Das Gesicht im Dunkeln (A doppia faccia, DE / IT 1969) #Filmfest 193 #Edgar Wallace

Filmfest 193 A - "Special Edgar Wallace" (36)

2020-08-14 Filmfest AEin Solo für Klaus K.

Das Gesicht im Dunkeln (italienischer Titel: A doppia faccia) ist ein italienisch-deutsch koproduzierter Kriminalfilm, der 1969 unter der Regie von Riccardo Freda gedreht wurde. Der Film, bei dem es sich um eine freie Verfilmung des gleichnamigen Romans (Originaltitel: The Face in the Night) von Edgar Wallace handelt, erschien in Deutschland als 34. Beitrag der Edgar-Wallace-Filmreihe. Die Uraufführung des Farbfilms erfolgte am 4. Juli 1969 im Mathäser-Filmpalast in München. Am 26. Juli des gleichen Jahres startete der Film in den italienischen Kinos. (1)

Eines kann ich an dieser Stelle schon verraten. Der 34. Wallace-Film, unsere 35. Rezension von Werken der Reihe, weil wir beim Veröffentlichen nicht ganz die Produktionsreihenfolge eingehalten haben, wird ein relativ kurzes Vergnügen. Die italienische Version des Films hat 91 Minuten, die deutsche geht nur über 80 und wenn sie in Fernsehgeschwindigkeit mit 25 Bildern anstatt 24, wie im Kino, abgespielt wird, kommt sie nur auf 77. Dafür habe ich immerhin 3,99 Euro bei Amazon investiert und festgestellt, dass sogar nur 1:15:47 gezeigt werden. Haben diese den recht stattlichen Minutenpreis von 5,28 Cent gelohnt?

Handlung (1)

London: Helen Alexander, Besitzerin der Automobilwerke Brown & Brown, hat eine lesbische Affäre mit ihrer Freundin Liz. John Alexander, der mit Helen bis dahin sehr glücklich verheiratet war, entdeckt dies und stellt seine Frau zur Rede. Daraufhin fasst sie den Entschluss, sich für einige Zeit zurückzuziehen. Am Abend vor ihrer Abreise versteckt ein Unbekannter einen Sprengsatz an Helens Sportwagen. Nachdem sie sich von ihrem Vater Mr. Brown, ihrer Freundin Liz und ihrem Mann John verabschiedet hat, kommt Helen während der Fahrt nach Liverpool ums Leben. Inspektor Steevens und Inspektor Gordon von Scotland Yard gehen zunächst von einem Unfall aus.

John Alexander, den Helen als Alleinerben ihres Vermögens einschließlich der Automobilwerke eingesetzt hat, begibt sich nach dem tragischen Ereignis auf eine kurze Erholungsreise. Als er zurückkehrt, befindet sich eine gewisse Christine in seiner Villa. Diese führt ihn zu einer eigenartigen Hippie-Party, auf der ein Pornofilm mit Christine und einer verschleierten Frau gezeigt wird. Diese trägt Helens Ring und hat, wie Helen, eine Narbe am Hals. John ist überzeugt, dass seine Frau noch am Leben ist und es gelingt ihm, in den Besitz des Films zu kommen. Als er Helens Stiefvater Mr. Brown, dem Geschäftsführer der Automobil-Werke, den Film zeigen will, ist weder der Ring noch die Narbe zu sehen. John beginnt an sich selbst zu zweifeln. Die Scotland-Yard-Beamten finden unterdessen Reste des Sprengsatzes an Helens Wagen. In der gleichen Nacht sucht John Liz auf. Auch sie vermutet, dass Helen lebt, und behauptet sogar, mit ihr telefoniert zu haben.

Da erhält auch John einen Anruf von seiner totgeglaubten Ehefrau. Sie verabreden ein Treffen in einer Kathedrale. Dort verlangt die verschleierte und schrecklich entstellte Helen von John, dass er sie erschießen soll. John versucht sie zu beruhigen. Dabei merkt er, dass es sich bei dem verbrannten Gesicht um eine Maske handelt, die er wütend herunterreißt. Es stellt sich heraus, dass es sich bei der Maskierten um Liz handelt. Im gleichen Moment treten die Polizei und Mr. Brown in die Kirche. Brown bittet die Beamten, endlich den Mörder seiner Tochter zu verhaften. Aber statt John werden die Handschellen Brown angelegt. Er hatte Helen, die eigentlich seine Stieftochter war, ermordet, um in den Besitz der Automobilwerke zu gelangen. Auch die skrupellosen Intrigen, die John hinter Gitter bringen sollten, gingen auf sein Konto. Obwohl seine Hände gefesselt sind, kann Brown aus der Kirche zu seinem Auto fliehen. Bei einer spektakulären Verfolgungsjagd mit der Polizei wird Browns Wagen schließlich von einem Zug erfasst.

