Krieg im Kopf – Tatort 1126 #Crimetime 719 #Tatort #LKA #Göttingen #Lindholm #Schmitz #NDR #Krieg #Kopf

Crimetime 719 - Titelfoto © NDR, Manju Sawhney

Zwei ermittelnde Menschen gegen die bösen Wellen

Genre-Crossovers werden vom Tatort-Publikum meist nicht sehr geliebt, dabei beinhalten doch SF-Filme oft sehr viel Crime, sind nicht selten Krimis in futuristischen Settings, ohne dass sich jemand daran stören würde. Nach allem, was wir (an Kritiken vorab) gelesen haben, wagen wir ausnahmsweise eine Prognose: Dies ist wieder eher ein Kritiker- als ein Publikumstatort.

Der obige Text stammt aus der Vorschau und so kam es: Gegenwärtig rangiert „Krieg im Kopf“ auf Platz 1003 von 1149 in der Tatort-Fundus-Liste. Das Publikum mochte ihn überwiegend nicht. Es lag nicht immer nur am hohen SF-Faktor, aber der spielte eine große Rolle. Ob wir das beim Wahlberliner auch so sehen und was es sonst zum Film zu schreiben gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung, Besetzung, Stab

Ihr neuer Fall beginnt für Charlotte Lindholm und Anaïs Schmitz mit einer schrecklichen Situation: Ein unbekannter Mann überwältigt Charlotte Lindholm, setzt ihr ein Messer an den Hals und redet wirr von „Stimmen in seinem Kopf“ und dass jemand ihn jage.

Als die Situation eskaliert, muss Anaïs Schmitz sich im Bruchteil einer Sekunde entscheiden: Den Mann töten oder Charlottes Leben riskieren. Die weiteren Ermittlungen führen die beiden Kommissarinnen zu einer zweiten Leiche und einem offenbar fehlgeschlagenen Auslandseinsatz der Bundeswehr in Mali.

Rezension

Dummerweise habe ich nach „Krieg im Kopf“ noch einen viel älteren NDR-Tatort namens „Trimmel hält ein Plädoyer“ angeschaut und die Eindrücke aus letzterem Film überlagern die von „Krieg im Kopf“ ziemlich stark. Aus diesem Grund schaue ich normalerweise nicht zwei Krimis der Reihen Tatort oder Polizeiruf hintereinander, sondern, wenn schon zwei Sichtungen an einem Abend sein müssen, nehme ich einen Kinospielfilm hinzu, der möglichst kein Krimi sein sollte. Jedenfalls hat der Trimmel-Tatort offenbart, wie banal mittlerweile die Zeichnung von Figuren ausfällt, und das wird leider in „Krieg im Kopf“ besonders deutlich, weil so viel Zeit in die Darstellung der Technik gesteckt wird.

Leider feierte der Film auch zum falschen Zeitpunkt Premiere. Als man ihn drehte, konnte man noch nicht wissen, dass uns die Corona-Pandemie so durcheinanderrütteln würde und dass die vielen Verschwörungstheoretiker, die es in diesem Land schon länger gibt, plötzlich auf die Straße gehen und sich als Covidioten outen. Das hinterlässt Spuren bei Menschen, die versuchen, noch an eine Zukunft für die Menschen zu glauben und wenn jene Menschen sich dann den Tatort auch noch um Monate versetzt anschauen, wie ich das jetzt getan habe, finden sie manches vielleicht nicht mehr witzig, was so halb als übertriebener Spaß gedacht war.

Selbstverständlich wird in der militärischen Forschung alles versucht, um die Kriegführung immer effizienter zu machen und wie man dabei vorankommt, sieht man am zunehmenden Einsatz von Drohnen anstatt von bemannten Flugzeugen. Dass ein heutiger Helm mehr kann als nur den Kopf stellenweise vor physischen Einwirkungen zu bewahren – also, wenn es nicht so wäre, wär’s traurig, bei hochspezialisierten Kampfeinsätzen, die gerne mal als Friedensmissionen gelabelt werden. Schließlich werden Unsummen in die Entwicklung von Militärtechnik gesteckt. Mehr natürlich in den USA als bei uns, aber ein bisschen was sollte für die Verbündeten dabei auch abfallen. Trotzdem ist es lächerlich, dass dabei Wellen verwendet werden, die an uralte Science-Fiction-Filme erinnern und außerdem eine so große Streuung aufweisen, dass die Bürogeräte in einem Raum anfangen, verrückt zu spielen. Wenn die Wellen tatsächlich durch den Helm übertragen werden, braucht man es nicht so zu übertreiben – auch dann nicht, wenn damit jemand in den Selbstmord getrieben werden soll.

