dr. Richard Poll – Dieter Okras
sowie – Thorsten Merten, Philip Richert, Brigitte Böttrich,Wilfried Dziallas, Peter Maertens, Heide Grübl, Helene Grass u. v. a.

Buch – Fabian Thaesler
Regie – Thomas Jauch
Kamera – Jan Fehse

Kommentar

Zahnwart

  1. Juli 2013

Ganz große Analyse, die sehr gut zusammenfasst, weswegen ich dieser Ermittlerinnenfigur gegenüber ebenfalls immer ein unbestimmtes Unbehagen fühlte. Danke dafür. (Aber: vier von zehn Punkten für „Tatortfaschismus“? Was bekommt denn der reale Faschismus auf einer Liste der Regierungssysteme? Ebenfalls vier von zehn, weil, „es war ja nicht alles schlecht“?)

24. Juli 2013

Hallo Falk,

schön, mal wieder von dir zu lesen, ich vermisse übrigens deine Rezensionen zum Thema. Vielen Dank fürs Lob – denn die Rezension ist schon eine Grenzüberschreitung, das weiß ich wohl.

Die Frage 4/10 für Faschismus ist wirklich interessant. 0 von 10 hätten das bisherige Schema nicht nur durchbrochen, das ist ja hier schon der Fall, sondern aufgelöst. Und ich habe den Film nicht ausschließlich moralisch / ideologisch betrachtet oder entschlüsselt, ein wenig ist ein Tatort für mich ja auch ein Krimi (ich weiß, du hast es mal geschrieben, dass du diese Filme fast ausschließlich von der soziokulturellen Seite her betrachtest) und so wenig ich diese Inszenierung für Zufall halte, so wenig glaube ich, dass die Macher sich vollkommen dessen bewusst sind, was sie da angerührt haben. Jedenfalls kann ich bei Regie-Routinier Thomas Jauch nicht eine durchgängige Tendenz zu solchen Darstellungen erkennen. Ich hab mich in der Folge deines Kommentars gefragt: Würde ich „Jud Süß“ auch mit 4/10 bewerten weil er vielleicht filmisch nicht so schlecht ist wie andere Filme dieser Epoche? Nein, wohl nicht. Da hätte ich die direkte Propaganda-Absicht und -wirkung im Sinne eines um 1940 aktuellen, verbrecherischen Systems ganz in den Vordergrund gestellt. Abgesehen davon, dass die Tendenz darin viel klarer ersichtlich ist. Ich musste mir einige Lindholms anschauen, um hinter diese Ideologie zu steigen, die sich bei mir über Jahre auch nur in einem zunehmend unangenehmen, aber bis vor Kurzem nicht klar analysierbaren Gefühl geäußert hatte.

Gruß
TH

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