Zwölf Monate Bewährungsfrist (Invisible Stripes, USA 1939) #Filmfest 190

Filmfest 190 A

2020-08-14 Filmfest ADas ewige Stigma des Verbrechens

Wir bleiben bei klassischem Schwarzweiß-Kino der Warner Brothers (zuletzt rezensiert: „Silver River“ aus 1948), wechseln aber das Jahr. Wir gehen zurück von der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in die Zwischenkriegsepoche – und befinden uns im Jahr 1939 und im Gangsterkino, das in der ausklingenden Dekade ein Markenzeichen des Studios war und dessen Ruf begründete, Filme mit realistischem, oft hartem Einschlag und ohne großes Federlesens bei der optischen Gestaltung zu machen.

Genau aus dem Zentrum der Werkstatt des Kinos, in dem Duelle zwischen Gangstern und der Polizei oft sehr schussreich ausgetragen werden, stammt auch „Invisible Stripes“ – in dem es unter anderem um eine Autowerkstatt geht, hier, wie in vielen US-Filmen der späten 30er und 40er Jahre ein Symbol für den kleinen, ehrlichen Wohlstand, aber oft auch für die Vagheit eines glücklichen Zustandes in bescheidener, ehrlicher Läuterung. Wie wird es ausgehen? Wie sollte es im Zeitkontext ausgegangen sein? Darüber steht mehr zu lesen in der -> Rezension. 

Handlung

Cliff Taylor (George Raft) hat sich fest vorgenommen, nach der Entlassung auf Bewährung ein neues Leben anzufangen. Doch rasch holen ihn die Schatten seiner Vergangenheit ein. Seine Freundin Sue (Margot Stevenson) will keinen Ex-Sträfling heiraten; die Arbeitssuche ist wegen seiner Vorstrafe schwierig. Eine erste Beschäftigung verliert er durch die Intrigen von missgünstigen Kollegen, eine zweite nach einem Einbruch in der Firma, für den er zu Unrecht verdächtigt wird. Cliff merkt, dass sein jüngerer Bruder Tim (William Holden) ebenfalls in die Kriminalität abzurutschen droht. Tim ist wütend, weil er als Mechaniker nicht genügend Geld verdient, um seine Freundin Peggy (Jane Bryan) heiraten zu können. Cliff finanziert ihm eine eigene Autowerkstatt und behauptet, dass er als Vertreter gut verdiene.

In Wirklichkeit hat sich Cliff jedoch der Bankräuberbande seines skrupellosen Gefängniskameraden Chuck Martin (Humphrey Bogart) angeschlossen. Cliff steigt nach mehreren Überfällen wieder aus. Chuck und seine Komplizen geraten bei ihrem nächsten Raubüberfall in ein heftiges Feuergefecht mit der Polizei. Auf der Flucht suchen sie Hilfe bei Tim, der glaubt, dass sein Bruder Cliff auch in diesen Raub verwickelt ist. Tim wird als Komplize verhaftet. Verzweifelt versucht Cliff, Tim freizubekommen, ohne seinen Freund Chuck zu belasten.

Lloyd Bacon inszenierte eine ebenso spannende wie ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Dilemma der Resozialisierung. Dabei konnte er auf ein exzellentes Ensemble zurückgreifen, in dem neben George Raft und Humphrey Bogart als zynischem Gangster auch der junge William Holden während seines ersten Hollywood-Jahres zu sehen ist.

Rezension

Der deutsche Titel des Films und der amerikanische ergänzen sich mit ihrer direkten und indirekten Art, den Film zu schreiben. Die Hauptfigur, Cliff Taylor, wird vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen – unter Bewährungsauflagen. Doch die bedingte Freiheit ist keine einfache – die Streifen der Häftlingskleidung bleiben ihm erhalten, sind ein unsichtbares, aber jederzeit wirksames Stigma.

Was ist die Freiheit wert, wenn der (sogar vorzeitig, wegen guter Führung) Freigelassene einen Job sucht und dabei immer mit seiner Vergangeheit konfrontiert wird? Er muss stets angeben, dass er unter Bewährung steht und ist auch sonst auf alle erdenkliche Weise behindert. Er darf zum Beispel keinen Wagen führen und verliert deshalb gleich den ersten Job nach dem Ende seiner Haftzeit. Vielleicht ist der Grund nur vorgeschoben, sein Chef hat wohl auch Angst um die Kasse, denn ein Kassenraub war es, der Cliff Taylor hinter Gittern gebracht hat.

