Schwelbrand – Polizeiruf 110 Episode 171 #Crimetime 724 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Saalfeld #Beck #Markwardt #MDR #Schwelbrand

Crimetime 724 - Titelfoto © MDR

Der Kommissar und der Mann, der Kommissar sein wollte

Die Polizeirufe sind eine Wintertüte … Wundertüte, das gilt nach sieben Monaten Beschäftigung mit ihnen und jetzt, wo es auf den Winter zugeht, immer noch. In „Schwelbrand“ erfahren wir, dsss Til Schweiger lange vor seinen berüchtigten Tatort-Auftritten als Nick Tschiller schon einmal einen Cop gespielt hat. Und was für einen. Wir haben etwas weitergeforscht und festgestellt, dass er gleichzeitig in der Hannelore-Elsner-Reihe „Die Kommissarin“ üben konnte, wie man das gut macht. Hat er es in „Schwelbrand“ gut gemacht und warum unsere Überschrift? Das und mehr klären wir in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

In der Kleinstadt Saalfeld in Thüringen ereignet sich der dritte Brand in kurzer Zeit. Wieder fand die Brandstiftung mittels „Russensprit“ statt, durch die unter anderem ein denkmalgeschütztes Backhaus zerstört wurde. Das Grundstück mit dem Backhaus gehört Grabowski, dem Schwiegervater von Kommissar Martin Markwardt. Markwardt beginnt im Fall zu ermitteln. Er hat finanzielle Sorgen, hat er sich mit seiner Frau Elke doch ein Haus gebaut und große Probleme, die fälligen Raten an die Bank zu zahlen. Es frustriert ihn, dass die aktuellen Zahlungsrückstände durch seine Frau beglichen wurden, die das Geld von Grabowski erhielt. Dieser war stets gegen eine Heirat seiner Tochter und hält Markwardt für unfähig. Markwardt erfährt zufällig, dass Grabowski das Grundstück mit der Backhaus-Ruine kurz nach dem Brand für Millionen an den Investor Sanora verkauft hat, der das Land zwingend für den Bau eines Klinikums benötigte, das denkmalgeschützte Backhaus jedoch einem Kauf im Wege stand. Markwardt beginnt, gegen seinen Schwiegervater zu ermitteln. Er nimmt auf dessen Schrottplatz eine Benzinprobe aus einem der dort lagernden Fässer und lässt sie untersuchen. Kurz darauf brennt es im Gasthaus Friedrichstal, während Grabowski und seine Jägerkumpane dort einen Stammtisch haben. Grabowski bemerkt den Brand als erster und kann in letzter Sekunde den im Haus ruhenden Lehmann retten, der wegen Krankheit auf seinem Zimmer geblieben war. Lehmann kommt schwerverletzt ins Krankenhaus.

Markwardt verdächtigt die beiden Straßenmusiker Andi und Gerold, in Grabowskis Auftrag die Brände gelegt zu haben, hat die Untersuchung doch ergeben, dass das für die Brände genutzte Benzin vom Schrottplatz stammt. Beide geben an, zur Brandzeit in Erfurt gewesen zu sein. Markwardt erhält von seinem Schwiegervater ein Geständnis, dass er die Brände gelegt hat. Elke jedoch fleht ihn an, ihren Vater zu decken, da sonst ihr Leben zerstört sei. Grabowski wiederum bietet dem Paar 500.000 Mark Schweigegeld, das Elke anlegt und das Markwardt daher nicht zurückgeben kann. Grabowski frohlockt, da sich Markwardt nun der Bestechlichkeit und Beweismittelzurückhaltung schuldig gemacht habe, beide also nun in einem Boot säßen.

Lehmann stirbt im Krankenhaus, weswegen Kriminalhauptkommissar Beck die Ermittlungen übertragen bekommt. Beck beginnt bei seinen Ermittlungen bei Null, verschweigt Markwardt doch sämtliche bisherigen Erkenntnisse. Grabowski will unterdessen Zeugen mundtot machen und zündet eine Baracke an, in der Straßenmusiker Andi mit seinem Hund schläft. Andi kann fliehen, wird jedoch als möglicher Brandstifter verhaftet. Markwardt vergisst sich beim Verhör Andis, sodass Beck ihn von der Befragung ausschließt. Andi muss weiterhin als verdächtig in der Stadt bleiben. Beck forscht weiter und gelangt dabei auch ins Grundbuchamt, wo er auf Grabowskis Verkaufsakte stoßen muss. Markwardt sucht daher Andi auf und bietet ihm 20.000 Mark, wenn er sich als Brandstifter ausgebe und damit Grabowski decke. Andi lehnt ab und wird von Markwardt geschlagen.