Rezension, Teil 1

Bevor das vielfach besprochene, klassische Edgar-Wallace-Intro beginnt, in dem Alfred Vohrer spricht: „Hier spricht Edgar Wallace!“, sieht man eine Verfolgungsjagd zwischen einem weißen Rolls Royce und einem Polizeiwagen. Der Fahrer kann nicht mehr rechtzeitig vor einem Bahnübergang bremsen der Wagen kollidiert im Winkel von 90 Grad einem Zug und explodiert. Der Rolls scheint wieder ein Modell Cloud I aus den 1950ern zu sein, vielleicht wollte Atze Brauner sein Teil loswerden, das in mindestens drei Wallace-Filmen zu sehen ist – sie haben es weiß gespritzt und dann bei dem beschriebenen Unglück verschrottet. Arrivederci! Doch, das passt, denn dieser Film ist eine deutsch-italienische Koproduktion. Und damit zu den Produktionsnotizen:

Produktion (1)

Die 1968/69 veröffentlichten Edgar-Wallace-Filme Der Gorilla von Soho und Der Mann mit dem Glasauge hatten während der Erstaufführungszeit jeweils über 1,6 Millionen Kinobesucher. Diesen grundsätzlich zufriedenstellenden Zahlen standen für weitere Filme aber steigende Produktionskosten und ein veränderter Publikumsgeschmack gegenüber. Die 68er-Bewegung und die Sexwelle hatten sich zu Massenkulturen entwickelt, die sich auch in den Programmen der Filmverleihe bemerkbar machten. Nach dem später mit der Goldenen Leinwand ausgezeichneten Lümmel-Film Zum Teufel mit der Penne sollte Horst Wendlandts Rialto Film 1969 unter anderem Filme wie Klassenkeile, Das Leben zu zweit – Die vollkommene Ehe 2. Teil oder Der Kerl liebt mich – und das soll ich glauben? realisieren.

Außerdem hatte man in Rücksprache mit Constantin Film beschlossen, im Jahr 1969 wiederum drei Edgar-Wallace-Filme herzustellen:

  1. Das Gesicht im Dunkeln (Drehbuch: Paul Hengge, geplanter Starttermin: Juni 1969)
  2. Das Geheimnis der grünen Stecknadel (Drehbuch: Herbert Reinecker, geplanter Starttermin: 14. November 1969)
  3. Der Engel des Schreckens (Drehbuch: Paul Hengge, geplanter Drehbeginn: 1. Oktober 1969, geplanter Starttermin: Anfang 1970)

Während Das Geheimnis der grünen Stecknadel unter der bewährten Regie von Harald Reinl entstehen sollte, wollten Wendlandt und sein Geschäftspartner Preben Philipsen mit den beiden anderen Filmen eine neue Richtung einschlagen. Die Absicht war, zwei Psychothriller von internationalem Format zu schaffen. Preben Philipsen und Wendlandt schlossen mit den italienischen Firmen Colt Produzioni und Mega Film zunächst einen Koproduktionvertrag über den Film Das Gesicht im Dunkeln, dessen Herstellungskosten rund 1.300.000 DM (aktuell etwa 2.430.000 Euro) betragen sollten. Davon wurden 30 % von Rialto Film und 70 % von den italienischen Partnern übernommen. Die Regie sollte der Italiener Riccardo Freda führen, das Drehbuch der Österreicher Paul Hengge verfassen. An der Entstehung des Drehbuchs waren außerdem Romano Migliorini, Gianbattista Mussetto, Lucio Fulci und der Regisseur beteiligt. Wie bei den Edgar-Wallace-Filmen in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre üblich, basierte der Filmstoff von Das Gesicht im Dunkeln lediglich auf Motiven von Edgar Wallace. Mit der gleichnamigen Romanvorlage (Originaltitel: The Face in the Night) hatte der Film letztlich nichts zu tun.[2]

Mit denselben Koproduzenten und ebenfalls unter Mitwirkung von Autor Paul Hengge und Regisseur Riccardo Freda wollte man später auch Der Engel des Schreckens realisierten.[3]