Taylor bekommt von Arbeitgebern, die seine Situation ausnutzen wollen, unsaubere Jobs als Spitzel angeboten, muss auf der Baustelle die niedere Gesinnung seiner Kollegen aushalten und wird gefeuert, als es zu einem provozierten Krach kommt, er arbeitet sich in einem Warenhaus als Lagerarbeiter hoch und wid von der Polizei als Erster verdächtigt, als es dort zu einem Pelzdiebstahl kommt. Damit sein ob seiner geringen finanziellen Aussichten verzweifelter Bruder Tim, dem Cliff immer ehrliches Leben predigt, nicht von der Stange geht, lässt sich der Ex-Häftling mit einem Ex-Mithäftling namens Chuck Martin ein und dreht krumme Dinger in Dimensionen wie nie zuvor. Dass er sich dann, als Tim endlich seine Autogarage hat, absetzen will, kann nicht gelingen. Am Ende stirbt er, von Martin in einen schiefgegangenen Geldtransporter-Raub verwickelt, bei dem er schon gar nicht mehr mit von der Partie war.

Der Film ist moralisch unerbittlich, wer sich strafbar macht, der stirbt in den Filmen der Zeit in der Regel auch. Taylor ereilt dieses Schickal in einer wilden Schießerei zwischen Gangstern und Gangstern und Gangstern und der Polizei am Ende des Films, die weit über das hinausgeht, was man ihm zugetraut hätte. Vielleicht ist dieser Part doch nicht ganz so realistisch, schließlich ist Taylor kein Gangster, der im Schußwaffengebrauch geübt ist.

Wir erinnern uns – einem wesentlich bekannteren Film aus demselben Jahr ist ein ähnliches Szenario Ausgangspunkt einer Figurenwandlung. Dort ist keine Werkstatt, sondern eine Taxizentrale der Ausgangspunkt dafür, dass jemand auf die schiefe Bahn kommt. Der Ex-Soldat des Ersten Weltkrieges und spätere Gangster Eddie, gespielt von James Cagney, bekommt seinen Vorkriegsjob nicht wieder und schließt sich einem Kriegskameraden an, der schon immer den Gangster hin sich hatte. Eddie stirbt im Kugelhagel auf den Treppen, die zu einer Kirche führen in deiner der größten Gangsterballaden des Jahrzents – „The Roaring Twenties“. Dort spielt Humphrey Bogart den ganz Bösen, ebenso, wie auf abgestufte Weise in „Invisible Stripes“.

„Invisible Stripes“ ist aber auch gut ausbalanciert, weil er einen sozialkritischen Touch hat.Die Beinahe-Unmöglichkeit für Ex-Häftlinge, gute Arbeit zu finden, die aus vielen Einschränkungen resultiert, wird ausführlich behandelt. Es ist nicht so, dass Cliff Taylor nicht sehr viel versucht hätte, um ehrlich zu bleiben – erst, als es um das Heil seines jüngeren Bruder geht, verlässt er den Tugendpfad, um diesem so rasch wie möglich das Startkapital für dessen kleines Reparaturunternehmen zu beschaffen. Diese Kritik an einer menschenunwürdigen Gefängniswelt oder Gesetzgebung ist ebenfalls ein typisches Sujet des zeitgenössischen Gangsterfilms – und tatsächlich hatten diese Filme, die verblüffend aus dem Leben gegriffen wirken, einen Anteil daran, dass sowohl der Strafvollzug als auch die damit im weitesten Sinn befasst Gesetzgebung in mehrern Schritten humaner wurden. Es waren eben die Zeiten des New Deal, und der galt für alle Amerikaner, die sich durch die Große Depression gequält hatten. Taylor hatte zwar diese berühmte zweite Chance, nach den Jahren im Gefängnis. Dass und auf welche Weise er sie nicht nutzt, bietet sich nicht unabsichtlich Interpretationsspielraum, sodass ein Film wie „Invisible Stripes“ vermutlich problemlos den production code einhalten konnte.

In dem Zusammenhang: Wo stehen wir heute und hierzulande? Nicht wenige Arbeitgeber verlangen ein Polizeiliches Führungszeugnis, wenn sie jemanden einstellen. Das ist verständlich, bedingt aber ebenfalls ein Stigma. Man könnte ja auch sagen, wer seine Strafe abgesessen hat, der sollte die Vergangenheit ruhen lassen dürfen. Andererseits gibt es sensible Positionen, auf denen Personaler und Chefs wohl ungern jemanden sehen würden, der z. B. wegen Vermögensdelikten verurteilt wurde. Allerdings erlöschen die Eintragungen ins Führungszeugnis ebenso, wie im Film nach der Bewährungsfrist wohl niemand mehr angeben muss, dass er mal im Kittchen war (aus „Hell’s Kitchen“, einem der damals übelsten Stadtteile von New York, stammt „Invisible Stripes“-Hauptdarsteller George Raft, was sicher dazu beigetragen hat, dass er Gefallene, dass er Gangster und Menschen, die dabei scheitern, ein neues, ehrliches Leben zu beginnen, so glaubwürdig darstellen konnte, dass er damit zum Genrestar wurde).

