Traumhaus – Tatort 414 #Crimetime 720 #Tatort #Hamburg #Stoever #Brockmöller #NDR #Traum #Haus #Traumhaus

Crimetime 720 - Titelfoto © NDR, T. Jander

Das Ende nicht nur der Hausträume

Zur Beruhigung: Die Zipfelmüstze oder Bommelmütze trägt Paul Stoever nur in der Schlussszene, die der eigentlichen Handlung nachgeschaltet ist. Diese Schlussszene ist nicht wegen des Anglerlateins oder der Alltagsphilosophie von Bedeutung, sondern aus einem anderen Grund. Mehr über diesen Grund und natürlich über einen Film, der einem den Häuserbau verleiden kann, steht in der -> Rezension.

Handlung

In einem Waldstück wird die Leiche des Journalisten Hoffmann gefunden. Indizien sprechen dafür, dass der umtriebige Lokalreporter sterben musste, weil er zuviel wusste. Eine erste heiße Spur führt Brockmöller und Stoever zu dem Bürgermeister eines kleinen Ortes: Ralf Fromm. Der verdiente offenbar Millionen, indem er per Ratsbeschluss Brachland in teures Bauland verwandeln ließ. Alles deutet zunächst darauf hin, dass Hoffmann über die Machenschaften des Bürgermeisters informiert war und Kapital aus seinem Wissen schlagen wollte. Doch bald zeigt sich, dass Ralf Fromm selbst ein betrogener Betrüger ist.

In den Mittelpunkt der Ermittlungen gerät Gunnar Engelhardt, der dubiose Inhaber einer Reihe von Bauträgerfirmen. Engelhardt brachte in großem Stil Häuslebauer um ihr Vermögen und führte selbst den gerissenen Bürgermeister hinters Licht. Während Stoever und Brockmöller ihre Bemühungen darauf ausrichten, den unter wechselnden Firmennamen agierenden Engelhardt dingfest zu machen, entwickelt sich von ihnen unbemerkt eine Familientragödie um den Tierpharmavertreter Hebbel – einem Kunden Engelhardts. Um den Bau seines Traumhauses zu finanzieren, hat sich Hebbel auf einen illegalen Medikamentenhandel eingelassen.

Als Engelhardt ermordet aufgefunden wird und alles dafür spricht, dass der Täter auch für den Tod des Journalisten verantwortlich ist, beginnt für Stoever und Brockmöller ein Wettlauf mit der Zeit. Es gilt einen verzweifelten Familienvater aufzuhalten, der zu allem entschlossen ist.

Rezension

In der oben erwähnten Szene geben sich Stoever und Brockmöller amtsmüde und denken übers Aufhören nach. Übers vorzeitige Aufhören, gemessen an ihrem Alter, den gleichwohl verdienten Vorruhestand nach so vielen Toten, die sie gesehen haben und so viel Leid, das ihnen entgegenschlug, wie zum Beispiel im 414. Tatort „Traumhaus“. Die beiden geben sich dabei eine Frist von weiteren zwei Jahren bis Dienstende. „Traumhaus“ stammt aus dem Jahr 1999 und tatsächlich hörten die beiden 2001 auf und singen bzw. spielen hier auf der Mundharmonika „As Time Goes By“ aus „Casablanca“. Das war schon ein nostalgischer Moment für mich, denn offenbar wurde vor dem Dreh oder währenddessen beschlossen, die beiden altgedienten Kriminaler zu verabschieden – vielleicht wollten sie auch selbst aufhören, in diesem Fall habe ich, anders als bei Abgängen in den letzten Jahren, zu denen sich die Darsteller manchmal recht deutlich (und nicht selten negativ) äußerten, habe ich bei den beiden kein Bild. Jedenfalls hatten sie nach „Traumhaus“ noch fünf weitere Fälle gelöst, das Ende („Bye, bye, Tatört“) auf einem Kreuzfahrtschiff, auf dem sie als Rentnerband anheuern, wirkt dadurch harmonisch und von langer Hand geplant.