Das ist auch eine mehr als zwiespältige Sache. Man sollte es nicht als Spinnerei abtun, dass bei den „Diensten“ Dinge komisch laufen, der Verfassungsschatz hat das vielfach bewiesen und sich der Öffentlichkeit dabei teilweise auch als etwas blöd verkauft. Warum sollte das beim MAD (Militärischer Abschirmdienst) so viel anders sein, zumal sich bei der Bundeswehr ohnehin Menschen ansammeln, die nicht gerade zimperlich mit den Rechten anderer umgehen. Sicher ist dieses Per-Wellen-in-den-Mord-treiben von Überlebenden einer entgleisten Patrouille in Mali übertrieben bezüglich der Ausführung, aber warum sollte nicht versucht werden, den wahren Verlauf vor der Öffentlichkeit geheimzuhalten? Genau dafür ist der MAD doch da, die Militärgeheimnisse abzuschirmen. Inklusive der Fails. Und auch hier wieder die Frage: Warum sollte es im militärischen Komplex anders sein als z. B. bei der massiven Wirtschaftskriminalität, deren Offenlegung teilweise von der Politik sabotiert wird, so gut es eben geht? Über rechte Umtriebe bei der Polizei darf nicht einmal eine profunde Studie angefertigt werden, weil der konservative Bundesinnenminister es nicht zulassen will. Überall gibt es Widerstand gegen Transparenz und die ehrliche Aufarbeitung von Fehlern.

Wir sehen in Tatorten häufig, dass ein LKA oder das BKA Einfluss auf die Ermittlungen vor Ort nehmen wollen, weil es um „größere Dinge“ geht, dieses Mal ist es eben der MAD. Das Muster ist immer gleich, und dass es in den letzten Jahren immer häufiger zu sehen ist, liegt auch daran, dass sich in der Gesellschaft immer mehr das Gefühl durchsetzt, im Rechtsstaat ist nicht alles, wie es scheint. Dieser Umstand erfordert viel politische Arbeit, der sich verschiedene Organisationen auch widmen. Trotzdem läuft auch viel hintenrum, und wenn man das schon als Verschwörungstheorie ansieht, klar, dann ist jeder, der offizielle Darstellungen hinterfragt, ein V-Theoretiker. Deswegen unterscheide ich schon gerne zwischen kritischer Haltung und einer in Wirklichkeit nur ignoranten Haltung, die zum Beispiel dazu führt, dass Menschen die Corona-Regeln nicht einhalten und sich und andere in Gefahr bringen.

Das Szenario ist eine eigenartige Mischung aus realistischer wirkenden und übertrieben dargestellten Komponenten, das sich auch auf die Wahrnehmung der Ermittlerinnen auswirkt. Es ist toll, wenn Anais Schmitz in der kleinen Küche, in der sie unter Welleneinfluss zusammenbricht, wie eine Leidensskulptur gezeigt wird und Lindholm derweil feststellt, dass Anais‘ Freund, der Gerichtsmediziner, ein Hochintellektueller ist, den man auch mal küssen kann. Das hätten wir nicht gedacht, Frau Lindholm, sagt er sinngemäß, weil ich ja mit der dunkelhäutigen Frau zusammen bin, dieser Zwangskollegin, die Charlotte nach der Zwangsversetzung zugewachsen ist, ohne dass bisher ein echter Teamgeist besteht.

Manchmal frage ich mich wirklich, welcher Ungeist dazu führt, dass solche Übergriffe immer wieder in Drehbüchern landen. Die Kommissarinnen haben beide ihre „fünf Minuten“, wie man dort, wo ich herkomme, ein kurzzeitiges Auszicken gerne nennt und manches ist vermutlich auch Absicht, z. B., wenn der alte Hirnforscher Bloch, der alte weiße Mann, sich fast ausschließlich an die weiße Frau wendet, wenn er versucht, etwas zu erklären.

Erstaunlich, wie unterschiedlich Zuschauer, die den Film kommentiert haben, das Verhältnis Lindholm-Schmitz wahrgenommen haben. Daran kann man wirklich sehen, wie subjektiv wir Dinge wahrnehmen, denn obwohl teilweise offen Unmut ausgedrückt wird, von beiden Seiten, schreiben einige von einem guten Team. Offensichtlich gibt es unterschiedliche Ansprüche an das, was ein gutes Team darstellen sollte. Trotzdem hat mir das auch einen Gewinn gebracht: Ich habe darüber nachgedacht, wie diese permanente Konkurrenz, die einmal auch angesprochen wird („Ermittlungswettrennen“) sich auswirkt und wie es ist, wenn man nicht das Selbstvertrauen hat, auch gönnen zu können – zum Beispiel anderen ihre guten Ideen.

