Zwischen den Fronten – Tatort 863 #Crimetime 726 #Tatort #Wien #Eisner #Fellner #ORF #Front

Crimetime 726 - Titelfoto ©) ORF, Petro Domenigg

In Austria veritas

Zugegeben, unsere Vorschau war dieses Mal lässig, das hat mit einem Terminfehler zu tun, Schwamm drüber.

Dafür haben wir jetzt ein wenig recherchiert. In „Zwischen den Fronten“ wird mehrfach das österreichische Innenministerium in einer Art erwähnt, als stünde dort ein Mann an der Spitze. Das stimmt nicht, aber damit wird das Schussfeld nicht kleiner, denn was einige vom BKA da lästern, klingt doch sehr nach auf die aktuelle Ministerin gemünzt.

Nach dieser kleinen Information gehen wir nach der Handlungsbeschreibung über in die -> Rezension.

Handlung

Höchste Alarmstufe rund um das Wiener Palais Liechtenstein bei der internationalen Konferenz der Vereinten Nationen. Doch selbst diese strengen Vorsichtsmaßnahmen können das Attentat bei der Ankunft von Marcus Sherman nicht verhindern, als der amerikanische Konferenzleiter mit seinen Security-Leuten in einer schwarzen Limousine vorfährt. Die Bombe war im Wagen des Österreichers irakischer Herkunft Kásim Bagdadi versteckt, der hier als Vertreter der Internet-Community “Comet” vor zahlreichen Diplomaten und Staatschefs aus der ganzen Welt sprechen sollte. Während Marcus Sherman unverletzt blieb, werden Kásim Bagdadi und ein Polizist durch die gewaltige Explosion in den Tod gerissen.

Erste Anzeichen deuten auf einen Selbstmordanschlag mit einem islamistischen Hintergrund, als Moritz Eisner und seine Assistentin Bibi Fellner vom Bundeskriminalamt die Ermittlungen aufnehmen. Allerdings müssen sich beide bei diesem großes Aufsehen erregenden Fall in einer gemeinsamen “Task Force” dem ebenfalls eingeschalteten Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) unterordnen.
Das lässt die Chefin dieser kleinen Spezialeinheit Major Melanie Warig den Chefinspektor auch schnell und unmissverständlich spüren, was Moritz Eisner wütend macht. So entbrennt vom ersten Augenblick an eine starke Rivalität, die von Eisners Chef Ernst Rauter intensiv befeuert wird. Weil er eine erhebliche Abneigung gegen seinen Amtsleiter-Kollegen Mag. Fred Michalski vom BVT und dessen hochtrabenden Ambitionen hat.

War Kásim Bagdadi ein Terrorist, der diesen Anschlag als Einzelgänger und von allen unbemerkt vorbereitet hatte? Oder wurde er von einer Organisation unterstützt? Seine Mutter Nawal Bagdadi, die als Ressortleiterin bei der UNO arbeitet, weist diesen Verdacht empört zurück. Und auch Eisners Tochter Claudia (Tanja Raunig), die Kásim persönlich kannte, beschwört ihren Vater: “Der war nie im Leben ein Terrorist.” Allerdings traut ihm sein enger Jugendfreund Martin Ledic, der Elektrotechnik gelernt hat und die TU besucht, diesen Anschlag durchaus zu. Als der Student jedoch einige Tage später erhängt aufgefunden wird, ist für Fred Michalski der Fall gelöst. Es waren zwei Einzeltäter, wobei der eine die Tat ausgeführt und der andere sich danach umgebracht hat, weil er mit dieser Schuld nicht weiterleben konnte. Aber Moritz Eisner, der herausgefunden hat, dass sowohl Kásim Bagdadi als auch Martin Ledic in Marcus Shermans Tochter Mary verliebt waren, fragt sich, ob nicht vielleicht ein ganz privates Motiv wie Eifersucht mit im Spiel war.

Das Geschehen wird immer mysteriöser, als schließlich auch noch Bibis alter Bekannter aus ihrer Zeit bei der Sitte Oberst Sebastian „Basti” Moslechner vom Abwehramt in die Untersuchungen verwickelt wird und einige Verbindungen zu einem nach Eisners Meinung rechtsradikalen Geheimbund führen. Zudem hat Moritz Eisner den Verdacht, dass nicht alle mit offenen Karten spielen und er sogar abgehört wird. Als Fred Michalski entscheidet die Akte zu schließen, wollen das Moritz Eisner und Bibi Fellner verhindern. Denn sie haben von dem Gerichtsmediziner Gerhard Braun erfahren, dass Martin Ledic keineswegs freiwillig aus dem Leben geschieden ist, sondern ermordet wurde. Ein versteckter Hinweis von Major Melanie Warig führt sie auf eine heiße Spur. Und direkt in eine Schattenwelt, wo einflussreiche Hintermänner ganz massiv und rücksichtslos versuchen, politischen Einfluss zu gewinnen.

