Der Herr der sieben Meere (The Sea Hawk, USA 1940) #Filmfest 195

Filmfest 195 A

2020-08-14 Filmfest AAbenteuer, Politik, der lange Weg zurück

Dreimal habe ich mir den Film angeschaut, bis es endlich mit der Rezension etwas wurde. Sollte man nicht glauben, dass ein Abenteuerfilm so schwierig sein kann, und wenn man bedenkt, dass ich doch recht begeistert von einem der direkten Vorläufer war: „Captain Blood“ (1935), Erol Flynns erstem großen Hollywoodfilm und auch der Beginn seiner Zusammenarbeit mit Michael Curtiz (dem Regisseur von „Casablanca“).

„The Sea Hawk“, wie der Film im Original etwas weniger protzig heißt, war die fünfte Produktion der beiden miteinander, da kann man von einem eingeübten Team sprechen. Es fehlt dieses Mal nur Olivia de Havilland, mit der Flynn insgesamt acht Mal von 1935 bis 1941 ein Hollywood-Traumpaar darstellte. Das ist aber nicht weiter schlimm, mal eine andere Frau an seiner Seite zu sehen, zumal die Liebeszenen aufgrund des hohen Abenteuer- und Politikanteils des Films eher sparsam gesetzt sind. Alles Weitere steht auf jeden Fall in der -> Rezension.

Handlung

Im Jahr 1586 beherrscht Spanien unter König Philipp II. die Neue Welt. Einzig England unter Königin Elizabeth I. ist ein ernstzunehmender Gegner im Kampf um die Beherrschung der Meere. Elizabeth weiß sich den Spaniern unterlegen, und das englische Königreich wird zur See nur durch eine kleine Gruppe von Freibeutern verteidigt. Ihre Politik besteht aus Beschwichtigung, wobei sie von Lord Wolfingham unterstützt wird.

Der englische Freibeuterkapitän Geoffrey Thorpe überfällt eine spanische Galeasse im Ärmelkanal. Es ist das Schiff des spanischen Botschafters Don José, der seine Nichte Doña Maria an den Hof von Elizabeth bringen möchte. Bei der Kaperung des Schiffes verliebt sich Thorpe in Doña Maria und befreit gleichzeitig die englischen Galeerensträflinge an Bord. Thorpe bringt den Gesandten mit seiner Nichte nach England, wo Thorpe mit den Vorwürfen seiner Königin konfrontiert wird. Dennoch gibt sie ihm die Erlaubnis, nach Panama zu segeln, um einen Goldtransport der Spanier zu überfallen.

Jedoch stellt sich Lord Wolfingham, ein Berater und Vertrauter der Königin, als Spion der Spanier heraus. Er erfährt, dass Thorpe vorhat, bald wieder auf Fahrt zu gehen; den restlichen Plan ermittelt er zusammen mit dem spanischen Botschafter anhand von Indizien. Die Spanier können sich nun auf Thorpes Angriff vorbereiten. So gerät er mit seiner Mannschaft in eine Falle und wird mit seinen überlebenden Männern in Spanien zu lebenslanger Haft als Galeerensträfling verurteilt. Als er durch einen Mithäftling erfährt, dass Spanien seine Armada gegen England aufbietet, wagt er einen Ausbruch und kann in Cádiz ein spanisches Schiff an sich bringen, und mit seiner Mannschaft und dem Beweisdokument schafft er es zurück nach England. Auf dem Weg zur Königin kann er seinen Widersacher Wolfingham töten und Elizabeth den Beweis für die Kriegspläne Spaniens überbringen. Thorpe wird von der Königin geadelt, heiratet Maria und bereitet die königliche Flotte auf den bevorstehenden Kampf mit der Armada vor.

