Das Leben ist ein Spiel (Rien ne va plus, FR / CH 1997) #Filmfest 185

Filmfest 185 A

Es ist doch mehr ein Spiel, als dass nichts mehr ginge

„Ich lasse mit meinem Spiel gerne die Vermutung reifen, dass wir alle arme Wesen sind, die unschöne Dinge tun können. Ob jemand ein Held oder ein Mistkerl wird, hängt manchmal nur an dem Flügelschlag eines Schmetterlings. Ich bin eine Art Brache, auf der ich weiß nicht welches Geheimnis gedeiht. In den schlimmsten Charakteren versuche ich jenen Moment größter Not darzustellen, der den Schrecken tilgt und in dem – für die Dauer einer Sekunde – die Fähigkeit zur Gnade entstehen kann, die alles verändert. Ich muss Zweifel säen und selbst verlorene Seelen zurückkaufen.“

Michel Serrault: Michel Serrault, lachend über Abgründen. In: Die Zeit vom 31. Juli 2007 [3]

So äußerte sich Michel Serrault kurz vor seinem Tod über seine Art des Spiels. Vorstellbar, dass ein US-Schauspieler oder auch ein deutscher so etwas sagt? Was über „Rien ne va plus“ zu sagen ist, steht in der -> Rezension.

Handlung

Das Betrügerpaar Elizabeth (genannt Betty) und Victor geht immer nach dem gleichen Muster vor. Betty macht einem reich aussehenden Mann schöne Augen und wartet ab, bis dieser sie zu sich auf das Zimmer nimmt. Dann raubt sie ihn nach dem Einsatz von K.-o.-Tropfen aus.

Als die beiden sich in der Schweiz aufhalten, gerät Betty an den Geldkurier Maurice, der fünf Millionen Schweizer Franken bei sich hat. Er zeigt Interesse an ihr, was auch Victor schon lange tut. Bald stellt sich heraus, dass Maurice das Geld seines Auftraggebers unterschlagen will. Nun beginnt ein Konkurrenzkampf zwischen Maurice und Victor, was Betty offenbar nicht sonderlich stört; vielmehr scheint sie darüber eher erfreut.

Rezension

Der deutsche Titel bezieht sich natürlich nicht auf das famose Spiel des männlichen Hauptdarstellers, sondern auf den Inhalt des Films. Im Vergleich zum französischen Originaltitel beinhaltet er keine Brechnung, sondern das tatsächliche Ende. „Rien ne va plus“ meint nicht nur den Moment, in dem bei Roulette nicht mehr gesetzt werden kann und die Kugel rollt, sondern in diesem Fall wohl auf die Szene im Haus des Angehörigen eines Gangstersyndikats, dem beinahe 5 Millionen Schweizer Franken verloren gegangen wären. Überraschenderweise kommt das Gangsterpärchen aber doch davon, das sich einen etwas zu anspruchsvollen Job organisiert hat. Denkt man wenigstens, aber Claude Chabrol zeigt in diesem Film viel Humor. Es war sein fünfzigster und es folgten vor seinem Tod im Jahr 2010 sieben weitere.

„Ein unbeschwerter, leichter Film, der von der Gegensätzlichkeit seiner Protagonisten und ihrem ambivalenten Spannungsverhältnis lebt, das auch den Zuschauer in der Schwebe hält. Eine als Versteckspiel um Geld, Liebe und falsche Identität inszenierte liebenswerte Fingerübung, die viele Versatzstücke des Genres zitiert, zugleich aber auch als selbstironische Replik verstanden werden kann.“

Lexikon des internationalen Films[1]

Wenn man Chabrols Filme aus seiner großen Zeit um 1970 herum kennt, weiß man, „Das Leben ist ein Spiel“ beinhaltet all das, was das Lexikon ausdrückt. Bis hin zum überraschend-vorhersehbaren Ende. Sogar die Wahl der beiden Hauptdarsteller, die so unterschiedlich wirken und doch ein nettes Gaunerpaar abgeben, ist eine Reminiszenz. Beide spielten in wichtigen Filmen, die in die „Chabrol-Renaissance“ der 1980er fallen. Michel Serrault in „Die Fantome des Hutmachers“ und Isabelle Huppert in „Biester“. Letzteren haben wir vor einiger Zeit gesehen und er zählt sicher zu den besten Chabrols dieser Epoche. Beim zweiten Anschauen konnten wir uns den mörderischen Frauen, die von Sandrine Bonnaire und Isabelle Huppert dargestellt werden, etwas mehr annähern, aber da hat Chabrol noch einmal alle Register gezogen, um die Reichen grausam umbringen zu lassen – ohne dass es auf den ersten Blick zwingend erscheint.

