Trimmel hält ein Plädoyer – Tatort 86 #Crimetime 718 #Tatort #Hamburg #Trimmel #NDR #Plädoyer

Crimetime 718 - Titelfoto © NDR

Organe der Rechtspflege

Der neunte von elf Tatorten mit dem Hamburger Ermittler-Urgestein Paul Trimmel trägt nicht nur einen ungewöhnlichen Namen, sondern gilt nach Ansicht der Fans, die auf der Plattform Tatort-Fundus ihre Bewertungen abgeben, als der beste mit dem raunzigen Nordkommissar. Noch vor Klassikern wie dem allerersten Tatort „Taxi nach Leipzig“, „Exklusiv“ oder „Der Richter in Weiß“, die nach meiner Ansicht Meilensteine des deutschen Fernsehkrimis waren – allerdings waren einige der frühen Tatort als Einzelfilme geplant und wurden in die Reihe integriert, was dazu beigetragen hat, dass die Filme so unterschiedlich und interessant sind. Und wie kam der Film mit dem Duell zwischen Kommissar und Strafverteidiger an? Darüber steht alles in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Kriminalhauptkommissar Trimmel ermittelt seit einem Jahr wegen einer Reihe von Frauenmorden mit vorangegangenen Vergewaltigungen, der bislang drei junge Frauen zum Opfer gefallen sind. Weil in dem Fall, in der von einem Serientäter ausgegangen wird, bislang noch keine brauchbaren Erkenntnisse gewonnen werden konnten, steht die Polizei unter großem Druck der lokalen Medien. Kurz darauf wird die Leiche der Prostituierten Angelika Brock am Flughafen aufgefunden, allerdings fehlt diesmal die Handtasche des Opfers, bei den vorherigen Opfern wurde nichts geraubt. Von Brocks letztem Freier erfahren die Beamten die Seriennummer der 500-DM-Note, mit der er sie bezahlt hatte und die ihr vom Täter geraubt worden sein muss. Zudem erfährt Trimmel, dass Brock des Öfteren mit einem „Conny“ telefoniert hatte. Auf der Bank versucht am nächsten Tag der junge Conny Schiefelbeck, genau jene – zerrissene – Banknote bei der Bank gegen eine intakte einzutauschen und wird deshalb festgenommen, er bestreitet jedoch, Brock ermordet zu haben, obwohl sowohl an dem Schein als auch auf dem Beifahrersitz seines Autos Blut von Brock gefunden wird. Sie habe ihm den Schein am Vorabend gegeben, als er sie nach Hause gefahren habe, nach Rücksprache mit seinem Anwalt verweigert Schiefelbeck die weitere Aussage. Schiefelbecks Rechtsanwalt Zanck trifft sich mit Trimmel und versucht ihn davon zu überzeugen, dass sein Mandant den Schein von seiner Freundin lediglich zum Umtausch erhalten habe und sie im Auto Streit bekommen habe und Brock deshalb an der Flughafenstraße aus dem Auto gestiegen sei, kurz darauf müsse sie ihrem Mörder in die Arme gelaufen sein.

Trimmel ist nach dem Abend mit Zanck davon überzeugt, dass Schiefelbeck Angelika Brock, nicht jedoch die anderen drei Frauen getötet hat. Während Schiefelbeck in U-Haft verbleibt, überfällt Otto Brüske Irene Marcks und versucht, sie umzubringen, zwei Streifenbeamte, die zufällig in der Nähe sind, können dies verhindern, Brüske entkommt ihnen allerdings. Gegenüber Trimmel und Petersen kann die junge Frau Brüske aufgrund der Täterdatei eindeutig identifizieren, er ist einschlägig vorbestraft. Laumen und Petersen suchen Brüske auf, doch dieser öffnet nicht die Tür, sondern gibt vor, eine Geisel zu haben. Die Beamten sind sich zwar sicher, dass er blufft, rufen aber trotzdem Verstärkung. Brüske versucht, vor dem Polizeiaufgebot aus dem Fenster zu fliehen und stürzt dabei. Der sterbende Brüske gesteht Trimmel im Dämmerzustand vier Morde, so dass Schiefelbeck freigelassen werden müsste, doch Trimmel, der von Schiefelbecks Schuld an Brocks Tod weiterhin überzeugt ist, fahndet bundesweit, ob Brüske nicht noch einen weiteren Frauenmord begangen haben kann. Bei einem Kollegen im ehemaligen Wohnort Brüskes Bonn bekommt Trimmel einen Hinweis auf einen entsprechenden Fall, ein Johannes Hees war damals verurteilt worden, Brüske war damals Zeuge gegen seinen Arbeitskollegen. Trimmel reist nach Bonn und besucht Hees im Gefängnis, Hees bestreitet seine Tat, die Taten Brüskes in Hamburg sind identisch wie die damalige Tat abgelaufen. Hees sieht darin seine Unschuld bestätigt, Brüske habe ihn damals falsch belastet, um von seiner eigenen Tat abzulenken. Sein Messer, das die Tatwaffe war, sei ihm an dem Abend aus seiner Wohnung gestohlen worden, Hees ist selbst überrascht, dass Brüske die Tat, wofür er verurteilt wurde, begangen haben könnte, da die beiden gut befreundet waren.