Rezension

Besondere Szenen und die Technik des Films. Trotzdem gehört eine der schönsten Szenen Brenda Marshall, Flynns bzw. Thorpes Love Interest. Sie ist zu dem Zeitpunkt Hofdame von Königin Elizabeth I. von England und singt ein schwermütiges Liebeslied, und noch weiß niemand, dass sie in Thorpe verliebt ist – da platzt die Nachricht herein, dass er gefangen genommen und zum Strafdienst auf einer Galeere verurteilt wurde, und da kippt die Arme Dona Maria kurzzeitig um. Vor allem der Streifzug der Kamera über die Hofdamen, während sie noch singt und man zu Beginn den Eindruck hat, sie ist mit Elizabeth allein, ist sehr schön.

Die Degenduelle hingegen, die zu jedem anständigen Swashbuckler gehören, haben mich weniger begeistert. Vor allem deswegen, weil sie erkennbar in Zeitraffer gedreht wurden, um rasanter zu wirken. Dadurch wirken die Bewegungen nun einmal etwas hektisch, das gilt auch für einige andere Szenen, besonders die, in denen Thorpe im Schloss verfolgt wird. Sehr sorgfältig hingegen wieder die Momente auf See, sofern man von der Logik der Bewegungsabläufe beim Entern usw. absieht – vor allem die Szenen unter Deck der Galeeren sind eindrucksvoll und wirken realistisch.

Ob aber wirklich alles komplett im Studio gefilmt wurde, wie die Wikipedia es angibt? Wir haben sehr wohl erkannt, dass das Wasser, in dem die Schiffe schwimmen, meistens kein echtes Meer ist, dafür sind die Wellen viel zu glatt und klein, aber manchmal wirken die Bewegungen der Schiffe auch, als seien sie eben auch verkleinerte Modelle. Beim Untergang der „Santa Eulalia“ allerdings sieht es aus, als sei diese Szene wirklich auf dem Meer gefilmt. Ja, solche Probleme, die Technik eines Filmes nachzuvollziehen, hatte ich nicht, als es noch kein HD gab, ein Übriges trägt das mehrfache Anschauen bei. Die Schlacht zwischen der „Albatross“ und der „Santa Eulalia“ wiederum wirkt technisch sehr anspruchsvoll, allerdings würden Seeleute vielleicht manche Fragen stellen – zum Beispiel, wie es möglich ist, dass das spanische Schiff trotz Ruderern im Bauch nicht vorankommt, die „Albatross“ aber aussieht, als ob sie unter vollem Wind führe. Rundheraus: Für die Verhältnisse von 1940 war das ein prächtiges Getümmel und sehr aufwendig gestaltet, viel spannender, als wenn man es heute am Computer weitaus perfekter inszenieren würde.

Einige Dinge, die uns an anderen Stellen auffielen, konnten wir nach dem anschließenden Lesen der „Trivia“ der IMDb zum Film erklärt: Die zu modern wirkende Kutsche in der Fahrt nach London entstammt dem Film „David Copperfield“ (1935), hingegen sind einig nicht sehr scharf und in der Tönung eher grau anmutende Szenen der Panama-Episode tatsächlich der ersten, stummen Version von „The Sea Hawk“ (1924) entnommen, die im selben Studio, den Warner Brothers, entstanden war und natürlich nicht die Bildqualität des neueren Films hat. Man hat die neu gedrehten Szenen zwar im dampfenden Sumpf den älteren angepasst und ihnen weniger Tiefenschärfe verliehen als dem übrigen Film, aber gerade die andere Anmutung der Panama-Episode fällt durchaus auf. Ursprünglich war sie wohl sogar in Sepia gehalten, weil das beim Film von 1924 auch so war.

Die in der Tat prächtigen Kostüme wurden bereits für den im Jahr zuvor gefilmten „Elizabeth and Essex“, ebenfalls mit Flynn, aber mit Bett Davis als Queen Elizabeth, entworfen worden und konnten in „The Sea Hawk“ kostengünstig wiederverwendet werden.

