Kleiner Engel – Polizeiruf 110 Episode 200 #Crimetime 716 #Polizeiruf Polizeiruf110 #Offenbach #Grosche #Reeding #Schlosser #Engel

Crimetime 716 - Titelfoto © HR, Andrea Enderlein

Der Polizeiruf erfreute sich nach seiner Krise 1991-1992 am Ende des Jahrzehnts großer Beliebtheit. Die Sender, auch im Westen, erkannten die Chance, etwas Neues zu wagen und aus aus dem sehr engen Handlungsmuster klassischer Tatorte auszubrechen. Mit einem Experiment mit den Kommissaren Lubig (Walter Renneisen) und Loster (Horst Günther Marx) im Jahr 1997 schaltete sich auch der Hessische Rundfunk ein, ersetzte dieses Duo aber schon im nächsten Polizeiruf durch Grosche, Reeding und Schlosser. Regisseur Michael Knof ließ in diesem Film seine Stieftochter Pauline den kleinen Engel, die 17jährige Tanja, spielen. Break. Es geht weiter mit der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Die 17-jährige Tanja lässt sich spät abends von dem Geschäftsmann Max Kallmann mitnehmen. Nach der Fahrt lädt er sie noch zu einem Glas Sekt ein, hat aber weitaus anzüglichere Absichten. Als sie das bemerkt, schlägt sie ihn nieder und nimmt sich die kleine Engelsstatue als „Entschädigung“ mit, mit der sie eine Scheibe eingeschlagen hat, um aus dem Haus zu kommen. Sie ahnt nicht, dass sie dadurch in große Gefahr gerät, da Kallmann die Figur nach einem angeblichen Einbruch als gestohlen gemeldet hatte, um die Versicherungsgelder zu kassieren. Bei dem Überfall kam ein Wachmann zu Tode, was ihn nun, durch das Auftauchen der Figur in der Öffentlichkeit, verraten könnte. Er bittet seinen Kumpan Bob Scherner um Hilfe, die Figur zurückzuholen.

Tanja will den Engel bei einem Antiquitätenhändler schätzen lassen, der die Figur jedoch sehr schnell erkennt und die Polizei benachrichtigt. Als Kommissar Robert Grosche, der gerade erst seine Dienststelle in Offenbach angetreten hat, eintrifft, ist Tanja allerdings bereits wieder weg. Aufgrund der Vorgeschichte der kleinen Statue, nimmt die Polizei den Fall ernst, zumal der Mordfall seinerzeit nicht aufgeklärt wurde.

Nachdem Tanja ihrem Freund Kai von den Vorkommnissen nach der Disco berichtet, kommt er auf die Idee, Kallmann zu erpressen. Der beauftragt Scherner das geforderte Geld zu überbringen. Kai erscheint mit seinem Freund Ronny am vereinbarten Treffpunkt, der sich sofort mit Scherer anlegt und dabei zu Tode kommt. Als Grosche und seine Kollegen Reeding und Schlosser den Toten untersuchen, finden sie die Telefonnummer von Kallmann in seiner Tasche. Damit bekommt das ganze für die Ermittler eine besondere Brisanz.

Carol Reeding erkundigt sich nach den Freunden von Ronny und findet so die Spur zu Tanja und Kai. Doch auch Scherer ist ihnen dicht auf den Fersen. Er will Tanja an der S-Bahn abfangen, doch sie entwischt ihm. Als er spät abends Kai nachstellt, kommt er gerade dazu, wie der Junge Kallmann zu einem neuen Übergabeort bestellt hat. Die beiden Ganoven geraten in Streit und bemerken nicht, wie die Ermittler eintreffen. Im Schusswechsel sterben Scherer und Kai. Gegen Kallmann kann durch das Auftauchen der Statue, die Tanja der Polizei übergibt, ein Ermittlungsverfahren eingeleitet werden.

Rezension

Pauline Knof spielt heute am Burgtheater, zehn Jahre später wäre ihr Part vielleicht etwas für Janina Stopper gewesen. Heute ist von den reinen Westsendern nur noch der Bayerische Rundfunk dabei, der WDR, der SDR, der HR sind wieder aus der Reihe ausgestiegen. Für den Bayerischen Rundfunk hat sich die Standhaftigkeit aber gelohnt, denn die Fälle mit Tauber, dann mit von Meuffels und vielleicht jetzt mit Eyckhoff zählen überschlägig zu den besten der Reihe. „Kleiner Engel“ ist der erste West-Polizeiruf, der nicht vom BR stammt und nicht vom WDR (eine Sichtung, „Mein letzter Wille“), daher war das Team natürlich auch ganz und gar neu für uns.

