Holzwege – Polizeiruf 110 Episode 51 #Crimetime 735 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Thüringen #Fuchs #Woltersdorf #Holzweg #Holz #Festmeter

Crimetime 735 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Ein Heimatfilm im Polizeiruf-Format

Es ist immer Mist, wenn man beim Anschauen eines Films etwas Tolles entdeckt hat, danach die Fakten zum Film recherchiert und darauf stößt, dass andere das exakt genauso gesehen haben. Wir können’s nicht ändern, aber „Holzwege“ ist nun mal ein Heimatfilm und zwar ohne Genreabweichung, denn in Heimatfilmen kamen ja oft illegale Handlungen vor, nicht selten mit tödlichem Ausgang als Katharsis, bevor dann alles gut wurde. Ganz hundertprozentig gut wird es dieses Mal nicht, Fragen bleiben. Aber dass man in der DDR die Chance hatte, das in der BRD in den 1950ern weit verbreitete und auch von dortigen Kritikern als reaktionär empfundene Genre mal in der vielgeliebten Reihe Polizeiruf 110 unterzubringen, das muss doch faszinierend gewesen sein. Außerdem ist der Film von Manfred Mosblech. Was dies zu bedeuten hat und alles weitere steht in der -> Rezension.

Handlung

Nach fünf Jahren des Studiums und der Qualifizierung zum Förster kehrt Jürgen Busse in sein Heimatdorf Bernroda in Thüringen zurück. Hier übernimmt er die Aufsicht über den Nordforst, in dem Bäume unter anderem für das örtliche Möbelkombinat geschlagen werden. Die im Nordforst arbeitende Brigade wird von Brigadier Wilhelm Bronski geleitet. Er ist wenig begeistert, Busse im Forst zu sehen: Für sein Studium ließ Busse einst Bronskis Tochter Christine sitzen, die ohne sein Wissen von ihm schwanger war. Christine tröstete sich mit anderen Männern und schnellen Motorrädern. Seit einem Motorradunfall hat sie ein steifes Bein und benötigt zum Laufen eine Krücke. Mit ihrem Sohn Thomas lebt sie bei ihrem Vater.

Bronski hat jedoch noch einen weiteren Grund, Busse vergraulen zu wollen: Seit einem Jahr manipuliert er die Holzabgabe im Sägewerk. Er misst die Holzstämme falsch aus, sodass mehr Holz geliefert als abgerechnet wird. Dabei macht er mit Hans Freudenberg, dem Leiter des belieferten VEB Möbelkombinat, aber auch seiner Tochter gemeinsame Sache. Das überschüssige Holz verkaufen sie unter der Hand. Als der so belieferte Willi Vietz das Holz nach Berlin bringen will, sieht er an den Stadtgrenzen eine Polizeikontrolle. Er flüchtet mit seinem Lastwagen und verunglückt schließlich mit überhöhter Geschwindigkeit tödlich.

Der Fall wird Oberleutnant Peter Fuchs übergeben. Da Lutz Subras auf einem Lehrgang ist und Peter Fuchs die Arbeit nicht allein schaffen würde, wird ihm Leutnant Woltersdorf von der Bezirksbehörde der Volkspolizei zur Seite gestellt. Beide finden in Vietz’ Tresor verschlüsselte Abrechnungen über Gelder, die für den illegalen Holztransport unter anderem an F und B geflossen sind. Die Spur führt sie nach Bernroda. Bald vermuten beide in F und B Freudenberg und Bronski, zumal Christine Bronski Freudenbergs Buchhalterin ist und bei einer Revision im Betrieb eine mustergültige Abrechnung vorlegen konnte.

Jürgen Busse ist unterdessen auf die Festmetermanipulation aufmerksam geworden. Er setzt Bronski ab und lässt stattdessen seinen Freund Palle die Baumstämme vermessen. Busse vermisst zudem alle bereits durch Bronski vermessenen Baumstämme neu aus und kommt auf erhebliche Differenzen. Bronski wird verhört und gesteht die Manipulationen. Zusammen mit Freudenberg hat er so in einem Jahr 200.000 Mark eingenommen. Freudenberg nutzte das Geld, um seine anspruchsvolle Frau zufriedenzustellen. Bronski baute sein Haus auch für seine Tochter um. Bronski und Freudenberg werden festgenommen. Christine Bronski versucht mit Thomas zu fliehen, nachdem Busse ihr von der bevorstehenden Verhaftung erzählt und betont hat, dass er sie liebt und auf sie warten werde. Im Wald bricht Christine zusammen, als die Polizeiwagen näher kommen. Busse geht zu ihr und hilft ihr auf.