Wo aber gibt es ein Problem? Nicht in der Handlung, die ist wirklich klasse, auch wegen des Panama-Abenteuers, in dem die Piraten beinahe alle umkommen, auch spielen Errol Flynn und Brenda Marshall angemessen – Flynn hat für mich einige Stellen, in denen er ein wenig underperformt, aber da er so gut aussieht, hat mindestens das damalige Publikum darüber hinweggesehen, dass man den Pirat der Königin stellenweise mit mehr Verve oder Ausdruckskraft hätte geben können. Interessanterweise haben wir nachträglich in den Fakten zum Film, die in der IMDb verortet sind, gelesen, dass die Produktionsleitung schon mit Flynns Spiel in einzelnen Szenen seiner vorherigen Filme nicht zufrieden war.

Am besten hat mir Flora Robson als Elizabeth I. gefallen, obwohl sich gerade an deren Darstellung und an der ihrer Berater mein Problem festmachen lässt.

Der Film und die zwei Zeitalter. Die historischen Unkorrektheiten in solchen Filmen sind natürlich keine Seltenheit und kein Bewertungsgrund, vor allem, wenn sie dramaturgisch bedingt sind. So fand das Panama-Abenteuer von Sir Francis Drake, der als Vorbild für Geoffrey Thorpe gedient haben dürft, in Wirklichkeit erst acht Jahre nach dem Auslaufen der spanischen Armada gegen England statt, mit dem Ergebnis, dass Drake eben nicht überlebte, sondern nach dem richtigerweise als ergebnislos dargestellten Raubzug auf der Rückfahrt an Fieber verstorben, das sich auf den Schiffen ausbreitete. Thorpe hingegen wird von den Spaniern gefangengenommen und befreit sich selbst im Hafen von Cadiz. Dass man hier aus Gründen der Verdichtung von der Historie abgewichen ist und auch die Kriegsgründe alles, was politisch zu sagen ist, vereinfacht hat, versteht sich sogar von selbst.

Aber die Hersteller des Films haben trotzdem einen Fehler begangen, der schwerwiegend ist. Sie haben versucht, die politische Situation von 1940, der Entstehungszeit des Werkes, einzuarbeiten und damit die deutsche Bedrohung gegen England, wie sie vor der Luftschlacht um England in der Tat virulent war. Eine Invasion war geplant, nach dem Scheitern der Deutschen in der Absicht, die Lufthoheit über England zu erringen, um die Bodentruppen zu schützen, aber nicht mehr versucht worden (Unternehmen „Seelöwe“). Das war eine politisch sehr eindeutige Lage, vor allem vom Grund her gedacht, der den zweiten Weltkrieg auslöste, Hitlers Eroberungsgelüste im Osten.

Die Situation zwischen Spanien und England aber war anders, von vielen gegenseitigen kleineren Aktionen geprägt, die sich auf den Meeren und in Küstenstädten zutrugen. Die Engländer hatten damals noch kein Empire und waren vor allem darauf aus, die Spanier zu behindern, die ihre Besitzungen – soll man es auspündern nennen? – jedenfalls wirtschaftlich für sich  zu nutzen wussten, auch und gerade in der Neuen Welt. Aber dabei ging es vor allem darum, zu Geld zu kommen und Spanien zu schaden.

Dankenswerterweise bleibt der Film aber motivisch eher bei 1585 und geht nicht zu sehr in Richtung der Lage von 1940, und das macht die Macher etwas freier darin, Elizabeth I. als verschlagen und rücksichtslos und überaus gewieft, gleichermaßen als herrisch und arrogant darzustellen. In dem Moment, in dem sie moralisch am meisten getroffen ist, wird sie übrigens schön von oben gefilmt, während Don Alvarez, der spanische Gesandte, aus niedriger Kameraperspektive abgelichtet wird. Diese Darstellung entspricht durchaus den Positionen in diesem Moment, aber Elizabeth befreit sich daraus in der nächsten Einstellung mit einiger Unverfrorenheit.

