Himmelfahrt – Tatort 90 #Crimetime 734 #Kiel #Finke #NDR #Himmelfahrt #Himmel #Fahrt

Crimetime 734 - Titelfoto © NDR / TelePress

Der Sheriff wird nicht gefragt

Der letzte Tatort mit dem Kieler Kommissar Finke wurde nicht mehr von Wolfgang Petersen inszeniert, der sich mit dem Vorgänger „Reifezeugnis“ fürs große Kino empfohlen hatte und bald darauf „Das Boot“ inszenierte. Wirkt sich das auf die Qualität des 90. Tatorts aus und was gibt es sonst zum Film zu schreiben? Es steht alles in der -> Rezension.

Handlung (Tatort-Fundus)

Sie sind Mitglieder der Musikkapelle der Freiwilligen Feuerwehr Doetersen: Willi Erkens, Bernd Lobsien, Lossak, Thomas Brass, Jan Stratman und Holger Budinski.

Thomas Brass erwischt es als ersten. Willi Erkens hatte beim Brand eines Bauernhauses unter Lebensgefahr zwei Kinder gerettet und sich dabei schwere Brandwunden zugezogen. Am Tag seiner Entlassung wird natürlich groß gefeiert. Lossak und Brass gehen einen Moment vor das Haus und spielen mit einem Motorrad. Plötzlich ist ein Zischen in der Luft, Thomas Brass krümmt sich vor Schmerzen, blutet und wird ohnmächtig. Ein Verrückter? Eine verirrte Kugel? Ein Jagdunfall? Jedenfalls wurde geschossen. Das steht fest.

Der Nächste ist Bernd Lobsien. Bernd ist Spieler des Kreisklassenvereins TUS Doetersen sowie Trainer von zwei Kindermannschaften. Mitten im Spiel bricht Bernd zusammen. Die Kinder halten das zunächst für einen Spaß, aber dann sehen sie, daß seine Kleidung blutig ist.

Drittens wird Willi Erkens drankommen. Und viertens . . .

So langsam fühlt sich in Doetersen keiner mehr seines Lebens sicher. Der Bürgermeister erwägt schon, eine Bürgerwehr aufzustellen und das Schlimme an dieser Angelegenheit ist: Die Betroffenen, vielmehr die Getroffenen, wollen der Polizei offensichtlich nicht helfen. Sie schweigen sich aus. Dabei ahnen sie, daß es mit einem Vorfall zusammenhängt, der sich am Himmelfahrtstag ereignete. Aber die Polizei, meinen sie, geht das nichts an. Das wollen sie lieber selbst in die Hand nehmen.

Rezension

Welch einen Ruf die Finke-Tatorte noch heute genießen, lässt sich anhand von „Himmelfahrt“ besonders gut nachvollziehen. Obwohl mit einer Durchschnittswertung von 7,18/10 derzeit auf dem letzten Platz von sieben Tatorten mit diesem Ermittler angesiedelt (Finke-interne Fundus-Rangliste), kommt er im Ranking aller Tatort noch immer auf Platz 209 von 1149 (Stand 26.07.2020). Finke ist bis heute der Ermittler mit der höchsten Durchschnittsbewertung aller seiner Fälle.

7,18/10 ist also immer noch gut, wenn auch nicht für Finke-Verhältnisse. Das Drehbuch stammt, wie  bei den vorausgehenden Finke-Klassikern von Herbert Lichtenfeld, die Grundlage, auf der gefilmt wird, ist also vom selben Autor erstellt worden. Aber hätte Wolfgang Petersen dieses Drehbuch verfilmt? Da bin ich mir nicht sicher und weiß nicht, ob es Vertragsregisseure gibt, die alles drehen müssen, so, wie die ARD-Vertragsschauspieler (bis auf wenige Auserwählte, die Einfluss auf „ihre“ Stoffe nehmen) nicht sagen können: Nee, den Plot mag ich nicht, in dem spiele ich nicht mit.

Hat man in „Reifezeugnis“ den Versuch einer Vergewaltigung tödlich für den Angreifer enden lassen und das Opfer in eine ausgefeilte und spannende Zwangslage gebracht, wollte man wohl im Thema bleiben, aber einen Schritt weitergehen: Wie, wenn das Opfer keine Chance hatte, zumal gegen mehrere Männer, und schwer traumatisiert ist? Wie reagiert dessen Umfeld? Wie zeigt sich das Trauma?

