Requiem – Tatort 607 #Crimetime 725 #Tatort #Bremen #Lürsen #Stedefreund #RB #Requiem

Crimetime 725 - Titelfoto © RB, Jörg Landsberg

Vorwort 2020 Heute möchten wir wieder ein „Original“ zeigen. Eine Rezension, wie sie, in diesem Falle im August 2011, für den „ersten“ Wahlberliner geschrieben wurde, ohne inhaltlische oder stilisische Anpassungen. Damals trug diese Kritik eines Bremen-Tatorts die Nummer 76 in der TatortAnthologie, damals hatten wir ca. 5 Monate Rezensionserfahrung mit der Reihe „Tatort“. Dass wir mittlerweile mit neuen und wiederveröffentlichten Artikeln bei „Crimetime 725“ angekommen sind, inklusive Rezensionen zu „Babylon Berlin“ und der Tatort-Parallelreihe „Polizeiruf 110“, sagt etwas über die seitdem gewonnene Erfahrung aus.

Ganz sicher ist „Requiem“ nicht der verrückteste Tatort der Jahre 2000 bis 2020. In den letzten Jahren sind einige sehr ungewöhnliche Filme hinzugekommen, auch andere Aussagen, die sich auf die Einordnung des Films ins Tatortumfeld beziehen, würden wir heute teilweise anders vornehmen.

Unsere Prognose: Sofern das Publikum sich nicht komplett abwendet, wird die Tendenz zum Neues wagen anhalten. Die ARD hat zwar kundgetan, nur zwei „Experimentaltatorte“ pro Jahr machen zu wollen, aber das wären lediglich etwas mehr als 5 Prozent der neuen Filme – was sagen die Sender dazu? Und wie verschiebt sich die Definition, wenn auch der Durchschnittstatort, gemessen, sagen wir mal, an den Filmen vor 15 Jahren oder auch aus unserem Startjahr 2011, immer schräger wird? Nun aber zum Originaltext:

I. Kurzkritik

Wir verraten jetzt, sechs Jahre nach dem Dreh, was wirklich hinter der Tatorfolge 607 namens „Requiem“ steckt: Radio Bremen hat sich fest vorgenommen, beim geheimen ARD-Dauerwettbewerb „Wer dreht den verrücktesten Tatort aller Zeiten?“ den großen Preis für die Jahre 2000 bis 2020 zu gewinnen.

Anders lässt sich „Requiem“ nicht ansatzweise erklären. Wir sind nicht die ersten, die gemerkt haben, dass der Gerichtsmediziner Lohmann dem Gert Fröbe nachgebildet ist, wie er den größenwahnsinnigen „Goldfinger“ gespielt hat (oder auch den Kommissar, der Lohmann nachgebildet ist und Dr. Mabuse jagt, Trotzdem-Anmerkung 2020). Das hat Witz, wenn man es einzeln betrachtet.

Die Dekors hingegen haben verchiedene US-amerikanische Vorbilder, von 2001 bis zu modernen Serien ist von allem ein wenig dabei. Galaktisch wie das Space-Center, in dem die überwiegende Handlung sich zuträgt, ist auch die Übertreibung des Plots und jeder einzelnen Aktion, besonders zum Ende hin.

Zwei wesentliche Fragen bleiben, nachdem man konstatieren muss, dass sowohl der Plot ebenso vollkommen unglaubwürdig ist wie die Charakterzeichnung des Lohmann. Ist der Film spannend und darf man Tatortmaßstäbe anlegen?

Wir fanden ihn gar nicht so spannend, weil er Suspense durch einen Thrill ersetzt, der erheblich unter der Vorhersehbarkeit des Endes leidet und man die ganze Zeit über mehr staunt und sich wundert, als dass man echt mitgerissen wäre. Und, ja, natürlich darf man an einen Tatort Tatortmaßstäbe anlegen. So betrachtet, kann man „Requiem“ nicht ernst nehmen und wir tun’s auch nicht.

II. Handlung, Besetzung, Stab

Es beginnt wie ein normaler Kriminalfall. Die Leiche eines Geschäftsmannes wird gefunden. Sein Bruder und Mitgesellschafter ist verdächtig und wird durch die Spuren eindeutig als Täter identifiziert. Nur Inga Lürsen glaubt nicht an seine Schuld.

Sie bohrt weiter und bringt damit nicht nur sich, sondern auch die Menschen um sich herum in tödliche Gefahr. Plötzlich muss sie um das Leben ihrer Tochter Helen kämpfen. Beide werden gekidnappt, und es sieht nicht so aus, als hätten sie eine Chance, der Falle, in die sie geraten sind, lebend zu entkommen. Ihr Kollege Stedefreund wird kalt gestellt, als er ihr helfen will, und vom Dienst suspendiert. Viel zu spät bemerkt Inga Lürsen, dass sie Teil eines teuflischen Spiels geworden ist, aus dem sie sich nur befreien kann, wenn sie sich anders verhält, als man es von ihr erwartet.

