Das namenlose Mädchen – Tatort 663 #Crimetime 736 #Tatort #LKA #Hannover #Lindholm #NDR #Mädchen #Name #namenlos

Crimetime 736 – Titelfoto © NDR, Sandra Hoever

Aufmerksamkeitsdefizite verschiedener Art

Beschwerlich ist das Familienleben mit einem Kind, dem ADHS diagnostiziert wurde, schwermütig wirkt der Tatort „Das namenlose Mädchen“. Sehr langsam gefilmt und ganz auf das Familiendrama konzentriert.

Wäre Charlotte Lindholm nicht solch eine perfekte Ermittlern, würden wir sogar meinen, der Fall ist  nicht vollständig gelöst. Ist das zunächst namenlose, irische Kindermädchen tatsächlich einfach hingefallen? Wenn ja, ist das eine unglaublich plumpe Konstruktion. Wenn nein – dann wäre der Fall eben nicht zu Ende ermittelt. Das ist uns letztere Variante lieber. Denn der Vater ist sowieso gestraft, und in welchem  Maß sein Sohn in die Sache verwickelt ist? Dieser schmerzliche Blick am Ende, vielleicht deckt ihn der Vater – alles möglich, angesichts der Unschärfen, die durch die letzten zehn Minuten erzeugt werden. Wir sollten uns weiter darüber unterhalten, in der -> Rezension.

Handlung

In einer mittelständischen Firma in Osnabrück wird die Leiche eines unbekannten jungen Mädchens in einem Güterwaggon entdeckt. Charlotte Lindholm nähert sich schrittweise der Identität des Mädchens.

Akribisch sammelt sie die wenigen Indizien und stößt zunächst auf Richard Voigt. Er kann das Mädchen als die 19-jährige Carol Stern aus Irland identifizieren, die an seinem Webkurs an der Fachhochschule in Osnabrück teilgenommen hat. Der Fall wird zunehmend rätselhaft, als Charlotte herausfindet, dass dies weder ihr richtiger Name noch ihr tatsächliches Alter ist. Was wollte dieses Mädchen in Osnabrück?

Im Laufe der Ermittlungen stößt Charlotte Lindholm auch auf die Familie Mende, bei der Carol als Babysitterin gearbeitet hat. Doch über Carol erfährt sie dort wenig, da die Familie den Unfalltod des vierjährigen Sohnes Frederik betrauert. Von den Nachbarn hört sie, dass Frederik unter einer besonders schweren Form von ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) gelitten hat. Die Familie Mende stand durch die Krankheit des Sohnes vor einer Zerreißprobe: Jürgen Mende, der Vater, wollte die Krankheit mit Medikamenten behandelt wissen. Seine Frau Simone hingegen wollte gar nicht wahrhaben, dass ihr Sohn wirklich krank ist. Und Mika, der 17-jährige Bruder, fühlte sich einfach nur vernachlässigt.

Gibt es eine Verbindung zwischen den beiden Todesfällen? Was hat Mika Mende zu verbergen, der bei der Firma arbeitet, wo das Mordopfer gefunden wurde? Und auch Richard Voigt verstrickt sich zunehmend in Widersprüche. Kannte er das Opfer doch näher, als er zugibt?

Charlotte gelingt es, die losen Puzzleteile zu einem verstörenden Bild zusammenzusetzen. Ihr zehnter Mordfall erweist sich als Teil einer bewegenden Familientragödie.

Rezension

Diese Unschärfen überlagern die vielseitigen Probleme um Eltern sein und Kinder haben und bekommen, gespiegelt durch Lindholm selbst und manifestiert in der bedrückenden Situation der Familie Mende, die mit dem fünfjährigen Frederick überfordert ist.

Trotz teilweise sehr guter Schauspielleistungen und Einzelmomente wirkt der Film insgesamt ein wenig blass, wobei der Eindruck sicher nicht auf die übliche nordische Zurückhaltung bei der Farbgebung zurückzuführen ist. Es ist eher die Handlung, die etwas nach – dieses Mal im Wortsinn – Strickmuster angelegt scheint und die Strukturschwächen des Drehbuches mit Emotionen zudecken will.

Notwendiges, Überflüssiges und wenig Überzeugendes im Plot. Man hätte sich auf das Kinderthema konzentrieren sollen. Vielleicht sogar, in dem man den Film gar nicht als Whodunnit konstruiert, denn als solcher funktioniert er nur bedingt. Natürlich haben wir zwischenzeitlich wieder an unserer Anfangsbeobachtung gezweifelt. An dem Eindruck, der Vater Mende (Martin Brambach) hat seinen Sohn Frederick (Junis M. Noreick) umgebracht. Er hat doch zu Beginn schon so müde, apathisch, überforder gewirkt. Da wusste man vom zweiten Verdächtigen, dem Kunstprofessor, noch gar nichts. Seine seltsame Webwerkstatt an der Kunsthochschule von Osnabrück (!) mit ihren exotisch-folklorehistorischen Werkstücken wirkt fremd in einer provinziellen Szenerie.

