Der Mann im Baum – Polizeiruf 110 Episode 118 #Crimetime 733 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Grawe #Zimmermann #Mann #Baum

Crimetime 733 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD, Rigo Dommel (Der Film ist in Farbe)

Aufs Kreuz gelegt

„Der Mann im Baum“ ist ein spektakulärer Polizeiruf, das müssen wir einleitend schreiben, obwohl es reißerisch klingt, wo doch angesichts seines Themas eine besonders sensible Haltung wichtig ist.

Aber wir sind schon sehr davon beeindruckt, wie man hier ebenjenes Thema auf eine so intensive und offensive Weise anging – und damit den Darstellungen im Westen weit voraus war, die es vor der Wende zu sehen gab. Alle Darsteller spielen unter der Leitung von Manfred Mosblech so gut, wie es damals überhaupt möglich war.

Es ist nicht ganz einfach, abzugrenzen, was heute anders zu zeigen wäre, welche neuen psychologischen Erkenntnisse es mittlerweile gibt, die Täter und die Opfer von Vergewaltigungen betreffend. Warum „Der Mann im Baum“ einer der Höhepunkte unter den Vorwende-Polizeirufen ist, erklären wir aber in der -> Rezension.

Außerdem passt der Zeitpunkt der Veröffentlichung recht gut, weil wir gerade über den aktuellen Tatort „National feminin“ geschrieben haben. In ihm geht es nicht um Triebtäterschaft – aber um Tötungsdelikte, die an Frauen stattfinden, weil sie Frauen sind.

Handlung

Kleintierzüchter Karl Silawske, der in ländlicher Gegend mit kleinen Siedlungen lebt, bedrängt seine Frau regelmäßig, mit ihm zu schlafen. Stets drängt er ihr dabei seinen Willen auf, bis es Margit Silawske nicht mehr aushält. Als er sie wieder einmal gegen ihren Willen nehmen will und, um zu ihr ins Schlafzimmer zu gelangen, sogar die abgeschlossene Tür eintritt, bedroht sie ihn mit einer Schere, und er zieht sich zurück. Schon vor diesem Zwischenfall hat Karl regelmäßig junge Frauen in der näheren Umgebung ausspioniert und von Bäumen aus in ihre Schlafzimmer gespäht. Vor Frau Ottos Tür lauerte er und wollte sich mit falscher Aussage über ihren Mann Zutritt verschaffen, doch sah sie durch den Türspion, dass er eine Maske trug. Sie schrie um Hilfe, und Karl flüchtete. In einer Disko nähert er sich wenig später der 20-jährigen Marietta und berührt sie unsittlich, was sie als zufällige Anmache auffasst und ihn daraufhin zurechtweist.

Eines Morgens beobachtet Karl, wie die junge Inid Willert ihren Mann zur Arbeit verabschiedet. Mehrfach hat er Ingrid vom Baum aus beobachtet. Einmal hat sie ihn dabei erwischt, doch konnte er sich verbergen, sodass ihr Mann ihn nicht sah und Ingrid beruhigte, habe sie sich doch getäuscht. Nun steigt Karl in ihren Garten ein und klingelt an ihrer Tür. Ingrid, die ihr wenige Tage altes Baby stillen will, öffnet ihm und wird von ihm überfallen. Der maskierte Karl fesselt und vergewaltigt sie. Anschließend flieht er auf seinem Moped. Nachbarin Frau Kuster hört Ingrid später schreien und findet sie stark blutend auf. Durch die Vergewaltigung ist Ingrids Dammnarbe gerissen. Die junge Frau wird stark traumatisiert ins Krankenhaus eingeliefert. Ihr Neugeborenes, das längst hätte gestillt werden müssen, wird ebenfalls ins Krankenhaus gebracht. Frau Kuster ist entsetzt, hatte ihr Hund doch angeschlagen. Auch die junge Unterleutnant Görz reagiert verstört, ist dieser Fall doch einer ihrer ersten.

Die Ermittlungen werden von Leutnant Thomas Grawe und Oberleutnant Lutz Zimmermann geleitet. Die Spurensicherung findet zahlreiche wichtige Hinweise auf den Täter, darunter Fußspuren und Fasern der Kleidung. Thomas Grawe und Lutz Zimmermann richten sich einen Ermittlungsort in der Nähe der beiden Tatorte ein und verstärken die Präsenz von Polizisten auf den Straßen. Die Bevölkerung wird über den Täter informiert.