Rezension

Klasse, wie weit der ORF in diesem Tatort geht, um den braunen Filz zu thematisieren, den es in Österreich gewiss gibt (nicht nur dort, versteht sich). Andererseits ist die Spekulation und die Überaktion auch ein wenig die Schwäche dieses Tatorts. Drittens schützt dieses offensichtliche Chargieren beim Drehbuch den Krimi und den Sender aber vielleicht auch davor, dass es zu ernst wird.

So kann man immerhin noch sagen, mit dem typischen Wiener Schmäh: „Eh kloa, a Schmarrn.“

Bei uns hätte man sich vorher eine Menge Gedanken gemacht, wie der untergründige Rechtsnationalismus und Neonazismus angemessen darzustellen sei. Und dann darauf verzichtet, höchste Regierungskreise sozusagen direkt anzusprechen. Denn die Darstellung wäre noch spekulativer geworden und damit die Angreifbarkeit größer. Wir haben aber auch so verstanden.

Viertens ist dies ein Ausgleichs-Tatort, weil in den letzten ORF-Folgen schon die Schuschen und die Orientalen was abbekommen haben. Filmübergreifend ist sogar alles sehr schön austariert, der nächste Krimi müsste demnach ein stinknormales Eifersuchtsdrama oder eine Geschichte vom Geld werden. Geld geht immer, im Moment besonders gut, beim Mal darauf muss man nicht einmal einen Ausgleichskrimi senden, in dem Geld eine gute Rolle spielt.

Dieses Szenario, in dem sich die Ermittlungsbehörden gegenseitig ins Handwerk pfuschen, die gibt’s in deutschen Tatorten der letzten Jahre auch recht häufig – besonders im Norden, interessanterweise. Irgendwie ist die Welt da bedrohlicher, geheimdienstlicher, konspirativer – da bringen sich auch die Nachbarn häufiger gegenseitig wegen Kleinigkeiten um als im etwas lässigeren Süden.

Jetzt liegt Österreich aber nochmal etwas weiter südlich und da haben sie jetzt alle Register gezogen – oder doch fast alle. Das Bundeskriminalamt, das also genau heißt wie die entsprechende Behörde in Deutschland, steht gegen den BVT, bei uns könnte das der BND oder das BfV oder der MAD sein – ein ordentliches, mittelgroßes Land braucht unbedingt drei Nachrichtendienste. Man kann sich vorstellen, was da an Reibungsverlusten einerseits und Kungelei andererseits entsteht, sodass rechtsextreme Morde gleich serienweise nicht als solche aufgedeckt, sondern mit irgendwelchen niederen Motiven zwischen Angehörigen von Minderheiten vertuscht werden. Nein, nein, so dumm kann keine Ermittlungsbehörde sein, dass sie das ernsthaft geglaubt hat, da würde man sich als Bürger ja direkt unsicher fühlen, bei solchen Ermittlern.

So ähnlich ist es auch mit den vordergründigen Selbstmordattentaten in Wien – die in Wirklichkeit eine Intrige der Staatsschützer sind. Nicht ganz so raffiniert gemacht wie in „Der Spion, der aus der Kälte kam“ (Rezension wird demnächst veröffentlicht), aber dafür ähnlich fies. Wir glauben aber nicht, dass es in der Nomenklatura und hinter den Kulissen linksregierter Staaten anders zugeht, schon gar nicht in den früheren Linksdiktaturen.

Es gibt immer eine Vergangenheit und es gibt immer Leute, die hart daran arbeiten, Einfluss zu gewinnen um Macht zu gewinnen um ihre Interessen und ihre Weltanschauung durchzusetzen. Reaktionär ist nicht einmal ideologiegebunden. Doch so sind Leute, wenn sie keine materiellen Sorgen mehr haben, sie wollen Macht. Weil, irgendwie sind viele von uns so gebaut, dass sie nicht genug bekommen können und sich immer neue Ziele setzen müssen, seien sie noch so abstrus oder menschenverachtend. Der ideologische Background ist austauschbar, es geht um Macht. Und in einem Land von der Größe Österreichs sitzen schnell die Richtigen beisammen und sind gut organisiert. Wir können uns gut vorstellen, dass dort alles ratzfatz geht, was bei uns mindestens so umständlich gehandhabt wird, dass es eh vorzeitig auffliegt und dass irgendeiner der Beteiligten nicht erleuchtet genug ist und Sand ins Getriebe bringt. Wenn Hitler Deutscher gewesen wäre, hätte er sein Ding nie so lange durchgezogen, irgendwas wäre daneben gegangen, vermutlich noch vor dem großen Krieg, und das Land wäre eine ganz normale Diktatur geworden, die sich irgendwann dem ökonomischen Suizid hingegeben hätte, wie der Realsozialismus.

