Strandgut – Tatort 19 #Crimetime 723 #Tatort #Kiel #Finke #NDR #Strand #gut #Strandgut

Titelfoto © NDR

Sechzehn fünfzig ohne Tip!

„Zwei Kaffee, zwei Kuchen, macht Sechzehn Mark Fünfzig.“ Kommissar Finke erschrickt. Wir sind im Jahr 1972, nicht kurz vor der Umstellung auf den Euro. Und wir sind auf Sylt.

Wie so vieles ist Sylt nicht mehr ganz, was es mal war. Das deutsche Deauville oder gar St. Tropez, mit einem Schuss Spießigkeit mitten im stylischen Hedonismus einer neuen, wirklich ganz neuen Zeit, wie die Deutschen sie niemals zuvor erlebt haben – und seitdem nicht wieder. Finke fühlt sich in seinem zweiten Tatort ein wenig fremd auf der Insel der Seligen und Psychedelischen, für den Betrieb ist er zu bodenständig. Ein einziger Kommentar wie das Erstaunen über einen Preis reicht, um uns das zu vermitteln. Was der 19. Tatort sonst vermittelt, steht ausführlicher in der -> Rezension.

Handlung

Dr. Georg Breitenbach wird zwischen Wenningstedt und Kampen zusammengeschlagen. Er kann sich an nichts mehr erinnern. Friedrich Wilhelm Warrlau, angehender Staatssekretär, hat sich in den Dünen den Arm gebrochen und ist auch sonst erheblich verletzt. Angeblich ist er in eine Flasche getreten.

Jetzt tritt Kommissar Finke in Aktion, denn er hat Fotos erhalten, die alle Betroffenen in eindeutigen Situationen mit einem hübschen Mädchen zeigen. Erpressung? Am nächsten Tag wird das Fotomodell als Leiche an den Strand gespült.

Rezension

Viele Tatorte aus den 1970ern atmen die pralle Gefräßigkeit und Sattheit der alten Bundesrepublik auf ihrem Höhepunkt. Und die frühen 1970er mit Vollbeschäftigung, vor der ersten Ölkrise, das weiß man heute, waren der Höhepunkt, und Sylt nicht ein Refugium von Leuten, die alle Einschnitte der letzten Jahre finanziell überlebt haben, sondern ein Stück Lifestyle, das erstmalig in der Historie bis in die Mittelschicht hineingewirkt hat. Allein die sehr ausgewählte Mode in diesem Film bekundet, dass das, was damals auf Sylt hipp war, ein Versprechen an alle darstellte, die noch etwas werden und vielleicht mal Urlaub auf Sylt machen würden, ja vielleicht sogar ein Haus dort erwerben könnten. Die Mischung aus einer Explosion des Wohlstands, aus den Ansprüchen und Sehnsüchten, die daraus erwuchsen, dem mehr oder immer mehr wollen, der Freiheit, es zu tun, der Kontrast zwischen ruchloser Durchsetzung dieser Ansprüche und der Naivität, mit der man daraus ein Glücksversprechen einlösen wollte, sind im Tatort Nr. 19 sehr gut eingefangen.

Ebenso klasse das Zusammenspiel zwischen der für damalige Verhältnisse sehr kinonahen Filmweise von Regisseur Wolfgang Petersen, eine im Vergleich zu anderen Tatorten jener Zeit hohe Emotionalität bei der Zeichnung der Figuren und als Kontrast der knochentrockene, aber dennoch menschliche Ermittler Finke, der auf Sylt besonders gut den Schönen und Reichen gegenübergestellt werden kann und mit seiner Bodenständigkeit unsere Sicht auf das Strand-, Nacht- und Liebesleben auf Sylt mitbestimmt. Alle konnten sich in solchen Tatorten wiederfinden. Diejenigen, die auch gerne einen orangefarbenen Porsche Targa zum Reifenquietschen gebracht hätten, wie die Gebrüder Possky, jene, die gerne ihrem Ehealltag entronnen wären, am Strand von Westerland, aber auch die unzähligen Menschen, die sich eher im distanzierten Finke spiegeln mochten, der kein moralisches Wort über das Treiben auf der Insel verliert. Aber Sechzehnfünfzig! Seine Miene dazu sagt mehr als tausend Worte und dieser Moment greift sozusagen über alles, was man auf Sylt für damalige Verhältnisse exzessiv und übertrieben finden konnte.