Alles an diesem Handlungsstrang kommt schief rüber, von der jungen Irin, die dem Typ, der eine seltsame und nicht nachvollziehbare Anziehung auf alle möglichen hübschen Frauen auszuüben scheint, besonders auf Kunststudentinnen, wie es besonders hübsche in Osnabrück zuhauf gibt – in der Mensaszene zu begutachten. Das irische Mädchen, das unter falschem Namen auftaucht und umständlich ermittelt werden muss, das in Wirklichkeit erst 16 Jahre alt ist, was der Professor nicht weiß, wohl aber kennt er die Adressen aller seiner Studentinnen. Die Immatrikulation ist auch nicht mehr das, was sie mal wahr, da können Identitäten schon mal vorgetäuscht werden.

Als Babysitterin hätte man besser irgendwen genommen – warum nicht eine ganz normale, volljährige, wenn’s nicht anders geht, auch dem Weben zugeneigte Studentin, nicht eine Kunstfigur, die dann auch noch auf ebenso fragwürdige Weise ums Leben kommt, wie sie offensichtlich nach Osnabrück geraten ist. Die Tatortmacher haben es schon geahnt, denn an einer Stelle taucht die Frage auf, warum gerade – eben.

Das plötzliche Entflammen von Martin Felser (Ingo Naujoks), dem WG-Kumpan von Charlotte und Kriminalschriftsteller, für die junge Kommisarinnen-Kollegin von Charlotte Lindholm ausgerechnet in dem Moment, wo Letztere ihren Dienst im selben  Zimmer wie die Osnabrücker Polizistin antritt, womit er einen kleinen Zickenkrieg zwischen den beiden Damen auslöst, ist ebenfalls ein Plotteil, der nicht nur zu konstruiert wirkt, sondern besser ganz weggelassen worden wäre, weil er weder zum Thema, noch zum Fall bzw. zum Doppelfall und dessen Auflösung Wichtiges beitragen kann.

Es gibt noch mehr Details, die nicht unbedingt von großer Liebe für kunstfertige Plots zeugen, so dass insgesamt der Eindruck sich verfestigt, hier wird zu sehr mit Versatzstücken gearbeitet, die teilweise auch nicht miteinander harmonieren.

Vater vs. Sohn, Überlastung vs. ADHS; da wird der Raum etwas eng. Ausgezeichnet fanden wir die Darstellung des überlasteten Familienvaters Jürgen Mende, der wegen seines hyperaktiven Sohnes ein zu teures Haus mietet, vermutlich, weil sich in einer Wohnung die Nachbarn ständig beschwert hätten; so sind die Nachbarn, typisches Beiwerk norddeutscher Krimis als Spießerfiguren, trotzdem Kommentatoren und Betroffene zugleich. Martin Brambach spielt diesen Vater sehr glaubwürdig. Guten Job verloren, schlechten als Ersatz angenommen, Kind nervt ständig, Frage stellt sich, wie kann die Medikation aussehen? Älterer Sohn unkooperativ, Frau muss auch arbeiten, damit das Ganze nicht zusammenbricht. Kindermädchen erforderlich – Babysitterin oder Kindersitterin wäre der bessere Ausdruck gewesen. Sechzehnjährige Irin genommen, schwarz bezahlt, billig gewesen, Trouble folgt auf dem Fuß.

Es wird in einer der ersten Szenen bereits angedeutet, was sich tatsächlich abgespielt hat, als Mende mit seinem Sohn allein ist. Seine Frau musste auf Arbeit, sein Sohn hatte keine Lust, sich zu kümmern, das Kindermädchen mit dem Hang zur Camouflage verspätete sich.

ADHS wurde 2006/2007 vermutlich  zum ersten Mal in einem Tatort dokumentiert und wird vor allem als Zustand gezeigt, der alle Menschen im Umfeld eines daran – kann man sagen, erkrankten? – Kindes sehr strapaziert. Wieviel schöner ist da doch die Variante ohne „H“, ADS genannt. Die Kinder können sich zwar allgemein nicht gut konzentrieren, wirken manchmal auf linkische Art charmant, haben dafür aber oft ganz besondere Fähigkeiten, ohne gleichzeitig hyperaktiv zu sein, wie Frederick. ADHS ist in der Psychologie bis heute nicht eindeutig akzeptiert und gilt manchen Fachleuten eher als eine Art notwendiger und ein wenig plakativer Begriffsfindung für ein ganzes Bündel von Phänomenen denn als eindeutig definiertes und diagnosesicheres Krankheitsbild. Aber wie jedes neu aufkommende Thema oder Phänomen musste es Eingang in einen Tatort finden.