Leider endet der Häusertraum der Familie Hebbel im 414. Tatort ganz anders. Es kommt zu einem Doppelmord und einer Familientragödie, die eine seltene Intensität aufweist. Das liegt unter anderem an der ungewöhnlichen Besetzung: Das Ehepaar Ulrich Mühe und Susanne Lothar spielen hier das Ehepaar Hebbel, das sein Traumhaus und im Verlauf des Films alles verliert. Ulrich Mühe verleiht dem gepeinigten Vertreter, der seinen Job verliert, große Einprägsamkeit und Susanne Lothar muss bei entsprechender Anleuchtung nur ihre Mimik einsetzen und man weiß alles und durch sie sieht man alles, was sich abspielt. Dass sich das in der Handlung nicht ganz niederschlägt und die Erkenntnis des realen Desasters zeitlich etwas hinter diesem Ausdruck zurückbleibt, ist dabei nicht so wichtig, denn der Zuschauer weiß sowieso, wie alles enden wird. Furchtbar. Lediglich der um die Kinder, und, wie man die nächste Handlung von Hebbel vorausahnen darf, um die Ehefrau erweiterte Suizid findet dann doch nicht statt, und das ist, pardon, ein blöder Trick, der die Zuschauer nochmal so richtig emotionalisieren soll, weil ansonsten die Luft ja raus sein könnte.

Die Logik des Familiendramas und der Bauangelegenheit sind von unterschiedlicher Qualtität. Selbstverständlich gibt es Anlagebetrug jeder Art, aber dass Bauprojekte überhaupt nicht ausgeführt werden, lässt sich nicht über einen so langen Zeitraum und so vollständig „spielen“, wie er hier angedeutet wird. Die Regel ist leider, dass während der Bauausführung und bei Gewährleistungstatbeständen Probleme aufkommen, aber nicht, dass, ähnlich wie bei einer Kapitalanlage mit Schneeballsystem die Mehrzahl der Kund*innen komplett leer ausgeht.

Wenn’s gegen die Baumafia geht, bin ich eigentlich immer dabei, aber die Vorgänge hier waren mir etwas zu übertrieben dargestellt. Gut wiederum: Dass sie etwas Exemplarisches haben, auch die Mentalität des Bauträgers betreffend. Solche gewissenlosen Spielernaturen gibt es in einer der (bezüglich des beruflichen Zugangs und der finanziellen Angelegenheiten, nicht bezüglich der Bauvorschriften) am wenigsten regulierten Branchen zuhauf. Wiederum sehr krass dargestellt: Das ignorante Verhalten der „Sparkasse Holstein“. Diese sitzt sehr wohl mit im Boot, wenn sie die Kredite, die bei ihr aufgenommen wurden, an den Bauträger komplett ausgezahlt hat und der Bauträger sich abgesetzt hat. Die Bank hat natürlich eine Prüfpflicht, der sie hier offenbar gar nicht oder sehr schlampig nachgekommen ist. Die Übernahme des Mantels einer altehrwürdigen Firma durch einen Parvenü sollte den Bankern jedenfalls aufgefallen sein. Und was ist mit der persönlichen Bonität und Biografie des windigen Herrn Engelhardt? Ja, die humanistische Bildung war’s, die hat ihm alle Türen geöffnet. Über den Firmennamen „Corona“ für sein nächstes Ding würde er heute wohl nicht mehr nachdenken.

Offenbar wird hier auch nicht nach MaBV (Makler- und Bauträgerverordnung), also in Raten nach Fertigstellungsgrad gezahlt, was aber die übliche Vorgehensweise ist und worauf auch eine halbwegs sortierte Bank, die sich so engagiert, im Interesse ihrer Kunden und letztlich im eigenen Interesse bestehen sollte. Sicher gibt es eine Form von Provisionsgeilheit, die viele Bedenken beiseite schieben kann, aber hier wirkt es, als seien die Banker entweder vollkommen verblödet oder gewissenlose Mitwisser. Gut, wir haben alle erlebt, wie Banken sich die Kugel gegeben haben, wenn sie Baubetrügern auf den Leim gingen. Unmöglich ist nur wenig.