Finale

Was mich aber am meisten an dem Film gestört hat, waren nicht die Annahmen über das grausame Staatshandeln, die etwas zu trashigen Wellen oder das weiterhin nicht ganz runde Verhältnis der Kommissarinnen zueinander, sondern, dass der Film viele kleine Fehler beinhaltet und außerdem eine schwache Dramaturgie hat. Zum Beispiel hätte der kleine Zeuge im Schrank gleich vernommen werden müssen, dies aber mit psychologischem Beistand. Die Anfangsszene ist zwar eindrucksvoll, aber wird nie hinterlegt bzw. begründet und dann wird der Fall ziemlich langweilig. Ab einem gewissen Punkt kam mir das Kommissarinnen-Duell sogar gelegen, weil es mich in dem Film hielt. Aber das sollte doch kein Ersatz für einen guten Spannungsbogen sein. Die Lindholm-Figur betreffend, ist die gleich folgende Bewertung eine Anerkennung, denn ich finde es schon aller Ehren wert, dass deren Darstellerin Maria Furtwängler sich auf das Risiko eingelassen hat, sich mit einer präsenten Kollegin die Spielzeit zu teilen und ihre eigene Figur noch einmal einer möglichen Revision zu unterziehen. Dass dies gegenwärtig (ähnlich wie in Ludwigshafen mit Odenthal und Stern, bis sie sich gefunden hatten, leider im letzten Film „Leonessa“ wieder ein Rückschritt) etwas nervig daherkommt, nehme ich in Kauf. Der Weg ist richtig. Ganz symmetrisch ist das Verhältnis noch nicht, aber wir werden es auch noch hinkriegen, dass sich Lindholm für einen Typ interessiert und der mehr auf Schmitz steht, oder?

6,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau

„Krieg im Kopf“ ist der Titel des zweiten Tatort-Krimis, den Hauptkommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) als neue Kollegin von Anaïs Schmitz (Florence Kasumba) für die Polizei Göttingen aufklärt.

Noch immer befindet sich Lindholm nach den tragischen Ereignissen im Fall „Holdt“ (Tatort-Folge 1034) in der Strafversetzung, und agiert außerhalb ihres eigentlichen Reviers Hannover. Ob sich Göttingen zur dauerhaften Tatort-Location entwickelt, bleibt abzuwarten: der NDR hält sich dahingehend bedeckt und hat bislang lediglich bekannt gegeben, dass die Zusammenarbeit von Schmitz und Lindholm „mehrere Einsätze“ beinhaltet., schreibt die Redaktion von Tatort Fans zur Nr. 1126.

Das Fazit fällt wenig begeistert aus: „Himmel, war das ermüdend! Der Krimi beginnt vielversprechend, plätschert dann aber 80 weitere Minuten seicht dahin und geht schließlich den Bach runter“ oder der Film wird als mittelmäßig, als okay, eingestuft.

Gibt es wirklich Waffen, die Gedanken manipulieren können?, die Frage stellt der SWR3-Tatortcheck: Wie weit ist die Forschung auf diesem Gebiet? Und lässt sich das schon zuverlässig einsetzen? Fragen über Fragen, je länger der Tatort dauert. Und das ist gut so! Denn so wird es im Verlauf des Krimis immer unvorhersehbarer und damit spannender. Soldat mit PTBS oder Kind versteckt im Schrank, sowas ist ja nicht originell und wir haben das alle oft gesehen. Deshalb ist es toll, dass sich dieser Tatort im Verlauf so entwickelt. Anfangs lahm, später besser, da heißt es: durchhalten! Es lohnt sich aber, für zusammen gute drei von fünf Elchen.

So unterschiedlich kann die Wahrnehmung derselben Sache sein, sogar hinsichtlich der Spannungskurve. Drei von fünf Elchen ist aber nun auch keine herausragende Bewertung.