Zurück in Hamburg gesteht Schieferbeck Trimmel und Petersen, dass er Brock im Affekt doch umgebracht habe, Trimmel glaubt ihm aber sein Geständnis nicht. Er schickt seinen Bonner Kollegen noch einmal zu Hees, der mittlerweile auch Rechtsanwalt Zanck mit der Wiederaufnahme seines Verfahrens beauftragt und 30 % seiner möglichen Haftentschädigung als Erfolgshonorar für Zanck mit diesem vereinbart hat. Trimmel befragt daraufhin Zanck und befragt ihn zu seiner Konfliktsituation, sowohl Schiefelbeck als auch Hees zu vertreten. Trimmel hält Zanck vor, Schiefelbeck zu seinem Geständnis überredet zu haben, um seinem neuen Mandanten Hees zu nützen und dass sein Verhalten strafbar sei, Zanck gibt sich ungerührt, aber auf Druck von Trimmel, ihn wegen Parteienverrat anzuzeigen, gibt Zanck nach und verzichtet auf sein überzogenes Erfolgshonorar im Falle des unschuldigen Hees und räumt Trimmel gegenüber ein, dass er Schiefelbeck ebenfalls für schuldig, Hees hingegen wie Trimmel für unschuldig hält. Am nächsten Morgen ruft Zanck Trimmel an und informiert ihn darüber, dass Hees sich in seiner Zelle erhängt hat und macht Trimmel Vorwürfe, weil er seine Bonner Kollegen, die Hees seinerzeit in diese Lage gebracht hatten, zu ihm geschickt hatten, Trimmel weist die Vorwürfe zurück, doch ahnt er, dass Zanck nicht Unrecht hat.

Rezension

Im Moment ist Nordmord-Zeit. Der NDR packt einige Filme aus, die ich noch nicht gesehen habe und ich folge überschießend, indem ich weitere alte NDR-Tatorte aus der ARD-Mediathek anschaue. So wie gestern Abend den neunten Trimmel-Tatort.

Mit einem Wort: Faszinierend. Was in diesem Film drinsteckt, wäre auch einer längeren Arbeit zugänglich, aber ich versuche, es im Rahmen des im Wahlberliner üblichen Rezensionsformats zusammenzufassen.

Die frühen Hamburg-Tatorte haben ja immer so ein großes Panorama: Die Presse, die Anwälte, die Staatsanwaltschaft, die Hierarchien bei der Polizei. Wenn man sagt, zum Realismus zählt auch, die Ermittler nicht wie aus der Welt herausgeschält zu behandeln, sondern als Teil eines großen Systems, dann sind diese Tatorte ziemlich realistisch. Sofern das System selbst realistisch dargestellt wird.

