Mein Mann Godfrey (My Man Godfrey, USA 1936) #Filmfest 188

Filmfest 188 A

2020-08-14 Filmfest AObdachlosigkeit und Spekulieren auf Crash

Der Wahlberliner republiziert diesen Beitrag, der im Jahr 2017 für das Blog „Rote Sonne 17“ verfasst wurde, anlässlich der chronologischen Vorstellung von Beiträgen aus dem „Internationalen Filmverzeichnis Nr. 8“, das im Jahr 1989 entstanden war – und der damit verbundenen Veröffentlichung archivlagernder neuerer Kritiken zu Filmen aus derselben Produktionsepoche, in diesem Fall aus den 1930ern und mit dem Akzent auf US-Filmen, auch unser „Concept IMDb Top 250 of All Times“ spielt bei der Entscheidung darüber, wann wir eine Rezension zeigen, eine Rolle.

Weil es weiter unten erwähnt wird: „My Man Godfrey“ war für kurze Zeit tatsächlich in dieser Topliste enthalten (2009) und zeigt in der IMDb immer noch eine Durchschnittswertung von 8/10. Eine Medianbewertung von ca. 8,1/10 und mit mindestens 25.000 Bewertungen stellen derzeit die Eintrittskarte für diese Liste dar.

Handlung

Die New Yorker Erbinnen Cornelia und Irene Bullock nehmen an einer extravaganten Party im Waldorf-Ritz Hotel teil. Auf dieser Party wird zu wohltätigen Zwecken eine „Schnitzeljagd“ veranstaltet, bei der unter anderem nach einem „forgotten man“ gesucht werden muss. Die in verschiedenen Teams spielenden Schwestern versuchen beide, den „forgotten man“ auf einer städtischen Müllhalde unter einem der dort lebenden Obdachlosen zu finden, wobei Cornelia zunächst schneller und damit erfolgreicher scheint.

Die beiden treffen auf Godfrey Parke. Der überraschend wohlerzogene Godfrey ist jedoch entsetzt über Cornelias vulgäre Art, ihn mit einem Geldschein zu überreden. Im Gegensatz dazu findet er ihre Schwester Irene sympathisch. Die beiden kommen überein, dass Irene Godfrey als ihren Fund mitbringen kann. So kann Irene die „Schnitzeljagd“ gewinnen, doch Godfrey ist abgestoßen von dem sinnentleerten Lebenswandel der Reichen. Gerade als Godfrey zurück auf die Müllkippe kehren will, bietet ihm Irene einen Job als Butler der Familie Bullock an. 

Weiter zum Inhalt: Wikipedia

Rezension – Anni und Tom über „My Man Godfrey“

Anni: William Powell, der in den „Dünner Mann“-Filmen, in „Ninotschka“ und anderen Werken der 1930er so einen aristokratischen Typ spielt, als … Müllhaldenbewohner. Das hätte Frank Capra nicht besser filmen können, aber der Regisseur heißt  Gregory La Cava und hat, zumindest IMDb-Bewertungen, keinen weiteren annähernd so guten Film gemacht wie „My Man Godfrey“. Die IMDb listet ihn mit 8,1/10 und hätte der Film mehr User, die ihn bewertet haben, wäre er vielleicht unter den berühmten Top 250 aller Zeiten und Länder auf dieser Plattform.

Tom: 90 % der Spielzeit zeigen ihn auch als Butler, der wesentlich mehr Stil hat als seine Arbeitgeber. Das war ein typisches Motiv der 1930er und Widerhall der „Great Depression“, in der die sozialen Gegensätze sehr deutlich zutage traten. Der Börsencrash mit seinen Folgen traf zwar auch viele Wohlhabende und Reiche und die Wirtschaftsleistung der USA sank zu Beginn der 1930er dramatisch, aber natürlich waren es wieder die einfachen Leute, die hauptsächlich die Zeche für den Gigantismus des Jazz-Zeitalters, die Börsen-Spekulationsblase usw. zahlten. Und einige davon hat es auf eine Müllhalde in New York verschlagen.

Anni: Und wenn der Müll abgeladen wird, scheppert es ziemlich, weil er wohl damals überwiegend aus Konservendosen bestand. William Powell und Carole Lombard spielen hinreißend. Da war eine große Vertrautheit, weil sie bis 1933 miteinander verheiratet waren. Das hat auch Stil, danach noch so zusammenarbeiten zu können. Powell hat Lombard sogar in den Film hineingebracht, nachdem andere hochkarätige Schauspielerinnen wie Constance Bennett und Miriam Hopkins im Gespräch waren. Letztere hätte als versierte Lubitsch-Schauspielerin die Rolle wohl auch gepackt, weil sie ein komödiantisches Talent hatte.

Tom: Die sogenannten Screwball-Komödien der 1930er bzw. deren Drehbücher sind aber auch Steilvorlagen für Schauspieler, die Witz haben. Die berühmtesten dieser Filme sind wohl „It Happened One Night“ (1934) mit Clark Gable und Claudette Colbert, der allgemein als Start des Genres angesehen wird, „Bringing Up Baby“ (1938) mit Cary Grant und Katherine Hepburn und „Philadelphia Story“ (1940), ebenfalls mit Grant und Hepburn – und mit James Stewart. Es gibt natürlich noch mehr Filme dieser Art, auch in den 1940ern, z. B. von Preston Sturges, aber wenn man eine historische Vereinfachung vornehmen will, wurden sie von den Films noirs der Kriegs- und Nachkriegszeit abgelöst. Wortreiche und witzige Komödien waren damit aber nicht ausgestorben. Es ist übrigens auffällig, dass der Start des Genres etwa mit der Einführung des Hays Code (1934) zusammenfiel. Die Freizügigkeit und der offen sexuelle Wortschatz in Filmen der frühen 1930er waren damit gebannt, also wurde mehr in Anspielungen und Verschachtelungen gesprochen – und die sozialen Verwerfungen wurden mehr satirisch oder komödiantisch abgehandelt als zu Beginn der 1930er, als die Filme auch härter und direkter waren.