Karl hat sich in Marietta ein neues Opfer gesucht, doch wehrt sich die junge Frau energisch. Sie beißt ihn in die Hand, zerreißt sein Hemd und kann schließlich flüchten. Die Polizisten sind schnell vor Ort und können unter anderem ein Reifenprofil des Mopeds aufnehmen. Eine großangelegte Überprüfung der Mopeds der Umgebung beginnt, doch Karl wechselt die Reifen, sodass sein Moped bei einer Prüfung unverdächtig ist. Margit Silawske hat jedoch beim Dorftratsch erfahren, dass der Täter in die Hand gebissen wurde und weiß nun, dass ihr Mann der Vergewaltiger ist. Sie verlässt ihn und hinterlässt einen entsprechenden Brief auf dem Wohnungstisch. Zu einer Anzeige kann sie sich jedoch nicht durchringen. Karl hat unterdessen begonnen, seine Spuren zu verwischen. Er verbrennt belastendes Material und wirft seine Tatkleidung in einen Fluss, wo sie wenig später gefunden wird. Da der einzige Hof in der Nähe der von Silawske ist, wird das Gebäude noch einmal geprüft. Es finden sich nicht nur die ausgetauschten Reifen an einem Anhänger Karls wieder, sondern die Ermittler entdecken auch den Abschiedsbrief seiner Frau, in dem sie ihren Mann der Taten beschuldigt. Karl ist jedoch mit dem Motorrad unterwegs. Eine Großfahndung wird eingeleitet. Im Wald sieht Karl unterdessen Unterleutnant Görz allein und fällt sie an. Voll Wut versucht Görz, ihn allein zu überwältigen, bringt ihn mehrfach zu Fall, schlägt und tritt ihn und entwendet ihm sein gezücktes Messer. Dennoch gelingt Karl die Flucht. Verstärkung für Görz war ganz in der Nähe. Über Funk gibt sie den Fluchtweg Karls durch und der gibt, eingekreist durch zahlreiche Polizisten, schließlich auf. Bei der Verhaftung ohrfeigt Görz ihn noch einmal. Beim späteren Gespräch mit Thomas Grawe gibt Görz vor, dass alles zu schnell gegangen sei, um Hilfe zu rufen. Sie gesteht auch ein, dass sie Karl allein dingfest machen wollte. Obwohl Grawe darauf verweist, dass Teamarbeit unabdingbar sei, zollt er ihr für ihr Handeln Respekt.

Rezension

Die Täterperspektive und die Opferperpektive wechseln und dann tritt die Polizeiperspektive hinzu.

Gerade bei so schwierigen Themen wie Vergewaltigung erweist sich die Struktur der Polizeirufe als  großer Vorteil. Es sei denn, man legt Tatorte ebenfalls als Howcatchem an, bei denen der Zuschauer den Täter von Beginn an kennt und seine Verfolgung und Stellung den Mittelpunkt des Plots bildet. So ist es beim 118. Polizeiruf und der Film endet in einer echten Menschenjagd in den Sümpfen.

In jenen Sümpfen, in die Menschen geraten, die Frauen vergewaltigen oder Frauen, die Opfer von Vergewaltigungen werden. Am Ende ist Karl, der böse Kleintierzüchter, beinahe zu bemitleiden. Die beiden letzten Versuche gingen schief, weil die Frauen immer wehrhafter werden und dann sehen wir dieses Ende einer Person, die keine Chance hat und es auch weiß.

„Vielleicht ist er krank“, sagt seine Frau an einer Stelle zu ihrer Mutter.
„Darauf wird es den Frauen (die er vergewaltigt) nicht ankommen“, gibt diese zurück.

Wohl wahr. Heute sind Polizeirufe führend unter den deutschen Krimis, was die Zeit nach der Tat angeht: Der Täter wird gefasst oder inhaftiert oder in den Maßregelvollzug genommen. Er „kommt raus“ oder nutzt Freigänge, um sich wieder an Frauen oder Mädchen zu vergehen.

Was dann? Wie geht die Gesellschaft damit um? Jedes Risiko ausschließen oder jedem eine Chance geben, der als geheilt gilt? Die Polizeirufe jüngeren Datums, die wir gesehen haben („Angst heiligt die Mittel“) steht noch aus, die Kritik zu „Geliebter Mörder“ haben wir bereits veröffentlicht, beziehen unterschiedliche Positionen dazu.

