Die Frau gehört mir (Union Pacific, USA 1939) #Filmfest 183

Filmfest 183 A

2020-08-14 Filmfest AWie das weite Land technisch erschlossen wurde

Der deutsche Titel eines Films, der erstaunlicherweise währender NS-Zeit schon hierzulande in die Kinos kam, klingt wieder einmal bescheuert – oder doch nicht. Denn stellt man sich den Film um einige Szenen gekürzt vor, die sich vor allem mit dem Bau der transkontinentalen Bahnlinie befassen, spielt die Dreiecksgeschichte um Molly Monahan und ihre beiden Jungs eine noch zentralere Rolle als in der vollständigen Fassung, die wir kennen – und die offensichtlich auf im Jahr 1965 fürs Fernsehen hergestellten Synchronisierung fußt.

Handlung (1)

Zwischen den Eisenbahngesellschaften Union Pacific und Central Pacific kommt es zu einem Wettstreit im Streckenbau. Zielort ist die Stadt Ogden in Utah, welche jede der beiden Gesellschaften als Erste erreichen möchte. Bankdirektor Asa Barrows will durch Unterstützung der Central Pacific seinen Reichtum mehren. Er heuert den Abenteurer Sid Campeau an, damit er die Arbeiten der Union Pacific sabotiert.

Drei Jahre später schickt die Union Pacific die erste Lok auf die Schienen, die vom Lokomotivführer Monahan geführt wird. Jeff Butler soll dabei für Ordnung und Sicherheit auf der Strecke sorgen. Probleme machen besonders Spiel- und Trunksucht der Arbeiter, was von Campeau und dessen Partner Dick Allen, der Jeff aus seiner Zeit bei der Armee kennt, in die Wege geleitet wurde. Zudem werden die Arbeiten ständig von Indianerüberfällen unterbrochen. Dick und Jeff sind nicht nur Gegner am Schienenstrang. Beide fühlen sich zu Monahans Tochter Mollie hingezogen, die wiederum Jeff mag.

Campeau versucht, die Arbeiter wegen zu spät gezahlter Löhne aufzuwiegeln. Barrows wird von General Ulysses S. Grant gezwungen, Lohngelder für die Arbeiter der Union Pacific bereitzustellen. Der Bankdirektor heckt den Plan aus, das geliehene Geld durch einen Diebstahl des Geldsacks wiederzubekommen. Campeau beauftragt Dick mit dem Überfall. Tatsächlich gelingt es Dick, den Geldsack aus dem Zug zu stehlen, er wird aber schon bald von Jeff verfolgt. Dick versteckt den Sack in Mollies Postwagen. Als er zurückkehren will, ist er von Jeff eingeholt worden. Nun erscheinen auch Campeau und seine Männer. Mollie akzeptiert die Verlobung mit Dick, um Jeff einen freien Abzug zu verschaffen.

Jeff sucht mit einigen Männern Campeaus Saloon auf. Er kann Campeau ein Geständnis abringen und lässt dann dessen Lokal zerstören. Danach geht Jeff zur Kirche, um Dick noch vor der Hochzeit mit Mollie wegen des Raubes zu verhaften. Jeff kommt allerdings zu spät. Mollie verhilft ihrem neuen Ehemann zur Flucht und wird von der Eisenbahngesellschaft gefeuert. An nächsten Morgen kehrt Dick zu Mollie zurück, um mit ihr wegzugehen. Doch ein Überfall der Indianer verhindert dies. Den Angriff überleben nur Jeff, Mollie und Dick, alle anderen Arbeiter sind tot, der Zug vom Gleis gestürzt. Die drei Überlebenden können per Telegraf in Cheyenne um Hilfe bitten. Die Indianer greifen unterdessen immer weiter an, während die Armee eine Einheit zur Rettung schickt. Bei dem Kampf wird Mollie angeschossen. Jeff lässt bei der Ankunft der Armee Dick entkommen, der Jeff daraufhin von Barrows Plänen unterrichtet. Er verspricht, Mollie in Ogden aufzusuchen.

Um Ogden zu erreichen, müssen die Gleise über Schnee gelegt werden, der unter dem Gewicht nachgibt. Bei einem Unfall wird der Lokomotivführer Monahan getötet. Dennoch kann die Union Pacific das Wettrennen nach Ogden gewinnen. Als der letzte Streckennagel eingeschlagen wird, kommt es zwischen Campeau und Dick zu einem Streit, in dessen Folge Dick getötet wird. Mollie und Jeff finden nun zueinander.