Rezension, Teil 2

Der letzte der drei Filme, wurde, wie man heute weiß, nicht mehr gedreht, und das hatte sicher auch mit dem Schicksal von „Das Gesicht im Dunklen“ zu tun. Dieser erreichte in Deutschland nur noch 600.000 Zuschauer und war damit der zweitgrößte Flop der Reihe nach „Der Teufel kam aus Akasava“ (300.000), den ich leider nirgends for free oder zum Ausleihen gefunden habe. Doch, auch für dieses vermutlich recht furchtbare Produkt hätte ich wieder ein paar Euro ausgegeben, um die Wallace-Reihe komplett zu bekommen. Dass hingegen „Das Gesicht im Dunkeln“ so schlecht lief, könnte mehrere Gründe gehabt haben:

Zum einen hatte man den Stil sehr stark verändert. Sicher ist da noch etwas von der Gruseligkeit und Gruftigkeit der älteren Filme, aber er ist auch komplett humorfrei und sollte nicht nur ein Psychothriller werden, sondern einer von internationalem Format, wie oben nachzulesen war. Außerdem hat man Klaus Kinski die Hauptrolle anvertraut, also die Perspektive eines Verdächtigen eingenommen. Meist ist Kinski ja auch ein Mordbube, in den Filmen der Wallace-Reihe, aber hier nicht. Außerdem hat er normalerweise nicht die Hauptrolle, während er „Das Gesicht im Dunklen“ quasi allein tragen muss. Er hat gefühlt mehr Spielzeit als alle anderen Darsteller*innen zusammen und es gibt viele Aufnahmen von ihm in sehr groß und außerdem sind diese Einstellungen, zum Beispiel von der Sauftour durch die Londoner Bars nach dem Tod seiner Frau, im Vergleich zur gesamten Laufzeit des Films zu lang. Außerdem fährt er zwar nach diesem Exzess ziemlich kurvig Auto, ist aber wieder komplett nüchtern, als er zuhause auf eine Frau trifft, die sich eingenistet hat.

Möglicherweise hat diese und haben einige weitere Brüche damit zu tun, dass der Film in der deutschen Variante um 15 Prozent gekürzt wurde. Möglicherweise lag in Wirklichkeit ein ganzer Tag zwischen den beiden Szenen. Darauf würde u. a. schließen lassen, dass „der Film“ nach dem Unfall entstanden sein soll, man aber nicht das Gefühl hat, dass bis zur Frage, die Alexander diesbezüglich stellt, schon sechs Tage vergangen sind (was aber angesichts des dazwischenliegenden „Erholungsurlaubs“ wieder recht kurz wirkt). Warum hätte man John Alexander auf die Spur setzen sollen, dass seine Frau noch lebt, zumal man offenbar zwischenzeitlich die Szenen mit dem Schlangenring und mit der Halsnarbe aus dem Film entfernt, um John unglaubwürdig wirken zu lassen. Alles, um ihn – genau, als nicht zurechnungsfähig zu deklarieren, da er ja der Erbe seiner Frau ist? Dann hätte man auch ihn beseitigen können, das wäre einfacher gewesen.

Coole Partys gab es andererseits, da fahren Leute mit Motorrädern mittenrein und andere sehen sich Filme an wie den besagten. Man merkt, die Enthemmung erreichte in den späten 1960ern nie zuvor gekannte Ausmaße. Nun gut, vielleicht nicht „nie zuvor“, aber nicht mehr, seitdem die Frauen keine Schwänze mehr haben. Das war übrigens eine Anspielung, einen ähnlich lautenden Filmtitel aus ebenjener zunehmend aufgeschlossenen Zeit gibt es tatsächlich. Trotzdem ist „Das Gesicht im Dunkeln“ alles andere als flockig, sondern so düster wie nur wenige andere Produktionen der Reihe. Und wenn Klaus Kinski nur vom Bett aufsteht, vermittelt das mehr Impact, als wenn heutige Darsteller exorbitante Abenteuer bestehen.

Leider wirkt die Handlung nicht besonders logisch, was auch deswegen auffällt, dass der Film vergleichsweise einfach gestrickt ist. Es kommen bei weitem nicht so viele Figuren vor wie in einigen reichhaltig besetzten Krimis aus der Hochphase der Reihe. Es soll ja auch keine Bandentätigkeit dargestellt werden, sondern im Wesentlichen ein Komplott weniger Personen gegen John Alexander, also Klaus Kinski.  

