Der Zirkus (The Circus, USA 1928) #Filmfest 194

Filmfest 194 A "Concept IMDb Top 250 of All Time" (9)

Look up to the Sky!

Wir sind ganz schön weit gekommen mit Charles Chaplins Werk. Aber zwei große Filme standen noch aus: „Lichter der Großstadt“ und „The Circus“. Wir haben beide Film bereits gesehen, aber das war, bevor wir anfingen, über Filme zu schreiben. ARTE hat in den letzten Jahren viel von Chaplin gezeigt – und uns jetzt ein Nachweihnachtsgeschenk gemacht, indem ausgerechnet die beiden Filme, die uns fehlen, ausgestrahlt wurden.

Handlung

Der Tramp wird fälschlicherweise des Taschendiebstahls verdächtigt und von der Polizei gejagt. Auf der Flucht platzt er in eine Zirkusvorstellung und bringt das Publikum unfreiwillig zum Lachen. Daraufhin möchte der Zirkusdirektor ihn als Clown engagieren. Doch der Tramp kann nicht auf Befehl lustig sein, daher wird er nur als Requisiteur angestellt. Durch die Missgeschicke, die ihm dabei passieren, wird er zur Hauptattraktion des Zirkus – ohne selbst etwas davon zu ahnen und daher weiterhin mit demselben schlechten Gehalt. Erst Merna, eine Kunstreiterin und die Stieftochter des Direktors, öffnet dem Tramp die Augen und sorgt dafür, dass der Zirkusdirektor ihn nun ordentlich bezahlen muss. Merna wird von ihrem Stiefvater regelmäßig geschlagen. Indem der Tramp sich als Star der Vorstellungen für sie einsetzt, sorgt er auch dafür, dass der Zirkusdirektor sie nun besser behandelt.

Charlie verliebt sich in die Kunstreiterin und träumt von einer gemeinsamen Zukunft, insbesondere als eine Wahrsagerin Merna prophezeit, sie werde bald ihr Glück mit einem „großen, gutaussehenden Mann“ finden, der schon nahe bei ihr sei. Merna trifft allerdings kurz darauf den neu engagierten Seiltänzer Rex, in den sie sich auf der Stelle verliebt. Der Liebeskummer des Tramps wirkt sich auch auf seine Darbietungen aus, die immer unlustiger werden. Der eifersüchtige Tramp versucht sich stattdessen selbst mit mäßigem Erfolg als Seiltänzer. Als Rex für eine Darbietung nicht aufgefunden werden kann, schickt der skrupellose Zirkusdirektor den Tramp unter Lebensgefahr aufs Seil. Er übersteht den Seilakt trotz großer Gleichgewichtsprobleme sowie einiger Affen, die ihn massiv belästigen, ohne Absturz.

Als der Zirkusdirektor wenig später Merna wieder einmal schlägt und der Tramp ihn dafür verprügelt, wird er gefeuert. Merna will mit dem Tramp weglaufen, doch er ahnt, dass sie keine gemeinsame Zukunft haben können. Er sorgt stattdessen dafür, dass Rex und Merna heiraten können. Als der Zirkusdirektor am nächsten Tag Merna erneut schlagen will, erklärt Rex, dass sie nun seine Frau sei und er sie nicht schlagen solle. Während der reisende Zirkus abzieht, bleibt der Tramp alleine zurück.

Rezension

IMDB Top 250

Die Langspielfilm von Chaplin gehören zum Erbe der Filmgeschichte, das gilt sogar für einige seiner kürzeren Arbeiten. Wie haben mal in die IMDb geschaut. Was sagen die Nutzer*innen?

Moderne Zeiten. Lichter der Großstadt. Der große Diktator. In der Reihenfolge. Alle bewertet mit 8,5/10, also mit kleinen Abständen dazwischen, die sich nicht in Zehnteln ausdrücken. Dann „The Kid“ mit 8,3. Und dann schon „The Circus“ mit 8,2/10, knapp gefolgt von „Gold Rush“ mit derselben Bewertung. Die Chaplin-Langfilme mit einer 8er-Wertung schließt „Rampenlicht“ (8,1/10) ab.

Der am besten bewertete Film, der auf der Liste erscheint, wenn man die „Feature Films“ von Chaplin aufruft, stammt aber gar nicht von ihm. Es ist „Joker“ von 2019 (8,7/10). Das tut weh. Da reicht es nicht mehr, sich auf die Überbewertung moderner Filme bei den IMDb-Nutzern zuurückzuziehen. Ein so zynisches Produkt  wie „The Joker“ at Top über Chaplins Meistewerken – nun ja, jede Zeit hat ihre Helden und unsere nimmt zunehmend dystopische Züge an. Aber es geht auch um die Qualität, um das Epochale, das Filme haben sollten, die in den Top250 aller Zeiten der IMDb gelistet sind.