Leider hat man bei „Himmelfahrt“ einen allzu reißerischen Ansatz gewählt und versucht, den kleinen Ort Doetersen als eine Westernstadt zu zeigen, in der wilde Cowboys Frauen nachstellen, die Familie eines Vergewaltigungsopfers Privatrache nimmt, der Sheriff ist hingegen nur für Viehdiebstahl zuständig und der Marshal, der mit einem brandneuen, sandfarbenen Opel Rekord aus Kiel einreitet, wir mit einer Mauer des Schweigens konfrontiert. Die zentrale Figur der Übergriffe gegen Frauen, des vorliegenden Sexualverbrechens und der Omerta ist ein gewisser selbstständiger Automechaniker namens Lossak, gespielt von Diether Krebs, dessen Wirken wir kürzlich in der Rezension zu „Alles umsonst“ betrachtet hatten. Im siebten Tatort, der nach „Himmelfahrt“ Premiere feierte, stand er allerdings schon auf der anderen Seite des Gesetzes. Das Pferd des Lossak ist eine Honda, die für die Verhältnisse der Zeit etwas outlawmäßig wirkende schwarze Kluft mit Nieten ergibt sich aus diesem Verkehrsmittel.

Mit graduellen Abstufungen sind weitere Männer aus dem Ort am Rape an der jungen Frau namens Isa beteiligt, einige aus der Kapelle der freiwilligen Feuerwehr auch gar nicht, aber weiß das der Rächer? Sollte er eigentlich, denn irgendwoher muss er ja auch wissen, wer beteiligt war und das tut er auch, aber trotzdem fühlen sich die übrigen Mitglieder der Feuerwehr und der Kapelle nicht mehr sicher. Dieser Lossak hat auf alle anderen einen so großen Einfluss, dass sie sich nicht trauen, zur Polizei zu gehen, um sich selbst zu schützen, nachdem die Serie der bewusst nicht tödlich ausgeführten Schussverletzungen begonnen hat und klar wird, dass sie etwas mit der Vergewaltigung am Himmelfahrtstag zu tun hat. Zunächst war mir nicht klar, dass die Täter nicht wussten, wer die junge Frau war, die ihr Opfer wurden und auch nicht, so wie wohnt. Das muss der verloren gegangene Detektiv Lossak erst einmal herauskriegen, um Gegenmaßnahmen einleiten zu können.

Der Plot quietscht leider in seinen Fugen. Das beginnt damit, dass man den auffälligen VW-Bus (nicht Kombi) nicht gefunden hat, mit dem die Radfahrerin Isa kollidierte bzw. dessen Fahrer sie anfuhr, außerdem geht ein poppig bemalter T1 oder T2 als Vehikel für eine besoffene Horde den Vatertrag begehender Dörfler, von denen die meisten keine Kinder haben, gar nicht, das ist ein Sakrileg. Der negative Höhepunkt ist aber, dass Lossak einen unsicheren Kandidaten, der nur zugesehen hat,  am Strand erschießt, damit er nicht doch eine Aussage macht, nachdem immer mehr Menschen dem Mann mit dem Präzisionsgewehr mit dem Schalldämpfer zum Opfer fallen. Es müsste dem Täter wohl klar sein, dass schnell herausgefunden wird, dass hier eben nicht der Scharfschütze am Werk war.

Auch das Ende ist unsinnig, vor allem, dass Lossak tatsächlich in die Gruppe hineinschießen will, in der auch Finke und sein Assistent sich befinden. In dem Moment, in dem die Polizei eintrifft, spätestens in diesem Augenblick, hätten die beiden Motorradkluftträger Lossak und Brass den Ort schleunigst verlassen müssen. Aber man sollte noch etwas Dramatik nachschieben und riskiert dadurch eine sehr unbefriedigende, unstimmig wirkende Auflösung. Und, Diether Krebs in Ehren, aber dass er in seiner Rolle als Lossak dermaßen andere dominieren und manipulieren kann, dass sie sich lieber anschießen lassen, als dass jeder sich selbst rettet, habe ich nicht so ganz gekauft. Das kommt auch daher, dass die Feuerwehrleute zwar zu Beginn als Gefahrengemeinschaft im Einsatz dargestellt werden, es aber sonst wenig gibt, das dieses besonders verschwörerische Verhältnis und etwas, das man geradezu als Kadavergehorsam bezeichnen kann, erklärt. Sicher, in kleinen Dörfern wird einiges unter den Teppich gekehrt und man ist sehr aufeinander angewiesen, glaubt man jedenfalls, aber in diesem Fall, zumal mit Finke der netteste und am vertrauenswürdigsten wirkende Ermittler, der damals im Tatortland unterwegs war, versucht, das Schweigen behutsam aufzubrechen.