Nun aber zum eindeutig Positiven: Die Kausalkette, die den Herrn Hebbel zerstört, ist von einer wirklich grausamen Konsequenz und absolut vorstellbar. Wie er immer mehr in die Zange gerät, sich bei der Familie durchwindet, seine sensible Frau nicht beunruhigen, die Kinder nicht enttäuschen will, sich selbst immer wieder Mut macht und die Wahrheit von sich wegdrückt, die andere Bauherren ihm schon berichten, wie er auf krumme Touren geht, nachdem die Pharmafirma ihm gekündigt hat, bei er angestellt war, wie das auffliegt und gleichzeitig das Haus futsch ist, bevor die Bagger überhaupt anrollen konnten, das ist schlimm und nicht an den Haaren herbeigezogen. Es gibt ja, ich drücke das hier etwas dezenter aus, Sprüche, die darauf hinauslaufen, dass, wenn’s erstmal blöd läuft, alles aufeinander kommen kann und man sich ständig fragt, wieviel Pech man eigentlich haben kann. Diejenigen, die etwas von „Meister des eigenen Schicksals“ erzählen, haben meist nicht einmal verstanden, dass sie einfach mehr Glück hatten als andere, bei ganz ähnlichen Transaktionen, Geschäften, Investments. Vor allem am Anfang, wenn die Ahnung noch nicht so riesig ist bzw. die Erfahrung noch nicht als Warnampel dient, spielen Glück oder eben Pech eine große Rolle.

Es gibt natürlich auch naturgeschaffene Cleverles wie den Bürgermeister, der seine Äcker zu Bauland werden ließ und nicht versilbert, sondern geradezu vergoldet hat. Die Art, wie Stoever ihn dafür anmacht, zieht leider überhaupt nicht, weil er nicht den Nachweis der Korruption erbringen kann. Er kann nur vermuten und den Typ unsympathisch finden, aber er geht in dem Fall etwas zu weit. Aber der Bürgermeister ist so schlau, dass er nicht einmal eine Drohung gegenüber dem Polizisten ausspricht, sondern offenbar glaubhaft machen kann, dass er von den Manipulationen der nicht so altehrwürdigen Baufirma nichts wusste. Da ist der Film dann wieder sehr plakativ, außerdem kann auch Bio-Essen verkocht sein, das lernt der Zuschauer nebenbei.

Finale

Ein weiteres Thema des Films ist die Anwendung von Antibiotika bei der Tiermast, die damals ein großes Thema war und dazu führte, dass Stoever darüber doziert, warum sich niemand zu wundern braucht, wenn er durch Antibiotika seine Nasenfurunkel nicht loswird – weil er durch die Einnahme von gedoptem Fleisch längst gegen Medikamente resistent ist. Auweia. Ich erinnere mich noch gut an jene Generation, die durch viel Hormonfleisch auf dem häuslichen Esstisch Anstalten machte, in den Himmel zu wachsen. Mittlerweile ist dieses unnatürliche Emporschießen etwas gebremst, immerhin musste man die Normhöhen von Türen und Räumen bereits anheben, um nochmal zum Bauwesen zurückzukommen. Die zunehmenden sozialen und umweltseitigen Disparitäten werden aber ein weiterer Grund sein, warum es mit dem Längen- und Lebenserwartungswachstum bald vorbei sein dürfte. Nichts wächst für immer, das hat die Natur nicht vorgesehen.

Eher ist die Szene prophetisch, in der Hebbel sich die grausame Zukunft seiner Familie in einem Sozialwohnblock ausmalt. Die beiden Eheleute sind wirklich toll gezeichnete, dramatische Charaktere, die Angst vor dem sozialen Abstieg durch die Fehlinvestition in ein Haus, das es nie geben wird, machen sie für den Zuschauer sehr erfahrbar, und wenn man die zunehmende Einkommens- und Vermögensungleichheit der Zeit nach diesem Film betrachtet: So kam es für Millionen und für viele davon unverschuldet. Ein Tatort kann politisch nur dann etwas bewirken, wenn die Zeit dafür reif ist, aber nicht gegen den neoliberalen Strom der frühen 2000er.

Trotz einiger Handlungskratzer, von denen wiederum ein Teil durch schnelle Behauptungen verdeckt werden sollte (Medikamente an Tierärzte, nicht an Bauernhöfe etc.) und der doch etwas kolportagehaften Darstellung des Bauens ein eindringlicher, bezüglich der Seelenlage der Hebbels sehr gut gemachter und vor allem von Lothar / Mühe exzellent gespielter Film. Auch das Visuelle ist für die Verhältnisse der Zeit sehr gut, hier wiederum besonders die Lichtsetzung mit dem diesig-matschigen Baufeld und dem seltsam gelbgrünen Straßenlaternenlicht in S-Bahn-Nähe, das sich so auch in der Wohnung der Hebbels fortsetzt, die häufig im Dunkel oder Halbdunkel gezeigt wird.

8/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Traumtatort?

