Stirb und werde – Tatort 574 #Crimetime 714 #Tatort #Kiel #Borowski #NDR #Sterben #Werden

Crimetime 714 - Titelfoto © NDR, Marlies Henke

Wie man etwas für junge Polizisten tun kann, die sich framen ließen, weitere Aspekte sozialer Arbeit sowie Anmerkungen zum House of Wax

„Stirb und werde“ ist der dritte von mittlerweile 34 Fällen (Stand Juli 2020), die Axel Milberg als Verkörperung des Kieler Kriminalhauptkommissars Klaus Borowski gelöst hat – „Väter“, den Starter, haben wir gesehen, die Rezension ist im neuen Wahlberliner noch nicht veröffentlicht.

Wir kennen den zweiten Film „Schichtwechsel“ noch nicht, sonst würden wir sicher sagen können, „Stirb und werde“ ist der erste nordisch angehauchte Psychothriller in Deutschlands nördlichster Tatort-Stadt. Wer balsamiert die Menschen ein, die er umbringt? Das kann nur ein verrückter Serienmörder sein. Aber diese scheinbare Wahllosigkeit in der Auswahl der Opfer, da kann man selbst verrückt werden! Das passiert auch beinahe mit Klaus Borowski, der „nicht klagen kann“, wie die Polizeipsychologin Frieda Jung in einem herrlich konstruiert-treffsicheren Dialog mit dem Ermittler feststellt. Dafür rastet er am Ende aus und nimmt dem Tatort damit etwas von seiner stringent düsteren und doch unterschwellig humorvollen Tendenz. Was es sonst zum Film zu schreiben gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung

An einem Flügel in einem Konzertsaal wird die sorgsam drapierte Leiche der 16-jährigen Schülerin und begabten Pianistin Rita Köhler gefunden. Ihr Körper wurde offensichtlich einbalsamiert. Kann es sich um Selbstmord und Beihilfe gehandelt haben? Da wird die ebenfalls präparierte Leiche eines alten Mannes gefunden – Karl Hahnemann, Jahrgang 1923. Was hatten Rita und Hahnemann gemeinsam? Beide hatten ein Talent: Rita in der Musik, Hahnemann war ein begnadeter Schachspieler.

Ein drittes Opfer macht den Ermittlern unweigerlich klar, dass sie es mit einem Serientäter zu tun haben: Als der siebenjährige hochbegabte Björn verschwindet, müssen Borowski, sein Kollege Alim Zainalow und Polizeipsychologin Frieda Jung dringend ein Muster entschlüsseln, um dem Täter auf die Spur zu kommen.

Rezension

In dieser Mischung aus Whodunnit (erste 30 Minuten) und als Howcatchem (restliche ca. 60 Minuten) angelegten Film ist schon alles drin, was Borowski-Krimis noch heute auszeichnet. Klasse Figuren, besonders der Kommissar selbst und seine Entourage, hier noch vor allem der Co-Ermittler Alim Zainalow, Humor, der vorwiegend aus dem Leichenkeller stammt, in dem irrtümlich Biografieschäden vergraben wurden, die aber dann doch nicht totzukriegen sind. Untote Vergangenheit ist etwas Furchtbares.

Das gilt für Borowski mit seiner kleinen Tochter, mit der er nicht in Urlaub fahren kann wegen des ersten Einbalsamierungs-Mordes ebenso wie für den Mörder selbst. In den frühen Filmen ist Borowski deutlich soziopathischer angelegt als heute, außerdem haben sich die Relationen verschoben, angesichts der schrägen Vögel, die in letzter Zeit am Tatort auftreten und uns glauben machen, dass sich bei der Polizei besonders verschrobene Einzelgänger als Panoptikum des persönlichen Scheiterns versammeln.