Rezension

Es ist Zufall, dass wir nach „Der Mann im Baum“, der zehn Jahre jünger ist, gleich wieder einen Film von Manfred Mosblech zu rezensieren hatten. Der RBB arbeitet derzeit die späten 1980er ab, der MDR sägt genau zehn Jahre weiter zurück am Baum der Erkenntnislosigkeit und er wird kürzer und kürzer. In jenen Jahren  um 1980 war Mosblech einer der am meisten beschäftigten Polizeiruf-Regisseure und man sieht in „Holzwege“ auch, warum. Der Film ist von der Bildsprache furios, hat einen sehr abwechslungsreichen Rhythmus, ist glänzend besetzt und  drückt auf die Tränendrüse, wie wir das bei einem Film der Reihe aus den 1970ern bisher nicht erlebt haben. In den 1980ern gibt es dann mehr solche Aufreger. Kein Wunder aber, bei dem Genre, das hier nicht nur gecovert und auch nicht ironisiert, sondern richtiggehend gelebt wird.

Dass der Heimatfilm in der BRD, wo er „erfunden“ wurde, schon längst im Neuen Deutschen Film gebrochen und dekonstruiert wurde, das hatte man in der DDR sicher mitbekommen, aber man wollte damit nicht zu weit gehen. Oder auch gar nicht weit gehen, es war zu verführerisch, es richtig mit Gefühl zu machen. Der junge Mann, der vom Dorf aus in die Welt geht und als Förster zurückkommt, nach seiner Ausbildung. Das Mädchen, das er bekümmert zurückließ und der Vater des Mädchens, der wildert – nein, Festmeter Holz unterschlägt. Einen Unterschied zu den meisten BRD-Filmen gibt es aber: Der Direktor des Sägewerks gehört mit zu den Holzschiebern und wir sehen wieder die Zusammenarbeit mehrerer Kollektive, damit der Schmu funktionieren kann. Es ist erstaunlich, wie oft sowas in den Polizeirufen vorkommt, wo doch gerade im Sozialismus der klassische Outlaw, der asoziale Einzeltäter die typische Figur sein müsste, ein Desperado, der sich nicht an die gute Ordnung halten mag. Den erleben wir, wenn wir bei den Heimatfilmen bleiben, aber eher im Westen. In vielen DDR-Polizeirufen gibt es ihn allerdings auch, vor allem in den frühen Jahren werden oftmals solche Figuren gezeigt. 

Die Dorfgemeinschaft und das Kollektiv sind aber fast identisch, mit den ebenfalls für Polizeirufe typischen Abstufungen: Der Rückkehrer wird von unterschiedlichen Menschen mit sehr unterschiedlichen Gefühlen empfangen. Von Freude übers Wiedersehen bis zu totaler Ablehnung des jetzt Aufgestiegenen ist alles dabei. Wie zum Beispiel bei Vater Bronski. Wenn man genau hinschaut, ist aber auch Jürgen Busse, der nunmehr Revierförster, nicht ganz freizusprechen von den Problemen, auf die er trifft – und da sieht man schon die subtilere Gangart, die sich bei den Polizeirufen im Lauf der Jahre entwickelte. Hätte er sich nicht so gedankenlos von seiner bösartigen Mutter gegen das Mädchen Christine beeinflussen lassen, wäre er vielleicht auch  zwischendurch mal auf Besuch gekommen, dann wäre alles anders gelaufen. So kann man den Hass von Vater Bronski verstehen, zumal seine Tochter sich beinahe mit dem Motorrad totgefahren hätte, weil sie sie den Abschied von Jürgen nicht verkraftete. 

Dieses Szenario ist ungewöhnlich für einen Polizeiruf wegen der Hermetik der Naturwelt, die wir hier noch sehen. Es gibt ein klares drinnen und draußen, während die meisten Polizeirufe städtisch und trotz aller zwischenmenschlichen, sozialen Problemen, die man darin sieht,  auf Öffnung und Durchwirkung ausgerichtet sind. Auch das Paar dieses Films ist ungewöhnlich, hier vor allem die Frauenfigur. Wenn die Darstellerin mit dem passenden Vornamen Angelika (Waller) ein trauriges Gesicht macht, wird man als Zuschauer sofort auch traurig. Wir haben in Polizeirufen noch keine Schauspielerin gesehen, die so schnell den Beschützerinstinkt auslöst. Und dann hat Christine auch noch ein Kind von Jürgen, aber niemand weiß, dass es von ihm ist. Selbst die Tratschtanten des Dorfs stellen die Ähnlichkeit erst fest, als sie Vater und Sohn, die sich natürlich auf Anhieb gut verstehen, nebeneinander sehen.