Was ich mehrfach erwähnt habe, wird in diesem Tatort von Trimmels Vorgesetztem, dem jungen Kriminalrat, mit anderen Worten ausgedrückt: Trimmel ist ein Relikt aus der vorpluralistischen Zeit der Einzelkämpfer und in keinem anderen Film mit ihm, den ich bisher gesehen habe, steht er so quer zu all den Jüngeren, von denen er umgeben ist. Man sieht ihn auch zu Hause, er lebt offensichtlich allein und ist am Ende des Films sehr, sehr einsam. Weil all sein Gerechtigkeitssinn dieses Mal ad absurdum geführt wurde, auch durch sein eigenes Handeln. Im Grunde durch das Handeln eines Bonner Kollegen, aber er hat den Selbstmord eines Gefangenen mitverursacht durch sein Vorgehen, das er nicht konsequent bis zum Ende selbst ausgeführt hat. Dadurch konnte es zu dem Missverständnis kommen, der durch einen Sturz vom Dach ums Leben gekommene Serienmörder habe kein Geständnis mehr ablegen können und es sei nicht klar, dass der Bonner Fall ihm zuzurechnen ist. Dies wiederum bedeutet, dass der Gefangene Hees niemals zu entlasten gewesen wäre.

Der gesamte rechtsphilosophische Dialog zwischen Trimmel und dem Anwalt Zank wird dadurch nicht schlechter, aber am Ende steht ein unnötiger Todesfall. Kriminalistisch war das, was wir sehen, nicht umsonst, denn die Morde mit vorausgehender Vergewaltigung an jungen Frauen wird aufgeklärt und ein weiterer Trittbrettfahrer-Mörder wird wohl eine nicht geringe Strafe bekommen, trotz des Gutachtens, das ihm einen „Affektstrom“ attestiert und offenbar auf Totschlag in einem minder schweren Fall hinauslaufen soll.

Die Kritik an psychiatrischen Gutachten, die Angeklagten bei Kapitalverbrechen nicht selten verminderte Schuldfähigkeit oder gar Schuldunfähigkeit zurechnen, kommt in diesem Film wieder deutlich zum Vorschein. In dem famosen „Der Richter in Weiß“ war das Gutachterwesen bereits zentrales Thema und die gekonnte Darstellung der gegenseitigen Manipulation von Gutachter und attraktiver Tatverdächtiger, wobei sich die Verdächtige als die gerissenere Person herausstellte, löste eine gesellschaftliche Diskussion aus.

Man kann bis heute nicht „objektiv“ in die Köpfe der Menschen schauen, und solange das so ist, müssen psychische Dispositionen nach den Eindrücken von Fachleuten aus Gesprächen und bereits vorhandenen Diagnosen berücksichtigt werden. Das ist heute jenseits rechter Kreise auch nicht mehr so umstritten, es geht mehr darum, dass es immer wieder zu Fehleinschätzungen kommt, die eben aus dem komplizierten, nicht immer ganz entschlüsselbaren Wesen von Menschen resultieren. Dann werden wenige Fälle, in denen Gefangene z. B. auf Freigang neue Taten begehen, diskutiert und man gewinnt den Eindruck, dies sei eher die Regel als die Ausnahme. Ist es aber nicht und absolute Sicherheit gibt es leider auch nicht, auch wenn der Meta-Schaden, die zunehmende gesellschaftliche Angstneurose, immer mehr zu der Tendenz führt, eine solche mit riesigem technischem Aufwand konstruieren zu wollen und dabei den Rückbau der Freiheit klaglos in Kauf zu nehmen.

Trimmel und bis zu einem gewissen Grad sein Assistent Petersen, der von Ulrich von Bock glänzend verkörpert wird, sind Absolutisten in einer Welt, in der alles relativ ist. Es hätte ja durchaus sein können, wenn der Vierfachmörder Otto Brüske nicht durch den Sturz zu Tode gekommen wäre, dass man auch ihm Schuldunfähigkeit attestiert hätte – und dann? Dann wäre es vielleicht Maßregelvollzug oder aber auch nachträgliche Sicherungsverwahrung geworden und Trimmel hätte vielleicht wieder das Gefühl gehabt, dass die Gerechtigkeit nicht siegen durfte, weil Advokaten und Gutachter zusammenwirken, um die Folgen von Kapitalverbrechen für den Täter zu mildern oder es wäre zum Schutz der Allgemeinheit anders herum gelaufen. Dies wiederum führt unweigerlich zur Frage der Relation zwischen Vergeltung und Resozialisierung oder Prävention durch Abschreckung und der Erkenntnis, dass manche Menschen immer gewaltbereit sein werden. Wenn jemand tatsächlich unter Zwang handelt, hilft selbst die Drohung mit der Todesstrafe nicht, die es richtigerweise bei uns nicht mehr gibt, außerdem sprechen die Erfahrungen aus Ländern wie den USA dagegen, dass die Anwendung des Prinzips „Auge um Auge, Zahn um Zahn, Leben gegen Leben“ die Zahl der Gewaltverbrechen senkt.