Da war etwas, das wir meinen, schon einmal gesehen zu haben. Es ist die Atmosphäre von „Stirb und werde“. Eine Ähnlichkeit zu „Borowski und das Mädchen im Moor“ – wenn auch ohne Wolfsmythik  und weniger vernebelt. Wir blickten in die Stabliste und sahen, dass Claudia Garde bei „Stirb und werde“ Regie geführt hat. Und – richtig, ebenso bei „Das Mädchen im Moor“. Da ist eine Handschrift zu erkennen. Es ist auch nicht schlimm, dass man die Regisseure und Drehbuchautoren der Tatorte in der Regel nur dann am Stil erkennen kann, wenn man aus dem Wissen die wenigen typischen Merkmale konstruieren kann und nicht etwa anhand der Merkmale den Täter ermitteln.

Wenn aber ein Kriminalhauptkommissar, der sowieso gerade vom Leben genervt ist, eine ganze Mordserie aufklären muss, dann steht er nicht nur unter Druck im Allgemeinen, sondern unter extremem Zeitdruck, denn nach drei Todesfällen ist bereits ein viertes potenzielles Opfer, ein kleiner Junge, entführt. Wie kommt man an einen Täter heran, von dem sich im Grunde kein Profil erstellen lässt?

Es wirkt ein wenig zufällig, deswegen hat uns „Das Mädchen im Moor“ plottechnisch besser gefallen. Hier kommt Borowskis Intuition, die in solch haarsträubenden Fällen wie den drei einbalsamierten Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts noch  ein wenig überfallartig – als er die Kunstschule ins Visier nimmt, nachdem der Mitarbeitercheck bei der Kassenärztlichen Vereinigung (sehr originelle Idee) nichts gebracht hat.

Das Motiv des Täters wird uns nicht explizit verraten,  es fehlt der klassische Talking Head; wir können es aber erahnen. Es ist das eigene Scheitern, wenn man als Sachbearbeiter endet, wo man doch einst angetreten ist, um das eigene künstlerische Potenzial und das Leben allgemein auszuschöpfen. Die Kunst nebenbei zu betreiben, wie wir das Schreiben, kann bei diesem Scheitern nicht angehen. Und das Leiden drückt auf die Seele und es kommt zu kunstvollen Todesfällen. Warum aber gerade zu diesem Zeitpunkt, so kurz hintereinander? Hat es damit zu tun, dass die eigene Frau schwanger ist? So richtig können wir diesen Aspekt nicht greifen, aber es wäre immerhin möglich. Eine Art tiefenpsychologisch intendierte Kreuzung, auf der verschiedene Vehikel der Angst aufeinander zurasen und auf der es zu einem schweren psychischen Unfall mit nun ausreichendem Antrieb zur Tat oder zu mehreren Taten als Folge kommt.

Das Verstörende ist die Idee, dass es wirklich Menschen geben könnte, die auf diese Weise aus dem Gleichgewicht kommen wie hier der Stefan Gärtner (der Mörder ist wieder der Gärtner!), der andere umbringt, weil er ihnen helfen will. Er will ihnen helfen, ihr sinnlos gewordenes irdisches Dasein zu beenden, diese fortwährende Vergeudung von Talent. Darum geht es nämlich – die Opfer sind Menschen, die ein großes Talent haben, es aus verschiedenen Gründen aber nicht einsetzen, wie die junge Frau Jacobs, die so gut Klavier kann, aber wohl den elterlichen Betrieb übernehmen wird,. Eine unglückliche Wahl in jeder Hinsicht. Oder den alten Schachspieler, der nach dem Zweiten Weltkrieg nie wieder in einem Turnier angetreten ist – vermutlich aufgrund einer einschneidenden Erfahrung in der russischen Gefangenschaft. Dann die nationale Schwimmhoffnung für die Olympischen Spiele in Barcelona. Der Mann hat sich bei einem Motorradunfall eine Ganzkörperlähmung zugezogen und gammelt nur noch vor dem Fernseher dahin. Wie kunstvoll diese Morde inszeniert sind – immer an den Orten, an denen das Talent sich zeigte. Im Konzertsaal, vor einem Schachbrett im Park, in einer Schwimmhalle. Das ist im Grunde Psychotrash, wie bei den meisten Krimis, aber es gefällt. Es gibt ausgezeichnete Effekte und Szenen her, die etwas in uns berühren.