Rezension

Wir haben gerade „Die Zehn Gebote“ von Cecil B. de Mille zum Vergleich angeschaut und werden diesen Film als einen der nächsten rezensieren. De Milles Verdienste um das Kino sind so legendär wie seine Persona, er gehörte zu den Pionieren Hollywoods, war mit für die Durchsetzung des Langspielfilms verantwortlich und blieb immer an der Spitze, was den Aufwand und die Länge von Filmen anging. 1939 war er schon beinahe ein Veteran, 1956, als „Die Zehn Gebote“ herauskamen, als Remake seiner eigenen Stummfilm-Version, eine Art Kino-Saurier, was man dem Film nach unserer Ansicht auch anmerkt.

„Union Pacific“ hingegen wird gerne als „patriotischer Western“ apostrophiert, was er in einer Weise ist, in anderer nicht. Die USA durch das Projekt der Küste-zu-Küste-Verbindung per Zug zu einer führenden Nation zu machen, das war sicher patriotisch, aber es gibt, obwohl der Film kurz vor dem Zweiten Weltkrieg entstand, keine deutlichen Anspielungen auf die damals aktuelle Sitution und keine Gegenüberstellung der US-amerikanischen Freiheit und Demokratie mit anderen Systemen, etwa in Europa.

Alle guten und bösen Figuren tragen englisch / irisch klingende Namen, wobei durchaus erkennbar ist, dass die Iren hier die Guten sein sollen, während der Banker, der versucht, zum eigenen Nutzen die Arbeiten der Union Pacific zu torpedieren, ein WASP zu sein scheint. Dass der Film in einem Jahr, in dem das Exportgeschäft ins Dritte Reich schon sehr eingeschränkt war, nach Deutschland kommen durfte, mag daran liegen, dass der Pioniergeist, der hier zelebriert wird für ungefährlich gehalten wurde – und dass man sich die Bankerseite auch als jüdisch vorstellen konnte, wenn man wollte. Das ist Spekulation, aber es würde ins Bild passen.

Dieser großangelegte Western zählt zu den zahlreichen spektakulären Produktionen des Jahres 1939, das für viele Filmhistoriker den Höhepunkt des klassischen Hollywoodzeitalters darstellt (u. a. mit Filmen wie „Vom Winde verweht“ und „Der Zauberer von Oz“). Nominiert war er nur für einen einzigen Oscar, nämlich den für die besten Spezialeffekte,  verlor aber gegen einen hierzulande nicht sehr bekanntes Tropenmelodram namens „The Rains Came“. Allerdings wurde er im Jahr 2001 nachträglich zum Gewinner der Goldenen Palme von Cannes für das Jahr 1939 erkoren.

Unsere Vorfreude auf den Film war groß, wie jedes Mal, wenn ARTE derzeit einen Filmschatz der Vergangenheit in meist atemberaubender technischer Qualität auf die Bildschirme bringt, aber im Gegensatz zu einigen Films noirs hat dieses Werk unsere Erwartungen höchstens knapp erfüllt. Dem Film fehlt etwas Prägnantes, das ihn besonders macht. Sicher waren die Amerikaner, durch die Weltwirtschaftskrise gebeutelt und drauf und dran, sich für einen Krieg vorzubereiten, in dem es um klar verteilte Rollen von Gut und Böse ging, begeistert davon, wie hier ein Stück Geschichte der Nation aufwendig bebildert wird – und geschönt, selbstverständlich.

So schreibt Dennis Schwartz in seiner Kritik: “Of course, history tells us that the UP, treated so nobly here, was anything but progressive, but was part of a corrupt deal between greedy investors and Congress to pay for the private railroad with the public’s money. If you ignore that truth and look upon the reactionary DeMille’s film as just an enjoyable spectacle, then you will probably be pleased with it.”