Menschen, die etwas und vor allem mehr davon wollen, als einem einzelnen Menschen guttut, die haben neben dem Streben an sich noch eine weitere, ganz unangenehme Eigenschaft. Sie bedienen sich naiver Gutmenschen für ihre Zwecke. Ehrlich, kein normal denkender Mensch glaubt, dass ein Selbstmord-Attentäter für eine solche Tat ins Paradies kommen kann. Welch ein Gott muss das sein, der ein solches Opfer schick findet? Die Wahrheit ist einfach. Es ist einer, den sich Leute erfinden, die andere Leute gerne manipulieren und sich deren naiven Fanatismus zunutze machen.

Aus all den radikalen Kräften, die dafür sorgen, dass die Mitte der Gesellschaft sich nie ruhig fühlen kann oder sollte, speist sich dieselbe mediokre Masse, die in Wirklichkeit Politik macht. Wir haben gerade gestern eine Dokumentation über die Lobby der Waffenindustrie und der Waffenbesitzer gesehen – nein, nicht in den USA, sondern hierzulande. Die durchschnittliche Gesinnung der Leute dürfte klar sein. So eine kleine Waffe ist auch Macht, und gar zehn davon.

In „Zwischen den Fronten“ ist es eine kleine Bombe, die für große Verwirrung sorgt und jemand, der irgendetwas glaubt und noch eine private Rechnung begleichen will, lässt sich instrumentalisieren, die Zielperson auszuwählen. Ein Soldat der Reaktion führt das Attentat aus. Wer weiß, vielleicht hat ja auch ein Rechter anno 14 den Erzherzog Franz Ferdinand von einem Serben ermorden lassen, weil der künftige Kaiser so liberale Anwandlungen hatte. Kann man alles nicht wissen, aber eines ist klar, der Schuss ging nach hinten los, aus K. u. K.-Sicht.

Das ist jetzt auch unbewiesen, wie die Behauptungen in „Zwischen den Fronten“, was die rechte Bwegung in Österreich angeht, aber wir sehen immer nur den Teil der Wahrheit, den wir sehen sollen. Zumindest war das lange Zeit so.

Und damit kommen wir zu einem weiteren, wenn auch nicht so zentralen Thema des Films. Solange es eine offizielle Lesart gab und niemand an andere Sichtweisen wirklich herankam, war die Masse leicht zu manipulieren. Man muss dies der Masse verzeihen, sie wusste es nicht nur nicht besser, sie konnte es gar nicht besser wissen. Aber heute leben wir im noch ganz jungen Zeitalter einer relativ freien Information und eine Organisation wie die für den Tatort erdachte „Comet“ steht für die gegenwärtige Diskussion um die Zensur des Internets.

Was ist sonnenklar? Freie Information bedeutet Machtverlust für diejenigen, die mit Interna ausgestattet sind. Seit so viele Wikileaks auftauchen, so viele Doktoren als Fälscher enttarnt werden, da wünscht sich mancher, den losgelassenen Zauberbesen Information durch Internet wieder in die Ecke stellen zu können. Nicht nur in Österreich, ganz gewiss nicht. Es geht also wieder um dasselbe Thema: Wer hat die Macht über die Menschen? Wir kennen die Leute, die in Deutschland gerne eine Internet-Zensur hätten und beobachten sie genau. Die Lobby arbeitet heftig, noch hat sie nicht gesiegt. Der junge Kasim Bagdadi (ein blöder Namen für jemanden, der aus Bagdad kommt) hat schon deshalb unsere Sympathien, weil er für die Informationsfreiheit gekämpft hat. Wir tun viel weniger, wir spenden hin und wieder für die Wikipedia.

Wegen dieser Arbeit konnte er aber auch kein Selbstmordattentäter sein, das war uns von Beginn an klar. Als dann herauskam, dass es angesichts der Ausführung des Anschlages Zweifel an dessen „Echtheit“ gab, war’s sonnenklar. Es ist auch okay, man macht einen sympathischen jungen Mann, der die Freiheit genießt und weiß, was sie bedeutet und sie schätzt, nicht zum Islamisten.