Doch beim  vierten Opfer irrt sich der Gärtner. Denn der an Knochenmarkschwund leidende Junge ist bei sich selbst und hat Ziele, der er trotz seiner Krankheit, mit welcher er nicht sehr alt werden dürfte, erreichen möchte (der Verweis auf Stephen Hawking darf bei diesem insbesondere naturwissenschaftlich hochbegabten Kind nicht fehlen). Er sperrt den Jungen in einen Container und im Kieler Hafen dieser darbt darin. Vermutlich möchte Gärtner die Sache revidieren, aber er kommt nicht mehr an den Container heran, weil dieser mittlerweile von anderen Behältnissen zugeparkt wurde. In dem Zusammenhang ist es ein eher mäßiger Twist, dass Borowski tut, als habe man den Jungen finden und befreien können, um den Entführer zum Verwahrungsort des Jungen zu lotsen. Aber bekanntlich kehren Täter ja immer zum Tatort zurück, insofern funktioniert auch dieses Vabanque-Spiel. Dass Borowski ausrastet, als Gärtner sich über dessen familiäre Geständnisse lustig macht, mit denen er diesen Mann eigentlich knacken will und alle feine Psychologie zugunsten einer Geständnis-oder-Hafenbecken-Aktion in selbiges Becken schmeißt, haben wir mit einem Augenzwinkern aufgenommen. Der Ritualmörder ist als Figur nicht sehr realistisch, warum sollte es die Art, wie er zur Strecke gebracht wird, besser haben?

Finale

Frieda Jung (Maren Eggert) und Alim Zainalow (Mehdi Monzadeh) als Psychologin und Assistent, Kriminalrat Schladitz (Thomas Kügel) und die Pflegerin Iris (Sólveig Arnarsdóttir) sind ausgezeichnete Figuren, Kiel hat ein reichhaltiges Panorama zu bieten und nmittendrin den großartigen Borowski, den man immer besser versteht, je länger man ihn bei seinen Ermittlungen beobachtet. Das ist natürlich bei allen Figuren so, aber nicht bei allen entsteht diese Vertrautheit. Dieses Gefühl, da ist etwas in ihm, das ist in uns allen, besonders in jenen von uns, die eigensinnig und, weil das für ihr Gespür wichtig ist. Natürlich ist so ein Beamter auch ein Faktenmensch, aber Borowski ist unter den männlichen Tatort-Ermittlern wohl nach wie vor der mit der besten Intuition.

Dass es neben der spannenden Geschichte von Borowski und Frau Jung, Borowski und seiner Tochter, Borowski und seinem Vorgesetzten und Freund noch eine eigenständige gibt, nämlich die zwischen Zainalow und einer nassforschen Journalistin, ist ziemlich viel für einen Tatort, aber die Inszenierung behält das alles ganz gut im Griff. Da darf es auch mal etwas platt werden – wie bei Zainalows Antwort auf die Frage der zerknirschten Datendiebin, ob sie noch etwas für ihn tun könne.

Wir geben 8/10 für den Borowski mit den neuzeitlichen Mumien.

© 2020, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Klaus Borowski – Axel Milberg
Stefan Gärtner – Matthias Brandt
Alim Zainalow – Mehdi Moinzadeh
Roland Schladitz – Thomas Kügel
Andrea Gärtner – Anna Thalbach
Altenpflegerin Iris – Sólveig Arnarsdóttir
Anke Rudof – Tamara Simunovic
Frieda Jung – Maren Eggert
Anne Jacobs – Barbara Stoll
u.a.

Regie – Claudia Garde
Kamera – Martin Fark
Buch – Orkun Erteneras
Musik – Jörg Lember

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