(“Natürlich sagt uns die Geschichte, dass die UP (Union Pacific), die hier als so edel dargestellt wird, alles andere als fortschrittlich war, sondern Teil eines korrupten Deals zwischen geizigen Investoren und dem Kongress, der darin bestand, eine private Eisenbahn mit Geldern der Öffentlichkeit zu finanzieren. Wenn Sie diese Tatsache ignorieren und auf De Milles reaktionären Film als ein unterhaltsames Spektakel blicken, werden Sie vielleicht Ihre Freude an ihm haben.“)

Es gibt in diesem Ansatz aber eine Parallele zu den 1930er Jahren, als Präsident Roosevelt im Zeichen des „New Deal“ große öffentliche Projekte anstieß, um die zahllosen Arbeitsuchenden der Great Depression wieder in Lohn und Brot zu bringen, das Handeln Lincolns und besonders von Ulysses S. Grant wird als ähnlich orientiert dargestellt, obwohl es das möglicherweise gar nicht war. Wir haben Schwartz‘ Zeile vom „reaktionären“ Film übernommen, weil sie für eine Wahrnehmung steht, die wir auch hatten: Der Film ist in jeder Hinsicht sehr konservativ. Das betrifft die Sicht auf die Native Americans, die  Züge zum Entgleisen bringen, ebenso wie die erwähnte Verbrämung der politischen Konstellation, die zum Bau der Bahn führte, es bezieht sich aber auch auf den Film selbst, dessen Stil sehr tradtionell ist.

Von der Musik, dessen Originalscore kaum etwas Besonderes darstellt und von den bekannten Liedern aus dem Repertoire des patriotischen US-Bestandes überlagert wird über die visuelle Gestaltung der einzelnen Szenen bis hin zur Schauspielerführung ist keinerlei innovativer Ansatz spürbar, die Massentauglichkeit des Massenspektakels steht klar an erster Stelle. Die Wikipedia spricht bei DeMilles Filmen davon, dass sie beim Publikum bestens ankamen, weniger bei der Kritik. Das trifft sicher nicht auf alle seine Werke gleichermaßen zu, aber dass der Film im hoch angesiedelten Umfeld anderer 1939er Produktionen keinen Oscar gewinnen konnte, erscheint uns logisch.

Selbst in der gesehenen Vollversion dominiert die Liebesgeschichte nach unserer Ansicht zu sehr über den Bahnbau, und gerade das ist ein Zeichen für die Konventionalität des Films. Nicht nur in Amerika funktioniert der Historienfilm wie der Film überhaupt am besten, wenn man größere Zusammenhänge mit Einzelschicksalen verknüpft, sonst wären es keine Spielfilme, sondern Dokumentationen. Aber hier fehlt diesen persönlichen Entwicklungen das, was uns berühren kann – und stellenweise auch die Logik, und die Schauspieler vermögen es nicht, das einfach so zu überspielen. Vor allem Mollys Verhalten beim Verstecken des Geldsacks ist ziemlich seltsam und erkennbar der Tatsache geschuldet, dass die Dramaturgie einen Hänger hatte. Ansonsten gibt es zwar Figuren mit Licht und Schatten, aber keine, die alle fünf Minuten eine Wandlung durchmachen. Hinzu kommt, dass wir alle Darsteller schon in besseren Rollen gesehen haben, in Filmen, die deren Können mehr zum Scheinen bringen. Einzig Barbara Stanwyck als Molly Monahan hat einen wirklich interessanten, weil ungewöhnlichen Part als Postmeisterin und Tochter eines Lokführers.

Finale

Dramaturgisch ist „Union Pacific“ etwas zu flach geraten, zumindest für uns als Betrachter aus einem anderen Land, die nicht ganz so dicht mit Ereignissen wie dem Bau der Bahnlinie durch die USA stehen wie die Amerikaner selbst. Für uns müsste man etwas steiler gehen und nicht alle positiven und negativen Ereignisse so hintereinander weg filmen, dass sie etwas dem Rattern eines Zuges über Gleisanschlüsse ähneln, also etwas monoton wirken.

Der Aufwand für den Film wurde vielfach gerühmt und sicher war es 1939 ein Highlight, wenn ein Wasserspeicher von Indianern angesägt und gekippt wurde, woraufhin ein Zug entgleist und sich eine beträchtliche Menge an Material jenseits der Strecke zerstreut, auch wurde die Westernstadt Cheyenne für den Film nachgebaut und die Überfahrt über die brennende Brücke ist auch heute noch spannend. Als Ganzes erhält der Film von uns eine überdurchschnittliche Wertung, aber nicht eine, die ihn als Meilenstein ausweisen würde.

68/100

© 2020 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Angaben aus der Wikipedia

Regie Cecil B. DeMille
Drehbuch Walter DeLeon
C. Gardner Sullivan
Jesse Lasky jr.
Jack Cunningham
Produktion Cecil B. DeMille
Musik Sigmund Krumgold
John Leipold
Victor Young
Gérard Carbonara
Leo Shuken
George Antheil
Kamera Victor Milner
Dewey Wrigley
Schnitt Anne Bauchens
Besetzung

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