Beck und Helga Köster vom Grundbuchamt gehen zusammen ins Gasthaus Friedrichstal, wo Beck rekonstruiert, dass Grabowski von seinem damaligen Platz das Feuer bei Lehmann gar nicht sehen konnte, er daher der Brandstifter sein muss. Auf dem Weg zu Grabowski kommen Beck und der frisch von seinem Hund gebissene Markwardt zu einem neuen Brandfall. Diesmal wurde ein Schuppen angezündet; im Inneren finden sich die Leichen von Andi und seinem Hund. Die Obduktion ergibt, dass Andi bereits vor dem Brand tot war und Opfer einer Prügelei wurde. Auch die sonstigen Merkmale stimmen nicht mit den Bränden des bisherigen Serientäters überein. Weil Markwardt mit dem tatverdächtigen Grabowski verwandt ist und sich auf seinem Schreibtisch Akten finden, die den Fall hätten voranbringen können, zieht Beck ihn vom Fall ab. Markwardts Mitarbeiter Wiesner informiert ihn heimlich, dass ein Haftbefehl gegen Grabowski vorliege. Markwardt sucht seinen Schwiegervater auf und erschießt ihn. Mit einer seiner Jagdflinten feuert er einen zweiten Schuss ab, drückt sie dem Toten in die Hand und behauptet vor Beck, in Notwehr gehandelt zu haben, da Grabowski ihn bei der Ankunft habe erschießen wollen. Beck bemerkt jedoch, dass in Markwardts Waffe eine zweite Kugel fehlt. Er lässt Andis Hund obduzieren, der nach dem Brand ebenfalls tot war; mit dem Ergebnis, dass er mit einer Kugel aus Markwardts Waffe erschossen wurde, nachdem der Hund ihn zuvor gebissen hatte. Erst die Konfrontation mit Elke, die ihren Mann um ein Geständnis bittet, da Grabowski am Abend von Andis Tod bei ihr war, bringt Markwardt zu einem Geständnis: wie er Andi bestechen wollte, der ablehnte und über ihn lachte und er ihn daraufhin zu Tode prügelte. Auch die Ermordung Grabowskis gesteht Markwardt nun.

Rezension

Allein die Tatsache, dass Schweiger hier nicht Rambo im deutschen Kleinformat kopiert, sondern Natalie vom Babystrich ihn ziemlich im Griff hat, wirkt fast kathartisch. Und am Ende muss er ganz schön heulen, weil er ja den Tod eines Handlungsreisenden in Sachen Musik nicht wollte und überhaupt alles ganz, ganz schief lief. Der Mann, der Kommissar sein wollte und am Job scheiterte, das ist Til Schweiger als junger Kommissar Markwardt. Der Kommissar, das ist Beck, gespielt von Günter Naumann. Neben Peter Borgelt für uns der beste Polizeiruf-Kommissar, der noch in der DDR-Zeit angefangen hat zu ermitteln – allerdings viel später als Borgelt. Er hatte 1990 in „Das Duell“ die sehr schwierige Aufgabe, die Wende zu für den Zuschauer zu kommentieren und zu durchleiden. Aus der SIcht eines Kriminalers, der bei der Volkspollizei gearbeitet hat. Am Ende kam nicht, wie einige schrieben, eine Reinwaschung heraus, sondern ein Bild, das durchaus differenziert und durch Becks Spiel sehr authentisch wirkt. Diese Authentizität, die wir trotz allen Bemühens bei Til Schweiger weniger feststellen konnten, hilft Beck auch in „Schwelbrand“, ab dem Moment seines ersten Auftritts einen ziemlich seltsamen Film zusammenzuhalten. Er wirkt nicht ganz so knochig wie in früheren Auftritten, aber er bringt den Fall schnell zur Lösung.

Plotseitig ist „Schwelbrand“ allerdings ein Howcatchem, bei dem von vornherein klar ist: Was die Saalfelder da machen, kann nicht funktionieren. Ein Gebäude nach dem anderen abzufackeln, damit die Grundstücke für die neue Großklinik „baufrei“ werden – sowas kann ein- oder zweimal funktionieren – vielleicht. Aber sicher nicht viermal. Und dann immer dieses immer gleiche Russenbenzin. Kein Wunder, dass Til Schweiger Mühe hat, sowohl die Mangelhaftigkeit seiner eigenen Ermittlungen wie auch seine Ausreden einigermaßen so rüberzubringen, dass Beck ihn nicht schon nach fünf Minuten verhaftet.

Die Tageszeitung befand, dass sich der Krimi „gemächlich [entwickelte], eben wie ein ‚Schwelbrand‘“, jedoch wie andere Polizeirufe vor ihm ebenfalls einen Hang zu „mal mehr, mal weniger sympathische[m] Dilettantismus“ habe. Vor allem Anne-Sophie Briests Spiel sei „herausragend schlecht“, während Til Schweiger „den kleinen Polizisten sehr überzeugend als Trottel in der Liebesfalle“ spiele.[4] „Der junge Til besteht die Feuerprobe“, schrieb auch die TV Spielfilm.[5]

Ein bisschen mehr Gnade für Anne-Sophie Briest – sie fällt zwar nicht durch übrragendes Spiel auf, aber schlechter als viele andere Episodendarsteller*innen ist sie auch nicht, nach ihrem großen Erfolg als Prostituierte Nathalie. Ihr kindliches Gesicht machte diesen Kinoeinsatz möglich, sie war aber schon 20 Jahre alt, als sie in dem damals Aufsehen erregenden Straßenstrichfilm die Titelrolle spielte.