Das immerhin trifft auf vier der oben genannten Chaplin-Werke zu. Nicht aber auf „The Circus“. Der Grund liegt darin, dass gegenwärtig nur ca. 23.000 Menschen abgestimmt haben, für den Eingang in die Liste braucht es aber ca. 25.000 Bewertungen.

Ergänzung zur Publikation für die „Top 250 off All Time“: Wir stellen in diesem Zyklus auch Filme vor, die nicht mehr in der Liste enthalten sind, es einmal waren. Eine ganz erfreuliche Wendung, fast chaplinesk, wenn auch nicht im Sinne von „The Circus“: Offenbar haben sich einige Fans zusammengetan und dem Film weitere Stimmen beschert. Er liegt immer „nur noch“ bei 8,1/10, aber nunmehr mit über 28.000 Bewertungen – und konnte auf Platz 245 noch einmal in die Top 250 zurückkehren.

Die Reihenfolge unter den Chaplin-Filmen sehen wir ähnlich. Ob nun „City Lights“, „Moderne Zeiten“ oder „Der große Diktator“ der beste Chaplin-Film von allen ist, darüber kann man streiten. Die einzige Überraschung gab es wiederum mit „The Circus“. Dass er knapp besser bewertet wird als „Goldrausch“, finden wir durchaus bemerkenswert. Aber nicht paradox. Auch hier muss eine Ergänzung sein: „Goldrausch“ ist mittlerweile mit 8,2/10 bewertet und wie ein Zehntel ausmachen kann, sieht man daran, dass er in der IMDB Top 250 aktuell auf Platz 154 liegt.

Sorry an dieser Stelle für das ausführliche Eingehen auf diese Liste, aber es ergab sich aus der Summe dessen, was in der Rezension bereits stand und diesem Nachtrag.

Rezension 

Keine Frage, der Film mit der großen Manage des Lebens im Bildzentrum rechnet zu den besonders melancholischen Werken von Chaplin, ist vielleicht das traurigste seiner Werke oder doch an zweiter Stelle hinter „Rampenlicht“, was den Auslösefaktor für Weltschmerz betrifft. In beiden Fällen kann Charlie das Mädchen nicht bekommen, und wenn sich das Scheitern auf Spielfilmlänge zuträgt, erreicht es eine andere emotionale Tiefe als in seinen frühen Komödien, in einigen von ihnen kam dies ebenfalls vor. Chaplin zelebriert in „The Circus“ das genaue Gegenteil vom wunderbar optimistischen Schluss, den „Goldrausch“ hatte.

Das war nämlich der einzige Film, in dem der Tramp nicht nur auch mal Glück hatte, sondern sogar reich wurde. Mitten in den goldenen 1920ern sicher ein sehr passendes Ende. Allerdings wollen wir nicht so weit gehen, dass er 1928 die Great Depression, die mit dem Börsenkrach im Oktober 1929 begann, vorausgeahnt hätte, auch wenn es viel um die Macht geht, die mit Geld ausgeübt wird, um Erfolg und Misserfolg, wie sich das alles von einem Tag auf den anderen wenden kann, um Repression und eine Traurigkeit des Clown-Daseins, mit der Chapllin ungewöhnlich tief in uns hineinschaut. Vielleicht ist der Film deshalb heute so beliebt. Man sieht über einige Mängel hinweg und erkennt die bestürzende Wahrheit hinter vielem, was gezeigt wird. Deshalb finden wir es auch falsch, dass der Film in der Wikipedia eine Komödie genannt wird. Das ist er trotz seiner witzigen Momente weniger als fast alle anderen Chaplin-Filme.

Es gibt viele darunter, in denen Gewalt eine Rolle spielt. Man prügelt sich, es kommt auch zu physisch bedeutsamen Unfällen, aber auch unter diesem Aspekt stellt „The Circus“ eine Besonderheit dar: Wie der grobe Zirkusdirektor seine Tochter misshandelt, das ist sehr scharf herausgehoben und geht über die Rüpeleien weit hinaus, die Frauen auch bei anderen Komödianten in der klassischen Zeit ertragen mussten. Es ist ein furchtbares Leben, das sich nur ertragen lässt, wenn man zum Himmel aufblickt und nach einem Regenbogen Ausschau hält.