Es dauert auch in Relation zu seinem Spürsinn recht lange, bis er den Hintergründen auf die Spur kommt, der Zeitdruck, unter dem er nach dem zweiten Anschlag steht, der klar macht, dass es um seine gewollte Serie geht, kommt in der Art, wie gefilmt wird, nicht richtig zum Ausdruck, hingegen wird am Schluss, siehe oben, etwas zu steil gegangen und dadurch wird die Glaubwürdigkeit der Handlung beschädigt. Gut übrigens die Schlussszene: Die Kellnerin eilt schon wieder zu dem Frauenheld des Dorfes ins Krankenhaus, nachdem er zum zweiten Mal was abbekommen hat, dessen Frau, die von dem Verhältnis eh weiß, ist schon dort. Finke so: „Jetzt geht das schon wieder los. Bloß weg hier.“ Besser kann man es nicht treffen, aber die Frauen werden in dem gesamten Film auch als ziemlich naiv dargestellt. Landeier eben, die ihren Männern alles verzeihen. Auch der Umgangston Frauen gegenüber ist ruppig und diskriminierend, Zwischen den Männern geht es allerdings auch nicht gerade akademisch zu. Es ist eine rückständige Welt, die wir sehen und war es schon in den späten 1970ern. Der NDR hat ja ab den 2000ern diese Welt der Stadtwelt anders gegenübergestellt, indem er die Städterin Lindholm ins norddeutsche Flachland fahren und sie dort auf archaische Zustände und wenig elaborierte Charaktere treffen ließ.

Finale

Ein weiterer wichtiger Aspekt darf nicht unerwähnt bleiben: Dass man ein so schwieriges Thema wie Vergewaltigung hier selbst sozusagen missbraucht hat, um eine insgesamt wenig glaubwürdige Rachegeschichte im Outback zu erzählen, anstatt zum Beispiel das Setting des Vaters, der die „Isatien“ züchtet, offenbar eine Orchideenart, mehr zu beleuchten. Da steckt doch einiges an Symbolik und viel zum Nachdenken drin. Zum Beispiel Dominique Horwitz, den wir mit langen Haaren und als Jugendlichen nicht erkannt hatten. Ich bin natürlich durch den kundigen Umgang beeinflusst, der in Polizeirufen zu der Zeit aufgebaut wurde, Sexualdelikte betreffend, wenngleich man den kürzlich rezensierten „Der Mann im Baum“ schon deshalb nicht mit „Himmelfahrt“ vergleichen kann, weil zehn Jahre Entwicklung dazwischenliegen, und die haben gerade im Umgang mit dem einstigen Tabuthema Sexualstraftaten viel an Veränderung gebracht.

Trotzdem ist die Herangehensweise der Polizeirufe immer schon seriöser und mehr den Opfern zugewandt gewesen, als man das im 90. Tatort sieht. Auch das Trauma von Isa wirkt ein wenig zu kolportagehaft – aber es realistischer darzustellen, hätte eben auch mehr Konzentration auf jenes Opfer einer Strohhut-Gang erfordert, die sich am Himmelfahrtstag auf den Weg macht, um die gesunde Seele eines Mädchens zu zerstören und als Spätfolge fahren einige der Täter selbst – zum Himmel oder zur Hölle? Ausnahmsweise gut erklärt: Warum die Rache erst ein Jahr nach der Tat beginnt. Der Täter musste erst mit dem Präzisionsgewehr so lange üben, bis er ein sicherer Schütze war, der nicht zufällig eine Tötung begeht, wenn nur eine Verletzung geplant war. Denn umgebracht haben die miesen Möppe die Frau ja nicht … nun ja.

Finke Farewell

Da „Himmelfahrt“ der letzte Finke-Tatort war, eine Schlussbemerkung zu diesem Ermittler. Seine ruhige Art, seine Geduld, das wirkt sehr modern und demokratisch, er droht nicht und spiegelt sich, anders als heutige Ermittler*innen, nicht in der eigenen Eitelkeit, die auch das Hypen von Duellen mit Täterfiguren beinhaltet. Und, das wirkt in „Himmelfahrt“ besonders stark ausgeprägt, es geht ihm um Menschen, um Opfer und darum, Schlimmeres zu verhindern. Dass die Finke-Filme so erfolgreich waren und immer noch sind, liegt auch an einem Typ Kommissar, der eine Ausnahmeerscheinung darstellt. Ich prüfe mein Verhältnis zu den Tatort-Ermittlern gerne daran, ob ich ihnen etwas Schwieriges, etwas für mich oder mir nahestende Menschen Belastendes anvertrauen würde. Anders als die Bewohner von Doetersen, hätte ich als Mitwisser der Vergewaltigung mit Finke kooperiert.

Die realistische Bewertung für den 90. Tatort kann leider trotz seiner Stellung als letzter Fall eines großen Kommissars, dessen Einsätze stilprägend waren, keine sehr hohe sein. Dafür haben wir im Wahlberliner für „Reifezeugnis“ 10/10 vergeben, das kam bei nunmehr 734 Crimetime-Rezensionen erst zweimal vor.

6/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Rainer Wolffhardt
Drehbuch Herbert Lichtenfeld
Produktion Rolf Freisler
Musik Bert Breit
Kamera Günther Wulff
Schnitt Luise Dreyer-Sachsenberg
Besetzung

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