Märchenwald – Tatort 576 #Crimetime 722 #Tatort #LKA #Hannover #Lindholm #NDR #Märchen #Wald

Crimetime 722 - Titelfoto © NDR, Christine Schröder

Der Euro wird noch in Mark umgerechnet, aber die DDR ist schon ein Waldmärchen

Lange hat’s gedauert, bis wir wieder eine Lindholm-Rezension zu schreiben hatten. Lange hat’s nach unserem Gefühl auch gedauert, bis der Film zu Ende war. Aber man soll nicht die Tendenz zur Mühe mit dem wach bleiben als maßgebliche Bewertungsgrundlage für einen Tatort hernehmen. Kann auch an der Tageszeit oder / und am Wetter gelegen haben. Passt aber gut zum Abendgrau und dem herbstlichen Wald eines Dorfes namens Lengsfeld, das irgendwo zwischen Bad Pyrmont und Hameln liegen muss. Was sonst noch passt oder nicht, steht in der -> Rezension.

Handlung

Ein toter junger Mann im Wald mit einer Kugel im Rücken – irgendwo zwischen Hameln und Bad Pyrmont. Niemand kennt ihn. Der Name, den er seiner Zimmerwirtin gab, ist falsch. Charlotte Lindholm will wissen, ob er ein gesuchter Bankräuber ist, der in dem einsamen Wald von seinen Komplizen umgebracht wurde. Doch sie muss feststellen, dass es dort gar nicht so einsam war. Nicht nur Förster Kupka war im Wald. Ebenso seine kleine Tochter Marie. Und auch der Wilderer Gramisch, ein Feind des Waldbesitzers Freden, war mit seinem Gewehr auf der Pirsch. Die Bewohner des nahe gelegenen Ortes gehen davon aus, dass der Schuss dem Waldbesitzer galt. Gramisch wurde wegen seiner Wilderei von Freden vor die Tür gesetzt.

Wurde der junge Mann also Opfer einer Verwechslung? Freden lässt das alles kalt. Er interessiert sich mehr für die Kellnerin Isabelle, die seit einiger Zeit im Gasthof arbeitet. Neuerdings zeigt er sich oft im Dorf. Und was hat Kupkas kleine Tochter Marie gesehen? Seit dem tödlichen Autounfall ihrer Mutter ist ihre Welt von Engeln und Zwergen bevölkert. Reine Phantasie oder verbirgt sich hier eine wichtige Spur? Ganz irdisch ist jedenfalls die Tatwaffe, die auf dem Hof von Gramisch gefunden wird. Doch mit der Identität des Toten eröffnet sich eine Spur, die in die Vergangenheit weist. Charlotte entblättert eine Tragödie um Liebe, Schuld und Rache, als erneut ein Schuss im Wald fällt.

Rezension

Dies scheint eine Gegend zu sein, die nicht nur auf Rattenfänger, sondern auch Ex-Volkspolizisten und aktuelle Staatssekretäre eine magische Anziehungskraft ausübt. Einsam, aber magnetisch. Und natürlich erstreckt sich diese Wirkung auf Kommissarinnen vom LKA in Hannover, die rasch aus dem Schnarchen kommen und sich dann durch eine im Grunde übersichtliche Dorfszenerie wühlen muss, um den Mord an einem unbekannten Fremden aufzuklären. Dabei geht die Übersichtlichkeit verloren, hingegen findet Charlotte eine Liebe auf Zeit. Unseres Wissens die erste Kommissarinnen-Bettszene, selbstverständlich dezent / andeutungsweise in Szene gesetzt. Besser als diese ist, wie sie vorher ihre Klamotten durchprobiert, diese immer auffälliger werden – und dann verzichtet sie doch auf das Gewagte. Wirkt sehr authentisch, diese gewisse Vorsicht und äußere Reserviertheit.

In diesem Film kontert die Liebesgeschichte nicht ein zu ernstes Thema wie z. B. eine Serie von Kindestötungen, aber trotzdem wirkt sie aufgesetzt und wie für Lindholm konzipiert, um dieser anstatt der Kühle, die sie z. B. gegenüber den Dorfpolizisten zeigt und für die sie allgemein bekannt ist, eine Ambivalenz mitzugeben, sie als heißkaltes Zwitterwesen zu inszenieren: große dienstlicher Effizienz, gepaart mit Abstinenz gegenüber langfristigen Bindungen und der Möglichkeit, kurzfristig Emotionen zu zeigen. Okay, das ging nicht ganz schief. Aber notwendig war es in dieser Handlung auch nicht, zumal auch Freund Martin Felser im Ort auftaucht und etwas Unruhe stiftet, indem er so sehr unruhig wegen der platonisch geliebten, gleichwohl als abtrünnig empfundenen Charlotte ist.

Was uns gut gefallen hat: Dass DDR-Geschichte ohne politische Stellungnahmen seitens der ermittelnden Kommissarin und ohne zu offensichtliche Bewertung der damaligen Verstrickungen dargeboten wird, in welche sich Volkspolizisten verschiedener Alters- und Erfahrungsstufen begeben haben, die an der für manchen Flüchtling tödlichen deutsch-deutschen Grenze Dienst taten. Ein intelligentes Drehbuch, das schrittweise den Osten in die westdeutsche Provinz einträufeln lässt. Nicht sehr glaubwürdig, was die Auflösung und die Motive angeht, ein wenig zu verworren und verwirrend, aber konzeptionell interessant.