Plottechnisch gesehen gibt es in dem Film tatsächlich einiges an Dilettantismus zu verkraften, aber gut eingefangen ist die Ausweglosigkeit junger Menschen, die sich nicht von manipulativ einflussnehmenden Personen befreien können – durch Weggehen. Wer sich nicht lösen kann, löst eine Katastrophe auf, das ist die Prämisse. Besonders in einem kleinen Dorf im thüringischen Hinterland, in dem natürlich jeder jeden kennt und alle an einem Strang ziehen müssen, um die einzige Chance auf Wohlstand, den kapitalistischen Investor, in ebenjenes Dorf hineinzuziehen. Hier eine private Großklinik, die als Modell zu sehen ist. Nach dem Skandal um die Brände und zwei unnatürliche Tode wird der Investor wohl davon Abstand genommen haben, Saalfeld mit vielen neuen Arbeitsplätzen auszustatten. Sehr interessant, dass man für das insgesamt furchtbare Szenario des FIlms, das nicht nur einen Blick auf einzelne Personen wirft, sondern auf eine Dorfgemeinschaft, eine real existierende Kleinstadt genommen hat, anstat wenigstens den Namen zu fiktionalisieren. Aber das haben wir schön häufiger gesehen und noch häufiger das Lied vom Osten, der sich von Investoren abhängig macht und dabei in arge Schwierigkeiten kommt. Dieses Mal bekommt der Gesundheitswirtschaftsbetrieb aber kein Eigenleben zugestanden, er ist nur eine Projektion der Sehnsüchte vom Reichtum. Allerdings fanden wir Dorfensembles schon prägnanter dargestellt als in „Schwelbrand“.

Das reale Saalfeld hatte in der Tat einen Einwohnerrückgang von 1995 bis vor Kurzem zu verzeichnen, ist mit damals 33.000, heute 27.000 Einwohnern aber um einiges größer, als es im Film wirkt. Bei der Kommunalwahl 2014 erhielt die CDU 32,5 Prozent der Stimmen, die AfD wurde mit 17,2 Prozent zweitstärkste Kraft. In wenigen Wochen wird in Thüringen ein neuer Landtag gewählt, gleichzeitig finden die Kommunalwahlen statt. Wir prognostizieren, dass die AfD in Saalfeld gegenüber 2014 keine Stimmenanteile verlieren wird. Einer von den 17,2 Prozent wird vermutlich der böse, böse Grabowski, der Vater von Markwardts Frau gewesen sein, der alle diese Taten zu verantworten hat,die wir in „Schwelbrand“ sehen – der sie begangen oder ausgelöst hat. Gerd Preusche macht seine Sache wieder ziemlich gut, für uns ist er darstellerisch die Nr. 2 nach Beck, in diesem Film. Er muss aufgrund des wilden Plots zwar chargieren, wie die anderen, um die kurve zum irren Ansiedlungsfanatiker zu kriegen, der dafür buchstäblich über Leichen geht. Besonders unheimlich wirkt das Verhältnis zwischen ihm und dem Schwiegersohn, das fast in jeder Szene, in der die beiden interagieren, eine andere Tonlage hat und auch innerhalb der Szenen häufig Veränderungen erfährt. Das mag auf eine gewisse Weise realistisch sein, wenn Menschen nicht miteinander  und nicht ohneeinander können, aber es schafft keine filmische Verdichtung.

Finale

So langsam fanden wir die Entwicklung der Brandkatastrophe gar nicht, wie es in der taz zu lesen ist. Das lag aber wohl auch daran, dass wir keine zeitgenössischen Kritiker sind und die große Karriere von Til Schweiger mitdenken, wenn wir einen Film, in welchem er auftritt, beschreiben. Zu sehen, wie er vier Jahre nach seinem Instant-Durchbruch mit „Manta, Manta“ einen jungen Polizisten mimt, der von Beginn an nichts als Fehler macht, ist nun einmal faszinierend, daran führt nichts vorbei. Der Schwelbrand ist die kollusive Familienkonstellation, in die seine Figur eingeflochten ist, und der Schwelbrand kommt hier zum Ausbruch und manifestiert sich in tatbestandlichen Brandstiftungen.

Kommissar Beck macht dieses schwüle Drama erträglich, aber da sein Einsatz relativ spät beginnt, ist man bis zu seinem Auftritt schon ein wenig angefasst und möchte am liebsten schreien: Leute haut ab, dieser Vater Grabowski mit dem Wildsau-Aufkleber auf seinem Lada Niva ist ein Riesenarsch, was macht ihr noch hier? Euch gehört die Zukunft. Wenn ihr sie wollt. Tja. Das war wohl nix. Immerhin hatte Til Schweiger eine große Zukunft als Schauspieler und auch eine als Regisseur und Produzent und beglückt uns bis heute mit seiner Präsenz oder der Arbeit hinter der Kamera und auf der finanzierenden Seite.

6/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Petra Haffter
Drehbuch Michaela Bach
Jörg Schade
Produktion Karl-Heinz Staamann
Musik Stefan Warmuth
Kamera Jürgen Heimlich
Schnitt Inge Schneider
Nicola Undritz
Besetzung

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