Man kann auch sagen, wir haben diese Schauspieler bisher so gut wie gar nicht gesehen, weil wie auch im Tatort eher selten zum Einsatz gekommen sind. Deswegen war die für damalige Verhältnisse offensive Aufstellung mit einem jungen, chaotischen Querkopf, einem alten Grantler mit schwierigem Verhältnis zur Arbeit – und vor allem mit einer jungen dunkelhäutigen Frau geradezu eine Sensation. Wir sind bisher davon ausgegangen, dass erst 20 Jahre später Florence Kasumba, die nun an der Seite von Charlotte Lindholm bzw. Maria Furtwängler in Hannover spielt, es geschafft hat, die erste Ermittlerin mit afrikanischen Wurzeln in einer der beiden Premiumreihen der ARD zu werden. Wir die Idee, dass sie dafür prädestiniert wäre, anhand ihrer Episodenrollen schon Jahre zuvor geäußert. Aber die Vorreiterin war Chantal de Freitas, die in „Kleiner Engel“ erstmals als Kommissarin Carol Reeding auftritt. Die Figur hat hat einen hier stationierten US-Soldaten zum Vater, die Schauspielerin, die leider 2013 bereits verstarb, jamaikanische Wurzeln. Allerdings ist Florence Kasumba in Wirklichkeit sogar die Nummer Drei in der Chronologie, denn Reeding wurde in den letzten drei von sechs Polizeirufen des Teams von Demenesch Zoudé, nicht mehr von Chantal de Freitas dargestellt. Auch dies für uns ein Novum: Dass eine Ermittlerin als Figur erhalten bleibt, jedoch von einer anderen Darstellerin verkörpert wird.

Eines kann man von „Kleiner Engel“ nicht sagen – dass er langweilig oder dröge ist. Die Charaktere, sowohl die der Polizisten als auch die Episodenfiguren, sind wunderbar herausgearbeitet, man kann auch sagen, man findet sie fast alle furchtbar – und das ist doch eine eindeutige Zuschreibung. Unser Favorit war Claude-Oliver Rudolph als eine Art Kopfgeldjäger in Offenbach, sein Pferd ist ein fetter Van von GMC, ähnlich dem, den heute Olga Lenski, die Brandenburg-Kommissarin der Reihe Polizeiruf, als Privatfahrzeug fährt. 

Der Film wirkt modern, darauf, dass er schon in 16:9 gedreht ist, weist im Abspann der Satz hin, dass es sich hierbei um ein EU-Förderprojekt handelt. Ah ja. Die Tatorte hatten zu der  Zeit auch schon das heutige Format, die Kölner Ballauf und Schenk begannen 1997 gleich mit dem Breitbild (angesichts von Freddy Schenks Äußerem sicher keine blöde Idee), aber diesen Hinweis haben wir jetzt erstmalig entdeckt. 