Hauptkommissarin Inga Lürsen – Sabine Postel
Kommissar Stedefreund – Oliver Mommsen
Helen Reinders, Ingas Tochter – Camilla Renschke
Karlsen, Kriminalassistent – Winfried Hammelmann
Kriminalrat Letzow – Dietmar König
Ludwig Walberg – Thomas Limpinsel
Gerd Walberg – Wolfram Koch
Martin Lohmann – Thomas Thieme
Silke – Oona Devi Liebich 
Charly (Karl Weber) – Charly Hübner
Sven – Dirk Laasch
Chef des Sicherheitsdienstes – Sebastian Faust
Polizeiarzt – Martin Ontrop
Leiter Telefondienststelle – Jörg Pose
Alte Frau – Hannelore Lübeck

Buch – Thorsten Näter
Regie – Thorsten Näter
Kamera – Achim Hasse
Kostüm – Astrid Karras
Szenenbild – Dietmar Linke
Schnitt – Elke Schloo

(Handlung: DAS ERSTE, Besetzung, Stab: TATORT-FUNDUS)

III. Rezension

  1. Das 16:9-Format kann schädlich sein

Denn es reizt offenbar dazu, großen Filmen nachzueifern, das nur als Breitwandkino richtig wirken. Hier sind gleich mehrere James-Bond-Filme verwertet worden, um einen besonderen Tatort zu inszenieren, am auffälligsten „Goldfinger“ (1964), dessen Titel- und Negativfigur von Gert Fröbe grandios gespielt wurde. Bedauerlich, dass es bei dem einen Auftritt blieb. Dieser Mann ging über Leichen, um an die Goldbestände von Fort Knox heranzukommen. Das machte 1964 auch Sinn, denn es galt noch der Goldstandard.

Im Jahr 2005 will ein in Serie mordender Gerichtsmediziner namens Lohmann (Thomas Thieme) sich ebenfalls durch Manipulation bereichern – und damit ist plötzlich neben dem Ruhm, den er für seine Taten in durchaus goldfingermäßig-eitler Manier ernten will, ein banales, materielles Motiv gegeben.

Zum Ende hin werden Handlung und Figuren immer unglaubwürdiger, leider trifft das vor allem auf Lohmann zu, der in der technisch zweifelhaften und angesichts seiner anfänglich glaubhaften Intelligenz unvorstellbaren, beinahe 15 Minuten dauernden Action-Schlusssequenz immer lächerlicher wird – im Verein mit Inga Lürsen (Sabine Postel). Eigentlich geben sie beide formidable Darstellungen ab, die Kommissarin und ihr Gegenspieler, aber nur unter der Prämisse, dass man das Ganze nicht für den real McCoy nimmt, was man hier – in zwei Szenen wörtlich – aufgetischt bekommt.

Die Logik darf man erst gar nicht ins Spiel bringen, sonst verzweifelt man alle zehn Minuten, wenn man sich „Requiem“ anschaut, aber die hat man hier wohl so bewusst außen vor gelassen wie noch bei keinem der Tatorte, die wir bisher zu rezensieren hatten. Und das ist, man muss es leider sagen, zwar nicht viel anders als bei mancher US-Fernsehserie, wohl aber anders als beim Bond-Vorbild.

Realistisch sind diese Filme auch nicht, aber sie folgen einer inneren Logik des Verbrechens und des Verbrechers, dem der Agent 007 hinterherjagt, die in „Requiem“ schon deshalb nicht erzielt werden kann, weil Lohmann sich viel zu sehr auf Lürsen einlässt. Aus den Händen eines großen Verbrechers kann man sich vielleicht mit besonderen Heldentaten befreien und ihn sogar stellen und vernichten, aber man analysiert nicht dessen traumatische Kindheitserlebnisse. Wenn schon, denn schon, nicht solch ein gruseliger Mix zwischen Möchtegern-Agententhriller und Möchtegern-Psychokrimi.

Wenn wir bloß die Gewissheit und nicht nur den Verdacht hätten, dass Radio Bremen uns alle mit diesem Tatort hochnehmen wollte, dann würden wir uns bei dieser Rezension viel kürzer fassen.

  1. Beim Bremer Tatort mit Kommissarin Lürsen fällt’s nicht so auf

Wäre dieser Tatort in München entstanden, würden wir uns fragen, ob man einmal, nur einmal, völlig freidrehen und dann zum Alltag zurückkehren wollte,  obwohl – seit wir „Wir sind die Guten“ rezensiert haben, sind wir uns bei den Bayern auch nicht mehr sicher, ob sie nicht hin und wieder einen Schluck zu viel aus der Pulle nehmen. Aber ein kleiner Sender wie Radio Bremen, der kann sich generell wohl andere Dinge erlauben als einer, der ein großes Budget verantwortet und eine vergleichsweise große Seriositätsvermutung mit sich herumschleppt.

Anders ist auch eine Kommissarinnenfigur wie Inga Lürsen nicht zu erkläen, die so gnadenlos überagiert, dass man bei jedem Tatort das Gefühl hat, jetzt könnte es um sie geschehen sein und sie dreht durch.