Doch erst einmal muss man einen Täter fassen

Einer der Pluspunkte von „Der Mann im Baum“ ist, wie die Polizei hier ständig arbeitet und sich müht und natürlich gegen die Zeit kämpft, weil er es wieder tun wird.

Auch im 118. Polizeiruf wird nicht eindeutig erklärt, warum dieser Mensch plötzlich seinen Sexualtrieb auf solche Art ausleben will, aber anstatt einer oft recht an den Haaren herbeigezogen wirkenden Behauptung, wie sie in Tatorten oder Polizeirufen vorkommen, wenn es darum geht, warum jemand, der in der Tiefe der Zeit ruhig war, plötzlich aktiv wird, erscheint der Grund hier recht stimmig: Weil die Ehefrau ihm nicht mehr zu Diensten sein will – wie man diese Art von Sex wohl nennen muss, bei der sie gar keine Lust mehr empfindet.

Die Verweigerung der Frau löst aber seinen überstarken Trieb nicht aus, denn er beobachtet die anderen Frauen in der Nachbarschaft bereits vor dieser Schlüsselszene. Doch erst danach wird er tätig. Dass er kein Profi ist, über keine kriminelle Energie verfügt, die strategisch eingesetzt werden kann, erkennt man schnell. Der allererste Versuch scheitert, weil er nicht nachdenkt, der dritte, weil er nicht mit der aktiven Gegenwehr gerechnet hat – und noch eins drauf setzt die junge Leutnant Görz, die Selbstverteidigung gelernt hat und sogar versucht, ihn allein festzunehmen, obwohl alle wissen, dass er ziemlich stark ist. Beinahe geht diese Eigenmächtigkeit schief, weil er ein Messer zückt – und dann ist es doch eine Gemeinschaftsarbeit, an der die junge Polizistin sich beteiligt und mit durch den Sumpf watet.

Nur beim Versuch Nr. 2 kommt er zum Zuge, kann eine junge Mutter vergewaltigen, die ihm nicht gewachsen ist.

So viele Fragen. Sich wehren, wie die beiden letzten Frauen es getan haben – oder stillhalten, damit der Täter nicht immer wütender wird und vielleicht bis zur Tötung geht? Es hängt sicher vom Einzelfall ab. Wir können uns nicht vorstellen, dass zu einer generellen Verhaltensweise geraten werden kann, unabhängig von der konkreten Situation. Doch es schadet einer Frau sicher nicht, körperlich fit zu sein und sehr dezidiert zu wirken. Die meisten Täter dürften dann instinktiv eine Person, die nicht wie ein mögliches Opfer wirkt, nicht angreifen oder wenigstens ablassen oder in irgendeiner Form an der Ausführung der Tat gehindert werden.

Was wir in „Der Mann im Baum“ ebenfalls ausgezeichnet gelungen finden: Wie die Welt des Opfers, das Karl, der Hasenzüchter vergewaltigt, umgegangen wird. Die Reaktionen von allen, von ihr, ihrem Mann, wie der Arzt den leitenden Ermittler Grawe instruiert und auch den Mann von Frau Willert, das wirkt für die Verhältnisse der Zeit sehr subtil und gut eingefühlt.

Da der Film auch eine gute Länge von 87 MInuten hat, konnte man viele Details aller Art einbauen, auf diese Weise ein Gefühl von Authentizität erreichen und gleichzeitig Spannung erzeugen, die weit über das übliche Maß hinausgeht.

Die Dramaturgie ist steil. Deren Beinahe-Abwesenheit haben wir bereits als Mangel der Polizeirufe identifiziert, aber das galt eher für einige recht monoton wirkende frühe Filme, nicht mehr für die der späten 1980er. Und schon gar nicht für „Der Mann im Baum“. Man kann wirklich festhalten, die Polizeirufe sind überschlägig immer weiter verbessert worden, sie sind gereift, wurden differenzierter, aufwendiger, länger, variantenreicher und auch spannender, allein aufgrund der oftmals außergewöhnlich guten Figurenzeichnung.

Es gibt aus den späten 1980ern vermutlich keinen Tatort, der es mit „Der Mann im Baum“ aufnehmen kann. Falls doch, haben wir ihn noch nicht gesehen. Der große Vorsprung, den sich die Westreihe in   mit Filmen wie „Reifezeugnis“ erarbeitet hatte, mit dem gesamten Stil des NDR und des WDR in den frühen 1970ern, war zu dem Zeitpunkt verschwunden – was auch daran lag, dass die 1980er in der BRD eine ziemlich konservative Zeit waren, in der Filmemacher sich offenbar nach den 1970ern zurücksehnten und deshalb unangepasste Figuren wie Horst Schimanski entwarfen, anstatt das Filmische weiterzuentwickeln. Wie der Ruhrpott-Cop konnte ein Kommissar in der DDR natürlich nicht auftreten, dafür aber anständige Polizeiarbeit machen.

