Freiwild – Tatort 154 # Crimetime 715 #Tatort #Berlin #Walther #SFB #RBB #frei #Wild #Freiwild

Crimetime 715 - Titelfoto © SFB / RBB

Ein Phänomen unserer Zeit, Dämonen der Vergangenheit

„Freiwild“ – das sind in diesem Tatort die Obdachlosen Berlins. Denn im Milieu der Stadtstreicher häufen sich mysteriöse Todesfälle. Können Tatort-Kommissar Walther (Volker Brandt) und sein Assistent Stettner (Helmut Gauss) die Mordserie aufklären? (Redaktion Tatort Fans)

Obdachlosigkeit ist ein hochaktuelles Thema, eine Form der Wohnungslosigkeit und die extremste davon. Beides nimmt seit Jahren zu, verschärft Spaltung und soziale Segregation. Wenn nach der Corona-Krise kein längerfristiges Mietenmoratorium eingerichtet und auch Verzicht auf Mieteinnahmen geübt wird, wird sich diese Tendenz beschleunigen. Wie aber wurde das Phänomen Mitte der 1980er dargestellt, während der Zeit der „geistig-moralischen Wende“ (rückwärts)? Man hat es mit einer ziemlich gruseligen Idee verknüpft, mehr dazu steht in der -> Rezension.

Handlung

Erzählt wird die Geschichte aus dem Milieu der Stadtstreicher, der „Berber“, wie sie sich selbst nennen. Der Tod einer Frau bringt Unruhe in die Welt der Stadtstreicher, denn der Mord geschah im Tiergarten, im Zentrum von Berlin, dort wo die „Berber“ um diese laue Jahreszeit die Nächte verbringen.

Hauptkommissar Walther und Assistent Stettner verhören die eigenwilligen Außenseiter nacheinander. Der wie im Fiebertraum sich gebärende „Kutte“ gerät nach der Entlassung vor dem Polizeigebäude unter die Räder eines vorbeifahrenden Autos.

Inmitten seiner wissenschaftlichen Studien im eigenen pharmazeutischen Labor erschreckt der Arzt Dr. Konrad Ansbach über die Nachricht vom Tod des Stadtstreichers. Walther und Stettner sind alarmiert, als wenige Tage darauf ein zweiter Penner tot aufgefunden wird, der vor seinem Tod in einer Apotheke gesehen wurde. Eine erste Spur führt zu Dr. Ansbach, aber der Verdacht kann nicht aufrecht erhalten werden und Walther schaltet die Gerichtsmedizin ein, denn beide Tote sind unter rätselhaften Umständen ums Leben gekommen.

Die Penner, allen voran „Nante“, machen Front gegen den Apotheker. Ein dritter Fall, der aber nicht tödlich verläuft, bringt nun fast das Faß zum Überlaufen. Walther und Stettner glauben, der Aufklärung nahe zu sein. Es bleibt zu beweisen, wer für den Tod der Stadtstreicher verantwortlich zu machen ist.

Rezension

Die schauspielerischen Leistungen in „Freiwild“ sind sicher der größte Bonus, einige Schwächen im Drehbuch bringen die deutlichsten Abzüge. Sowohl das Brüderpaar Arzt / Apotheker als auch die „Berber“ oder Obdachlosen sind hervorragend gespielt und man ist natürlich sofort geneigt zu sagen: klar, bei Wolfgang Staudte als Regisseur, natürlich weiß er diese Darsteller zu führen.

Bezüglich der Obdachlosen ist die Darstellung allerdings teilweise erschreckend realistisch, vor allem bei Kutte habe ich mich gefragt, ob er wirklich von einer Parkbank weg engagiert wurde. Dadurch wirkt der Film packend, obwohl das Szenario ziemlich abwegig ist und die Figurenzeichnung sehr durchwachsen. Die beiden Söhne eines offensichtlich renommierten Arztes und die schreckliche Mutter sind gut ausgedacht – der Apotheker macht es lieber gleich eine Nummer kleiner als der unerreichbare Vater und der andere Sohne glaubt, nur durch weltwichtige Forschung doch noch die Anerkennung, wenn schon nicht die Liebe seiner Mutter erringen zu können.

Schade, dass diese so übermäßig krude gezeichnet wird. Das ist noch richtiger Ufa-Stil, wenngleich Staudte ja nur ein Drehbuch aus der Mitte der 1980er umgesetzt hat. Es wäre viel besser gewesen, die Frau nach außen charmant und elegant wirken zu lassen und dieses Kleinmachen der Söhne um mindestens zwei Tönungen subtiler ablaufen zu lassen.

Freilich ist das ein Wunsch, der mir erst von wenigen außergewöhnlich intelligent gestalteten Tatorten erfüllt wurde. Familien-Blackboxen fürs Publikum zu öffnen, scheint hingegen regelmäßig zu Übertreibungen anzuregen. Viele Zuschauer, die andere Erfahrungen haben, verstehen es möglicherweise trotzdem nicht. In diesem Fall zum Beispiel, dass die Söhne den Begriff „unwertes Leben“ aus der NS-Zeit in den Mund nehmen oder sich mehr oder weniger so verhalten wie die Forscher von „damals“ und konstatieren, was die Medizin den Lagerärzten und anderen, die an Menschen experimentierten, noch heute, also vor mehr als 30 Jahren, zu verdanken habe.