Der Mord an einem Lokaljournalisten führt die Kommissare Stoever (Manfred Krug) und Brockmöller (Charles Brauer) aus Hamburg im Tatort „Traumhaus“ auf die Fährte eines Baubetruges, der auch zu einer familiären Tragödie geführt hat. (Redaktion Tatort Fans)

Der 414. Tatort ist der dritte innerhalb des ARD-Sommerfestivals, den ich noch nicht gesehen habe. „Sommerfestival“ ist natürlich eine inoffizielle Bezeichnung, beinhaltet aber auch die „Wunschtatorte“, die jeden Sonntag um 20:15 Uhr ausgestrahlt werden. Zu dem Zeitpunkt, der außerhalb der Sommerpause den Premieren vorbehalten ist. Die Wunschtatorte sind meist jüngeren Datums, in der Regel gibt es dazu schon Rezensionen im Wahlberliner oder es liegen welche im Archiv, die wir anlässlich der Wiederausstrahlung einer Episode republizieren können.

Die Challenge, in den nächsten Tagen vielleicht letztmals Alt-Tatorte in dieser großen Zahl innerhalb weniger Tage (insgesamt 5) aufzeichnen und rezensieren zu müssen, nehmen wir an, wie wir in der Vorschau zu „Fette Krieger“ geschrieben haben. Sofern die Technik mitspielt, die derzeit etwas fragil ist.

Im Fall von „Traumhaus“ fällt das besonders leicht, weil ich doch erhofft und erwartet hatte, dass unter den „neuen Alten“ auch ein Film mit den Hamburger Kommissaren Stoever und Brockmöller dabei sein würde. Und tatsächlich – der Fall „Traumhaus“ bekommt sogar den „Ehren-Wiederholungsplatz“ im ERSTEN, am 17. Juli um 22:15 Uhr (pro Woche wird im Hauptprogram der ARD nur ein Tatort wiederholt, immer freitags abends).

Diesen Platz hat der Film offenbar verdient. „Traumhaus“ gilt (knapp vor „Blindekuh“) als zweitbester von 41 Stoever-Brockmöller-Fällen, wenn es nach der Meinung der Nutzer*innen des Tatort-Fundus geht, die dort Kommentare und Bewertungen abgeben können. Der Star unter den Hamburg-Tatorten jener von 1984 bis 2001 (Stoever) bzw. von 1986 bis 2001 (Brockmöller) währenden Epoche Zeit ist „Undercover-Camping“, aber dahinter ist bereits dieser Krimi platziert, der sich mehr mit fester Bauweise befasst. Nicht selten gelten Milieutatorte dieser Art als schwierig oder schwach, weil die Milieuzeichnung den Fall überdeckt und dennoch oft nicht als authentisch empfunden wird, aber dieses Mal scheint es ganz gut gepasst zu haben. Tatorte mit Bauthemen sind natürlich auch für mich ein Schmankerl und ich bin gespannt, wie der robuste Stoever und der dezentere Brockmöller den Fall lösen werden. Manfred Krug, der Stoever darstellt, hat ja einiges an Erfahrung, durch seine Hauptrolle als Brigadeführer in „Die Spur der Steine“, einem Baukrimi, dessen Schicksal selbst zum „Fall“ wurde.

Die Handlungsbeschreibung kam mir beim Lesen bekannt vor, ohne dass sich eine Rezension zu diesem Film gefunden hätte. Vielleicht gibt es einen weiteren, ähnlichen Stoever-Brockmöller-Film, denn ich habe immer die beiden vor Augen, wenn es um jenen mglw. ähnlich gelagerten Fall geht. Vielleicht handelt es sich dabei auch um ein Strandhaus. Am Freitagabend werde ich den Film aufzeichnen, demnächst wird die Rezension dazu im Wahlberliner erscheinen.

Besetzung und Stab

Kommissar Stoever – Manfred Krug
Kommissar Brockmöller – Charles Brauer
Friedel Hebbel – Ulrich Mühe
Hanna Hebbel – Susanne Lothar
Ralf Fromm – Peter Sattmann
Schwamm – Gerhard Garbers
Werner Braune – Gustav Peter Wöhler
Gunnar Engelhardt – Krystian Martinek
Stefan Struve – Kurt Hart
Luise Fromm – Marion Breckwoldt
u.a.

Regie – Ulrich Stark
Kamera – Wolf Siegelmann
Buch – Raimund Weber

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