Dabei ist es doch nur eine Momentaufnahme, in der „Mamy Blue“ gespielt wird, im Hintergrund, in einer Bar. Eine Aufnahme, geschossen in einem sehr speziellen Moment der deutschen Nachkriegsgeschichte, in dem man auch ohne die Identifizierung von Autotypen und ohne einen gerade aktuellen Song im Hintergrund das Produktionsjahr eines Films beinahe exakt anhand der Kleidung und der Frisuren ermitteln konnte, des Habitus, der Spreche – insbesondere, wenn das alles so bewusst und präzise eingesetzt wird wie in „Strandgut“.

Sehr interessant sind auch die Dekors und Sets, man merkt, wie krachneu Sylt im Ganzen damals war, wie oftmals wertig und hochmodern die Interieurs, die teilweise schon die 1980er vorweg nehmen – nicht in den Discos oder Bars, die sich in der Folge rasch weiterentwickelt haben, aber vor allem in den Pensionen und Hotels. Sylt war sicher nie Avantgarde, aber irgendwo zwischen High-End und einer gediegenen Spießigkeit, die sich mit Abstufungen überall breit machte und auf ihre Art das Ende der rasanten gesellschaftlichen Entwicklungen dokumentierte, die man in Sylt vor allem in Form von Nacktbadestränden bewundern darf.

Von wegen FKK gab es nur in der DDR. Für Schauwerte hat Regisseur Petersen sowieso einen guten Sinn, und wie man damit Klassiker macht, wenn es nicht in Schulmädchenreporte oder andere Sexfilme, sondern in Krimis eingebaut wird, sieht in seinem „Reifezeugnis“ von 1977, dem bis heute wohl berühmtesten Tatort.

„Strandgut“ überschreitet das heute unumgängliche 90 Minuten-Format um eine Viertelstunde, was besonders im Vergleich mit den anderen Tatorten der 1970er, die oft kürzer waren als eineinhalb Stunden, auffällt – und manchmal wirkt das Geschehen auch ein wenig zäh, vor allem, wenn Finke immer wieder befragt, vernimmt, und es geht einfach nicht vorwärts. Wenn man genau hinschaut, lebt auch dieser Tatort, wie so viele, davon, dass der Zufall, hier sind es Zufallszeugen, doch noch den Weg zur Polizei finden, als Finke nicht weiterkommt. Auch ganz ohne Logikschrammen ist das Drehbuch nicht: Dem Spürhund, dem großen Beobachter Finke hätte auffallen dürfen, dass die vorgebliche Schwester von Manuela Borsdorf eine ziemlich auffällig schlecht sitzende Perücke trägt und dieser trotz anderer Schminke verblüffend ähnelt.

Da hätte er mal nachschauen können, ob es sich zum Zwillingsschwestern handelt. Wir waren allerdings auch dem Trick der Regie aufgesessen, der darauf hinauslief, uns glauben zu machen, die deutliche Ähnlichkeit käme eben nur daher, dass dieselbe Schauspielerin beide Figuren darstellt, und nicht durch eine Identitätsübernahme – da haben wir Petersen ein wenig unterschätzt, der vermutlich auf genau diesen Effekt abgezielt hat. Allerdings hätte bei der Untersuchung der Leiche der Schwester festgestellt werden müssen, dass diese u. a. eine falsche Haarfarbe aufwies und dass mit dem bis dahin angenommenen Todeszeitpunkt etwas nicht stimmen konnte. Aber dass dieser Knackpunkt so auffällt, liegt auch daran, wie klar und strukturiert der Film ansonsten ist. Für seine Zeit sehr effektvoll, aber nicht in der Weise wie heute, dass Effekte dazu führen sollen, dass man die kratergroßen Logiklöcher nicht bemerkt, weil man zu sehr mit den Sinneseindrücken befasst ist, die ebenjene Effekte hervorrufen.

So richtig glaubwürdig ist diese Geschichte vom Arzt, der mordet, um seine Freundin zu schützen und sich selbst mit ihr glücklich zu machen, eh nicht, weil die Person, gespielt von Wolfgang Kieling, im Grunde zu dezent und zurückhaltend wirkt. Man kann sich die Idee dahinter vorstellen, wie ein Heiler, ohne moralisch überaus verwerflich rüberzukommen, auf den Trichter kommt, kriminell zu werden. Es ist auch dem ausführlichen Geständnis zu verdanken, das zu filmen nicht leicht war, weil die Figur dabei authentisch wirken muss und der Fokus sehr lange auf sie gerichtet ist. So etwas wirkt oftmals aufgesetzt und das tut es hier nicht.