Swing little girl
Swing high to the sky
And don’t ever look at the ground
If you’re looking for rainbows
Look up to the sky
You’ll never find rainbows
If you’re looking down

Life may be dreary
But never the same
Some day it’s sunshine
Some day it’s rain

Swing little girl
Swing high to the sky
And don’t ever look to the ground
If you’re looking for rainbows
Look up to the sky
But never, no never, look down.

Sonnenschein kommt in dieses Leben erst durch Charlie, den Clown wider Willen, der durch seinen Real-Slapstick dem Zirkus auf die Sprünge hilft. Es wird nicht dargestellt, ist jedoch durchaus möglich, dass der Direktor es sich erst leisten kann, den Seiltänzer „einzukaufen“, nachdem Charlie dem Zirkus viel Geld eingebracht hat. Und damit sorgt der kleine Kerl selbst dafür, dass ein Konkurrent um das Mädchen auf den Plan tritt und die unglückliche Interpretation einer Wahrsagung sorgt dafür, dass dieses sich umgehend in den neuen Artist verliebt. Kein Wunder, dass Charlie nicht mehr witzig sein kann, obwohl er mittlerweile gelernt hat, auf Kommando genau das zu machen, was als spontane Serie von echten Unfällen begann. Schade in dem Zusammenhang, dass der Gag mit den Polzisten auf dem Laufrad nicht zu einer permanenten Nummer werden konnte, er hätte Keystone-Qualität gehabt und gemahnt vielleicht auch ein wenig an Chaplins Anfänge bei jener Filmfirma, deren Markenzeichen die Keystone Cops waren – noch bevor Chaplin auf den Plan trat. Vielleicht fühlte Chaplin sich nach „Goldrausch“ auch erstmals alt, nach 15 Jahren mit vielen großen Erfolgen und einigen privaten Kalamitäten. Ein Foto, aufgenommen während des Drehs von „Goldrausch“, zeigt ihn bereits mit einzelnen weißen Haarsträhnen – die in den Filmen natürlich gefärbt wurden. Erst in „The Great Dictator“ sieht man beide Chaplins: Den „jüngeren“ als Friseur, seinen Alter entsprechend am Ende als falscher Diktator, der die Welt zum Frieden aufruft.

Die Ambivalenz von „The Circus“ wurde offenbar von Chaplins realen Lebensumständen zu der Zeit gefördert und wenn man bedenkt, welchen Stress er mit seiner sehr jungen Ehefrau Lita Grey hatte, kann man sich vorstellen, welche Qualen er durchlitt. Unter diesem Gesichtspunkt bekommen die Szenen, in denen der Zirkusdirektor so übel mit seiner Tochter, der Kunstreiterin, umgeht, eine ganz andere Bedeutung. Man kann sich vorstellen, dass Chaplin sich durchaus in beiden Rollen sah, als der romantische Tramp, wie immer –  aber auch als ein Mann, der seine Frau am liebsten ohne Essen ins Bett geschickt und am nächsten Morgen gleich wieder ordentlich verprügelt hätte, anstatt sie mit einer Million Dollar Abfindung ziehen zu lassen, was damals eine enorm hohe Summe war.

Aber Chaplin war eben auch ein Opfer seiner Obsession für Beinahe-Kindfrauen, wie Lita Grey oder für welche, die sehr deutlich jünger waren als er – und das blieb so bis zu seiner letzten Ehe mit Oona O’Neill, die aber als glücklich galt und die berühmtesten Chaplin-Kinder hervorgebracht hat, mit Tochter Geraldine an der Spitze der Skala.

Durch die Turbulenzen in seinem Privatleben und durch ein Feuer am Set wurde „The Circus“ zum wohl schwierigsten und langwierigsten von Chaplins Projekten und manches, was ihn etwas ruckig wirken lässt, könnte daher rühren. Muss es aber nicht. Chaplin war mindestens bis zu „Moderne Zeiten“ alles andere als ein Meister des perfekten Schnitts oder der perfekten Szenenabfolge, der Rhythmus seiner Filme war nicht selten etwas unrund. Sogar in „Der große Diktator“ gibt es noch eine oder zwei Stellen, über die wir beim Anschauen regelrecht gestolpert sind.

In „The Circus“ kommt schon der Opener mit dem Mädchen, das auf den Ringen sitzt und mit ihnen am Seil schwingt, zu abrupt und das Gleiche gilt für den Wechsel zum Tramp, der dann im Spiegelkabinett und als mechanische Figur einen seiner großen Auftritte hat. Der Slapstick, der in diesem Film durchaus einen guten Platz einnimmt, kontert auch die Melancholie, die ansonsten überbordend wäre. Das Zirkusmilieu oder alles, was wir als prekär wahrnehmen, ist für uns sowieso schwierig, wenn damit so viel Leid verbunden ist wie in „The Circus“, der im Grunde auch etwas Antikapitalistisches hat. Wie die meisten Stummfilmkomödien, denn es sind ja immer kleine Leute wie Charlie, die sich subversiv verhalten und damit das Publikum der kleinen Leute, die mal einen Dime für einen Kinoabend ausgeben, aber nicht ins Theater gehen können, pflegen. 