Selbstverständlich ist auch dieser Tatort ein tolles Zeitdokument. Die Szene in Dr. Zanks Büro ist nicht weniger als ein Geniestreich, in ihrer Vielschichtigkeit und Aussagekraft. Der Anwalt zieht eine mächtige Show ab, umgarnt und reizt den Polizisten, der zunächst nicht einmal ein Getränk annimmt und sich dann zum Kaviaressen verführen lässt, die Tonlage des Juristen wechselt immer wieder, manchmal geht er zur köperlichen Nähe über, setzt sich neben den Kommissar, dann steht er wieder auf und deklamiert und kann Trimmel durch seine Haltung dominieren – auch in Trimmels Büro wird er das noch einmal tun, aber in diesem engeren Raum, der natürlich auch Trimmels dienstliches Zuhause ist, gelingt das nicht mehr ganz so gut, der Dialog wird härter und die Emotionen wirken echter, nicht mehr so kunstvoll inszeniert. In der Kanzleiszene spielt der Anwalt auch auf der sozialen Neidklaviatur, wörtlich und durch die Opulenz des Settings, aber erstaunlicherweise liegt das Büro nicht hoch oben in einem Büroturm, sondern im Souterrain; vermutlich ist es die Höhle des Löwen unter den Organen der Rechtspflege und Löwen fahren nicht gerne im Lift.

Finale

„Trimmel hält ein Plädoyer“ ist ein besonderer Film, heute so nicht mehr denkbar, weil heutige Figuren nicht mehr dazu geeignet sind, solche Rededuelle durchzuführen, im 86. Tatort sieht man das gleich zweimal. Die Perfektion der Dialoge steht dabei stellenweise weniger im Vordergrund als die authentischen Typen, die viel Text in kurzer Zeit sprechen müssen. Für den gelernten Theaterschauspieler Karl-Heinz Vosgerau kein Problem. Selten habe ich gesehen, dass ein Darsteller so gut den noch nicht so alten, daher sehr agilen, jedoch schon sehr gerissenen Staranwalt verkörpern kann. Eine für damalige Verhältnisse sehr moderne Figur, ein Typ, der in der Demokratie aufgewachsen ist und sich daher ihre Möglichkeiten zunutze machen kann, etwas für seine Mandanten zu bewirken. Erstaunlich, dass Vosgerau in vielen der „kleineren“ Krimireihen mitspielte, aber nur dieses eine Mal in einem Tatort. Man hat in „Trimmel hält ein Plädoyer“ darauf verzichtet, seine Figur z. B. an den berühmten Rolf Bossi anzulehnen, der sich in „Der Richter in Weiß“ quasi selbst spielte, wenn auch seine Rollenfigur einen anderen Namen trug.

Für Menschen, die Spaß an großem Spiel, an Charakteren, Wortgefechten und an den großen Fragen um Recht und Gerechtigkeit haben, ist dieser Hamburg-Krimi der Kaviar unter den Tatorten, sehr handlungsreich ist er aufgrund dieser Ausrichtung freilich nicht. Die Ermittlungen müssen sehr rasch aufgrund von Kombinatorik durchgeführt werden, Kriminaltechnik findet quasi nicht statt und kniffelig ist der Film nicht. Dafür hat Trimmel, obwohl er dem Anwalt nicht ganz ebenbürtig wirkt, einen große Einsatz und Walter Richter kann seiner Kommissarsfigur so viel Profil verleihen wie selten zuvor.

8,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Peter Schulze-Rohr
Drehbuch Friedhelm Werremeier
Produktion Wolfgang Kühnlenz
Musik Friedrich Scholz
Kamera Nils-Peter Mahlau,
Peter Hammann
Schnitt Wiebke Koester,
Susan Hoffmeyer
Besetzung
Regie Peter Schulze-Rohr
Drehbuch Friedhelm Werremeier
Produktion Wolfgang Kühnlenz
Musik Friedrich Scholz
Kamera Nils-Peter Mahlau,
Peter Hammann
Schnitt Wiebke Koester,
Susan Hoffmeyer
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4 Kommentare

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