Es jedoch weder zu einem Happy Ending, wie regelmäßig bei den Filmen aus der „klassischen Phase“, noch einen Polizisten, der die Zuschauer bindet. Sie müssen sich entweder mit dem wieder mal etwas schräg wirkenden Klaus alias John identifizieren oder es bleiben lassen. Wäre der Film zwanzig Minuten länger, wäre er sicher auch flüssiger anzuschauen, aber offensichtlich hatte man viele horrible Szenen schneiden müssen, damit er in Deutschland überhaupt gezeigt werden konnte, oder:

Während der Herstellung der deutschen Fassung wurde Produzent Horst Wendlandt zunehmend klar, dass der Regisseur und die italienischen Koproduzenten das Filmprojekt nicht in den Griff bekommen hatten. Wendlandt schien sich von dem Projekt zu distanzieren, indem er erstmals seit 1961 auf die Nennung seines Namens im Vorspann verzichtete.[2] Mehrere stümperhaften Filmtricks sorgten ebenso für Unmut wie die teils langatmige Dramaturgie. Über die Mängel konnten auch zahlreiche Kürzungen, die gegenüber der italienischen Fassung fast 10 Minuten ausmachten, nicht hinwegtäuschen. Die Endfertigung von Das Gesicht im Dunkeln war am 15. Juni 1969 abgeschlossen. (1)

Das mit den stümperhaften Tricks ist leider richtig, vor allem gilt das für die brennenden Fahrzeuge, das muss bei einem Psychothriller von „internationalem Format“ deutlich besser, und unausgewogen ist der Film auch.

Kritik

„Zwar ist dieser Film im Vergleich zu den früheren aus der Serie ein Fortschritt, nicht nur weil er der teuerste ist, doch ein „Psycho-Thriller von internationaler Klasse“ ist er nicht.“ – Frankfurter Neue Presse, 5. Juli 1969

„Der neue Edgar-Wallace-Film in Farbe benutzt alle Möglichkeiten der Regie (Richard Freda), um möglichst jugendlich, schwungvoll und vor allen Dingen echt und unverwechselbar den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Es ist ein Streifen, der aus der alten Krimi-Atmosphäre in andere Lebensbereiche eindringt und dadurch eine ansprechende Lebendigkeit ausstrahlt.“ – Coburger Tageblatt, 12. Juli 1969

„Die stilvolle Bildgestaltung ist denn auch der Vorzug des vorliegenden Films, dessen kriminalistische Intrige – ein Fabrikdirektor (Sidney Chaplin) lässt seine Stieftochter (Margaret Lee) um die Ecke bringen – zu durchsichtig ist, als dass sie den Krimiliebhaber sonderlich interessieren könnte.“ – Wiesbadener Kurier, 23. August 1969

„Müde Wallace-Verfilmung mit einer Überraschung: Klaus Kinski endlich in einer sympathischen Rolle.“ – Lexikon des internationalen Films[9]

Finale

Die Kritik sah dieses Werk also nicht nur negativ, wie man vielleicht denken könnte und ich neige auch zu der Ansicht, ihn nicht als den schlechtesten der Reihe anzusehen. Sicher, ein wenig Phantasie ist notwendig, wenn man sich vorstellt, dass nicht etwa besonders brisante, sondern eher langatmige Szenen gestrichen wurden, aber solche Kürzungen tun dem Fluss einer Handlung selten gut und manches Werk erschließt sich erst durch den Director’s Cut in seiner vollen Schönheit. So weit, dass ein solcher hier zu einem Aha-Erlebnis geführt haben könnte, möchte ich nicht gehen, aber die Atmosphäre und Kinskis intensives Spiel, das man nun in den Mittelpunkt gerückt hat, kann man durchaus als  ewusste Stiländerung bezeichne. Dass die italienischen Produzenten Kinski haben wollten, lag natürlich daran, dass er mittlerweile in Italowestern mitgespielt hatte und daher dem Publikum ein Begriff war.

62/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Stab
Regie Riccardo Freda
(als Richard Freda)
Drehbuch Paul Hengge,
Riccardo Freda
Produktion Rialto Film (Horst Wendlandt, Preben Philipsen),
Colt Produzioni (Oreste Coltellacci),
Mega Film (Antonio Girasante)
Musik Nora Orlandi
Kamera Gábor Pogány
Schnitt Hanna Amedei,
Elisa Lanri
(italienische Fassung),
Jutta Hering (deutsche Fassung)
Besetzung

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