Perfekt ist „Der Mann im Baum“ nicht.

Es ist zum Beispiel erstaunlich, dass der Drang, den Karl verspürt, so stark ist, dass er mit seinem Moped quasi zwischen den ermittelnden Polizisten herumfährt, um sich weitere Opfer zu suchen, anstatt auszuweichen und sich Gegenden mit weniger Auftrieb zu suchen.

Wenn er so extrem veranlagt ist, dann hätte er trotz der früheren Bereitschaft seiner Frau zum Sex auch nach weiteren Frauen Ausschau halten müssen, vor allem nach welchen, die er nicht als verwelkt hätte diffamieren können. Wie die junge Marietta ihn beißt, wie Leutnant Görz ihn mit Judogriffen aufs Kreuz legt, das hat uns gut gefallen und doch – in den Sümpfen sieht man dann einen Menschen, der tatsächlich krank wirkt.

Vielleicht ist das auch die Erklärung dafür, dass er solch ein extrem hohes Risiko eingeht und dadurch in die Hände der vielen Polizisten geraten muss, die in der „Siedlung“ tätig sind und dort sogar eine Einsatzzentrale einrichten. Auch dies ein sehr modern wirkendes Vorgehen, dieses raus aufs Dorf und dort alle Kräfte konzentriert.

Außerdem machen die Polizist*innen, vor allem natürlich Grawe, aber auch Zimmermann und Görz, fast alles richtig, ohne hypermotiviert oder mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestattet zu sein. „Der Mann im Baum“ löst sich sehr logisch auf und die Figuren unterstützen diese Logik mit nachvollziehbaren Reaktionen und Dialogsätzen. Die große Genauigkeit und Ernsthaftigkeit bei der Darstellung eines Sexualstraftäters und seiner potenziellen und tatsächlichen Opfer machen den 118. Polizeiruf wertvoll und sehenswert.

Finale

„Der Mann im Baum“ macht sich sehr verdient darum, die Gefühle von Frauen erfahrbar werden zu lassen, die vergewaltigt oder von Sexualstraftätern angegriffen wurden.

Die Polizeirufe zeigen solche Fälle häufiger, als das bei Tatorten der Fall ist, das gilt nach unserem Eindruck bis heute. Das heißt, Männer müssen sich mit ihrer Sexualität auch mehr auseinandersetzen und das gilt für uns, seit wir die Reihe ebenfalls besprechen, natürlich ebenfalls. Sich für etwas rechtfertigen zu müssen, was auf die eigene Person nicht zutrifft, weil man zu einer bestimmten Gruppe zählt, finden wir generell schwierig, denn entweder findet man Gruppendiskriminierung (früher „Sippenhaft“) okay oder man betrachtet Menschen individuell – besonders, wenn es zu Straftaten kommt.

Aber Männer haben eine besondere Verantwortung, weil es ihnen schwerer fällt, ihr Triebverhalten zu kontrollieren und sie müssen diese Verantwortung sehr ernst nehmen. Denn es kommt hinzu, dass nach wie vor gilt, dass ein Mann in der Regel eher seinen Willen durchsetzen kann, weil er körperlich überlegen ist. Das heißt nicht, dass alle Gewalt von ihm ausgehen muss, man schätzt z. B., dass häusliche Gewalt, wenn man psychische Gewalt einrechnet, zu etwa einem Drittel von Frauen ausgeübt wird, aber es bleibt dabei, dass es keine Parität gibt, sondern einen Auftrag, und den sollten Männer annehmen. Besonders dann, wenn sie erstmals an sich bemerken, dass sie zu sexueller Übergriffigkeit neigen.

Wer nicht so krank ist, dass er sich selbst gar nicht in einer zu offensiven oder gar gewalttätigen Rolle wahrnehmen kann, hat dann beispielsweise die Aufgabe, sich so rasch wie möglich ehrlich zu machen und sich behandeln zu lassen, bevor es schlimmer wird.

9/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Manfred Mosblech
Drehbuch Manfred Mosblech
Produktion Siegfried Kabitzke
Musik Günther Fischer
Kamera Günter Heimann
Schnitt Ilona Thiel
Besetzung

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