„The Circus“ ist da wieder ganz klassisch. Der Tramp kommt aus dem Irgendwo, erhellt die Szene für etwa 80 Minuten, sitzt am Ende verlassen da, steht auf und geht ins Nirgendwo. Später, in „Moderne Zeiten“, dem letzten reinen Tramp-Film von Chaplin, tut er das immerhin zu zweit und man spürt heraus, dass er den Optimismus des New Deal nicht durch ein zu melancholisches Ende konterkarieren wollte. Zumal der Film vorher schon sehr sozialkritisch ausgefallen ist und er außerdem mit Paulette Goddard wieder einmal eine junge Filmpartnerin gefunden hatte, die sich auch im Realleben zu einer Ehe mit ihm bereitfand.

Wenn es um die besten Gags aus Chaplins Filmen geht, werden aus „The Circus“ fast immer das Spiegelkabinett und die daran anschließende Szene gezeigt, in der Charlie eine mechanische Figur mimt, die mit anderen an der Bordwand eines Segelschiffs aufgereiht ist. Dabei schlägt er mit einem Holzhammer immer auf den Typ ein, der ihn durch einen Geldbörsenraub in die Situation verwickelt hat und ebenfalls eine Figur mimen soll – bis dieser zusammenklappt und dadurch der anwesenden Polizei verrät, wo sich die beiden Gesuchten befinden. Diese beiden Momente kommen schon ziemlich zu Beginn des Films. Der komplizierteste Trick ist sicher der Seiltanz mit den Affen, auch wenn wir davon ausgehen dürfen, dass das Seil dicht über dem Boden gespannt war oder sich ein Netz darunter befindet. Es gibt einige Halbtotalen, die eher auf Letzteres schließen lassen.

Finale

Zeitweise wirkt es so, als ob die Statist*innen nicht so recht in die Szenen eingewiesen worden wären und es gibt zu viele von ihnen in der Zeit, wo der Zirkus angeblich wegen mangelnder Lustigkeit seiner Clowns kaum Zuschauer hat . Auch in dieser Lage wirken die Ränge recht gut besetzt. Erstaunlich, dass Chaplin das hat durchrennen lassen. Selbst, wenn die Statist*innen nicht für viele Tage zur Verfügung standen, man hätte für die Szenen, in denen Zirkuselegie herrscht, einige von ihnen nach draußen bitten können. Ebenfalls sehr schön ausgeführt ist der Teil, in dem Charlie in Wahrheit angeleint auf dem Seil balanciert, dabei die tollsten Kunststücke vollführt, die ohne Befestigung des Körpers nicht möglich sind – und zunächst nicht merkt, wie die Leine sich löst. Für uns als Zuschauer wird die Leine gut sichtbar gemacht, wir müssen es uns aber so denken, dass sowohl die Kollegen als auch die Besucher der Vorstellung nichts von dieser Absicherung mitbekommen.

Der Slapstick hat einen hohen Unterhaltungswert, wir mussten mehrfach laut lachen, was bei Filmen, die wir aus Gründen des historischen Interesses sehen, ein gutes Zeichen ist. Es ist anders als bei den Stan- und Ollie-Filmen, von denen wir an den Weihnachtstagen gerade wieder einige erstmals gesichtet haben, es ist nicht so unbeschwert, weil es die andere, die dunkle Seite von „The Circus“ auch noch gibt – aber eine von Chaplins Gaben ist es gerade, beim Publikum Stimmungswechsel zu erzeugen, sodass im Lachen über einen Gag nach einer traurigen Szene auch etwas Befreiendes und Befreites liegt.

„The Circus“ ist für Chaplins Verhältnisse zwar ein dunkles Werk, aber insgesamt doch sehr ausgewogen. Mit dem Problem, das viele Komiker mit sich schleppen: Die schönen Mädchen sind immer für die anderen, auch wenn diese anderen in ihren Filmen nur Nebenrollen spielen. Das ist auch eine Art von Rache, dass der handsome Mainstream bei weitem nicht so interessant wirkt.

85/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Charlie Chaplin
Drehbuch Charlie Chaplin
Produktion Charlie Chaplin
Musik Charlie Chaplin (1969)
Kamera Roland Totheroh
Schnitt Charlie Chaplin
Besetzung

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