Die Qualität von Regie und Schauspiel sorgt dafür, dass man am Ende eben doch denkt: Verflixt, da ist jemand aber ganz schön innerlich abgedriftet, so ein Mid-Ager; wie er gehofft hat, dass seine Mitarbeiterin endlich stirbt, damit er den Identitätstausch mit ihrer Schwester ohne Verbrechen (mindestens ohne Kapitalverbrechen) hätte gestalten können, es dann aber immer wieder nicht passiert, sodass er schließlich nachhalf und sich einredete, ihr schwaches Herz hätte dieses Ende ohnehin alsbald mit sich gebracht und er habe ihr möglicherweise sogar Leiden erspart.

Wer weiß, ob die Beziehung zu der jüngeren und ihm im Attraktivitätswert deutlich überlegenen Manuela nicht auch Teil einer Lebenslüge geworden wäre. Der Darsteller von Dr. Kühne, Wolfgang Kieling, war nur elf Jahre älter als Ingeborg Schöner, welche die Manuela gespielt hat, der Abstand wirkt aber eher im Film eher wie der zwischen zwei aufeinander folgenden Generationen. Doch so, wie die Dinge sich dann entwickelten, gibt es ja noch etwas anders: Die Teil-Komplizenschaft, die sich auf den Identitätstausch erstreckte, nicht aber auf die Tatsache, dass Dr. Kühne so kühn war, die Schwester aktiv ins Jenseits zu befördern. Bei der Ablage der Leiche am Strand wird er unterstützt vom Bademeister, der niemand anderes ist als Karl-Heinz von Hassel, später in Hessen als Tatort-Kommissar Brinkmann und in sehr vielen frühen Tatorten in ganz unterschiedlichen Rollen zu sehen. Wir haben ihn zunächst im Abspann entdeckt und dann die Figuren Revue passieren lassen. Klar, es konnte nur der Bademeister gewesen sein, aber eine Spontan-Identifikation der Identität des späteren Ordnungswächters mit Fliege mit demStrandwächter ist uns nicht gelungen.

Ein weiterer Teil des Sittengemäldes, das mit diesem 19. Tatort so liebevoll erstellt wird, sind die Brüder Possky mit dem flotten Fahrstil, der in den 1970ern Ausdruck einer beschleunigten, übermütigen und natürlich riskanteren Lebensführung wurde. Die frühen 1970er waren auch die Jahre mit den meisten Verkehrstoten.

Man steht, wie es intendiert ist, den beiden Erpressertypen sehr ablehnend gegenüber, fragt sich zwischendurch, wie sie solchen Einfluss auf die beiden jungen Frauen ausüben können, macht sich klar, dass das Gesellschaftsbild, das in „Strandgut“ entworfen wird, doch recht konservativ ist, amüsiert sich im Verlauf zunehmend über die beiden Fieslinge, die keine Mörder sind, aber doch welche sein könnten, und dann ist es doch irgendwann so weit, dass man ein wenig genervt ist, weil Finkes Versuche, die Lösung des Falles oder, im Verlauf, der zwei Fälle, bei ihnen zu suchen, nie zu irgendeinem Fortschritt führen. Da fehlt dann doch ein wenig die innere Dynamik, die Zuspitzung, die uns den Glauben erhält, dass die Posskys noch etwas Überraschendes zu bieten haben.

Finale

Wir schreiben in jeder Rezension eines Exemplars früherer Tatortgenerationen, dass sie hervorragende Zeitbilder sind. Doch unterscheidet sie das von den heutigen? Wir meinen zu spüren, dass Regisseure wie Wolfgang Petersen und ihre Drehbuchautoren vom Hauch der Geschichte erfasst waren und vor allem von der Kultur- und Sozialgeschichte eines Landes, das sich so rasch wandelte wie die damals nicht einmal 25jährige Bundesrepublik Deutschland. Das Tempo dieser Entwicklung war atemberaubend und übte auf Filmemacher gewiss eine andere Art von Faszination aus als die heutigen Herausforderungen, die eher von außen an das Land herangetragen werden und die innere Dynamik, die in einem „reiferen“ Staatsgebilde ohnehin abnimmt, einerseits bremsen, andererseits stärken, aber in eine andere Richtung lenken.