Angelika Waller hatte in der Reihe bisher nur einmal mitgewirkt -in „Der Tote im Fließ“. Dort hatte sie, kurz vor ihrem Kinoerfolg mit „Rotfuchs“ eine eher unauffällige Nebenrolle. Ihr Partner, gespielt von Jürgen Zartmann, ist ebenfalls exzellent in dieser Rolle: Gutaussehend, aber kein öliger Schönling, sondern seriös und so, wie man sich den Beschützer des volkseigenen Waldes eben vorstellt. Beinahe makellos. Beinahe – oben steht, warum. Aber nun auch noch gereift. Das Ende ist natürlich auch der Höhepunkt: „Ich warte auf dich!“ Ein romantischerer Satz, vor allem, wenn es nicht um die Trennung für eine Woche, sondern für Jahre geht, ist bis heute nicht erfunden worden. Und das bei den Handicaps. Christine muss ins Gefängnis, weil sie als Buchhalterin in die Holzverschiebung verwickelt ist und – sie ist seit dem Unfall gehbehindert. Doch seltsam, man glaubt es, dass es so laufen könnte. Mit einem kleinen Zweifel, als Zuschauer des Jahres 2019, der nach – sic! – offenen und weniger leicht zu entschlüsselnden Zweifeln aller Art in den Polizeirufen sucht.

Was man als heutiger Zuschauer nicht weiß, wenn man sich „Holzwege“ ohne Vorab-Recherche anschaut (der Titel ist ebenfalls großartig): Dass Waller und Zartmann fünf Jahre zuvor in einem beliebten Kinofilm bereits ein Liebespaar gespielt hatten, in der im Krimi-Heimatfilm zu sehenden Konstellation dem Publikum also vertraut waren – das befördete sicher den Glauben daran, dass jenseits der gespielten Zeit noch ein Happyend stattfinden könnte. Wenn man sich die Handlung von „Rotfuchs“ anschaut, entdeckt man sofort Parallelen zu „Holzwege“. Und – Surprise: Wer saß im Regiestuhl? Manfred Mosblech. Kein Wunder, dass „Holzwege“ so geschlossen, aus einem Guß wirkt.

Ohne zu dominieren, passen auch Oberleutnant Fuchs, der bald darauf zum Hauptmann befördert werden sollte und sein Assistent Wolterdorf ins Szenario. „Holzwege“ beinhaltet auch eine der damals seltenen Polizeiteam-Premieren. Der Typ mit dem Bürokratengesicht und der manchmal etwas zu pfiffigen oder großspurigen Art, mit der er Fuchs ein wenig nervt, aber nicht aus der Fassung bringen kann, hat hier seinen ersten Polizeiruf-Einsatz, fünf weitere sollten folgen. Eine Ablösung sollte er vermutlich nicht darstellen, eher eine Ergänzung, um eines Tages mehr eigenständig ermitteln zu können. Das jedoch schafften erst Thomas Grawe und Lutz Zimmermann in den 1980ern, die stellenweise die altgedienten Fuchs und Hübner auch mal in die zweite Reihe treten lassen konnten – dabei war aber einer von ihnen immer. Der Mosblech-Krimi „Der Mann im Baum“ zeigt Grawe und Zimmermann allein und als Dirigenten einer großen Einsatzbrigade bei einer nervenaufreibenden Täterjagd. 

Finale

Wie u. a. „Der Mann im Baum“ ist auch „Holzwege“ ein Howcatchem. Teilweise. Dass Bronski und seine Tochter nicht „sauber“ sind, bekommt man schnell mit, aber man weiß lange Zeit nicht, ob auch der Direktor des Holzverarbeitungsbetriebes in die Sache verwickelt ist. Natürlich ist er. Er kriegt sogar das Meiste von der erheblichen Beute, und das braucht er auch, weil seine Frau sehr extravagant ist und in einer Szene in Klamotten zusammen mit ihrem Hund baden geht. Danach wird sicher wieder eine schöne Shoppingtour fällig sein. Sie ist aber keine Rivalin für Christine oder dergleichen, eine zweite Frau, einen zweiten Mann im Spiel, eine harte Rivalität, wie sie etwa in „Und ewig singen die Wälder“ gezeigt wird, ebenfalls ein typisches Element von Heimatfilmen, gibt es nicht (aber wiederum in „Rotfuchs“). Es gibt nun einmal Elemente, Aufstellungen, Figuren, die besonders viele Emotionen auslösen, die wirklich überzeitlich sind im Grunde ist es Quatsch, sie in Genres zu verorten, denn man kann sie immer einsetzen und dabei jedem Stilwandel gerecht werden. 

Manfred Mosblech durfte sich vermutlich auch einiges erlauben, darauf weist schon hin, dass „Holzwege“ für die Polizeiruf-Verhältnisse von 1978 mit 83 Minuten recht lang geraten ist – doch keine Minute davon ist langweilig. An sein Polizeiruf-Meisterwerk „Der Mann im Baum“, das wir kürzlich für den Wahlberliner rezensiert haben, reicht der zehn Jahre zuvor entstandene Film nicht ganz heran, aber er zählt zu den besten Werken aus den 1970ern, die wir bisher gesehen haben. 

8/10

© 2020 (Entwurf  2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Manfred Mosblech
Drehbuch Manfred Mosblech
Fred Unger
Produktion Erich Biedermann
Musik Hartmut Behrsing
Kamera Walter Küppers
Schnitt Gerti Gruner
Renate Kucke
Besetzung

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