Das geht mit deren eigener Erziehung in einem  Haushalt zusammen, in dem es offenbar auch sehr funktionalistisch und kalt zuging und die Forschung und das dem  Menschen dienen ganz gut vom persönlichen Verhalten anderen gegenüber abstrahiert werden konnte.

Es gibt unzählige Ausprägung schwieriger Familienverhältnisse aber einige klare No-Gos bezüglich der Handlungsgestaltung. Zum Beispiel zu Beginn eine Leiche im Tiergarten, die nicht gezeigt wird und deren Todesursache bzw. deren Mörder nicht ermittelt wird. Die tote Frau als Aufhänger war nicht notwendig und lässt in der Folge die Polizeiarbeit ziemlich unkonzentriert wirken. Das hat man erst zu Beginn der 1990er mit Kommissar Markowitz geändert, den sich der Star Günter Lamprecht selbst auf den Leib schreiben durfte.

In „Freiwild“ sind die Ermittler zwar früher involviert als in den noch älteren Berlin-Tatorten, aber es ist auch klar, wie das zustande kommt: wegen der Toten im Park. Zu etwas anderem, als die Mordkommission auf den Plan zu rufen, dient sie nicht.

Im anderen Fall handelt es sich eher um eine schlimme Szene. Es ist nicht einfach, bei einem Tatort, der sich mit Obdachlosen beschäftigt, die Grenzen so zu ziehen, dass die Achtung vor diesen Menschen gewahrt bleibt und sie dennoch als Figuren sehr plastisch werden zu lassen. Gerade deshalb aber geht das Ende gar nicht, als sich etwa 20 von ihnen zusammentun und die Party bei den Ansbachs stören. So etwas würden Obdachlose niemals tun, und das hat Gründe, die eben damit zu tun haben, dass man auf der Straße nicht mehr die Kraft hat, sich auf diese Weise zu organisieren – das gilt ja heutzutage schon längst für weitere Bevölkerungsgruppen. Dadurch muss es leider auch dazu kommen, dass Frau Ansbach besonders stark überzieht und natürlich treffen genau in dem Moment auch glücklicherweise die Polizisten ein und die Situation muss nicht „natürlich“ aufgelöst werden, was wohl zu weiteren Peinlichkeiten geführt hätte. Da hat man am Ende die Schauwerte eben doch über einen würdigen Umgang mit den Obdachlosen siegen lassen und – beabsichtigt war das wohl nicht: auf unguet Art deren Freiwildstellung durch ihre Verwendung im Film untermauert.

Tatorte, bei denen die medizinische Forschung das Geschehen auslöst, haben in Berlin mittlerweile eine gewisse Tradition, wenn auch in der Regel eher institutionalisiert und damit realitätsnäher ausgeformt als in „Freiwild“, wo man doch ein leicht frankensteinmäßiges Gefühl hat, angesichts der zu besichtigenden Menschen-Experimente.

Finale

Rasant gefilmt waren die meisten Tatorte jener Zeit nicht. „Freiwild“ weist durchaus ein Gespür für Dramaturgie auf, aber am Ende wird nach langem Anlauf zu steil angezogen. Dass man sich damals Zeit für die Figurenentwicklung ließ und sie dem Tempo überordnete, stimmt einerseits – liegt aber auch an der Plotkonstruktion.

Howcatchems sind nun einmal besser geeignet, um Charaktere gut zu gestalten als Whodunits, weil Letztere die Balance zwischen den Verdächtigen so wahren muss, dass nicht eine oder einer von ihnen zu sehr hervortritt und es dann sein muss, damit der Zuschauer nicht verärgert ist – oder jemand tritt mehr oder weniger, meist spät, aus dem Nichts hervor und der Zuschauer ist doch verstimmt, weil er nicht vernünftig miträtseln konnte.

Fürs Thema, teilweise die Figuren und die Darstellungskunst und trotz der nicht immer schlüssigen und teilweise überdehnten Handlungsanlage schreiben wir für den Tatort 154  aber letztlich eine überdurchschnittliche Punktzahl auf.

7/10

© 2020 (Entwurf 2017) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Walther – Volker Brandt
Assistent Stettner – Helmut Gauss
Dr. Konrad Ansbach – Armin Mueller-Stahl
Elise Ansbach – Tilly Lauenstein
Gerd Ansbach – Hans-Peter Hallwachs
Kutte Schwertfeger – Bruno Hübner
Maxe Schröder – Paul-Albert Krumm
Marx Karschunke – Hans-Helmut Dickow
Nante – Peter Kuiper
u.a.

Drehbuch – Heinz-Dieter Ziesing
Regie – Wolfgang Staudte
Kamera – Gerard Vandenberg
Schnitt – Katja Schmiljan
Musik – Rolf Kühn

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