Rainer Tittelbach schreibt: Autor Christian Jeltsch hat sich über Jahre immer wieder mit der Entwicklung von Militärtechnik beschäftigt – jetzt konnte er seine Recherchen für sein Drehbuch vertiefen und es zum Thema eines hochspannenden Krimis machen. Außerdem hat Jeltsch den Grimme-Preis gewonnen und Kritiker, die vor Preisträgern gerne mal etwas strammstehen, vor allem, wenn man selbst lange Zeit in der Jury für die Vergabe der Grimme-Preise saß, können dann gar nicht anders, als (in diesem Fall 5/6) eine hohe Punktzahl für einen Film zu vergeben. Etwas Ironie muss schon sein, weil Tittelbach-TV in letzter Zeit alles hoch bewertet hat, was unter dem Label „Tatort“ auf den Bildschirm kam, die Kritiken sind aber schon deshalb lesenswert, weil sie mit enorm vielen Sachinformationen aufwarten und sich oft die Sicht der Filmkünstler zu eigen machen.

Außerdem wird die oben gestellte Frage teilweise beantwortet: Was nach „Terminator“ klingt, die Konstruktion von Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine, ist mittlerweile Realität. Ob das auch für die konkret gezeigte Technik gilt, ist eine andere Sache.

Der offenbar weniger technikbegeisterte Christian Buß vom SPIEGEL stellt sich zwar auch diese Frage, aber deswegen sieht er noch lange keinen herausragenden Film: Können Militärs unsere Gedanken kontrollieren? Der neue „Tatort“ konfrontiert Kommissarin Lindholm mit neuen Techniken der Kriegsführung. Ein B-Movie mit Aufmerksamkeitsdefizit. Buß kommt auf 4 von 10, immerhin eine Steigerung von 2 gegenüber der vergangenen Woche.

Auf immerhin 3/5 kommt „Filmstarts.de“, die mit Lob eher sparsam umgehen. Eine Linie zum Ludwigshafen-Tatort „Maleficius“ wird gezogen und natürlich zu „Terminator“, das tun auch meisten anderen Kritiker*innen. Und wir erhalten die finale Antwort im Finale der Kritik: Mutiger, wenn auch nicht rundum überzeugender Science-Fiction-„Tatort“ mit zwei Kommissarinnen, die die Schattenseiten des technischen Fortschritts am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Genre-Crossovers werden vom Tatort-Publikum meist nicht sehr geliebt, dabei beinhalten doch SF-Filme oft sehr viel Crime, sind nicht selten Krimis in futuristischen Settings, ohne dass sich jemand daran stören würde. Nach allem, was wir gelesen haben, wagen wir ausnahmsweise eine Prognose: Dies ist wieder eher ein Kritiker- als ein Publikumstatort, und genau das kommt in letzter Zeit ziemlich häufig vor. Die Prognose ist eine leichte Übertretung, aber wir kommen damit klar, weil wir in vielen Rezensionen unsere Vorbehalte gegenüber der Lindholm-Figur dargelegt haben – während wir für Florence Kasumba aufgrund ihrer gelungenen Darstellungen in Episoden-Rollen schon vor Jahren eine Rolle als Ermittlerin gefordert und uns sehr gefreut hatten, als der NDR sich entschloss, sie herauszuheben, indem er sie als Teampartnerin der mit Abstand teuersten aller Tatort-Kommissarinnen einsetzt. Erhält Kasumba für ihre Rolle als Emittlerin Anais Schmitz, also für gleiche Arbeit, auch eine gleich hohe Gage wie die bestens vernetzte Maria Furtwängler als Charlotte Lindholm?

Hauptkommissarin Charlotte Lindholm – Maria Furtwängler
Hauptkommissarin Anaïs Schmitz – Florence Kasumba
Generaldirektor Gerd Liebig – Luc Feit
Rechtsmediziner Nick Schmitz, Mann von Anaïs – Daniel Donskoy
Dr. Gottlieb – Hendrik Heutmann
Prof. Leyh, Psychologin – Victoria Trauttmansdorff
Prof. Bloch – Joachim Bismeier
Geiselnehmer Benno „Ben“ Vegener – Matthias Lier
sein Sohn Josch Vegener – Julius Nitschkoff
Simone Strasser – Katja Burkle
Soldatin Susanne Bortner – Katharina Schlothauer
Leon Ciaballa – Jonas Minthe
Alfred Neumann vom Militärischen Abschirmdienst – Steven Scharf
Jochen Kunkel, Polizist am Präsidiumsempfang – Roland Wolf
u.a.

Drehbuch – Christian Jeltsch
Regie – Jobst Christian Oetzmann
Kamera – Volker Tittel
Szenenbild – Susanne Dieringer
Schnitt – Anke Berthold
Ton – Michael Kunz
Musik – Sebastian Fillenberg

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