Aber nicht nur die Besetzung des Teams von „Kleiner Engel“ ist für ihre Zeit sehr modern, man geht auch sehr robust mit Rassismus um und nimmt in Kauf, dass Stereotypen und Klischees dabei gefördert werden. Heute kaum noch vorstellbar, wie der deutlich anders intonierte erste Tatort mit Kommissarin Anais Schmidt (Florence Kasumba) in Hannover zeigt. Der allerdings  nicht frei von einigen Ausrutschern ist. Diese liegen aber nicht so sehr auf der verbalen Ebene, sondern im gezeigten Verhalten der neuen Kommissarin. Wie auch immer, „Kleiner Engel“ hat viel Spaß gemacht, weil er – siehe oben – nicht ans Tatort-Schema gebunden ist. So konnte der fiese Kokser Kallmannn (eine Paraderolle für Udo Schenk) also den kleinen Engel im Porsche mitnehmen und der kann aus dem schwülstigen Reich des Unternehmers eigenständig entkommen – mit einer Putte, einem kleinen Engel. Den lässt sie mitgehen, sozusagen als Erinnerung daran, dass sie damit den Kopf von Kallmann traktiert hat und mit dieser Aktion kommt der Fall ins Rollen. Ein alter Versicherungsbetrug kocht hoch. Der Engel muss unbedingt wieder in Kallmanns Besitz und der heuert den krassen Bob an, der ihm damals schon geholfen hat. Damals war Kallmann pleite, aber nun prosperiert sein Internet-Startup; wenn wir’s richtig verstanden haben, beutet Kallmann junge Kreative aus, die Videogames entwickeln. Alles schon fast wie heute. Da Kallmann nun also aus der Krise ist, kommt der Ex-Kumpan auf die Idee, sich vom neuen Reichtum auch einiges zu sichern und macht immer sein eigenes Ding. Leider endet das für ihn tödlich. Wir hätten ja den Kallmann … aber das Leben ist kein Wunschkonzert. Immerhin kann man ihm doch noch alles nachweisen, weil der kleine Engel den kleinen Engel auspackt und ihn damit überführbar macht. Trotzdem ist diese Schießerei kurz vor Ende ziemlich bescheuert, da hat Kallmann leider Recht. Die Situation, die dazu führt, ist aber eine recht ansehnliche Konstruktion, die auf diese Weise wohl nur auf einem Sportplatz mit sehr hohem Gitter drum herum glaubwürdig inszeniert werden kann. 

Finale

Wir haben uns mittleweile an die Recken der alten DDR-Polizeirufe gewöhnt, aber nach der Wende war die Reihe von sehr vielen Wechseln geprägt, während sich am Tatort schon die heutigen Legenden ans Werk machten, ebensolche zu werden. Ob wir solche Karrieren in Polizeirufen jemals erleben werden, hängt davon ab, wie unsere eigene Zeit bemessen ist und ob nicht doch eines Tages diese Krimiformate der Vergangenheit angehören werden. Wir haben den Verdacht, dass es sie noch geben wird, wenn wir längst verblichen sind, denn in diesen unruhigen Zeiten sind sie für Millionen von Zuschauern Fixpunkte der Wochengestaltung, allen Veränderungen der Medienrezeption zum Trotz.

Leider war das Vergnügen mit „Kleiner Engel“ durch Tonprobleme geschmälert, die den sehr ansehnlichen, fülligen Score stark beeinträchtigt haben. Ob das an der Ausstrahlung oder an unserem Media-Receiver lag, wissen wir nicht. Vor einiger Zeit gab es das schon einmal, aber danach liefen wieder viele Filme „normal“. Wie auch immer, die Telekom hat uns jetzt die Pistole auf die Brust gesetzt, bis zum 30.11. müssen wir ein neues Gerät ordern, das alte wird an dem Tag unwiderruflich abgeschaltet. Was machen wir bloß mit den über 50 Filmen, die noch darauf gespeichert sind? Die Polzeirufe und Tatorte darunter, insgesamt ca. 10, werden wir alle retten bzw. vorher rezensieren, das haben wir uns fest vorgenommen. 

Ein Klassiker ist „Kleiner Engel“ vielleicht nicht, aber unterhaltsam und vom Tempo für damalige Verhältnisse durchaus ansehnlich. Wer sich, wie wir, durch die Reihe arbeitet, indem er einfach alles anschaut, was derzeit wiederholt wird, erlebt viele Überraschungen, zu ihnen zählen Teams, von denen man insbesonderer als früherer Nur-Tatort-Zuschauer nie gehört hat. Es sind eben doch zwei Welten, die sich nur dann und wann berühren, das gilt auch für die eingesetzten Ermittler*innen. Freilich nicht für die Episodendarsteller*innen, Vor allem Udo Schenk ist häufig zu sehen und mit seinem durchdringenden Blick, den schmalen Lippen und dem markanten Kinn einer der besten intelligenten Bösewichte im deutschen Fernsehen. In „Stauffenberg“ hat er sechs Jahre nach „Kleiner Engel“ sogar Adolf Hitler dargestellt. Höher kann man bei der Porträtierung von evil Persons nur gelangen, wenn man den Teufel selbst spielt. 

7,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Michael Knof
Drehbuch Rudolf Bergmann
Rolf Silber
Musik Tamás Kahane
Kamera Eckhard Lübke
Schnitt Constanze Wilbrandt
Besetzung

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