Obwohl von eher kleiner Statur (1,70 Meter), hatte George Raft eine intensive Leinwandpräsenz und man nimmt ihm ohne Weiteres ab, dass er meist sanft spricht, zumindest in „Invisible Stripes“ und gute Absichten hat, dass er aber auch ohne großes Zögern zum Beispiel seinen jüngeren und wesentlich stärker gebauten Bruder vermöbelt, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Auch hier ist der Film allerdings auf modernem Kurs: Der Bruder Tim sagt, so wird Cliff ihn auch nicht überzeugen und dieser ist tatsächlich gezwungen, vorzuleben, dass „sein System“ von der Ehrlichkeit funktioniert und Erfolg einbringen kann. Übersetzt für Filmemacher, Buchautoren etc. heißt dieses Prinzip übrigens „Show, don’t tell“.

Dass Cliff ausgerechnet dadurch wieder straffällig wird, dass er heimlich bei einer Gangsterbande eincheckt, während er der Familie vorgaukelt, er habe einen Vertriebssjob, nur, um dem Bruder zu beweisen, dass er ihm wieder einmal helfen kann, ist – nein, nicht ironisch. Diese Wendung dient beiden Thesen des Films – ehrlich währt am längsten, alles andere führt zum verfrühten Tod, aber: Wer ein kleineres Verbrechen oder Vergehen gesühnt hat, dem darf man den Wiedereinstieg in die Gesellschaft nicht so schwer machen.

Persönlich sind die Männer der Justiz, der Gefängnisdirektor, der Bewährungshelfer, auf Cliffs Seite, aber trotzdem hat z. B. Letzterer oft nicht mehr zu bieten als das Mantra „bleib sauber und such dir einen Job“, auch wenn Cliff gerade wieder – aufgrund seiner Vergangenheit – aus einem solchen geflogen ist. Damit die Probleme der Wiedereingliederung besser dargestellt werden können, und dies ist sicher eine der Schwächen des Films, hat man allerdings auf etwas zurückgegriffen, was es in der Wirklichkeit wohl schon damals so nicht gegeben haben wird: In zwei Situationen wird von Vorgesetzten vor vielen Menschen über Cliffs Vergangenheit gesprochen, normaleweise würde sich so etwas hinter verschlossenen Türen abspielen, damit es nicht gleich die ganze Firma weiß. Im Fall des Warenhaus-Jobs aber kommt es zu einer verblüffenden Wendung gerade dadurch und damit zur berührendsten Stelle des Films: Die Jungs, die dort Cliffs Kollegen sind, monieren, dass „der Alte“ bei ihnen nichts zu suchen habe und wieso sich ein gestandener Mann so einen Helferjob suche. Als sie wissen, warum, zeigen sie das, was den amerikanischen Film vieler Jahrzehnte so sympathisch gemacht hat: Das große Herz und die Empathie, die nur junge, unverdorbene Menschen zu haben scheinen. Sicher ist das ebenso verdichtet wie die üblen Reaktionen z. B. der Bauarbeiter-Kollegen zuvor, aber es bleibt die Sekunde, die uns mitgerissen hat – plötzlich tut sich für Cliff eine reale Chance auf, seine Situation zu bereinigen. Allerdings, als sich  herausstellt, dass er mit dem späteren Pelzdiebstahl nichts zu tun hatte, hätte man ihn dort wieder einstellen müssen,  zumal er sich inzwischen mit guter, gewissenhafter Arbeit um zwei Stufen nach oben gedient hat.

All diese Lebenslagen spielt Raft mit einer sparsamen Mimik, die zu seinem im Grunde wenig definierten Gesicht passt, das wohl gerade deshalb eine hervorragende Projektionsfläche bietet. Weder schön noch hässlich, kann man den guten Nachbarn in ihm sehen, aber, vor allem, wenn der Blick intensiv wird, auch einen leidenschaftlichen, intelligenten Verbrecher. Das nicht Ausrechenbare ist das Interessante und zeigt sich inhaltlich darin, dass er die plötzliche Abwendung vom Pfad der Tugend, die uns ziemlich verblüfft hat, halbwegs glaubhaft auf die Leinwand bringt und es sogar schafft, dass wir ihn für ein genuines Mitglied dieser professionellen  Bankräubergang halten, die bei ihren Verbrechen über Leichen geht – wo er doch bisher im Leben nur einmal eine Kasse unrechtmäßig geleert hat.