Das Seltsame ist – zum Plot von „Requiem“ passt die Art, wie die Figur angelegt ist. Nein, im Grunde ist es nicht seltsam – durchgeknallter Kollege trifft durchgeknallte Kommissarin, zusammen ergibt das eine durchgeknallte Handlung – und damit entsteht so etwas wie eine Harmonie des Schrägen. Was bei aller Liebe zun Trash trotzden ägerlich ist, das ist die mangelnde Eindeutigkeit. Ist das nun eine Parodie oder nicht?

Wenn ja, dann hätte man die Mutter-Tochter-Beziehung rauslassen müssen. Die Emotionen gehen sowieso komplett in diesem farbenprächtigen Spektakel unter, nur das nervende Geplänkel zwischen den beiden nervt wie üblich. Stedefreund, (Oliver Mommsen), der Co-Ermittler von Inga Lürsen, kommt anfangs daher wie ein Berserker und verhilft mit seinen Vernehmungmethoden einem Tatverdächtigen, der sich als vollkommen unschuldig erweist, zu einem tödlichen Herzinfarkt.

  1. Der Titel

Das Wort „Requiem“ hat mehrere Bedeutungen, im engsten Sinn meint es die Totenmesse; hier diejenige, die für Inga Lürsen schon nach weniger als 20 Minuten Tatort-Spielzeit gelesen wird, womit klar ist, dass sie nicht wirklich verstorben sein kann. Vielleicht meint es aber auch noch etwas anderes, nämlich den Abgesang auf jedwede halbwegs vernünftige Tatort-Konstruktion, den lustigen Bremer Stadtmusikanten, die diesen Tatort fabriziert haben, trauen wir eine solche Deutungsabsicht zu. Ganz sicher aber soll der Begriff auch darauf hindeuten, dass die Kinomythen der großen Verbrecher hier zur Strecke gebracht werden. Hätten bloß alle ihrer Wiedersacher begriffen, dass man sie in analytische Gespräche über ihre Kindheit verwickeln kann, um ihre sprengstoffgeladenen Versuchsanordnungen in aller Ruhe zu entschärfen, dann hätte manch großer Showdown der Filmgeschicht nicht stattgefunden.

Wir stehen auf gute Dialoge – und wenn es die in einem Film gibt, dann drücken wir zum Beispiel bei der Plotlogik schonmal ein Auge zu. Aber in Requiem sind die Gespräche zwischen Lohmann und Lürsen auf eine so brutale Weise platt und klischeehaft, dass der Film dadurch nicht aufgewertet wird. Das liegt nicht an den einzelnen Sätzen oder daran, dass die Schauspieler schlecht wären, vor allem Lohmann hat zeitweise tatsächlich etwas von einem Bond-Verbrecher, sondern an der Interaktion. Aufeinander bezogen,  minimieren die Sätze der beiden den Effekt, weil sie zu beliebig wirken. Außerdem wird gerade während der Schlusszenen zu viel gesprochen.

  1. Eine Idee für die Zukunft

Gut möglich, dass wir künftig Tatorte sozusagen im Liveticker behandeln und darauf die Rezension aufbauen – allerdings würde das bei „Requiem“ erfordern, dass man eben doch aufzeichnet und beim späteren Anschauen dann immer wieder mal stoppt, weil man mit dem Abhandeln der unlogischen oder unglaubwürdigen Stellen gar nicht nachkäme, wenn man sie, wie die spannenden Momente eines Fußballspiels, direkt ins Netz geben wollte. Dazu sind es in „Requiem“ einfach zu viele. Trotzdem könnte mit einer journalistischen Variante, die wir vorerst mangels Idee für eine griffigere Bezeichnung als  „Direktkommentar“ bezeichnen wollen, mancher Film wie „Requiem“ in Form von Spontaneindrücken genauso skurril beschrieben werden, wie er auf den Zuschauer gerade wirkt.

IV. Fazit

Eine Show ist „Requiem“ durchaus, und man muss den Mut der Bremer Tatortmacher würdigen, dem Publikum so etwas vorzusetzen; besonders die jüngeren unter den Tatort-Fans, so unser Gefühl, wissen das durchaus zu schätzen und finden die bunten, teils futuristischen Dekors im Space-Center schick, stören sich auch nicht daran, dass dieser Tatort satirische Züge in Bezug auf Agentenfilme und US-Polizeiserien trägt, ohne voll durchzuziehen und sich eindeutig das Label „Parodie“ zu verpassen. So kann man die Folge 607 nicht als gelungen bezeichnen, weil sie ganz sicher kein guter Tatort ist, aber auch den Tatort als Format nicht eindeutig genug auf die Schippe nimmt. Damit schrammt, trotz einem gut aufspielenden Lohmann und einer im gegebenen Szenario gar nicht fehlbesetzt wirkenden Kommissarin Lürsen, das „Requiem“ nur knapp an der eindeutig niedrigsten aller bisherigen Bewertungen vorbei. 5/10.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

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