Wir wollen den Drehbuchschreibern von „Das namenlose Mädchen“ kein ADHS oder ADS unterstellen, nur, weil der Plot ausfasert und keine klare Linie hat, das müssten wir sonst nämlich bei sehr vielen Tatorten tun. Aber dem Vater und dem Sohn und seinem Krankheitsbild mehr Raum zu geben und dafür Überflüssiges wegzulassen, das hätte dem Tatort auch deswegen gut getan, weil es den Eindruck verstärkt hätte, man wollte ADHS nicht als  Vehikel verwenden, sondern tatsächlich etwas dazu beitragen, das Problembewusstsein in der Bevölkerung zu stärken, insbesondere bei Eltern und Lehrpersonen an Schulen. Doch die Stärken, die ADHS- / ADS-Kinder besitzen, sind hier komplett ausgeblendet.

Zudem schadet es der Figur Jürgen Mende, dass der Mann am Ende so fragwürdig lapidar über den Stolpertod des Kindermädchens referiert, anstatt dass man hier noch eine richtige Lösung konzipiert hätte, die den Schatten des Zweifels von ihm und seinem Sohn genommen hätte.

Die  Darstellung von Martin Brambach trotzdem dafür, dass man Sympathie für seine Figur Jürgen Mende empfindet, damit hat „Das unbekannte Mädchen“ einen Anker für die Publikumssympathie.

Charlotte Lindholm schwanger. Eine solche Entwicklung ist irreversibel. Wenn eine Kommissarin schwanger wird, muss sie sich künftig mit den Folgen klarfinden, nämlich, dass sie als berufstätiger Single ein Kind aufziehen muss. Hier erfährt man, wie es dazu kam. Durch einen lapidaren Urlaubsflirt. Der Frau glaubt man ohne Weiteres, dass sie das Kind dann auch annimmt und sogar will und auch ihre Tränen finden wir an der Stelle glaubwürdig, an der sie fließen – als es um die Exhumierung des toten Frederick geht. Natürlich kommen da schon die Gefühle der (werdenden) Mutter durch. Als sie der in ein Hospiz geflüchteten Simone Mende (Ulrike Krumbiegel) gegenübersitzt und diese sie Fragt, ob sie Kinder habe, antwortet sie aber mit „nein“, weil sie weiß, dass sie ihre Schwangerschaft nicht mit den Erfahrungen der Mutter gleichsetzen kann, die ihr Kind verloren hat. Insgesamt gefällt uns Charlotte Lindholm im Tatort 663 gut, gerade die sensiblen Momente der Schwangeren sind insgesamt schön gezeichnet – aber ganz ohne arrogante Szenen geht’s mal wieder nicht. Man gewöhnt sich daran wie ans schlechte Nordwetter.

Da trifft es sich gut, dass ihr im örtlichen Staatsanwalt (Bjarne Mädel) ein alter ego zuwächst, das ihr die Grenzen aufzeigt. Stromberg hat sich ohne größere Charakteränderungen in der Justiz eingenistet und spielt seine vergleichsweise kleine Rolle erstklassig aus.

Finale

Einzelleistungen heben „Das namenlose Mädchen“ auf mittleres Niveau. Das Thema ADHS wird mit sehr dünnem Strich skizziert, das ist schade und dass der Plot teilweise zusammengeschustert wirkt, ist ärgerlich. Nicht gestört hat uns, dass der Film eher langsam und mit Betonung aufs Familiendrama gestaltet wurde – im Gegenteil, um diesem die richtige Wucht zu geben, hätte man sich darauf mehr konzentrieren müssen. 

7/10

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Charlotte Lindholm – Maria Furtwängler
Martin Felser – Ingo Naujoks
Simone Mende – Ulrike Krumbiegel
Jürgen Mende – Martin Brambach
Richard Voigt – Martin Feifel
Inka Voigt – Anna Steffens
Milka Mende – Sergej Moya
Annemarie Lindholm – Kathrin Ackermann
u.a.

Drehbuch – Khyana El Bitar, Matthias Keilich
Regie – Michael Gutmann
Kamera – Wedigo von Schultzendorff
Musik – Reiner Michel

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