Auch in „Das Leben ist ein Spiel“ hat die Huppert den Part, den etwas kryptischeren Charakter zu geben, bei dem man annehmen darf, dass das Doppelspiel ihm nicht fremd ist. Sicher trifft das auch auf Victor (Serrault) zu, in Bezug auf den Koffer, aber seine Beziehung zu Elizabeth (Huppert) wirkt eindeutig. Der Film reflektiert aber nicht nur auf spielerische Weise die ernsteren, abgründigen oder bösartigen Werke des französischen Krimi-Meisters, sondern auch seine Zeit. Die 1990er waren nun einmal so, dass man’s locker nahm und die Hotels dieses leicht schwülstige Gold-Braun-Dekor hatten, das man auch in US-Filmen aus der Zeit häufig sieht. Chabrol wollte dem Publikum vermutlich sagen: Wo doch das Ende der Geschichte deklariert wurde, ist auch der Kampf gegen die klassistische Bourgeosie zu Ende und wir sind sowieso alle mehr oder weniger Gauner, die das Leben genießen sollten, anstatt sich zu viele Gedanken über die Hintergründe der Geldkoffer zu machen; sicher handelt es sich in „Das Leben ist ein Spiel“ um Drogengeld, das in der Schweiz gewaschen wurde. Aber was soll’s. Auch die Idee, dass ein Raub nicht auffällt, weil nur ein Teil des Geldes verschwindet und dass dies als besonders schlaue Masche verkauft wird, darf man mit einem Augenzwinkern betrachten.

Heute würde Chabrol vermutlich wieder anders filmen, der Spaß ist vorbei. Das war in den 1990ern schon abzusehen, aber der Spätkapitalismus hatte damals diesen unwiderstehlichen Sieger-Charme, der mittlerweile verblasst ist, während die Mehrheit der Menschen sich schon damals allmählich auf härtere Zeiten einzustellen hatte. Oder: Es wirkte wie ein Anhalten, wie ein Moment, in dem noch einmal alles möglich schien, auch Frankreich prosperierte damals anhaltend und die frühen 1970er mit ihrer sehr scharfen Sozialkritik waren auch filmisch nicht wiederholbar, obwohl die bessere, progressivere Zeit. Die große lakonische Präzision der Chabrols jener Jahre konnte Chabrol mit den erwähnten Filmen aus den 1980ern beinahe noch einmal erreichen, aber weitere 10 bis 15 Jahre später zeigt er sich von der gütigen Seite. Er stellt nicht mehr Bürger in den Vordergrund, die sich verstricken, nicht mehr totale Außenseiter wie die beiden jungen Frauen in „Biester“, sondern ein recht konventionelles Paar, das versucht, auf seine Weise etwas vom großen Kuchen des schnellen Geldes abzubekommen.

Finale

Der Stil des Films ist unverbindlich, wir hätten nicht ohne Weiteres einen Chabrol erkannt, dafür ist es aber ein Schauspielerfilm und wird durch die beiden Hauptdarsteller zu einem kleinen Erlebnis. Ihnen folgt man gerne und hofft natürlich, dass sie am Ende davonkommen werden. Chabrol, als Mann von beinahe 70 Jahren, möchte diese Erwartung nicht enttäuschen. Er baut noch einen Twist ein, das Wegfahren vor der endgültigen Rückkehr von Elizabeth, überdehnt aber die etwas künstlich wirkende Spannung der letzten Minuten nicht. Wirklich spannend ist trotzdem die Szene mit den Mafiosi – weil der Dialog des „Vorstandsassistenten“ oder Managers leicht tarantino-hafte Züge aufweist: Nur hätte das Ganze beim damals führenden Regisseur der bösen Gangsterkomödie nicht bei der kleinen Schnittwunde von Elisabeth am Hals verblieben.

68/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Claude Chabrol
Drehbuch Claude Chabrol
Produktion Marin Karmitz
Musik Matthieu Chabrol
Kamera Eduardo Serra
Schnitt Monique Fardoulis
Besetzung

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