Sein Tod hat wiederum eine mystische Komponente – sie ist die Erlösung für einen Bruder, der seine kleine Werkstatt tatsächlich „Taylor Bros.“ nennt. Ein beleuchtetes Firmenschild gibt es erst nach dem Tod des Bruders, wenn man so will, ist der andere damit ins Licht getreten. Außerdem sind die „Taylor Bros.“ eine wirklich nette Anspielung auf das Studio „Warner Bros.“, in dem der Film entstand – allerdings hatten hier zeitweilig bis zu fünf Brüder Funktionen inne  und es war eines der progressivsten Studios (unter anderem entstanden die sehr frühen Tonfilme „The Jazz Singer“ (1927) und „The Singing Fool“ (1928) mit Al Jolson dort – im zweiten Film führte jener Lloyd Bacon Regie, der auch für „Invisible Stripes“ verantwortlich zeichnet).

Den jungen Bruder, der am Ende das Girl, die Werkstatt und die saubere Weste hat, wird von William Holden gespielt. Wir geben zu, wir haben in diesem weichen Jüngling nicht den Superstar der 50er Jahre erkannt, der Mann hatte sich von 1939 bis etwa 1950, als er mit Rollen wie die des Joe Gillis in „Sunset Boulevard“ berühmt und zu einem der beliebtesten Hollywoodstars wurde.

Technisch ist „Inivisble Stripes“ eher einfach, typisch Warner. Auch wenn es manchmal etwas ermüdend ist, darzustellen, was deutsche Regie-Emigranten oder andere vom Expressionismus beeinflusste Regisseure wie Alfred Hitchcock fürs amerikanische Kino speziell der 40er und 50er Jahre getan haben, kann man nicht verleugnen, dass es zwischen ihnen und einem Routinier wie Lloyd Bacon bei der Gestaltung eines Film Unterschiede gibt und dass manchmal der plain realism in Filmen wie „Invisible Stripes“ auch etwas einfallslos wirkt. Das drückt sich auch darin aus, dass in nur ca. 80 Minuten Spielzeit alle Thesen und Haltungen in Dialogen abgehandelt werden, anstatt sie – siehe oben – entweder nur zu zeigen oder die Dialoge wenigstens literarisch zu verdichten. Aber ein eher am Allag orientierter Stil hat grundsätzlich seine Berechtigung und ein überzeugendes Darstellerensemble, eine im Ganzen stimmige Plotanlage unter der üblichen Prämisse, dass Verbrechen sich nicht für den Verbrecher lohnen darf, aber die Früchte hier immerhin schon auf ein anderes Menschenwesen übergehen dürfen (den Bruder) und eine schnörkellose Inszenierung sorgen für ein immer noch respektables Kinostück.

Eine Bewährungsfrist im Anschluss an eine verbüßte Gefängnisstrafe gibt es nach deutschem Recht nicht, auch nicht bei vorzeitiger Entlassung; sondern nur eine solche, die bei ausgesetzter Strafe eintritt. Sie beträgt 2 bis 5 Jahre und ist nicht zwangsläufig deckungsgleich mit dem Strafmaß, das zur Bewährung ausgesetzt wird. In den USA gibt es die Kombination von Bewährung und Gefängnis noch heute, auch in der Form, dass jemand z. B. für einige Wochentage frei ist, aber zum Beispiel am Wochenende zurück in seine Zelle muss.

Kritiken

„Solider Gangsterfilm, den Lloyd Bacon („Die 42. Straße“) mit dem heute weitgehend vergessenen George Raft in der Hauptrolle inszenierte. Während Rafts reuiger Ex-Knacki von der Umwelt zurück ins Verbrechen getrieben wird, spielt Humphrey Bogart wie so häufig zu dieser Zeit den harten Jungen, für den ein anständiges Leben erst gar nicht in Frage kommt. In seiner zweiten Filmrolle verkörpert der junge William Holden („Sunset Boulevard“) den kleinen Bruder Rafts, den dieser beschützen will.“

71/100
IMDb-Wertung: 67/100

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Lloyd Bacon
Drehbuch Warren Duff
Produktion Louis F. Edelman
Hal B. Wallis
Jack L. Warner
Musik Ray Heindorf
Max Steiner
Leo F. Forbstein
Kamera Ernest Haller
Schnitt James Gibbon
Besetzung

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