Das Fremdgehen auf Ferieninseln als Massenphänomen beim gehobenen Mittelstand und die Freizügigkeit jeder Art, die „Strandgut“ vorführt, die Manipulationen mit neuen Methoden wie der Erpressung durch kompromittierende Fotos, die wenige Jahre zuvor mangels Zeigen von nackter Haut und Geschmuse in der Öffentlichkeit nicht möglich gewesen wären, diese Kombination aus Paparazzi-Attitüde und Detektiv spielen, um Vermögensdelikte zu begehen, das alles ist wunderbar stimmig und ziemlich hintergründig aufeinander bezogen.

Zur vergleichsweise deutlichen Orientierung am Kino gehört bei den Petersen-Tatorten nicht nur das stimmungsvolle Filmen von Locations und Gefühlen, sondern auch die Musik, meist von Klaus Doldinger (der auch die Musik zu Petersens Kino-Erfolg „Das Boot“ geschrieben hat), die alles, was man sieht, gut unterstreicht und die etwas fülliger wirkt als bei anderen Produktionen der Zeit. Die Ironisierung ist aber kaum zu übersehen – was idyllisch wirkt, untermalt durch einschmeichelnde, meist eher kurze Einsprengsel von leichter Musik, so wird uns bald klar, bekommt die Musik verpasst, damit die Zerstörung dieses Eindrucks umso wirkungsvoller ist.

„Strandgut“ ist ein erstklassiger Finke-Tatort. Mit kleineren Schwächen, aber die schaden nicht dem Vergnügen, was auch bedeutet, einen gewissen Bonus für die Gründerväter der Kultreihe Tatort, für ihr Engagement, für ihre damals noch ganz frischen Ideen, den geben wir gerne. Wir erwarten von heutigen Filmen mehr Perfektion, aber von der Bildsprache abgesehen,

Der Hessische Rundfunk, der sich im Moment neben der Pflege der eigenen Tradition ausstrahlungsweise auch einiger besonders alter NDR-Tatorte annimmt trägt schon das Seine dazu bei, um alles etwas moderner wirken zu lassen: Die Filme sind jetzt digitalisiert und ins 16:9-Format übertragen. Für Puristen ein zweischneidiges Schwert, aber die Formatänderung geht erstaunlicherweise nicht damit einher, dass häufig die Köpfe der Darsteller fehlen. Das, was fehlt, könnte auch der Vorliebe des Kameramanns zu Supergroßaufnahmen zu verdanken sein und erzeugt keinen Störeffekt.

Der HR-Kommissar Konrad ist dieses Mal der Kollege von Finke, der ein wenig mitmachen darf, wofür Finkes Assistent eigens wegen einer Befragung nach Frankfurt fliegt und zurück nach Hamburg, von dort mit einer zweimotorigen Propellermaschine nach Sylt. Dass diese Aktion mehr oder weniger überflüssig ist und wirkt, als könne Konrad nicht allein eine Befragung durchführen, ist vielleicht ein Gag, der sich damit verbindet, dass man uns sagen will: Der Überfluss ist auch bei den Methoden der Ermittlung angekommen. Auch die damalige Eigenart der Tatort-Reihe, dass Ermittler anderer Städte einbezogen werden, wird von Petersen auf eine etwas frotzelnde Weise umgesetzt, die aber einmal mehr zeigt, wie man auch Sachfremdes konzepttreu integrieren kann, wenn das Konzept tragfähig ist, das uns hier vor allem davon künden soll, wie die Welt zu Beginn der 1970er buchstäblich abzuheben beginnt.

8/10

© 2020, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Finke – Klaus Schwarzkopf
Assistent Jessner – Wolf Roth
Polizeirat Weber – Georg Eilert
Polizeimeister Janusch – Fritz Hollenbeck
Polizeimeister Ritz – Volker Bogdan
Kommissar Konrad – Klaus Höhne
Bademeister Hannes – Karl-Heinz von Hassel
Dr. Rudolph Kühne – Wolfgang Kieling
Manuela Borsdorf – Ingeborg Schöner
Detlef Kannisser – Reent Reins
Herr Grimpe – Gustav Burmester
Frau Grimpe – Gerda Schöneich
Herr Warrlau – Ulrich Matschoß
Frau Warrlau – Wika Krautz
Helmut Possky – Dieter Kirchlechner
Karli Possky – Rolf-Dieter Zacher
Christa Kassdorf – Heidy Bohlen

Drehbuch – Herbert Lichtenfeld
Regie – Wolfgang Petersen
Kamera – Jörg-Michael Baldenius
Musik – Nils Sustrate

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