Im Grunde werden beide Seiten ethisch nicht gerade als sauber dargestellt, und das ist doch für die damaligen Hollywoodverhältnisse beachtlich. Die Seefalken sind vor allem loyal der Krone gegenüber, stellen ihr Eigeninteresse zurück, auch wenn in einer Szene klargestellt wird, dass der Krone immer nur an bestimmter Anteil von der Beute gehört. Die Seefalken waren in Wirklichkeit räuberische Kaufleute, wenn man so will, und die englischen Aktionen gegen Spanien, wenn sie als Idee aufkamen, wurden zunächst dahingehend untersucht, ob sie sich rechnen konnten. Im Film wirkt natürlich alles etwas patriotischer, vor allem in Hinblick eben auf die Verbindung zur aktuellen politischen Lage.

Rätselhaft blieb mir, warum Elizabeths Berater Lord Walsingham (hier als Wolfingham etwas diskriminiert) so negativ dargestellt wird, quasi als Büttel der Spanier. Vielleicht hat man das getan, weil er als Geheimdienstler einen Namen hatte, also lässt man ihn gegen die englische Sache intrigieren und Appeasement gegenüber den Spaniern vertrete.

Möglicherweise ist er damit doch ein wenig der Neville Chamberlain in dieser Parallele mit 1940, jener aber wollte lediglich den Frieden in Europa erhalten und schloss daher das Münchener Abkommen von 1938, nicht mehr und nicht weniger. Ob der Film bereits fertig war, als Winston Churchill im Mai 1940 Premierminister war, haben wir nicht ermitteln können.  Zwar konstatiert Elizabeth im Film, die Welt könne nicht nur einem Mann gehören (König Phillip II. von Spanien bzw. Hitler), aber eine direkte Entsprechung der Blut-und-Tränen-Rede von Churchill, die er im Mai 1940 gehalten hat, gibt es nicht. Aber einen weiteren Aspekt darf man nicht vergessen: In Spanien war gerade der Bürgerkrieg zu Ende gegangen und die faschistische Seite des Generals Franco hatte gesiegt – die Befürchtung, dass Spanien an der Seite Deutschlands in den Krieg eintreten könnte, war Anfang 1940 noch nicht gebannt. So gesehen, kann man den Film sogar als Warnung begreifen.

Whatever, Walsingham war ein Wirklichkeit absolut loyal gegenüber Queen Elizabeth, seiner Tätigkeit als Organisator des ersten modernen Geheimdienstes hatte sie eine Menge zu verdanken – unter anderem die Vereitelung  zweier Attentate auf sie und viele Informationen über das, was die Spanier vorhatten. Was wir im Film sehen, nämlich, wie die Spanier es schaffen, das Reiseziel von Geoffrey Thorpe auf recht trickreiche Weise zu erfahren, war sicher eine der Methoden, deren sich eher Walsingham zum Nutzen seiner Königin bediente.

Finale

Die tolle Musik, die umfangreiche Handlung, die Action sind für einen Film dieser Zeit top, aber politisch mussten wir uns immer wieder klarfinden, auch, weil Elizabeth sich wohl trotz aller herbeizitierten Parallelen zum Kriegsjahr 1940 moralisch mehr als angreifbar verhält. Aber wie sagt schon recht früh im Film Thorpe zu den Spaniern: „Wir Engländer sind ein pragmatisches Volk“. Und pragmatisch ist auch Elizabeths Vorgehen im Ganzen. In vielen Einzelbereichen ist „The Sea Hawk“ sicher eine Weiterentwicklung on „Captain Blood“, aber moralisch und damit emotional war ersterer von jener Eindeutigkeit, die dem Abenteuer-Heldenkino, das zudem politisch sein will, doch besser zu Gesicht steht.

75/100

© 2020 (Entwurf 2016) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Michael Curtiz
Drehbuch Howard Koch
Seton I. Miller
Produktion Hal B. Wallis
Musik Erich Wolfgang Korngold
Kamera Sol Polito
Schnitt George Amy
Besetzung

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