Ebenso macht man den Oberstleutnant Eisner und Major Bibi Fellner nicht zu Trotteln.

Aber jetzt kommt der fünfte wesentliche Punkt von „Zwischen den Fronten“. Man wagt es tatsächlich, die beiden zwar ausermitteln zu lassen, aber sie können am Ende nicht zugreifen. Da oben die sind stärker und schirmen sich ab. Es fehlen wichtige Beweise, weil die Staatssicherheit immer wieder schnell genug zugreift, um sie verschwinden zu lassen. Wo sind bei uns die letzten Akten dummerweise vernichtet worden? Und wo waren V-Leute im Einsatz, bei denen man nicht klar darüber sein kann, mit welcher Zielrichtung sie wirklich arbeiten und illegale Handlungen begehen? Der Blick über den Gartenzaun, in dem Fall nach Deutschland, lohnt immer. Und dass hier die Dinge auf eine allerdings ziemlich dilettantische Weise unsauber laufen, ist evident. Es wird auch viele Dinge geben, die laufen auch so, aber eben nicht so offensichtlich.

Finale

Vor allem die Spielweise der Wiener Tatorte ist ein reines Vergnügen. Klar ist „Zwischen den Fronten“ etwas überdreht und schrill, eine ganz neue Art von Sachertorte mit ein paar Glückspillen und ein paar K.O.-Tropfen für den Verstand drin. Dass die neue Machart der Bibi Fellner zugerechnet wird, ist auch ein schöner Trick. Mit ihrem Einsatz hat man das Konzept modifiziert, daher wirkt es so, als sei sie das frische Element, das alles zum Guten verändert hat. Klar gibt es zwischen ihrer herzhaften und robusten Art und dem, wie jetzt alles angefasst wird, einen Zusammenhang. Nämlich den, dass man die Figur als Konzeptträgerin verwendet. Aber deswegen ist Eisner nicht schlechter und viel ist der mittlerweile äußerst flotten Inszenierung zu verdanken.

Ob die Qualität wirklich so hoch ist, das ist eine Frage, die man in einer ruhigen Minute anhand einzelner Elemente betrachten sollte, aber alles wirkt flüssig und in diesem Tatort auch wieder sprachlich verständlich, dabei aber nicht so hölzern wie zuletzt die Übersetzung vom Schweizerdeutsch ins Normaldeutsch (in „Schmutziger Donnerstag“).

Sie machen im deutschsprachigen Raum jenseits der Grenze, im Großen wie im Kleineren, derzeit gute, knackige Gesellschaftskrimis, richtiges Kino mit verschiedenen Akzenten – während es hierzulande eine ganz neue Tendenz zur Reduktion und Konzentration gibt – deren Verfestigung zu einem Trend allerdings abzuwarten bleibt.

Dem langen Schatten von „Kein Entkommen“ kann der neue Eisner nicht entkommen, aber  die Wertung liegt trotzdem über dem Durchschnitt. Wir haben letzte Woche bereits 8/10 für den aktuellen Tatort gegeben, aber diese beiden Filme nehmen sich nicht viel. Der Schweizer war bildlich grandios, die Wiener machen es vor allem mit klasse Spiel. Die Inhalte beider Tatorte können sich sehen lassen.

8/10

© 2020, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Chefinspektor Moritz Eisner – Harald Krassnitzer
Claudia, Eisners Tochter – Tanja Raunig
Ernst Rauter, Eisners Chef – Hubert Kramar
Bibi Fellner, Eisners Assistentin – Adele Neuhauser
Major Melanie Warig – Susanne Wuest
Spurensicherer Stefan Slavik – Stefan Puntigam
Martin Ledic – Vedran Kos
Gerichtsmediziner Gerhard Braun – Andreas Vitásek
Major Julia Wiesner – Stefanie Dvorak
Mag. Fred Michalski – Alfred Dorfer
Oberst Sebastian „Basti“ Moslechner – Oliver Karbus
Claus Hoppenstädt – Raphael von Bargen
Hofrat Dr. Johannes „Hans“ Kelter – Rudolf Melichar
Kurt Greiling – Martin Bermoser
Marcus Sherman Peter – Gilbert Cotton
Mary Sherman – Geneviève Boehmer
Bob Sherman – Seumas Sargent
Kásim Bagdadi – Samy Hassan
Nawal Bagdadi – Proschat Madani

Stab
Drehbuch – Verena Kurth
Regie – Harald Sicheritz

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