Anni: Ja, ja, der Veredelungsprozess Hollywoods setzte ein. Aber letztlich waren diese FIlme auch nicht mehr so offen – sondern in Wirklichkeit systemaffin. Das kannst du in „My Man Godfrey“  gut sehen, denn am Ende rettet der Butler mit Börsengeschäften die Familie Bullock und ermöglicht es ihr, weiterzumachen wie bisher. Dass Irene sich für einen anderen Weg entscheidet und ihm in den zum Nachtclub-Imperium umgewandelten Müllkippe folgt, ist ja auch eine typische Hollywood-Wendung. Und dass die Müllhaldenbewohner jetzt auch ein florierendes Business betreiben, zeigt schon, dass man 1936 ziemlich optimistisch war, die Krise im System und nicht gegen das System überwinden zu können.

Tom: Der Kommentar zum „Going Short“, also dem Setzen auf fallende Aktien, ist in der Tat tricky. Ich könnte mir auch denken, dass es ironisch gemeint ist, dass jemand damit, dass er auf eine schlechte Entwicklung für ein Unternehmen setzt, genau dieses Unternehmen retten kann und außerdem die Idee ad absurdum führt, dass man nicht mit dem Desaster spekulieren sollte, wenn man es grundsätzlich schon tut. Aber es handelt sich um ein ganz übliches, typisches Element des Finanzkapitalismus, das für viele Zwecke, nicht nur für schlechte, verwendet wird. Auf dieselbe Weise, auf die du am Zusammenkrachen eines Unternehmens verdienen kannst, kannst du auch ein Unternehmen z. B. gegen Währungsschwankungen absichern.

Anni: Nicht das Mittel an sich ist böse, sondern der Zweck, mit dem manche Leute es einsetzen. Trotzdem mir am Ende alles zu sehr in Butter. Glücklicherweise ist das Paar, das sich da findet, wirklich sympathisch, aber dass auch die böse Schwester noch gedreht wird, ich weiß nicht. Der krasse soziale Kommentar zu Beginn, wo Menschen als Objekte für ein fieses Gesellschaftsspiel verwendet werden, schwächt sich immer mehr ab, weil er zunächst auf Einzelpersonen heruntergebrochen und dann in Wohlgefallen aufgelöst wird. So einfach war das aber nicht, in den 1930ern, und natürlich sind solche Filme auch wie „MyMan Godfrey“ kalkulierte Systemstützung, weil eine Selbstheilungskraft des Kapitalismus unterstellt wird. In Wirklichkeit hat sich die Lage nicht dadurch verbessert, dass Leute auf Baisse spekuliert haben, sondern durch Präsident Roosevelts New Deal und weil er mit riesigen Investitionsprogrammen das Land erstmal gerettet hat, bis die Rüstungsindustrie es dann in den 1940ern tat. Weil Amerika in den 1930ern dem Sozialismus so nah war wie nie zuvor oder danach.

Tom: Auch damals wurde die Wirtschaftsordnung nur etwas korrigiert, nicht infrage gestellt. Zu Beginn des Jahrzehnts, mitten im Schock über die Wirtschaftskrise, herrschten düstere Töne oder Nihilismus im Film vor, aber 1936 wirkte auch Hollywood natürlich am großen Versöhnungsprojekt von F. D. Roosevelt, an der Aufbaustimmung mit, die langsam einsetzte – und wenn man es rückwirkend betrachtet, folgte ja wirklich die Periode der Prosperity, in der es den normalen Leuten so gut ging wie nie zuvor. Trotzdem war der Kommentar natürlich in Frank Capras „Mr. Smith Goes to Washington“ (1939), den wir hier schon besprochen haben, der  aus 1939 stammt und wiederum eine Art Remake von „Mr. Deeds Goes to Town“ (1936) darstellt,  umfassender und politischer. Ein so großes Rad dreht aber „My Man Godfrey“ nicht. Technisch ist er übrigens schon sehr schön, zumindest visuell. Da ist auch viel Art Déco drin, und das ist nun einmal ein toller Bau- und Einrichtungsstil. Ich gebe 8,5/10.

Anni: Ich mag den Film und seine Darsteller, aber nicht alles war vor 80 Jahren besser als heute, und die stark vereinfachte und am Ende auch zu systemtreue Darstellung haben mich gestört, deshalb belasse ich es bei 7/10. Womit wir am Ende ja doch fast auf IMDb-Niveau ankommen.

Sollte man den Film gesehen haben? Wenn man etwas über die Zeit der sich langsam ausschleichenden Depression erfahren will und wie die Amerikaner damit umgegangen sind, gehört er sicher zum Kanon.

78/100

© 2020, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Gregory La Cava
Drehbuch Gregory La Cava
Morrie Ryskind
Eric Hatch
Produktion Charles R. Rogers für Universal Studios
Musik Charles Previn
Kamera Ted Tetzlaff
Schnitt Ted J. Kent
Besetzung

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