Charlotte Lindholm geht die Menschen hin und wieder etwas herrisch an, besonders den horoskopverliebten Dorfpolizisten, der eigentlich ein sympathischer und, das wird sie ja wohl spüren, viel zu ungefährlicher Typ ist, als dass sie ihn immer so deckeln müsste. Nun wohl, wir haben uns an diese Art gewöhnt und wir müssen die Frau dienstlich nicht aushalten und sind auch nicht Martin Felser, der sie platonisch anschmachtet und das noch viele Tatort-Episoden weiterhin tun wird. Ihre Ermittlungen führt sie aber ruhig und von einer den Gang der Dinge nicht störenden Affäre abgesehen konzentriert. Am Ende verliert sie einen Mörder aus der Hand und ist gezwungen, sich an eine Mörderin zu halten, die aus der Kategorie: „Ach wie schade, ausgerechnet, so’n Jammer!“ stammt, welche in Tatorten viel häufiger als im wirklichen Leben vorkommt.

Es ist immer schade, wenn jemand sich zu Gewalttaten hinreißen lässt, der so im Schatten des Gestern und einer hohen Mauer steht und dessen Motive so verständlich sein können. Solches Verständnis  kommt leider selten auf, wenn man in Berlin lebt und mitbekommt, wie Menschen im Bereich öffentlicher Verkehrsmittel zu Tode getreten werden, nur weil ein paar Jungs schlechte Laune hatten. Wir sind gespannt, ob die Tatorte, in denen die Täter häufig so sensibel motiviert sind, sich an so richtig böse, dumpfe Gewalt mal herantrauen werden, die nicht aus der schlimmen und vagen Vergangenheit erzeugt wird und großes Verhängnis in sich trägt, sondern – gar nichts. Einfach nichts, was entschuldigen oder rechtfertigen oder milde stimmen könnte. (Anmerkung: Das haben sie mittlerweile dankenswerterweise getan, siehe „Gegen den Kopf“).

„Märchenwald“ hat trotz seiner einfachen Settings und Figuren etwas Artifizielles. Die Bildgestaltung lässt keinen Unterschied zu den ruhigeren, etwas konventioneller gefilmten neueren Lindholm-Fällen erkennen, alles ist unauffällig, aber hat den satten Glanz, den die Hannover-Tatorte häufig aufweisen, ohne dass die Farbe so extrem reduziert wirkt wie in anderen Filmen dieser Schiene. Sie ist es aber, und wir hatten stellenweise das Bedürfnis, die Bildschirmhelligkeit anzuheben, mit der wir uns nach dem Kauf des aktuellen Fernsehgerätes lange auseinandersetzen mussten, bis wir es soweit war, dass wir nicht bei fast jedem Film korrigieren mussten.

Finale

Die Geschichte der beiden Volkspolizisten Freden und Kupka, deren schicksalhafte Verbindung miteinander und mit Menschen, auf die sie einst an der innerdeutschen Grenze zu schießen hatten, ist in einem Tatort generell gut untergebracht, wenn alles, was einst geschah, genug Drive hatte, um bis lange nach der Wende Wirkung zu entfalten, hier sind es ca. 15 Jahre, da „Märchenwald“ in 2004 gedreht wurde. Und doch ist etwas davon mittlerweile verschwunden ins Reich der Vergangenheit und vielleicht auch ins Reich der Märchen. Dass man dieses Empfinden nicht los wird, hat damit zu tun, dass der Plot zwar – siehe oben – interessant ist, aber auch sehr konstruiert wirkt. Wie bei vielen Tatorten, in denen Ereignisse out of the Past hochkochen, wird vor allem eine Frage nicht beantwortet: Warum gerade jetzt?

Was war das auslösende Moment, das dazu geführt hat, dass das Geschwisterpaar Molitor oder C(o)uvier (geschrieben wie frz. gesprochen) jetzt ins Dorf Lengsfeld kam`? Dass die beiden sich um die beiden ehemaligen Grenzpolizisten kümmerten, von denen einer sich einen Märchenwald gekauft hat und eben Glück gehabt hat, dass er sich sowas aufbauen konnte, während der viel jüngere Kupka, schon an der Grenze vom älteren Kollegen abhängig und wohl auch weisungsgebunden, ihm auch in Lengsfeld wieder dient? Bei genauer Betrachtung sind die beiden vormaligen Grenzer trotz der gemeinsamen Schuld an den Todefällen nicht untrennbar miteinander verbunden, aber es gibt ja auch sowas wie emotionale Abhängigkeit, die nicht auf klaren ökonomischen oder gar sexuellen Tatbeständen beruht.

Manchmal ist es so, dass man zu einem Tatort keinen emotionalen Zugang findet, während andere sich dafür begeistern können. Wir haben bei „Märchenwald“ keine exorbitanten Mängel oder gar Aufreger festgestellt, aber auch nichts, was uns hätte schwärmen lassen – abgesehen von der kleinen Rolle einer Gelegenheitszimmerwirtin, die auf ihre Weise grandios ausgespielt ist. Weil da so ein Gefühl von lau übrig bleibt, trotz einer ziemlich hochtourigen Schlussszene, kommen wir bei der Bewertung nicht über 6,5/10 hinaus. Vielleicht ist das einer der Tatorte, die wir nochmal anschauen müssen, damit uns ein gewisser, spröder Charme mehr einfangen kann.

© 2020, 2012-2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Maria Furtwängler … Charlotte Lindholm
Hannes Jaenicke … Tobias Endres
Ingo Naujoks … Martin Felser
Charly Hübner … Karl Mertens
Hildegard Schmahl … Babett Markowitch
Janek Rieke … Herbert Kupka
Kathrin Kühnel … Isabelle
Michael Wittenborn … Werner Freden
Kathrin Ackermann … Annemarie Lindholm
Davina Schmid … Marie KupkaMusik – Johannes Kobilke

Kamera – Markus Hausen
Regie – Christiane Balthasar
Buch – Martina Mouchot
Buch – Orkun Ertener

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